Kategorie-Archiv: gehoertes

Samstag. Noch mehr Menschen.

Viel mehr Menschen. Gingen aufs Konzert.
Konzerte machen bestenfalls noch glücklicher als mit Kopfhörern im Wohnzimmer herumzuhüpfen. Schlechtestenfalls hat man keinen Platz zum Hüpfen oder es sind nur Bekloppte um einen herum.

Das Schlechteste an diesem Konzert war, dass es zu wenig Toiletten gab.
Besser zu wenig Klos als zu viel Bekloppte.

Nun bin ich wieder zu Hause, habe mir einen Ohrwurm mitgebracht und noch eins dieser Lieder, das sich auf einmal wie neu anhört, obwohl es dann doch schon fünfundzwanzig Jahre alt ist.

Unterwegs.

Heute morgen einen Teil des Mensch-Otto-Interviews mit Stephan Meurisch gehört.

Ach, Wandern. *seufz*
(Heute aber immerhin im Wald gewesen. Hurra!)

Später dann in der Zeitung von einem Bürgermeister aus unserer Gegend gelesen, der quer durch Deutschland gelaufen ist. In Etappen, was aber nur zwischen den Zeilen stand. Dabei ist das etwas völlig anderes. Also, ob man immer mal wieder ein, zwei Wochen unterwegs ist oder eben am Stück von A nach B läuft.
(Etappen sind natürlich besser als gar nichts.)

Jedenfalls, Stephan Meurisch ist (unter anderem) vier Jahre von München nach Tibet gelaufen. Ohne Geld noch dazu. Wenn ich das richtig verstanden habe, nicht, weil er sich und der Welt was beweisen wollte, sondern weil er eben keins hatte, aber trotzdem nach Tibet wollte.

Er meinte, bei so einem Vorhaben helfe es seiner Meinung nach, weniger vorausschauend zu sein, vorausschauend im Sinn von „herrje, was kommt da alles auf mich zu und oje, was passiert wenn xyz eintritt.“
Und da fiel mir mal wieder auf, wie ambivalent ich oft bin. Nach Italien laufen, kein Problem. Das wird sich schon alles irgendwie finden. Hat sich schon immer irgendwie gefunden. Aber mal eben spontan an den zwanzig Autominuten entfernten See fahren, um Himmels willen. Was dafür alles zu tun ist, welche Probleme das eventuell mit sich bringt, nein, das geht gar nicht.

Meurisch wird wohl ebenfalls des öfteren (unter anderem eben auch von Thorsten Otto) gefragt, warum er denn ausgerechnet zu Fuß unterwegs sei und nicht etwa mit dem Fahrrad, da käme man doch viel schneller von A nach B.
Ja nun, das ist ja das Problem. Ein Fahrrad ist viel zu schnell. Mir auch. Da kommt man ja gar nicht oder viel zu wenig dazu, nach links und rechts zu schauen, die kleinen Dinge am Wegesrand zu finden und die Welt auf sich wirken zu lassen. Vor allem, weil man ja auch viel mehr auf den Weg achten muss.
Auf den es natürlich ankommt, also auf den Weg. Als wir unser Berlin-Ostsee-Vorhaben abgebrochen haben, lag das unter anderem auch daran, dass wir gefühlt einen ganzen Tag lang an irgendeinem Kanal entlanggelaufen sind und nun ja, da hätte ich dann auch lieber ein Fahrrad gehabt, denn das war sterbenslangweilig. Alles flach, alles sah irgendwie gleich aus und noch nicht mal auf dem Wasser irgendwas los.

Meurisch erzählte auch noch darüber, dass er durch viele Länder gelaufen ist, deren Sprache er nicht beherrschte. Was sogar ein Vorteil sei, meinte er, denn man achte dann viel mehr auf alles andere und hätte so ein besseres Gefühl dafür, ob es der Mensch, mit dem man es zu tun hat, gut mit einem meint oder nicht. Außerdem sagte er, das sei wie mit Kleinkindern – also solche, die noch nicht sprechen, die würden ja trotzdem kommunizieren.
Zufälligerweise habe ich gerade so ein Kleinkind zu Hause, ein eher nicht sprechendes, und da habe ich das auch schon ganz oft gedacht, dass ich es total erstaunlich finde, dass man sich eben auch ohne Worte versteht. m versteht sowieso alles, was wir von ihr wollen und ich behaupte mal, wir verstehen auch das meiste von dem, was m uns mitteilen will. Da könnte man jetzt natürlich sagen, das sei doch klar, dass wir drei Familienmitglieder uns verstehen, aber bei anderen (fremden) Menschen funktioniert es genauso.

