Kategorie-Archiv: gewesenes

Noch drei Stunden.

Schon wieder. Hänge ich fest, in einem dieser Tage, an denen ich auf die Uhr sehe, ohNeinOhNein, noch drei Stunden, denke und dann, als ich gefühlt eine Stunde später erneut auf die Uhr sehe, sind doch nur fünf Minuten vergangen*.
Ich weiß es, kenne es leider nur zu gut, zögere den Blick auf die Uhr daher immer wieder hinaus, sehe vielleicht sogar gar nicht mehr auf die Uhr, allein, es ändert ja nichts, der Tag ist trotzdem zäher als Kaugummi.

Früher hatte ich mal einen unfassbar öden Ferienjob, fünf Stunden lang und noch das immer gleiche tun, noch einmal und noch einmal – und wirklich ganz genau das gleiche und nur aufstehen, um aufs Klo zu gehen oder etwas zu trinken. Ich glaube, zu dieser Zeit kam er in mein Leben, der Uhrenblick.
Obwohl. Schulstunden waren auch nicht immer spannend. Genau genommen sogar eher selten. Aber nun ja, da hatte man doch eher die eine oder andere Möglichkeit, sich anderweitig zu beschäftigen.

Später hatte ich dann einen „echten“ Job. Leider gab es nichts zu tun, nicht für mich, die Tage waren schon wieder unfassbar öde, ein Ende dummerweise nicht abzusehen, weder vom Tag, noch vom Job an sich, das spannendste in diesen Zeiten war der Mailwechsel mit dem MMM, der aber hatte viel mehr zu tun als ich, was schlecht war, zumindest für mich, musste ich doch immer viel zu lange auf Antwort warten.
Dort bleibe ich nicht, beschloss ich und suchte mir einen anderen Job.

Nun ja. Alles wurde besser oder auch nicht, denn immer wieder und gar nicht mal so selten kam einer dieser Tage, an denen die Zeiger der Uhr so gar nicht voranschreiten wollten, außer natürlich, es war gerade Mittagspause. Komischerweise war ich schon wieder die einzige, die nichts zu tun hatte, zumindest hatte ich diesen Eindruck. Andere hatten in Leerlaufphasen zweiundneunzig jobbezogene Ideen und Projekte, die sie schon immer mal angehen wollten, ich wollte in Leerlaufphasen eigentlich immer nur ein Buch lesen, am liebsten aber eins, das mit meinem Job nichts zu tun hatte, das ließ sich dann eher nicht umsetzen.
Das muss ein Ende haben, beschloss ich und irgendwann hatte es auch eins.

Dann wurde wieder alles anders, ich hatte zuerst gar keinen, dann andere Jobs, einen, bei dem ich überhaupt nicht dazu kam, auf die Uhr zu sehen, das war gut, aber der Job dann doch nicht. Einen, bei dem erstaunlicherweise nicht ich diejenige war, die auf die Uhr gesehen hat, der war gut, zumindest so gut ein Job dieser Art sein kann, dann aber meldete die Firma Insolvenz an und es gab keinen Job mehr.

Aber es kam sowieso schon wieder alles anders, auf einmal war nämlich m da und nebenbei (haha) galt es, ein Haus zu bauen, umzuziehen, anzukommen.

Vor ungefähr zwei Wochen überfiel mich dann dummerweise eine Krankheit, welche, weiß man (noch) nicht, eine hartnäckige in jedem Fall, ich dachte zuerst, ich hätte sie abgeschüttelt, das sah sie leider anders, jedenfalls hänge ich nun schon seit Tagen im Haus fest, ich habe noch nicht einmal Lust dazu, hinauszugehen, dummerweise habe ich aber auch keine Lust mehr, zum drei Millionsten Mal das Ritterburgen-Buch oder eins seiner Kollegen vorzulesen, genaugenommen habe ich zu gar nichts Lust, will ich überhaupt nichts vorlesen, will nur schlafen und schlafen und schlafen, ein Glück lässt sich das mitunter auch umsetzen, das eine oder andere Mal, wenn ich es dann doch schaffe, laut Hilfe! zu rufen oder aber ich rufe gar nicht und werde trotzdem gehört, wunderbar ist das und nichtsdestotrotz ist so ein Tag, wenn man ihn von morgens bis abends zu Hause und im Haus verbringt, unendlich oder in jedem Fall viel zu lang und selbst wenn ich mittags noch denke, Hurra, schon ein Uhr, das läuft doch ganz gut heute, kommt unweigerlich doch irgendwann der ohNeinOhNein, noch drei Stunden Blick zur Uhr.

