Kategorie-Archiv: Angst haben

Eins, zwei, drei Bücher

Gestern tatsächlich noch Punkt B erreicht. Weil, die Reihenfolge schien einigermaßen standzuhalten, eine Lücke ließ sich auch nicht mehr ausmachen, also los.
Danach allerdings gleich wieder vom Text losgesagt, dieses Mal aus Gründen der Blindheit gegenüber dem, was ich schon zig Mal geschrieben habe.
Daher auch heute morgen die Gelegenheit ergriffen, mich im Wald durchpusten zu lassen, ganz allein. Vom Wald habe ich allerdings nicht viel mitbekommen, wegen all der Gedanken. Die Schnipsel werden ein Buch. Ich muss das mal hierher schreiben, bevor ich es mir selbst wieder ausrede. Vorhin im Wald war das nämlich ganz klar, ganz eindeutig, dass das ein Buch wird und wenn es auch nur eine Ausgabe davon geben wird, für mich allein.
Das ist in meinem Fall ein ziemlich neues Gefühl, ich hatte noch nie den Drang, etwas, das ich geschrieben habe, zwingend hinter Buchdeckeln vorfinden zu müssen, aber in diesem Fall scheint es dazuzugehören.
Vermutlich werde ich auch die üblichen Wege gehen, Agenturen, Verlage anschreiben, was man eben so macht, aber vorher, vorher will ich mein eigenes Buch haben, das, von dem ich ganz genau weiß, wie es aussehen soll (und wie nicht). Passiert ja nicht oft, dass ich etwas ganz genau weiß und will (und vermutlich werde ich morgen von all dem schon wieder nichts wissen wollen).

Heute morgen ein Interview mit Christoph Niemann gehört, von Christoph Niemann habe ich mir Anfang des Jahres dieses ganz wunderbare Buch schenken lassen.

Gestern auch noch mit Sturmhöhe angefangen. Der Herr Buddenbohm erzählt ja andauernd davon, das ist schon ein klein wenig ansteckend. Nun hatte ich das Buch aber schon einige Male angefangen und ich glaube, ich breche tatsächlich immer an der gleichen Stelle ab, nämlich die, an der theoretisch aufgedröselt wird, wer jetzt eigentlich wer ist und wie die alle miteinander in Verbindung stehen. Der von Herrn Buddenbohm verlinkte Artikel bringt das schön auf den Punkt:

[…] aber durch Eheschließung und die entsprechenden Namensänderungen sowie den Umstand, dass drei der männlichen Hauptpersonen auch noch alliterierende Namen – Hindley, Heathcliff, Hareton – tragen, kann es schon passieren, dass man ein wenig den Überblick verliert.

Den Überblick verlieren, das würde ja bedeuten, man hätte einen solchen gehabt. Kann ich jetzt nicht behaupten und nun ja, ich hatte gestern dann auch nicht mehr so richtig Lust, mir einen zu verschaffen.

Dazu passt dann wiederum dieses Zitat aus dem oben genannten Niemann-Buch:

In dem verführerischen Meer der geschmeidigen Zwei-Sekunden-Lacher dürfen wir nicht vergessen, dass Kunst, die uns wirklich bewegt, oft langsam, seltsam und irritierend ist.

Vielleicht gebe ich der Sturmhöhe ja doch noch eine Chance. Dummerweise habe ich nicht die Ausgabe mit der „Genealogische Tafel der Familien Linton & Earnshaw“ von der im verlinkten Artikel die Rede ist, aber nun, die könnte ich mir ja selbst zusammenbasteln, diese Tafel. Und sobald ich das geschafft habe, sollte ich dann auch begriffen haben, wer wer ist.

Von Stapeln zu Schubladen

Gestern mal wieder mit Schubladen konfrontiert worden. „die“ und „wir“, solcherart Schubladen. Schlechte Laune bekommen, einerseits wegen der Schubladen, hauptsächlich aber weil ich mal wieder nicht die Klappe aufbekommen habe. Dieses Mal einerseits vor Schreck, da die Schubladen von Leuten aufgezogen wurden, bei denen ich nicht damit gerechnet habe. Andererseits natürlich wegen Inkompetenz, also meinerseits.

