Kategorie-Archiv: gewünschtes

Spuren von Schnee

Kürzlich Schnee von Maxence Fermine gelesen. Also na ja, angelesen. Dem Buch vorangestellt ist ein Zitat von Arthur Rimbaud: An nichts denken als an Weiß. Vielleicht habe ich das Buch überhaupt nur deshalb angefangen.
Jedenfalls, als ich es dann nicht mehr las, das Buch, wollte ich herausfinden, was es mit diesem Zitat auf sich hat. Das war ein bisschen schwierig, denn die Suche ergab nur den Verweis auf besagtes Buch von Fermine.
Irgendwann kam ich drauf, ins französische Original (von Fermine) hineinzulesen, dort das französische Originalzitat (rien que du blanc à songer) zu finden und nach diesem zu suchen.
Das war aus allerlei Gründen gar nicht so einfach, vor allem, weil ich natürlich nur französische Seiten gefunden habe, mein eigenes Französisch aber nicht allzu viel hergibt.
Irgendwann fand ich dann aber doch heraus, dass Rimbaud im November 1878 zu Fuß die Alpen überquert hat. Mit ziemlich viel Schnee drumherum. Wovon er in einem Brief nach Hause berichtete und aus ebendiesem Brief ist dieses Zitat.
Ich hatte ja eigentlich die Hoffnung, das Zitat-Drumherum gäbe noch mehr her, etwas derartiges, das ich mir ebenfalls sofort irgendwohin notieren will, so war das leider nicht, dafür habe ich noch ein bisschen über Rimbaud herumgelesen. Sehr viel mehr, als das er ein französischer Dichter ist, wusste ich bis dahin nämlich nicht über ihn.

Das schreibe ich, weil es so einen Spaß machte, diese Spurensuche. Und alles nur wegen dieses Buchs, das ich nie zu Ende lesen werde.
Eins der Dinge, die ich am Lesen mag. Man stößt völlig unverhofft auf etwas und ist plötzlich schlauer als zuvor. Oder hat ein neues Lieblingslied. Weiß, was man als nächstes lesen könnte. Oder wie das Wetter auf den Färöer-Inseln ist (das hätte man sich eventuell denken können).

Auch eins der Dinge, mit denen ich mich vor der Stapelverarbeitung drücken kann. Denn die Stapelverarbeitung hängt. Eventuell werde ich aber schon sehr bald wieder mit ihr anfangen, ich muss mir nämlich einen ausformulierten Lebenslauf ausdenken. Maximal 800 Zeichen. Von minimal steht da nichts. Eventuell bin ich also mit Name, wohnt in …, ist alt genug, schreibt schon fertig? Warum eigentlich nicht, das sind ja schon mindestens 41 Zeichen.
Den Lebenslauf brauche ich, weil ich nach Bayern eingeladen wurde. Nach Bayern! Hach. Und alles nur wegen der Stapelverarbeitung. Also einer Variation davon. Die würde nämlich für tendenziell preiswürdig gehalten, daher muss ich die dort vorlesen und zwar genau die. Obwohl ich doch mittlerweile noch siebzehntausend Sachen daran ändern würde. Darf ich aber nicht.
Vierzehn andere müssen auch etwas vorlesen, irgendeiner von uns gewinnt den Preis, dann fahre ich wieder nach Hause und werde drei Tage fort gewesen sein.
Damit kann ich schon Anfang Januar sechs Vorsätze abhaken: allein irgendwohin fahren, mit Übernachtung, mit anderen Schreibenden über Texte reden, in Bayern sein, neue Orte entdecken, neue Dinge tun (und vor lauter Angst zwölftausendmal aufs Klo rennen).
Ich fürchte, das werden alle Vorsätze sein, die ich nächstes Jahr abhake. Aber wer weiß. Außerdem habe ich ja gar keine Vorsätze, genausowenig wie To-Do-Listen.

Und apropos aufs Klo rennen: Der Zahn, von dem der Zahnarzt sagte, Nun, der eine Wurzelkanal ist FachausdruckDenIchVergessenHabe, eventuell geht das gut, vielleicht aber auch nicht – dreimal dürfen Sie raten. Von wegen bis nächstes Jahr.
Na ja, vielleicht geschehen am Wochenende noch wunderliche Dinge und alles wird gut.
Und vielleicht öffne ich auch gleich die Stapelverarbeitung.
Und vielleicht putzt irgendjemand das Bad.
Oder die Heizungsfrau ruft an.

Wahrscheinlicher ist, dass ich gleich Fotos auf buntes Papier klebe.