 

Und dann kam wieder alles anders, aber ich weiß noch nicht wie.

 


* Immerhin muss ich dann auch wirklich immer an einen meiner Lieblings Calvin and Hobbes denken, ich finde leider gerade nur diesen eher suboptimalen Link, nun ja.

U7.

Kürzlich las ich bei der notaufnahmeschwester davon, dass die (jungen) Leute heutzutage wegen jedem Pieps zur Ärztin in die Notaufnahme rennen. Ich bin ja in einer Familie groß geworden, in der man eher zu spät als zu früh zur Ärztin geht. Das ist auch nicht immer zu empfehlen. Aber egal, davon will ich gar nicht erzählen.
Sondern von der Kinderärztin, bei der wir heute mit m waren. m ist (toi, toi, toi und das werde ich doch hoffentlich schreiben können, ohne dass es sich ins Gegenteil verkehrt) piepsgesund, wir waren mit ihr bisher nur wegen der üblichen Vorsorge- und Impftermine bei Ärzten. So darf das gerne weitergehen.
Die Kinderärztin jedenfalls fragte dieses und erzählte jenes und ich dachte, dass es mich gar nicht so sehr wundert, wenn alle Welt von einer Ärztin zur nächsten rennt.
Außerdem dachte ich an die letzten schwangeren Wochen mit m.
Meine Ärztin damals so: Hm, hm, das ist jetzt nicht schlimm, machen Sie sich mal keine Sorgen, aber ich würde sie lieber zu X überweisen, dass der sich das auch mal ansieht.
X so: Hm, hm, machen Sie sich mal keine Sorgen, aber kommen Sie doch morgen noch mal.
X so: Hm, hm, machen Sie sich mal keine Sorgen, aber gehen Sie doch morgen mal zu Y.
Y so: Hm, hm, machen Sie sich mal keine Sorgen, aber blablabla.
Tatsächlich hatte ich mir die ganze Zeit über keinerlei Sorgen gemacht. Erst nachdem das zwei, drei Wochen so ging, von wegen machen-Sie-sich-mal-keine-Sorgen war ich kurz davor, jetzt doch mal damit anzufangen, mit dem Sorgen-machen. Aber dann sagte Y (oder X oder wer auch immer) auch schon, dass man m jetzt vielleicht doch lieber ein bisschen anschubsen sollte. So richtig begeistert waren wir von der Idee nicht, aber hätten wir Nein gesagt, hätten wir wohl tatsächlich angefangen, uns Sorgen zu machen.
(Und klar, die gehen lieber auf Nummer Sicher und klar hätte ich nicht gewollt, dass etwas übersehen wird, aber ein klein wenig übertrieben erschien es mir dann doch.)

Jedenfalls erlebten wir heute bei der Kinderärztin ähnliches.
Nein, das sei (in diesem Fall) überhaupt nicht bedenklich, wenn Kinder mit zwei Jahren noch nicht sprechen (also noch keine Wörter, jedenfalls keine, die man im Duden finden würde), aber, aber, aber und das müsse man im Auge behalten.
Und ach, Sie stillen noch, hm, hm, natürlich können Sie ihr Kind noch stillen, aber, aber, aber hinterher auf alle Fälle Zähne putzen (dem Kind).
Ja klar, nachts um drei.
(Aber nachts soll das Kind natürlich sowieso nur Wasser trinken (wie, es schläft noch nicht durch?))

Wenn ich mir das Leben selbst ein bisschen beschwerlicher gestalten wollte. Dann könnten wir zum Beispiel auch das Kinderbett ins Kinderzimmer stellen (statt es an unser Bett anzudocken) und nachts um drei hänge ich (oder der MMM) halb auf dem Kinderbett, halb auf dem Boden und das Kind schläft bestimmt auch gleich wieder ein, nicht wahr, oder wenn nicht, dann müssen Sie das eben mal drei Nächte durchhalten, spätestens dann ist Schluss.
Ja klar.

Bevor das jetzt einer falsch versteht, wobei, irgendeiner versteht es mit Sicherheit falsch, aber egal, jedenfalls will ich damit natürlich nicht sagen, unser Weg wäre der einzig richtige und wahre. Ich will damit nur sagen, dass es uns damit gut geht, uns allen und warum zur Hölle sollten wir dann etwas daran ändern?
Weiß ich jetzt auch nicht.