Abends angefangen, The Hate U Give von Angie Thomas zu lesen. Passte dann prima zu den Schubladen, denn: Schwarzer, unbewaffneter Teenager wird von einem weißen Polizisten erschossen. Es überzeugt mich nicht hundertprozentig, dieses Buch, dennoch war ich ziemlich aufgewühlt, als es mir der MMM weggenommen* hat. Und aufgewühlt sein, das ist mit das beste, was ein Buch mit mir machen kann.

Dann schlage ich heute morgen die Zeitung auf – und verdammter Mist – lese einen Bericht, der all die „die“ und „wir“ Schubladen vermutlich noch weiter einzementiert.

Ich verstehe das einfach nicht, warum man Menschen einfach so in eine Schublade einteilt, nur weil sie grün angezogen sind. Nein, das stimmt nicht, ich verstehe das schon, ich bin ja auch nicht dagegen gefeit. Was ich allerdings wirklich nicht verstehe, ist, sie ganz bewusst in diese Schublade zu stecken, mit der hundertprozentigen Sicherheit, dass sie genau dahin gehören und niemals nicht wieder herausgeholt werden dürfen. Denn grün angezogene Menschen sind nun mal so und so, das ist doch ganz klar, das weiß doch jeder.
Was ich auch nicht verstehe, ist, sich ganz gewiss zu sein, selbst in der einzig richtigen Schublade zu stecken. Da, wo die guten Menschen wohnen, versteht sich.

Ich sollte wirklich lernen, zu reden. Ich könnte doch zumindest alle drei Minuten „da bin ich anderer Meinung“ sagen. Schweigen wird einem ja dummerweise meist als Zustimmung ausgelegt. So kam es denn diese Woche auch zu folgendem Dialog:
H: Und da sagt der, es gibt kein Fegefeuer!
Ich: Da hat er recht.
H: *schockierte Stille* Und ich dachte, wenigstens du bist einigermaßen vernünftig!
Äh, ja. Eben.

 


* Ja, weggenommen. Frechheit. Mein „das habe ich in einer Stunde fertig gelesen“-Argument überzeugte ihn wohl nicht**. Na gut, es war tatsächlich schon ziemlich spät.
** Dabei lag ich gar nicht so schlecht mit dieser Schätzung, ich habe maximal eine Viertelstunde länger gebraucht.

So schön, schön war der Tag.

Heute morgen war ich beim Zahnarzt. Danach kann der Tag eigentlich nur besser werden, dachte ich beim Hinfahren. Gleich nach diesem Gedanken dachte ich allerdings, dass sich so ein Gedanke meist rächt und dann alles noch viel schlimmer kommt.
Spoiler: Heute nicht.

Noch nicht mal beim Zahnarzt war es schlimm. Zumindest nicht so schlimm wie es hätte sein können.

Wollen Sie versuchen, es so auszuhalten, fragte er.
Um Himmels willen, sagte ich.

Die ehemalige freundliche Zahnreinigerin hatte mal erzählt, dass einer ihrer Patienten während einer Behandlung mal beinahe eingeschlafen wäre.

Einschlafen? Beim Zahnarzt?

Jetzt das seltsame: Ich bin zwar nicht eingeschlafen, das wäre dann doch etwas übertrieben, aber wirklich zum allerersten Mal hatte ich das Gefühl, es wäre möglich. Das war wirklich sehr seltsam. Und ich habe keine Ahnung, warum das so war. Fast vermute ich den Zahnarzt dahinter, der war schließlich neu, ansonsten war (fast) alles wie immer.

Später, als die Betäubung langsam nachließ, ich aber immer noch auf dem Zahnarztstuhl lag, war es mit der Entspannung dann auch nicht mehr ganz so weit her, aber zumindest für die erste Stunde bewahrheitete sich erneut die Voraussage des Zeitschriftenregals im Wartezimmer: „Die Kraft der Meditation.“

Zahnarztwissen am Rande: Was für eine Füllung ich denn wolle, wurde ich gefragt, Amalgam oder Kunststoff?
Natürlich Kunststoff.
Während wir darauf warteten, dass die Spritze ihre Wirkung tat, fragte ich, ob es nicht endlich mal an der Zeit sei, dass die Krankenkassen vom Amalgam abkämen.
Ja nun, das sei kompliziert. Also eigentlich nicht, aber man kann ja so tun als ob. Sie (die Zahnarztpraxis) müssten jedenfalls, wenn sie eine Amalgam-Füllung entsorgen oder erneuern, alles, was aus dem Mund abgesaugt wird, in einen extra Behälter umleiten, damit das nicht ins Grundwasser kommt.
Aber im Zahn macht das natürlich gar nichts, ist klar.

