Kategorie-Archiv: gemeistertes

Wartezimmerorakel.

Beim Zahnarzt. Ja, schon wieder. Das heutige Orakel des Wartezimmerzeitschriftenregals weiß nicht so recht und hat gleich drei Vorhersagen für mich:

Im Rausch der Farbe
Das doppelte Ende
Das erfüllte Leben

Bevor ich mich für eine der drei entscheiden kann, werde ich auch schon aufgerufen. Stellt sich heraus, das Orakel hatte insofern recht, dass ich mich ja auch nicht entscheiden kann, wo es jetzt eigentlich genau weh tut. Vielleicht auch, weil es in dem Moment überhaupt nicht mehr weh tut.

Tja.

Frau Doktor würde von einer sofortigen Wurzelbehandlung abraten. Ich fürchte ja, nicht drumherum zu kommen, weil, wenn es denn weh tut, fühlt es sich ganz genau so an, wie es sich vor all den anderen Wurzelbehandlungen auch angefühlt hat.
Aber nun ja, wer besteht schon auf einer Wurzelbehandlung? Ich sicher nicht. Zumal überhaupt nicht klar ist, welcher Zahn nun eigentlich für den Ärger verantwortlich ist.

Vermutlich sind es gar nicht drei Vorhersagen, es ist eine einzige: (be)rauschendes Schmerzmittel, dann doch das dicke Ende und schließlich, endlich: erfülltes Leben, alles wieder gut.

*seufz*

Es ist alles noch viel schlimmer!

Heute morgen setzte ich mich ins Zahnarzt-Wartezimmer, sah zum Zeitschriftenregal hinüber und las dort diesen Titel.
Hm, dachte ich. Das ist ja jetzt total aufmunternd.

Optimistin, die ich bin, dachte ich insgeheim aber immer noch, dass das vermutlich genauso ist wie bei den „Nachrichtenmeldungen“ auf der GMX-Startseite. Die tun auch immer viel schlimmer, als es dann wirklich ist.

Tja nun, es kam anders.

Zuerst aber kam die freundliche Zahnarzthelferin, von der ich immer noch nicht weiß, was die richtige Bezeichnung für sie, beziehungsweise ihre Tätigkeit, wäre. Nennen wir sie der Einfachheit halber Petra, obwohl sie wirklich nicht aussah wie eine Petra.
Früher, als die neue alte Heimat noch die alte Heimat war, hieß Petra Frau Müller und zu Frau Müller ging ich so gern, wie man zu jemandem gehen kann, der einem mit furchterregendem Gerät im Mund herumkratzt.

Man weiß ja erst so richtig, was man hat, wenn man es nicht mehr hat.

Petra kann mit Frau Müller jedenfalls nicht mithalten. Frau Müller nämlich erzählte auch beim zweihundertneunzigsten Besuch (und ja, ich war wirklich oft bei Frau Müller) noch, was sie jetzt genau täte, als nächstes und in ebendiesem Moment. Das wusste ich natürlich alles schon, aber dass es trotzdem tendenziell beruhigend ist, fiel mir erst heute auf, als Petra eben nicht sagte, was sie da eigentlich tut. Nur am Anfang, das musste dann wohl reichen.

Frau Müller machte auch gern mal eine Pause und nun muss ich leider zugeben, dass ich das eine oder andere Mal dachte, dass ich dem Zahnarztstuhl sicherlich eine Viertelstunde früher hätte entfliehen können, würde Frau Müller nicht so viele Pausen machen.
Und nicht so viel erzählen.
Aber nun ja, man kann dann auch mal durchatmen. Und es beruhigt. Mich zumindest. Wenn Frau Müller von ihren Kindern, ihrem Vater und diversen anderen Familienmitgliedern erzählt.
Petra erzählte nur, dass sie morgen ins Palazzo geht und auch das erfuhr ich nur deshalb, weil sie Angst hatte, ich würde ihr mit meinem Ball ein blaues Auge hauen.

Bei Frau Müller gab es Lippenbalsam. In jeder Pause, wenn man wollte. Und ein Tempo, um den Mund trocken zu tupfen, nachdem man gerade wieder Blut gespuckt hatte. Man durfte überhaupt viel öfter spülen bei Frau Müller. Irgendwie gab es auch viel mehr Arbeitsschritte.

Aber das Wichtigste: Frau Müller bedauerte einen aufrichtig dafür, dass man jetzt in diesem ihrem Stuhl saß.
Aber ich will doch nur ihr Bestes!, schob sie dann hinterher und man glaubte es ihr sofort.
Ach, Frau Müller.