Ich habe aber nicht zu allem genickt, was Meurisch erzählte. Ich fürchte, ohne Geld würde ich nicht weit kommen, denn nun ja, man muss dann natürlich auf Leute zugehen oder zumindest nicht gleich davonlaufen (wollen), wenn Leute auf einen zukommen. Er sei in ein Fünf-Sterne-Hotel eingeladen worden, sagte er, und da hätte er sich abends einsam gefühlt, denn es war niemand um ihn herum, er war ganz allein. Im Gegensatz zu den meisten anderen Abenden, an denen er von irgendwelchen Leuten, die er zuvor noch nie gesehen hatte, „nach Hause“ eingeladen wurde.
Nun, ich würde wohl lieber mit dem Zelt im Wald übernachten.

Was ich euch jetzt erzähle.

Heute den diesjährigen Lieblingssee besucht (aus der Reihe der nahegelegenen Seen (die allesamt immer noch viel zu weit weg sind)).

Am See über Musik gesprochen, genauer: über Konzerte der Toten Hosen. Deren neue Lieder lagen ein halbes Jahr im Wohnzimmer herum. Zuerst hatte ich keine Kopfhörer, dann keine Lust, dann irgendwas anderes. Nun hat mir aber B. ein Konzertticket geschenkt, für Anfang September, es wurde also doch langsam dringend, die neuen Lieder mitsingsicher parat zu haben. Ansonsten nämlich macht ein Konzert (dieser Art) nur halb so viel Spaß.
Die neuen Lieder also endlich angehört und gedacht, huch, die kenne ich doch. Und ein paar kannte ich auch, aus dem Radio, aber die anderen kannte ich, weil sie sich nun mal anhören wie Tote-Hosen-Lieder (was jetzt nichts schlechtes ist).
Eins meiner liebsten Lieder (nein, kein neues) (und ich werde es wohl leider auch nicht live hören) ist: Schwimmen.
Womit ich jetzt wieder beim See bin, aber zu dem ist eigentlich schon alles gesagt.
Was jetzt auch nicht ganz richtig ist, aber nun.

Schon wieder was gelesen, gleich beide Bücher von Celeste Ng (Kleine Feuer überall / Was ich euch nicht erzählte). Gleich mal Celeste Ng auf meine „alles von ihr lesen“-Liste gesetzt. Nur gibt es ja leider noch nicht mehr von ihr zu lesen. Vermutlich wird es auch gar nichts Neues je geben, denn ich vermute, mit Ngs Büchern verhält es sich genau wie mit Tote-Hosen-Songs, kennt man eins, kennt man alle (ja, das ist übertrieben). Aber das macht ja wiederum nichts.

Ngs Bücher passen wiederum prima (so ein Zufall, nech) zum sichtbar sein, zum Reden, beziehungsweise Schweigen, zu all dem, was ich nicht sage, zu dieser Ohnmacht, die sich einstellt, wenn ich doch mal was sage und keiner hört es (ja, auch das ist übertrieben) oder jemand hört es, aber er hört etwas ganz anderes.
Auch dazu, dass ich ein Problem damit habe, herauszufinden, was ich will, aber ganz oft weiß, was der andere (von mir) will.
Und noch siebentausend andere Sachen.

Und ich denke an die Leserunde in D., frage mich wieder einmal, ob es nicht auch eine Leserunde in H. geben könnte, denn beide Bücher wären genau das richtige für so eine Runde, aber im Endeffekt würde ich dann doch wieder nur in der Runde sitzen und mich fragen, von was die alle reden, warum dieses oder jenes denn so schwer zu verstehen ist und irgendwann würde ich dann doch etwas sagen (im dritten Anlauf) und die Wörter würden wieder gänzlich falsch herauskommen und ich würde mich unterbrechen lassen, obwohl ich doch noch gar nicht zu Ende geredet habe und jemand würde mir antworten und da wäre es dann wieder, dieses Gefühl, wie kann er denn etwas ganz anderes hören, als das, was ich gesagt habe, hat er mich überhaupt gehört?