Aber natürlich stellen wir uns und unseren Weg in so einem Fall in Frage, mal mehr, mal weniger, je nach Grad der Unsicherheit und das eine oder andere Mal haben wir tatsächlich schon das Kinderbett ins Kinderzimmer gestellt (im übertragenen Sinn jetzt). Das verursachte dann jedes Mal ein Riesendrama, das uns allen gehörig auf die Laune schlug und klar, das hätten wir natürlich nur drei Tage/Nächte/wasAuchImmer durchhalten müssen und dann wäre alles gut gewesen (oder auch nicht), aber öhm, vorher war doch auch schon alles gut gewesen?

R. erzählte mir gestern von einer Geschichte, die sie kürzlich gehört hatte, genaugenommen erzählte sie mir die Geschichte, es stellte sich heraus, dass ich sie schon kenne, der Fischer, der auf den Businesstypen trifft, der Businesstyp erzählt dem Fischer, was er an seinem Leben alles optimieren könne, um dadurch Zeit für die guten Sachen zu haben und der Fischer so: Aber das habe ich doch jetzt schon?*

Es wird schon klappen, diese Kinder-Sache, nicht wahr. Machen Sie sich mal keine Sorgen.

 


* Das ist jetzt natürlich sehr verkürzt und überhaupt nacherzählt. Ich weiß leider nicht (und habe es auf die Schnelle auch nicht herausgefunden), von wem die Geschichte ursprünglich ist.

Technicolor.

Es zeigt sich immer wieder: drinnen drehe ich durch. Andersherum: Draußen wird alles besser.

Ich muss raus, ich muss raus, ich muss gehen*. Am besten in den Wald. Am zweitbesten auf den Friedhof, da ist auch Wald, so eine zwischenhäusliche Art von Wald, Linden in einer Reihe, Linden mit Blüten, summende Bäume, der Honignachbar freut sich, ich freu mich auch, weil: Bäume.
Summende, rauschende Bäume.
Apropos Rauschebaum: Am drittbesten Nachbarins Birke, dazu muss ich nur auf die Terrasse, dann rauscht sie, die Birke, jedenfalls wenn es Wind hat. Wenn es Abendsonnenschein hat, gibt es grüngoldenes Blattwerk dazu.

„Echter“ Wald ist am besten. Heute in Technicolor. Tage voller Regen haben alles rein-, alles weggewaschen, sogar die Wolken erstrahlen in hellem, reinem Weiß, davor hellgrüne Akazien (Robinien?), dahinter mittelgrüner Restwald, noch weiter dahinter, vor den Wolken: himmelsblau.
Nicht ganz echt, so sieht das aus.
Bei „nicht ganz echt“ denke ich immer an Modelleisenbahnwelten und den Tag, an dem wir am Fedaiasee angekommen sind. Bestes Bergpanoramamodelleisenbahnwelt-Wetter. Inklusive Gletscher (in Sicht). Dazu kühle Getränke, ein Wäscheständer, im See darf man nicht baden, vermutlich wegen Stausee, abends Pizza und Deutschland verliert gegen Spanien, zu Recht.

Doch zurück in den Wald, da ist es irgendwann aus mit Denken, zu Ende gedacht, das ist ja das Schöne, im Wald ankommen, so richtig.
Wald, Baum, grün, Wasser, Wald, Baum, grün, Endlosschleife.

Sogar ein Baum redet mal wieder mit mir, endlich, ich habe es ein bisschen vermisst, diese Gespräche.
Wurzeln, sagt er, ich bräuchte Wurzeln.
Versteh einer die Bäume.

 

* der Ohrwurm dazu: *klick*

Ich will Teil kdeiner Gruppe sein.

Früher, als nicht alles besser war, wollte ich oft zu den Falschen dazugehören. Das klappte glücklicherweise fast nie, ich war zu faul, zu angsthasig oder auch beides, wurde also nicht selbst aktiv, und die Falschen kamen irgendwie auch nicht auf mich zu und wollten mich dabeihaben.
Was gut war. So im Nachhinein.
Nun sollte ich mittlerweile alt und weise und über derart ungute Verhaltensweisen erhaben sein.
Das mit dem älter werden klappt schon mal ganz gut.