Ich hatte insgeheim schon beschlossen, Petra den Rücken zu kehren und zu Frau Müller zurückzukehren. Immerhin könnte ich mich dann nach dem Zahnarztbesuch auch wieder beim lachenden Bäcker mit Lieblingsbrötchen belohnen.
So weit weg ist es dann ja doch nicht.
*hust*

Eine Sitzung bei Frau Müller ist übrigens teurer als die bei Petra. Aber hey, die zwanzig Euro mehr (ja, zwanzig Euro! Mindestens), die investiere ich in diesem Fall gern.

Nur, dann kam ja noch das eigentliche, nämlich der Zahnarzt. Der guckte sich meine Zähne an, machte quasi Bestandsaufnahme und sagte daher allerhand unverständliches Zeug zur Kollegin von Petra. Eins B MD fünfundzwanzig, so in die Richtung. Zwischendrin verstand ich dann sogar etwas, nämlich: Da ist ein Loch.
Nein, nein, nein, dachte ich. Ich will nicht, dass da ein Loch ist.

Nützte leider nichts, es war immer noch da. Er machte sogar ein Foto davon und zeigte es mir (Börks. Das will doch keiner sehen!). Außerdem sagte er weitere unschöne Dinge, dass nämlich gleich zwei Zähne betroffen wären, bei dem einen könne man einfach die Füllung austauschen, bei dem anderen wäre das komplizierter, der hat nämlich keinen Nerv mehr und vom echten Zahn ist eigentlich eh nichts mehr übrig, daher wäre eine Teilkrone die beste Lösung und ach ja, eventuell ist auch die Wurzelfüllung schon infiziert, dann müsse man die auch neu machen und wieso schaffe ich es nur, in solchen Momenten immer noch zu lachen? Mir war doch eigentlich ganz und gar nicht danach?
Tja, nun.

Jedenfalls war das Loch genau an der Stelle, die ich sowohl Frau Müller, als auch meiner Ex-Zahnärztin jahrelang mit „irgendwas stimmt da nicht“ beschrieben hatte, von der aber beide, also hauptsächlich letztere, schworen, die sehe völlig gesund aus, nein, da wäre nichts. Das habe ich natürlich gern geglaubt. Vielleicht hat es auch gestimmt, es ist ja nun schon ein Weilchen her, dass ich zum letzten Mal dort war. Wer weiß.

Jetzt gehe ich aber doch erst noch einmal zu Petra. Beziehungsweise ihrem Chef.

Und dann wird sich zeigen, ob tatsächlich alles noch viel schlimmer ist. Sie drücken mir die Daumen, ja?

Plus und Minus.

Diese Tage, an denen die Gedanken wild durcheinanderwirbeln. Ich müsste noch bei der Apotheke anrufen, wann war noch gleich der nächste Impftermin, ein Geschenk brauchen wir auch noch oder zumindest eine Karte, was soll man da schenken, warum ruft die mich jetzt an und erzählt mir das, sollen wir uns am Donnerstag nicht doch lieber woanders treffen, wie soll das überhaupt werden, was sollen wir eigentlich essen, ob wir R. direkt in der Stadt treffen sollen, nicht mit dem Fahrrad fahren, wie schafft man es eigentlich, dass sich das Kind mit den Schuhen anfreundet, …

Man sollte vermutlich meditieren.
Ich hätte sogar ein prima Meditationskissen, aber das ist wie mit dem Gärtnern – die Idee finde ich gut. Die praktische Umsetzung, nun ja. Und meditieren ist sowieso eher schwierig, wenn einem m am Bein hängt.
m schläft zwar gerade, aber das muss jetzt wirklich keiner wissen.

Durch den Wald laufen, na klar, aber da ist diese fünfundvierzig-Minuten-Begrenzung und fünfundvierzig Minuten durch den Wald laufen reichen üblicherweise nicht, um die Gedanken zur Ruhe zu bringen. Nichtsdestotrotz ist Wald ein guter Plan.

Was auch ein überraschend guter Plan ist: 222 Tests Mathematik.
Nachdem mich kürzlich mal wieder der Blackout überkam, als mir irgendwo eine äußerst simple Rechenaufgabe begegnete, hatte ich mir vorgenommen, 40 Tage mit Matheaufgaben zu verbringen.
Das ist eigentlich wider das Fastenprinzip, von wegen Verzicht und es soll ja schon ein bisschen weh tun und so. Vielleicht habe ich das mit dem Fasten auch noch nicht verstanden, egal, es war ein Anlass, Matheaufgaben zu machen und der Witz ist, dass ich völlig vergessen hatte, wie viel Spaß mir das macht. Das heißt, so richtig hatte ich es nicht vergessen, ich wusste schon noch, dass ich das immer gern gemacht habe. Was ich vergessen hatte, war das Gefühl. Wie es sich anfühlt, Matheaufgaben zu machen. Wunderbar, nämlich. Aufgaben, Lösungen, Struktur, Aha-Momente („Ach stimmt, so ging das“) und viele kleine Hurra-ich-kann-das-Momente. Die könnte ich mir natürlich leicht kleinreden, von wegen popelige Bruchrechnungen, addiere 5/6 mit 4/5, was soll denn daran schwer sein, aber hey. Ich kann das. Und es macht Spaß.
Daher: Entschuldigen Sie mich bitte, ich habe noch ein paar Brüche zu addieren und zu subtrahieren.