Aber genug Zahnarzt-Content.

Die Heimfahrt mit Ole war derart sonnenbeschienen, dass ich spontan beschloss, zum ersten Mal in diesem Jahr das Fahrrad samt Anhänger aus dem Keller zu holen (genaugenommen beschloss ich, der MMM, der heute zu Hause war, könne diesen Part übernehmen).

Aber vor dem Fahrrad war das Paket. Ich kam nämlich nach Hause und da stand ein Paket an der Tür. Ein Paket! Für mich!
Und im Briefkasten war dann auch noch das Buch, das eigentlich schon Mitte Februar hätte ankommen sollen, dann aber im Post-Nirvana verloren ging.

An diese Post-Sache könnte ich mich gewöhnen. Kürzlich kamen nämlich auch schon dicke „Briefe“, einer war bestellt, deswegen aber nicht minder schön, der andere kam so überraschend wie das Paket und war dann noch schöneren Inhalts (als der erste „Brief“), obwohl doch eigentlich fast das Gleiche darin war. Aber eben nur fast.

Wie ich mich noch so über die Post freue, kommen der MMM und m nach Hause. Das war gut, denn wie sich herausstellte, war das Paket im Grunde gar nicht für mich, sondern für m.

m fand den Paketinhalt dann auch höchst überzeugend und so dauerte es ein bisschen länger als gedacht, bis wir die Fahrradsache umsetzen konnten.

Der Tag ging dann geradewegs so weiter, aber heute ist schließlich nicht WmdedgT und außerdem ist der Tag ja noch gar nicht zu Ende, ich habe noch ein bisschen was vor.

[Abruptes Ende des Textes.]

Frage – Antwort.

Ich lese gerade Herztöne von Martin Schleske. Martin Schleske, Geigenbauer, steht auf dem Buchrücken. Trotzdem es um Geigenbau geht, geht es auch ums Schreiben oder zumindest lese ich das für mich heraus.
Dieses Lesen führte dazu, dass ich heute Abend nach weiteren, „richtigen“ Büchern übers Schreiben gesucht habe, nach Kursen gar.

Gefunden habe ich nichts, jedenfalls nicht das Richtige, was logisch ist, da ich nicht recht in Worte fassen konnte, was ich eigentlich suche. Eine Lösung für Sam, eine Antwort auf die Frage, wie ich eine Geschichte, diese Geschichte erzählen kann. Bisher habe ich hauptsächlich Wege gefunden, wie es nicht geht. Linear, zum Beispiel, also von Anfang bis Ende. Fragmentarisch, Puzzlestücke sammelnd, „funktionierte“ genauso wenig, führte aber tatsächlich zu einer Annäherung. Wie eigentlich alle Versuche zu irgendwas führten. Nur eben nicht zu einem Abschluss.

Vermutlich, weil ich noch gar nicht so recht weiß, was ich eigentlich erzählen will. Angefangen hat es mit einem Mord, einer Toten vielmehr, dann stellte sich allerdings heraus, die Tote interessiert eigentlich nur peripher, wenn überhaupt und wie kann das sein, das ist doch schon eine Frechheit, da stirbt jemand und es interessiert keinen? Also es interessiert schon, aber für das, was ich erzählen will, interessiert es nicht. Das immerhin weiß ich, obwohl ich doch gar nicht weiß, was ich erzählen will. Vielleicht entsetzt mich das deshalb so, weil mir dieser Mord von Nutzen ist, in dem Sinn, dass er zeigt, was keinen interessiert.
Hä?
Tja nun.
Ich könnte die Geschichte doch auch einfach nicht erzählen.
Das habe ich auch schon ausprobiert.
Oder aus einer anderen Perspektive erzählen.
*gähn*

Im Zuge der heutigen, abendlichen Suche stieß ich auch auf Terezia Moras Nicht sterben und in der Leseprobe stand etwas davon, einen Adressaten zu finden.
Ich weiß nicht nur nicht, was ich erzählen will. Genauso wenig weiß ich, wem ich es erzählen will.
Mir selbst, im Zweifelsfall, aber ich weiß es ja nun schon. So irgendwie. Ich könnte noch zweitausend weitere Fragmente sammeln, schon wieder die gleiche Geschichte ein klein wenig anders erzählen, aber das macht keinen Sinn mehr. Sie ist jetzt da, die Geschichte, vielleicht noch nicht ganz, aber das, was fehlt, es findet sich nicht mehr mit planlosem Herumschreiben, zumindest fühlt es sich nicht so an.