Noch wahrscheinlicher ist, dass ich irgendetwas lesen werde. Weil ich zurzeit aber ausschließlich auf leichte Unterhaltung Lust habe, diese allerdings am schwierigsten zu finden ist (zumindest wenn ich beim Lesen noch etwas anderes tun will, als die Augen zu verdrehen), habe ich beschlossen, die Frage „was lese ich als nächstes“ zu umgehen, indem ich einfach die vorhandenen Bücherstapel von oben nach unten abarbeite. Daher müsste ich als nächstes Von Beruf Schriftsteller von Haruki Murakami lesen. Das nur deshalb auf dem Stapel liegt, weil ich es mit einem anderen Murakami-Buch verwechselt habe (fragen Sie nicht).

Aber wer weiß, was sich darin nun wieder findet. Eventuell ist die nächste Spurensuche nur zwölf Seiten weit weg.

Still.

Vermisst du es nicht?, wurde ich kürzlich gefragt. Das Wandern war gemeint, wandern wie: einen Rucksack packen, losgehen, Tage später irgendwo ankommen.
Wie so oft habe ich viel zu schnell irgendetwas geantwortet, ich weiß schon gar nicht mehr was.

Heute war ich allein unterwegs, ohne Rucksack zwar und es hat auch nur anderthalb Stunden gedauert, bis ich wieder zu Hause ankam, aber ich dachte an diese Frage, immer wieder.

Oh ja!, hätte ich antworten müssen.

Oh ja, ich vermisse es. Vermisse es, allein unterwegs zu sein. Einen Weg vor mir zu haben, keinen bestimmten, irgendeinen. Ihn zu gehen, herausfinden, was hinter der Kurve kommt, hinter dem Hügel, nach dem Wald. Die Stille bemerken und einfach nur gehen. Durch den Wind, über die Straße, durch den Wald, am Weizenfeld entlang, wieder durch den Wind, am Gerstenfeld entlang, zum Hochsitz hinunter, an den Pappeln Halt machen, sitzen, lauschen. Irgendwann aufstehen und weiter gehen, am Waldrand entlang, den nächsten Waldrand entlang, wieder durch den Wind, über die Straße, zurück ins Dorf.
Die Wege danach aussuchen, dass keiner oder zumindest kaum einer dort unterwegs ist.

Ich muss das öfter machen, denke ich und weiß doch, ich werde es so schnell nicht wieder tun.

*

„Ich kaufe mir eher selten Bücher mit Gedichten darin, (…)“
An dieser Stelle hatte ich schon einen * gemacht, dann aber dachte ich, das hätten die beiden nun wirklich nicht verdient, in kleiner Schrift hinten angehängt zu werden.

Es ist nämlich so, dass ich kürzlich gleich zwei Schnittbilder von Außerhalb geschenkt bekommen habe (zwei, weil Post-Adress-hin-und-her).
Was das ist, können Sie bei Christine Heine, der Autorin, selbst nachlesen, ich bin leider ziemlich schlecht darin, Worte für anderer Leute ihre Bücher zu finden.
Jedenfalls sind Gedichte darin und die will (und habe) ich sehr gern lesen.

Dann freue ich mich schon darauf, bald eine Ausgabe von was ein netz kann von Lorraine aus der Post zu holen, ich muss mich nur noch entscheiden, welche.
Auch da sind Gedichte drin, Illustrationen noch dazu.
Hier finden Sie mehr dazu.

Das war es jetzt erst mal mit Büchern.
Na ja, vielleicht.

Sie schreiben uns, sie schreiben uns nicht, sie schreiben uns, …

Heute hat sich wieder einer dieser seltsamen Zufälle ereignet. Gestern Abend nämlich lag ich im Bett und dachte so hin und her konnte mal wieder nicht einschlafen, da fiel mir ein, dass wir heuer noch gar keine Weihnachtspost vom Juffing bekommen haben.
Zu blöd, dachte ich, da ist sicher was mit der neuen Adresse schief gegangen. Obwohl ich die natürlich extra weitergegeben hatte, ich hatte hier schon mal davon geschrieben, die Juffing-Weihnachts-Post beinhaltet natürlich auch Preislisten und unser-Hotel-ist-das-tollste (Recht haben sie!), aber Juffing-Post ist trotzdem keine Werbung, Juffing-Post, das ist etwas für ein mehrere Weihnachtsplätzchen, die man vor dem Feuer auf der Couch genießt. Während man durch Das Magazin zum Hotel schmökert (bei ausreichendem Licht, denn Hurra! heute ist endlich unsere Couch-Leselampe eingetroffen).