Und nun ist es schon wieder passiert, alles hört sich ganz furchtbar und nicht zum Aushalten an, und so ist es ja auch, aber so ist es auch nicht.

Und dazu fallen mir jetzt all diese Übungen ein, abends aufschreiben, was gut lief, dem Guten mehr Gewicht verleihen, ich will ja immer schreiend weglaufen, wenn ich davon lese, aber es funktioniert natürlich und daher suche ich jetzt noch etwas Gutes abseits des Lieblingsseebesuchs.

Und da findet sich sogar etwas, denn der Text von vorgestern (den kennen Sie nicht), der ist beim heutigen Lesen immer noch brauchbar und vorhin beim Essen fanden sich sogar weitere Worte und ich konnte die sogar aufschreiben, denn m aß mit Begeisterung ungefähr drei Mal so viel Nudeln wie ich und m kann ganz wunderbar allein (allein wie: selbstständig) essen (wenn sie denn will).

Hallo.

Kürzlich im Zuge von Serendipity auf dieses Buch aufmerksam geworden (ausgerechnet jetzt, das ist aus Gründen schon ziemlich merkwürdig): Auch alte Wunden können heilen, von Dami Charf. Hineingeschaut, vom Totstellreflex gelesen, Oha, das könnte was mit mir zu tun haben, gedacht und das Buch bestellt.
Nun.
Gestern drei Viertel des Buchs gelesen und mit jeder Seite mehr zum Überfliegen gewechselt. Weil: Ja, ich habe das jetzt verstanden. Ja, wenn dies und das passiert(e), dann führt das zu diesem und jenem. Ist jetzt nicht wirklich was Neues. Und die wichtigste Frage(n) wird nicht beantwortet, nämlich: Und was mache ich jetzt?

Dem Buch heute noch einmal eine Chance gegeben und ja, so nebenbei und zwischen den Zeilen gibt es dann doch ein paar Antworten, eine davon, wie könnte es anders sein: Meditation. Wobei, so konkret wird auch das nicht gesagt, mehr so hinsetzen, nichts tun, hören, was der Körper dann so zu sagen hat. Aber was ist das anderes als Meditation.

Wieder an T. gedacht, die doch tatsächlich sagt, Meditation, das ginge völlig an ihr vorbei. Kommt nicht bei ihr an, interessiert sie jetzt nicht so, will sie nicht andauernd als Gewohnheit in ihr Leben einbauen.
Wie kann Meditation an einem vorbeigehen.

Dann an Herrn K. gedacht, mit seinen elf Minuten. Zwei Mal elf Minuten am Tag meditieren. Warum gerade elf habe ich vergessen, können Sie aber bestimmt herausfinden.

Dann das Handy geholt, den Wecker auf elf Minuten gestellt. An Musik gedacht. Sofort aufspringen wollen, weil Musik jetzt genau das richtige wäre. Liegen geblieben.

Nach den elf Minuten gleich wieder zum Buch greifen wollen, aber Ha!, stattdessen zum Kopfhörer gegriffen. Seit langem mal wieder Nadeah gehört. Ziemlich gleich danach singend durchs Wohnzimmer getanzt. Vier neue drandenken-Zettel geschrieben, nämlich: herausfinden, ob und wann Nadeah mal wieder in die Nähe kommt, weil Nadeah live noch viel mehr Freude macht als aus Kopfhörern. Gleich auch noch Zettel für Chris Potter und Keren Ann geschrieben. Und fürs Enjoy-Jazz-Festival, denn ohne Enjoy Jazz hätte ich von zwei der drei Genannten noch nie etwas gehört (Keren Ann hat mir Inspektor Banks „empfohlen“).

Beim Musik hören fiel mir dann wieder ein, warum ich diese Blog-Idee irgendwann mal so überaus ansprechend fand, oder überhaupt die Idee des Schreiben und dann fiel mir Frau Einhorns Sichtbarkeits-Thema wieder ein (das ich jetzt leider nicht verlinken kann, weil es nicht mehr da ist, aber hier geht es zu Frau Einhorn) und dann fiel mir ein anderes Buch ein, in dem es auch ums gesehen werden ging, zumindest am Anfang, den Rest habe ich noch nicht gelesen, ich weiß auch gar nicht, um was es eigentlich geht, der Sichtbarkeitsabsatz allein gab den Ausschlag, auch dieses Buch zu kaufen*.