Zumal es noch nicht einmal eine Geschichte ist, also keine, die den üblichen Mustern folgt, was vielleicht die Ursache dessen ist, dass ich keine Ahnung habe, wie sie zu erzählen ist. Denn am Ende ist nichts besser als am Anfang. Vielleicht ist noch nicht einmal etwas anders als am Anfang.

Und warum schreibe ich das jetzt hier? Weil ich mich damit beschäftigen möchte, weil irgendwann doch auch mal gut sein muss, weil ich die Geschichte zu einem Ende bringen will. Also stelle ich die Frage in den Raum. Vielleicht, wenn da eine Frage ist, wird auch irgendwoher eine Antwort kommen, irgendwann.

Dann muss ich nur noch hinhören.

Es ist alles noch viel schlimmer!

Heute morgen setzte ich mich ins Zahnarzt-Wartezimmer, sah zum Zeitschriftenregal hinüber und las dort diesen Titel.
Hm, dachte ich. Das ist ja jetzt total aufmunternd.

Optimistin, die ich bin, dachte ich insgeheim aber immer noch, dass das vermutlich genauso ist wie bei den „Nachrichtenmeldungen“ auf der GMX-Startseite. Die tun auch immer viel schlimmer, als es dann wirklich ist.

Tja nun, es kam anders.

Zuerst aber kam die freundliche Zahnarzthelferin, von der ich immer noch nicht weiß, was die richtige Bezeichnung für sie, beziehungsweise ihre Tätigkeit, wäre. Nennen wir sie der Einfachheit halber Petra, obwohl sie wirklich nicht aussah wie eine Petra.
Früher, als die neue alte Heimat noch die alte Heimat war, hieß Petra Frau Müller und zu Frau Müller ging ich so gern, wie man zu jemandem gehen kann, der einem mit furchterregendem Gerät im Mund herumkratzt.

Man weiß ja erst so richtig, was man hat, wenn man es nicht mehr hat.

Petra kann mit Frau Müller jedenfalls nicht mithalten. Frau Müller nämlich erzählte auch beim zweihundertneunzigsten Besuch (und ja, ich war wirklich oft bei Frau Müller) noch, was sie jetzt genau täte, als nächstes und in ebendiesem Moment. Das wusste ich natürlich alles schon, aber dass es trotzdem tendenziell beruhigend ist, fiel mir erst heute auf, als Petra eben nicht sagte, was sie da eigentlich tut. Nur am Anfang, das musste dann wohl reichen.

Frau Müller machte auch gern mal eine Pause und nun muss ich leider zugeben, dass ich das eine oder andere Mal dachte, dass ich dem Zahnarztstuhl sicherlich eine Viertelstunde früher hätte entfliehen können, würde Frau Müller nicht so viele Pausen machen.
Und nicht so viel erzählen.
Aber nun ja, man kann dann auch mal durchatmen. Und es beruhigt. Mich zumindest. Wenn Frau Müller von ihren Kindern, ihrem Vater und diversen anderen Familienmitgliedern erzählt.
Petra erzählte nur, dass sie morgen ins Palazzo geht und auch das erfuhr ich nur deshalb, weil sie Angst hatte, ich würde ihr mit meinem Ball ein blaues Auge hauen.

Bei Frau Müller gab es Lippenbalsam. In jeder Pause, wenn man wollte. Und ein Tempo, um den Mund trocken zu tupfen, nachdem man gerade wieder Blut gespuckt hatte. Man durfte überhaupt viel öfter spülen bei Frau Müller. Irgendwie gab es auch viel mehr Arbeitsschritte.

Aber das Wichtigste: Frau Müller bedauerte einen aufrichtig dafür, dass man jetzt in diesem ihrem Stuhl saß.
Aber ich will doch nur ihr Bestes!, schob sie dann hinterher und man glaubte es ihr sofort.
Ach, Frau Müller.