Zu blöd, dachte ich also gestern oder vielleicht war auch schon heute. Zu blöd, heuer keine Juffing-Post für uns.

Aber ungefähr zwölf Stunden später öffnete ich den Briefkasten und jetzt dürfen Sie ein Mal raten, was ich da herausgeholt habe.

Ich bin dann mal auf der Couch.

Hach.

Wovon ich schreibe oder auch nicht.

Übers Schreiben schreiben, das ist doch bekloppt. Begründen kann ich das nicht, aber was kann ich schon begründen. Ganz davon abgesehen, sollte ich nicht lieber schreiben, als übers Schreiben zu schreiben?

Gerade las ich Euphoria*, darin hieß es, Sprache erschwere das Verstehen, ohne Sprache verstünde man mehr und besser (oder so ähnlich).
Aber zum Verstehen ohne Sprache sollte man zumindest ein Gegenüber haben, wie soll das sonst funktionieren. Wenn ich hier sitze und übers Schreiben nachdenke, ganz ohne Gegenüber, wer soll da etwas verstehen; selbst mit Gegenüber kann das doch nicht funktionieren, wenn ich nur denke und nichts weiter? Vor allem, wo ich die Gedanken noch nicht einmal selbst zu fassen bekomme, wo ich noch nicht einmal selbst verstehe?
Das heißt, Moment. Doch, das geht, das gibt es. Da gibt es jemanden, die in vermeintlich hingeworfenen Nebensätzen etwas schreibt und ich frage mich, woher zum Einhorn, weiß sie das und wie kann sie in einem Nebensatz etwas über mich sagen, was für zehn andere, die mich viel öfter sehen, niemals sichtbar werden wird?

Aber ich schweife ab. Ich wollte doch übers Schreiben schreiben. Das wollte ich schon, seit ich von Haruki Murakami Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede, gelesen habe, in dem es gleich neben dem Laufen auch ums Schreiben geht. Dann hat mich Murakami allerdings zum Schreiben motiviert und ich habe geschrieben, statt übers Schreiben zu schreiben.

Kürzlich aber hat mich m die halbe Nacht wach gehalten. Es gab nichts zu tun, zumindest fand ich nicht heraus, was ich hätte tun können, so hielt ich „einfach“ nur das Gebrüll aus und da ich dummerweise niemand bin, die in den Pausen zwischen dem Gebrüll einszweidrei wieder eingeschlafen ist, liege ich stattdessen weiter wach und denke, zumindest in diesem Fall, über Sam nach, genaugenommen denke ich nicht wirklich nach, wer kann das schon, nachts um drei Uhr, ich nicht, ich denke also nicht, weiß aber plötzlich etwas, nämlich, dass es das war. Die Geschichte mit Sam, an diesem Punkt ist sie zu Ende, das heißt, die Geschichte geht zwar noch weiter, ich kann sie aber nicht weiter erzählen, denn Sam sagt, alles weitere ginge mich einen Scheiß an.
Und dann liege ich da, mitten in der Nacht und bin ratloser als zuvor, wusste ich doch noch nie, was das mit Sam eigentlich soll und jetzt sagt er mir, hier sei Schluss, ich hätte das Dazwischen, bis hierher und fertig. Und dann frage ich mich (zum wiederholten Mal), was für eine Geschichte das sein soll, es erschließt sich mir immer noch nicht, ich weiß auch nicht so recht, wie ich das herausfinden soll, gleichzeitig weiß ich, dass ich es schon noch herausfinden werde, irgendwie, und dann frage ich mich, was das jetzt wieder mit mir zu tun hat, denn das Schreiben, das hat doch immer etwas mit einem selbst zu tun, zumindest in meinem Fall und gerade fällt mir auf, dass ich, was mein Leben betrifft, dieses Wissen leider nicht habe (dass ich es schon noch herausfinden werde) und dann fällt mir Murakami wieder ein, der schrieb, er müsse schreiben, um sich über etwas klar zu werden (oder so ähnlich) – vielleicht schreibe ich deshalb jetzt diesen Text; als nächstes fällt mir ein, dass ich irgendwo gelesen habe, man müsse die richtigen Fragen stellen, aber das hilft mir auch nicht weiter (überhaupt hilft nie etwas weiter, so scheint es), denn was sind schon die richtigen Fragen, ich habe sie noch nicht gefunden, nicht in Bezug auf Sam, nicht in Bezug auf mein Leben und dann sitze ich und sehe aus dem Fenster, sehe die Laterne, die neue, die nicht ganz so idyllisch ist wie die alte, insbesondere, da sie momentan ein Dixi-Klo bescheint, ich sehe also auf die Laterne und wünsche mir, ich säße auf einer Dachterrasse, der T. erklärte mir zum wiederholten Mal Sternbilder, die ich längst wieder vergessen habe, frieren würde ich und in eine Kerze schauen und Gesprächen zuhören oder auch nicht, ich würde einen Whisky trinken und eine Zigarette rauchen und jemand anderes sein, aber gleichzeitig auch nicht und irgendwie schreibe ich jetzt doch nicht übers Schreiben aber vielleicht doch.