Außerdem kann man nie genug Bücher haben und wo ich gerade dabei bin, Matthew Quick, Schildkrötenwege, das habe ich heute auch gelesen und Hurra, endlich mal wieder ein lesenswertes Buch, ich bin versucht, unsere (gehäkelte) Schildkröte (erneuter Dank an Herrn F.!), die bisher noch keinen Namen hatte, nun Quick zu nennen.
Im Buch, also dem von Matthew Quick geht es ums normal-sein beziehungsweise eben nicht normal-sein, beziehungsweise um die Frage, was denn nun eigentlich normal sei und warum „die Masse“ oftmals völlig bekloppte Dinge gut findet und derjenige, der diese Beklopptheiten nicht mitmachen will, dann komischerweise der Bekloppte ist. Das ist jetzt auch alles nichts Neues, aber er hat das ganz wunderbar geschrieben.

Da musste ich dann auch schon wieder an Frau Einhorn denken, denn Frau Einhorn sammelt manchmal Menschen um sich herum und einer dieser Menschen war ich und in Schildkrötenwege heißt es sinngemäß, dass es so unfassbar viele Menschen auf der Welt gibt und man nur einen Bruchteil dieser Menschen kennt und wenn die nun alle ganz anders sind, als man selbst, dann könnte man meinen, niemand ist wie man selbst, aber vielleicht hat man auch nur noch nicht die „passenden“ Menschen unter all diesen vielen gefunden.
Jedenfalls, als ich einer dieser Menschen bei Frau Einhorn war, da waren alle anderen auch irgendwie anders und gar nicht unbedingt wie ich, und doch war ist irgendwo darunter dieses Gefühl, auf eine Art Zuhause zu sein, die anderswo so nicht möglich ist. Dort ganz leicht ein ganz bestimmtes Ich sein zu können.
(Erneuten Dank an Frau Einhorn! Und alle „Beteiligten“)

Jetzt aber wieder zurück zum Sichtbarkeitsbuch, es heißt Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren, geschrieben hat es Ali Benjamin und die Stelle, die ich meine, geht so:

„In den ersten drei Wochen der siebten Klasse habe ich vor allem eins gelernt: Ein Mensch kann unsichtbar werden, indem er einfach schweigt.
Ich hatte immer angenommen, dass jemand wahrgenommen wird, weil die Menschen ihn mit ihren Augen sehen. Aber als wir mit der Schule unseren Herbstausflug ins Aquarium machten, war ich, Suzy M. Swanson, völlig unsichtbar. Gesehen zu werden, hat nämlich mehr mit den Ohren als mit den Augen zu tun.“

Auf bald.

 

* Außerdem ist es vom Hanser Verlag und ganz oft mag ich Bücher vom Hanser Verlag.

Was machen wir heute?

Heute morgen habe ich damit angefangen, Bachmannpreistexte nachzuhören. Und zwar mit Bov Bjergs Text SERPENTINEN.

Gerade habe ich den Text auch noch mal nachgelesen, um die Stelle zu finden, die ich gleich zitieren will. Beim Nachlesen habe ich dann aber zuallererst festgestellt, dass es (natürlich) etwas ganz anderes ist, einen Text vorgelesen zu bekommen und dann auch noch vom Autor. Das sollte ich eigentlich wissen, spätestens seit Saša Stanišić. Vor dem Fest habe ich ungefähr drei Mal angefangen zu lesen, drei Mal resigniert, dann hörte ich Saša Stanišić live lesen und sollten Sie Saša Stanišić jemals live lesen gehört haben, verstehen Sie, warum ich danach ein viertes Mal zu Vor dem Fest griff. Und siehe da, mit seiner Stimme im Ohr hatte ich den Roman an wenigen Abenden gelesen. Mit Genuss, übrigens.

Aber zurück zu Bov Bjerg. Bov Bjerg, weil gefühlt sämtliche BloggerInnen, die ich lese, von seinem Auerhaus schwärmten; Auerhaus, auch das habe ich gelesen, dazu reichte ein einziger Versuch, es las sich ganz geschwind und abgesehen davon, dass ich mit dem Ende nicht einverstanden war (warum, weiß ich heute allerdings nicht mehr), fand ich nichts daran auszusetzen. Die Begeisterung der besagten BloggerInnen konnte ich allerdings auch nicht nachvollziehen.