Ich hatte insgeheim schon beschlossen, Petra den Rücken zu kehren und zu Frau Müller zurückzukehren. Immerhin könnte ich mich dann nach dem Zahnarztbesuch auch wieder beim lachenden Bäcker mit Lieblingsbrötchen belohnen.
So weit weg ist es dann ja doch nicht.
*hust*

Eine Sitzung bei Frau Müller ist übrigens teurer als die bei Petra. Aber hey, die zwanzig Euro mehr (ja, zwanzig Euro! Mindestens), die investiere ich in diesem Fall gern.

Nur, dann kam ja noch das eigentliche, nämlich der Zahnarzt. Der guckte sich meine Zähne an, machte quasi Bestandsaufnahme und sagte daher allerhand unverständliches Zeug zur Kollegin von Petra. Eins B MD fünfundzwanzig, so in die Richtung. Zwischendrin verstand ich dann sogar etwas, nämlich: Da ist ein Loch.
Nein, nein, nein, dachte ich. Ich will nicht, dass da ein Loch ist.

Nützte leider nichts, es war immer noch da. Er machte sogar ein Foto davon und zeigte es mir (Börks. Das will doch keiner sehen!). Außerdem sagte er weitere unschöne Dinge, dass nämlich gleich zwei Zähne betroffen wären, bei dem einen könne man einfach die Füllung austauschen, bei dem anderen wäre das komplizierter, der hat nämlich keinen Nerv mehr und vom echten Zahn ist eigentlich eh nichts mehr übrig, daher wäre eine Teilkrone die beste Lösung und ach ja, eventuell ist auch die Wurzelfüllung schon infiziert, dann müsse man die auch neu machen und wieso schaffe ich es nur, in solchen Momenten immer noch zu lachen? Mir war doch eigentlich ganz und gar nicht danach?
Tja, nun.

Jedenfalls war das Loch genau an der Stelle, die ich sowohl Frau Müller, als auch meiner Ex-Zahnärztin jahrelang mit „irgendwas stimmt da nicht“ beschrieben hatte, von der aber beide, also hauptsächlich letztere, schworen, die sehe völlig gesund aus, nein, da wäre nichts. Das habe ich natürlich gern geglaubt. Vielleicht hat es auch gestimmt, es ist ja nun schon ein Weilchen her, dass ich zum letzten Mal dort war. Wer weiß.

Jetzt gehe ich aber doch erst noch einmal zu Petra. Beziehungsweise ihrem Chef.

Und dann wird sich zeigen, ob tatsächlich alles noch viel schlimmer ist. Sie drücken mir die Daumen, ja?

U7.

Kürzlich las ich bei der notaufnahmeschwester davon, dass die (jungen) Leute heutzutage wegen jedem Pieps zur Ärztin in die Notaufnahme rennen. Ich bin ja in einer Familie groß geworden, in der man eher zu spät als zu früh zur Ärztin geht. Das ist auch nicht immer zu empfehlen. Aber egal, davon will ich gar nicht erzählen.
Sondern von der Kinderärztin, bei der wir heute mit m waren. m ist (toi, toi, toi und das werde ich doch hoffentlich schreiben können, ohne dass es sich ins Gegenteil verkehrt) piepsgesund, wir waren mit ihr bisher nur wegen der üblichen Vorsorge- und Impftermine bei Ärzten. So darf das gerne weitergehen.
Die Kinderärztin jedenfalls fragte dieses und erzählte jenes und ich dachte, dass es mich gar nicht so sehr wundert, wenn alle Welt von einer Ärztin zur nächsten rennt.
Außerdem dachte ich an die letzten schwangeren Wochen mit m.
Meine Ärztin damals so: Hm, hm, das ist jetzt nicht schlimm, machen Sie sich mal keine Sorgen, aber ich würde sie lieber zu X überweisen, dass der sich das auch mal ansieht.
X so: Hm, hm, machen Sie sich mal keine Sorgen, aber kommen Sie doch morgen noch mal.
X so: Hm, hm, machen Sie sich mal keine Sorgen, aber gehen Sie doch morgen mal zu Y.
Y so: Hm, hm, machen Sie sich mal keine Sorgen, aber blablabla.
Tatsächlich hatte ich mir die ganze Zeit über keinerlei Sorgen gemacht. Erst nachdem das zwei, drei Wochen so ging, von wegen machen-Sie-sich-mal-keine-Sorgen war ich kurz davor, jetzt doch mal damit anzufangen, mit dem Sorgen-machen. Aber dann sagte Y (oder X oder wer auch immer) auch schon, dass man m jetzt vielleicht doch lieber ein bisschen anschubsen sollte. So richtig begeistert waren wir von der Idee nicht, aber hätten wir Nein gesagt, hätten wir wohl tatsächlich angefangen, uns Sorgen zu machen.
(Und klar, die gehen lieber auf Nummer Sicher und klar hätte ich nicht gewollt, dass etwas übersehen wird, aber ein klein wenig übertrieben erschien es mir dann doch.)