Das mit dem dazugehören wollen – nun ja.
Kürzlich sprach ich mit A., und A. erwähnte nebenbei, sie wolle sich demnächst mit D., die ich ebenfalls kenne, treffen.
Menno!, dachte ich. Mit mir will sich nie jemand treffen.

Das ist natürlich kompletter Blödsinn. Was zum Beispiel das letzte Wochenende beweist. Noch dazu will ich mich eigentlich weder mit A. noch mit D. treffen. Weil ich im Grunde weiß: Das ist nicht die richtige Gruppe für mich. Wäre ich bei einem solchen Treffen dabei, würde ich mich über kurz oder lang sowieso nur fehl am Platz fühlen.

Gestern kam ich von einer ähnlich falschen Gruppe nach Hause und noch vor einem Hallo sagte ich zum MMM: „Ich weiß auch nicht, ich bin irgendwie anders (als die anderen).“
Das sei gut so, meinte der MMM, der wiederum anders anders ist. Was ebenfalls gut ist.

A. und D. und die Gruppe von gestern, das sind zwar nicht die Falschen von früher, aber eben auch nicht die Richtigen.

Das mit den Richtigen ist allerdings auch so eine Sache. Ab und an kommt es vor, dass einer von ihnen zu mir kommt und mich zum Mitmachen auffordert.
Wieso denn ausgerechnet ich, frage ich mich dann und: Der hat sich wohl vertan.
Seltsamerweise fühle ich mich bei den Richtigen oft ebenfalls fehl am Platz, vielleicht, weil ich insgeheim damit rechne, dass sie ihren Fehler bald erkennen werden. Oder es längst getan haben und nur noch am Ausknobeln sind, wer mir die Sache beibringen muss.
Oder aber: Bei näherem Hinsehen stellt sich heraus, dass die Richtigen doch die Falschen sind.

Tja.

Spaghetti.

Es gibt Dinge, bei denen man automatisch an andere Dinge denkt.
Spaghetti, beispielsweise.
Natürlich gibt es Begleitumstände, die dieses andere Denken auslösen, beispielsweise denke ich nicht an andere Dinge, wenn ich im Lebensmittelmarkt Spaghetti kaufe, auch nicht, wenn ich eine Handvoll Spaghetti in heißes Wasser gebe – ich denke nur dann an andere Dinge, wenn ich Spaghetti mit der Gabel drehe.

Denn:
Es war einmal die S., die zu Fuß nach Venedig wandern wollte*. Und dieses Vorhaben sogar in die Tat umgesetzt hat. Dabei traf sie auf den J. und die C., die wollten zufälligerweise auch nach Venedig wandern, zufälligerweise im gleichen Tempo und noch zufälliger verstand man sich gut, man war also fortan zusammen unterwegs.

Die S., die C. und der J. waren also auf dem Weg nach Venedig, genauer gesagt waren sie gerade am Piz Boè, noch genauer am Rifugio Boè, dort hatten sie sich ein Bett gesichert, zusammen mit Millionen anderer Wanderer, genauer: anderer Italiener.
Es war nämlich gerade Wochenende und es schien, als hätte der gemeine Italiener an diesem Wochenende nichts anderes vor, als im Rifugio Boè zu nächtigen. Der S., der C. und dem J. schwante schreckliches, genauer: eine schlaflose Nacht – es kam dann ganz anders, aber das wäre eine andere Geschichte und hier soll es um Spaghetti gehen.

Wenn man nach Venedig wandert, hat man ziemlich oft ziemlich großen Hunger. So war das auch an diesem Abend – die S., die C. und der J. saßen mit ihrem großem Hunger im Rifugio und harrten der Dinge, genauer: ihrem Essen, noch genauer: ihren Spaghetti.
Denn natürlich gab es Spaghetti, genauer: Spaghetti al Ragù, wie es das schon die Abende zuvor des öfteren gegeben hatte und auch die Abende danach des öfteren geben sollte, aber auch das wäre eine andere Geschichte.

Die Essensausgabe verlief nach einem ausgeklügelten System, das weder die S., die C., noch der J. verstanden und das so ablief, dass alle anderen zuerst etwas zu essen bekamen.

Die S., die C. und der J. starrten also neidisch auf die Teller der anderen (die natürlich ebenfalls Spaghetti aßen), und die S. hatte diesen Italiener im Blick. Der Italiener saß mit anderen Italienern an einem Nachbartisch und schwieg, genauer: er starrte in latenter Abwesenheit ins Nichts und drehte gedankenverloren seine Spaghetti.