In der ersten Vorleseminute war ich kurz davor, wegzuklicken, hatte allerdings gerade keine Hand frei und manchmal ist es ganz gut, keine Hand frei zu haben, den Rest der Zeit war ich nämlich doch sehr angetan und als ich das morgendliche Yoga beendete, zum MMM und zu m hinunterging, hatte ich sogleich die passende Antwort für die Frage des MMMs nach meiner (Gefühls)Lage.
Das Präteritum, das Präsens und das Futur lastet auf mir, sagte ich.
Das war dann selbst für meine Verhältnisse eine merkwürdige Antwort, der MMM sah dementsprechend fragend drein.

Das Präteritum, das Präsens und das Futur – das war diese eine Stelle, die sich sofort bei mir festgesetzt hatte, spätestens mit diesem Vergleich hätte mich Bjerg für seinen Text begeistert, allein es war nicht mehr nötig, ich mochte ihn ja sowieso schon, den Text. Also was heißt mögen, kann man Texte mögen, er war bei mir angekommen, der Text.

Und jetzt hätte ich fast das Zitieren vergessen*, Bov Bjerg, SERPENTINEN:

Und dann kamen die Erdzeitalter und legten sich auf mich. Das Präteritum, das Präsens, das Futur. Diese Versteinerung da, im Präteritum, schau mal, das bin ich.

 


* Den Titel dieses Textes habe ich übrigens ebenfalls aus SERPENTINEN zitiert geklaut.

Leben, sterben.

Kürzlich mit T. über das Leben gesprochen. T. findet das Leben nicht anstrengend. Also doch, schon, aber anders. Ich finde das Leben grundsätzlich anstrengend. Und dabei habe ich noch nicht mal ein anstrengendes Leben.
Morgens aufstehen ist anstrengend. Zu entscheiden, was nach dem Aufstehen zu tun ist, ist anstrengend. Sich nicht zu entscheiden, noch viel anstrengender.
T. gefragt, wie sie das denn mache, sich für eine der Optionen zu entscheiden, also beispielsweise einkaufen, aufräumen, mit den Kindern im Garten herumtoben – wo anfangen, mit was? Ich kann schlimmstenfalls mit der Überlegung, was zu tun ist, eine ganze Stunde verbringen. T. sagt, sie tut es eben einfach. Aber was? Und warum?
Ich tue auch irgendwas, irgendwann. Abends habe ich meist dennoch das Gefühl, nichts getan haben, also nichts, was dieser ganzen Anstrengung ihre Berechtigung geben würde.
Sie würde ganz oft denken, wie schön das Leben ist. Sagt T. Ja. Durchaus. Jetzt kann ich hier sitzen und denken und fühlen, wie schön das ist, hier sitzen können, atmen, nichts tut mir weh, na ja, der Problemzahn vielleicht ein bisschen, aber egal, keine „wirklichen“ Sorgen und ja, Nachbars Baum ist so schön grün und der Himmel so blau und die Vögel und alles.

Komischerweise oder vielleicht hat das eine auch mit dem anderen zu tun, denn wenn nichts einen Sinn hat, dann ist es egal und wenn es egal ist, ist die Entscheidung, ob die Wandfarbe nun creme- oder doch eher eierschalenweiß sein soll, auch egal und somit schnell entschieden, schneller als bei T., die selbst nach der Entscheidung noch eine Weile darüber nachdenkt, ob eierschalenweiß nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre.

*

Passend zum Thema Leben schon wieder auf einer Beerdigung gewesen. m mit einem Keks bestochen, so dass ich dieses Mal sogar etwas von der Andacht(? Oder wie sagt man da?) mitbekommen habe. Schwierig, die richtigen Worte zu finden, schwierig, überhaupt Worte zu finden. Das meistgefundene Wort in diesem Fall dankbar – man solle doch dankbar sein, für die Zeit, die man mit dem Verstorbenen hatte, man solle dankbar sein für all das, was man mit ihm erlebt habe, es wäre doch eine gute Zeit gewesen.
Dankbar, [zensiert zensiert zensiert].
Das ist nun wirklich nicht das, was ich in einem solchen Moment hören wollen würde. Wenn einer fort ist und fehlt, fehlt so sehr, dann will ich nicht gesagt bekommen, ich solle dankbar sein.