 

* Hätte mir jemand gesagt, ich würde einen Roman über Ethnologen in Neuguinea lesen, der Anfang der 1930er Jahre spielt, ich hätte laut und lange gelacht. Aber ich hatte Vater des Regens gelesen, ich wollte mehr von Lily King lesen, es gab nur dieses eine weitere Buch, was will man da machen, es lesen und ein Glück. Ich behalte es nämlich, das Buch und das, wo ich noch nicht mal ein Bücherregal habe.

Zerscherbt.

Heute habe ich zum dritten Mal innerhalb von zwei Tagen ein Glas fallen lassen. Ich steigere mich mit jedem Mal, zuerst war das Glas noch leer, dann voller Apfelsaftschorle, zuletzt Pesto.

So kann man seine Umzugskartons auch reduzieren.

Das mit der Reduktion ist ansonsten gar nicht so einfach.
Von den leeren Windelkartons, die hier regelmäßig anfallen, haben wir jedenfalls noch keinen weggeworfen. Die füllen sich alle wieder. Mit Zeug. Schlimm.
Und überall steht was. Kürzlich habe ich diese eine Fläche leergeräumt, da stand ein Scanner, der zwar noch funktionierte, aber mit dem neuen Betriebssystem nicht zusammenarbeiten wollte. Der Scanner kam in den Flohmarktkarton (immerhin der ist weg!) und plötzlich war da ganz viel Platz. Schön! Ich mag Platz.
Dann aber interessierte sich m für den Mülleimer und auf einmal stand der Mülleimer dort, wo vorher der Scanner gestanden hatte, denn da kommt m noch nicht dran. Und wie das nun mal ist, Broken-Windows-Theorie und so, schon steht neben dem Mülleimer die angefangene Windelpackung. Und ein wirrer Haufen Kabelkram, der eigentlich in einer Schublade verstaut war, aber an die Schublade reicht m jetzt auch heran und Kabelkram ist jetzt nicht so doll zum draufrumbeißen.
Also ab in den Windelkarton mit dem Kabelkram, aber zuerst muss einer frei werden und ich wollte mir auch noch anschauen, ob man das Zeug überhaupt noch braucht, mit der Hälfte davon verhält es sich vermutlich wie mit dem Scanner, ach ja, Disketten!, wir haben in der Schublade auch noch Disketten gefunden. Und fragen uns, ob und was da wohl noch drauf ist.
Können wir natürlich nicht herausfinden, weil Hallo, wer hat denn noch ein Diskettelaufwerk.

Wäre vielleicht das beste, ich werfe eine Flasche Cola drauf.

Nicht von dieser Welt.

Gerade, als ich die Möglichkeit sehe, mich so richtig auszukotzen und voller Freude damit anfangen will, bittet mich K., genau das nicht zu tun. Ob ich positiv formulieren könne, sagen, was ich mir stattdessen wünsche.

Öhm.
Nein, kann ich nicht.
Und das erschreckt mich.

Aber kommt Zeit, kommt Klarheit.
Ich wünsche mir folgendes:
Das mein Nein gehört und respektiert wird. Das mir zugehört wird. Bestenfalls auf das eingegangen wird, was ich sage. Andernfalls ein „Interessiert mich gerade nicht.“ Irgendein Zeichen eben, das mir zu verstehen gibt, dass gehört wurde, was ich gesagt habe (und nein, hmhm zählt nicht). Dass ich Zeit bekomme, zum Antworten, zum Sein. Dass, wenn die andere nicht versteht, was ich sage, weil ich mal wieder vor mich hin nuschele, nachgefragt wird. Oder einfach nur ein „Ich habe dich nicht verstanden.“ Auch hier: ein Ich-habe-dich-gehört-Zeichen.

Oha, ich fürchte, ich habe auch ein paar Wünsche an mich selbst.
Klarer werden. Im Reden, im Wollen, im Kommunizieren. Meine Grenzen respektieren und sie kommunizieren. Das Unwohlsein wahrnehmen, respektieren und in Wohlsein verwandeln.

So. Jetzt wird alles gut noch besser.