Womit ich endlich zum Punkt komme: Mit der Gabel drehte er sie. Und nur mit der Gabel. Der Löffel lag ungenutzt daneben und wartete darauf, am Ende (der Spaghetti) das restliche Ragù aus dem Teller zu löffeln.

Das wäre wohl auch nicht weiter erwähnenswert, doch bei der S. ist es hängengeblieben als der Moment, in dem ihr ein Licht aufging und sie herausfand, dass ein echter Italiener keinen Löffel für seine Spaghetti braucht.

Seither dreht sie versucht sie ihre Spaghetti ebenfalls löffellos zu drehen und immer wenn sie das tut, denkt sie ans Rifugio Boè und den gabeldrehenden Italiener. Und an die C., den J., die Altherrenrunde, den Berg des Grauens, an Espresso, Hagelkörner, naserümpfende Amerikanerinnen, … aber auch das wären wieder andere Geschichten.

**

 


* Das wäre jetzt nicht so erwähnenswert, hätte sie das Vorhaben beispielsweise in Mestre gestartet. Tat sie aber nicht, das Vorhaben startete in München und dann waren auch noch ein paar Berge im auf dem Weg. Aber das ist eine andere Geschichte.
** Jetzt dürfen Sie ein Mal raten, was es bei uns heute zu essen gab.

What a wonderful world.

Das Schwimmbad macht zu. Genauer: Der Schwimmbad Musik-Club.
Nicht, dass ich in letzter Zeit dort gewesen wäre. Nicht, dass ich vorhätte, in nächster Zeit dorthin zu gehen.
Aber wenn man es zusammenrechnet, habe ich bestimmt ein Jahr meines Lebens im Schwimmbad-Club verbracht. Ein schönes Jahr.

Mit einfach nur irgendwo herumsitzen, Leute gucken.
Mit tanzen bis zur Erschöpfung.
Mit im Kino sitzen, ausruhen.
Mit Konzerten.
Mit Musikentdeckungen.
Mit Musikgewohnheiten.
Mit hinterher nach Frankreich fahren, frühstücken.
Mit Wehmut, immer wenn ich diesen lila Farbton irgendwo sehe. Oder einen Skelettfisch.
Mit dem Warten, bis die endlose Anfangsphase von Irgendwie Irgendwo Irgendwann vorbei ist.
Mit verklebten Böden und verrauchten Haaren.
Mit „Hast du eine Zigarette für mich?“ und „Mir ist so wunderbar schwindelig.“
Mit endlich den richtigen Ort gefunden haben.
Mit „Ihren Führerschein bitte.“
Mit „Hoffentlich wird es nicht glatt.“
Mit Heirate-Mich-Kleidern und dem Warten auf Rammstein.
Mit schnellem Aufspringen und Weitertanzen! bei Sunday Bloody Sunday.
Mit dem freudigen Hoffen darauf, jemand ganz bestimmtes möge auch wieder da sein.
Mit No Diggity und den Amerikanern.
Mit dem echten, wunderbaren Scheißegal-Gefühl.
Mit so viel Lachen.
Mit nur einem wirklich schlimmen Abend.
Mit noch mehr tanzen.
Mit T.s Latzhose.
Mit „Bist du jetzt neidisch?“
Mit den Mannheimern.
Mit all den anderen, die wir niemals wiedergesehen haben.
Mit Herrn N., der mit seiner Brille grinsend wie ein Schuljunge am Eingang sitzt und K. immer wieder aufs Neue nach ihrem Ausweis fragt, obwohl er doch längst weiß, dass sie mittlerweile über zwanzig ist.
Mit dem Lieblingsaufpasser, dessen Job es ist, böse dreinzuschauen.
Mit Schlange stehen und an der Schlange vorbeigelassen werden.
Mit Hungergefühlen, nachts um Zwei.
Mit Nach-Hause-Kommen, wenn die Vögel gerade wieder wach werden.
Mit dem Umrechnen vom verdientem Geld in Schwimmbad-Club-Eintritte.
Mit viel Freude an Winterzeit-Umstellungs-Samstagen: Hurra! Eine Stunde länger!
Mit Wehmut, sobald Don’t Speak irgendwo im Radio läuft.
Mit dem langen Warten auf das nächste Wochenende, das am Montag in der ersten Stunde (Bio) seinen Anfang nimmt.
Mit noch viel mehr.