Nun denn.

Wieder einmal bemerkt, dass es bei Beerdigungen keine Kinder gibt. Vielleicht liegt es am Alter der Beerdigten, vielleicht auch daran, dass man die Kinder mit Keksen bestechen muss, um selbst tatsächlich dabei sein zu können, also etwas mitzubekommen. m wäre ja auch nicht dabei gewesen, hätte sich die Gelegenheit ergeben, sie anderswo unterzubringen. Gesucht habe ich sie aber nicht, die Gelegenheit.
Wäre ja auch zu anstrengend gewesen (jetzt bitte Augen verdrehen).

*

Und nun hinaus in diesen sonnigen Samstag, der Nachbar hat längst seine Arbeitshosen an, der Nachbar macht nicht den Eindruck, als müsse er je darüber nachdenken, was als nächstes zu tun ist, ob er das wirklich tun will und warum er das überhaupt tun sollte, aber nun ja, der Nachbar schlägt sich sicherlich auch mit irgendeinem Problem herum und denkt sich vielleicht, mei, die Nachbarin hat es gut, die kann da an ihrem Rechner sitzen und weißGottWasTun oder eben auch nicht.

Still.

Vermisst du es nicht?, wurde ich kürzlich gefragt. Das Wandern war gemeint, wandern wie: einen Rucksack packen, losgehen, Tage später irgendwo ankommen.
Wie so oft habe ich viel zu schnell irgendetwas geantwortet, ich weiß schon gar nicht mehr was.

Heute war ich allein unterwegs, ohne Rucksack zwar und es hat auch nur anderthalb Stunden gedauert, bis ich wieder zu Hause ankam, aber ich dachte an diese Frage, immer wieder.

Oh ja!, hätte ich antworten müssen.

Oh ja, ich vermisse es. Vermisse es, allein unterwegs zu sein. Einen Weg vor mir zu haben, keinen bestimmten, irgendeinen. Ihn zu gehen, herausfinden, was hinter der Kurve kommt, hinter dem Hügel, nach dem Wald. Die Stille bemerken und einfach nur gehen. Durch den Wind, über die Straße, durch den Wald, am Weizenfeld entlang, wieder durch den Wind, am Gerstenfeld entlang, zum Hochsitz hinunter, an den Pappeln Halt machen, sitzen, lauschen. Irgendwann aufstehen und weiter gehen, am Waldrand entlang, den nächsten Waldrand entlang, wieder durch den Wind, über die Straße, zurück ins Dorf.
Die Wege danach aussuchen, dass keiner oder zumindest kaum einer dort unterwegs ist.

Ich muss das öfter machen, denke ich und weiß doch, ich werde es so schnell nicht wieder tun.

Shake this world off my shoulders*

Durchs Wohnzimmer tanzen. Hüpfen, schreien, springen, singen. Jede Gelegenheit sollte ich nutzen, in denen das Haus und ich alleine sind. Oder mir endlich vernünftige Kopfhörer besorgen. Oder beides.

Komisch, wenn man nach langen Jahren mit einem Lied endlich doch mal genauer hinhört, sich wundert, was singt der da eigentlich, feststellen, es passt überhaupt nicht zu dem, von dem man dachte, er singe es.

Dann das andere Lied – das einzige, bei dem ich verlässlich eine Gänsehaut bekomme, jedes Mal.
Und immer, wenn ich es höre, denke ich an die Frage, nach dem Lieblingslied, eine Frage, die ich unmöglich beantworten kann, schließlich kommt es darauf an. Nach dem, was mir gerade ist.

Nicht mehr daran glauben, dass ich mich ans Hüpfen, Springen, Schreien erinnern sollte, wenn gerade gar nichts mehr geht.

*

Heute bei zwei Pferden halt gemacht. Ein Pippi-Langstrumpf-Pferd und ein ganz dunkles. Selten, dass Pferde so kommunikativ aufgelegt sind. Meistens sind sie ja lieber am anderen Ende der Koppel, fressend. Diese nicht.

Endlich mal wieder die Pferde-Sache angehen.

*

 


* Dancing in the Dark, Bruce Springsteen