Das habe ich ganz toll gemacht.

Heute habe ich mal wieder meinen Zahnarztball geknetet.Und das neue Album von Adele gehört. Als ich das letzte Mal eine längere Zahnarztsitzung hatte, haben sie mir noch einen CD-Hefter in die Hand gedrückt. Dieses Mal bekam ich einen I-Pod. Bis ich heraushatte, wie man den bedient*, ging es auch schon los. Doch die SpontanPanikwahl Adele haute ganz gut hin, Adele hat eine sehr tröstliche Stimme.

Überhaupt Trösten. Vor mir war ein kleiner Junge in Behandlung, hatte sich ein Stück Zahn abgebrochen. Das machst du ganz toll, bekam der mindestens zehn Mal gesagt (so hörte ich im Wartezimmer).
Das mit dem „toll gemacht“ können Sie zu mir auch sagen, sagte ich der freundlichen ZFA, als sie mich zum Stuhl des Grauens führte. Sie lachte, dabei hatte ich das durchaus ernst gemeint.
Ich bekam folglich kein einziges „Das machen Sie ganz toll“ zu hören, obwohl ich meiner Meinung nach ziemlich tapfer war, vor allem, als die freundliche ZFA gleich zwei Mal einen Abdruck aus mir heraushebeln musste. Man braucht ordentliche Armmuskeln als ZFA.

Die freundliche Zahnärztin fragte, ob ich eine Betäubung wolle. Aber hallo, natürlich will ich eine Betäubung.
Blöd nur, dass ich jetzt, wo alles überstanden ist, Hunger habe, meine rechte untere Gesichtshälfte sich allerdings noch nicht wieder so anfühlt, als würde sie zu mir gehören.
Die Belohnungsbrötchen, die ich mir vom lustigen Bäcker mitgebracht habe, müssen also noch warten.

Und in zwei Wochen wieder.
„I miss you“, sang Adele. Nun ja. Eher nicht.

 

* Ist ja eigentlich ganz einfach. Aber hey, ich war gerade bei der Zahnärztin und in Panik.

Hoch auf dem gelben Wagen.

Eine der Herausforderungen des (Neu-)Eltern-Daseins: den Kinderwagen zusammenklappen.
Eventuell gibt es dafür zweitägige Einführungseminare, oder man bekommt eine dreihundertseitige Gebrauchsanweisung mitgeliefert, wenn man den Wagen auf offiziellem Weg erwirbt. Was wir nicht getan haben.

Tatsächlich haben wir für Wagen Nummer Eins trotzdem so eine Art Einführung bekommen:
VorherigerKinderwagenBesitzer: Warte, ich zeig dir noch schnell, wie man den zusammenklappt. Das geht so […] Nein, das war es nicht, hm, lass mich überlegen, vielleicht hier […] Nein, das war es auch nicht […] Hm, wie ging das noch gleich? Ist schon so lange her […]

Dann war es auch noch lange hin, bis wir den Wagen tatsächlich zum ersten Mal zusammenklappen wollten, ich hatte alles längst wieder vergessen, wusste nur noch, dass man irgendwo ziehen und drücken musste und dann – ganz wichtig! – musste irgendetwas einrasten, aber so weit kamen wir zuerst gar nicht.

Gestern dann Wagen Nummer Zwei, ganz ohne Einführung, nur mit dem Wissen, dass es gehen muss, dieses Zusammenklappen. Aber wie? Noch nicht einmal das Internet weiß alles, vermutlich, weil das völlig selbsterklärend ist, jedenfalls für alle anderen außer uns.
So ähnlich wie die Sache mit dem Reisebett, wobei, da konnte das Internet dann doch helfen.

Wir haben die Herausforderung schließlich gemeistert. Also ich, der MMM hatte gerade anderes zu tun. Heute morgen hatte er dann eigentlich auch etwas anderes zu tun, baute aber trotzdem den zusammengeklappten Wagen wieder auf (erstaunlich selbsterklärend), um ihn dann wieder zusammenzuklappen (zu wollen).
Ich wunderte mich derweil, wo er so lange bleibt und – als er wieder auftauchte – was es mit seiner genervten Miene auf sich hat.
Der Kinderwagen, sagte er.
Ist doch total einfach, sagte ich und bekam einen Lachanfall.
War es dann auch. Fürs erste.

Kinderwagen Nummer Eins haben wir schon ziemlich lange nicht mehr zusammengeklappt. Aber wir wissen ja jetzt, wie es geht.

*mit einem Lachanfall ab*