Der Schwimmbad-Club macht zu. Ich höre das Lied, das einen um vier Uhr morgens hinauskomplimentiert hat und bin jemand geworden, der in Erinnerungen schwelgt.

Adieu, lieber Schwimmbad-Club. Es war verdammt schön mit dir.

Alles wird gut, wenn man weiß, was man finden will.

Eine Jugendherberge. Du hast dir das obere Bett genommen, die Bettdecke hochgezogen und den Kopf, den schmerzenden, an die Wand gedreht.
Findest keinen Schlaf. Die immer gleichen Gedanken drehen sich im Kreis: Uhrzeigersinn, dann Richtungswechsel.
Bis der Feueralarm losgeht, mitten in der Nacht.
„Das ist jetzt ein Witz, oder?“, fragt die Frau unter dir ins dunkle Zimmer hinein.
Aber vielleicht ist es doch keiner. Hinaus aus den Laken, Zeug in den Rucksack stopfen, die Treppe hinunter, verschlafene Gesichter überall, kalte Nachtluft, Verwirrung, offene Fragen, noch mehr offene Fragen.
Irgendwann Entwarnung. Fehlalarm.
Du gibst dem Schlaf eine zweite Chance.

Am nächsten Morgen dröhnt dein Kopf noch immer. Du bist neidisch auf B., der vom Nachtaufsichts-Zivi und diversen Alkoholika erzählt.

„Legen Sie sich doch endlich mal fest!“, sagt U. und drängelt. Recht hat sie, aber Drängeln hilft nicht, nicht bei dir.
„Innenarchitekt“, sagst du schließlich, hauptsächlich, damit sie Ruhe gibt. Noch während du es sagst, trauerst du dem Schreiner hinterher; fragst dich, ob der Innenarchitekt wirklich die richtige Wahl war.
Entscheidungen. Trifft man sie nicht, entscheiden andere.

„Bierbrauer“, sagt B. ohne zu zögern. Er freundet sich nicht nur mit Zivis an, er hat auch kein Problem mit Entscheidungen. Du wünschst dir seine Eindeutigkeit für dich selbst.

U. wünscht nicht, sie fordert. „Eiern Sie nicht so herum! Entscheiden Sie endlich!“
Reden in Ausrufezeichen. Du hast nur Fragezeichen zu bieten. Gibst ihr irgendwas, damit sie endlich Ruhe gibt.
Entscheidung getroffen, Problem gelöst.

Aber das stimmt nicht.
Du fährst nach Hause und suchst noch immer nach deiner Wahrheit.

Abhängen und entspannen.

Abhängen und entspannen, das ist ein nebelverhangener Septembermorgen, den ich mit bayrischen Forstarbeitern und internationalen Pin-Up-Girls in einem Bauwagen verbringe. Drinnen Wurstbrote und Bildzeitung, draußen Regen und noch mehr Regen.

Später sind die Wurstbrote gegessen, die Bildzeitung – na ja, gelesen und draußen: immer noch Regen.
Egal.
Wurstbrote wollen verarbeitet werden.

Also hangelt man sich am Zaun entlang. Der Kollege mit den starken Armen und dem Spannbügel vorneweg.
Ich hinterher. Durch den Nebelwald bis zum ersten Zaunpfosten. Warten auf das Rufen aus dem Nebel. Warten auf die Entspannung.
Sie kommt und der Zaun lässt los.
Also: abhängen. Den Zaun. Der nächste Winter kommt bestimmt.

Und weiter in den Nebelwald hineinstapfen. Über moosbewachsene Baumstämme klettern, Brombeerranken ausweichen, dem Farn im Vorübergehen die Regentropfen von den Blättern streifen. Nass werden. Noch nasser.
Der nächste Pfosten. Entspannen, abhängen, weiter.

Der Kollege ein schemenhaftes, gelbes Männchen in der Ferne, mal schimpfend, mal verschwindend. Nebelfetzen auf dem Grat, Überreste eines hölzernen Gatters, Kuhfladen, Hinweisschilder. Karspitz 1½ Stunden, rot-weiß-rote Markierung, Weg 24. 2 Stunden zum Jochköpfl, rot-weiß-rote Markierung, Weg 25.

Abhängen und entspannen: 1½ Stunden. Immer dem Zaun folgen.