Jedenfalls erlebten wir heute bei der Kinderärztin ähnliches.
Nein, das sei (in diesem Fall) überhaupt nicht bedenklich, wenn Kinder mit zwei Jahren noch nicht sprechen (also noch keine Wörter, jedenfalls keine, die man im Duden finden würde), aber, aber, aber und das müsse man im Auge behalten.
Und ach, Sie stillen noch, hm, hm, natürlich können Sie ihr Kind noch stillen, aber, aber, aber hinterher auf alle Fälle Zähne putzen (dem Kind).
Ja klar, nachts um drei.
(Aber nachts soll das Kind natürlich sowieso nur Wasser trinken (wie, es schläft noch nicht durch?))

Wenn ich mir das Leben selbst ein bisschen beschwerlicher gestalten wollte. Dann könnten wir zum Beispiel auch das Kinderbett ins Kinderzimmer stellen (statt es an unser Bett anzudocken) und nachts um drei hänge ich (oder der MMM) halb auf dem Kinderbett, halb auf dem Boden und das Kind schläft bestimmt auch gleich wieder ein, nicht wahr, oder wenn nicht, dann müssen Sie das eben mal drei Nächte durchhalten, spätestens dann ist Schluss.
Ja klar.

Bevor das jetzt einer falsch versteht, wobei, irgendeiner versteht es mit Sicherheit falsch, aber egal, jedenfalls will ich damit natürlich nicht sagen, unser Weg wäre der einzig richtige und wahre. Ich will damit nur sagen, dass es uns damit gut geht, uns allen und warum zur Hölle sollten wir dann etwas daran ändern?
Weiß ich jetzt auch nicht.

Aber natürlich stellen wir uns und unseren Weg in so einem Fall in Frage, mal mehr, mal weniger, je nach Grad der Unsicherheit und das eine oder andere Mal haben wir tatsächlich schon das Kinderbett ins Kinderzimmer gestellt (im übertragenen Sinn jetzt). Das verursachte dann jedes Mal ein Riesendrama, das uns allen gehörig auf die Laune schlug und klar, das hätten wir natürlich nur drei Tage/Nächte/wasAuchImmer durchhalten müssen und dann wäre alles gut gewesen (oder auch nicht), aber öhm, vorher war doch auch schon alles gut gewesen?

R. erzählte mir gestern von einer Geschichte, die sie kürzlich gehört hatte, genaugenommen erzählte sie mir die Geschichte, es stellte sich heraus, dass ich sie schon kenne, der Fischer, der auf den Businesstypen trifft, der Businesstyp erzählt dem Fischer, was er an seinem Leben alles optimieren könne, um dadurch Zeit für die guten Sachen zu haben und der Fischer so: Aber das habe ich doch jetzt schon?*

Es wird schon klappen, diese Kinder-Sache, nicht wahr. Machen Sie sich mal keine Sorgen.

 


* Das ist jetzt natürlich sehr verkürzt und überhaupt nacherzählt. Ich weiß leider nicht (und habe es auf die Schnelle auch nicht herausgefunden), von wem die Geschichte ursprünglich ist.

Wie es mir gefällt.

Ich bin süchtig nach diesen Büchern, die einem suggerieren, es wäre möglich, man selbst zu sein, diejenige, die man gerne sein will, insgeheim. Man ist es nicht, schafft es nicht, aber dann passiert etwas, im Normalfall trifft man jemanden und dann schafft man es immer noch nicht, nicht auf Dauer jedenfalls, aber man merkt, er wäre möglich. Dann folgt der Teil, in dem man mehr oder weniger absurde Hindernisse aus dem Weg räumen muss, irgendwann gibt man auf, wird doch wieder zum gewohnten Selbst, diesem Selbst, das man eigentlich lieber nicht wäre, jetzt genügt es erst recht nicht mehr und dann passiert doch wieder etwas und Hurra!, das Leben kann beginnen, endlich.

Irgendwann habe ich mal einen Radiobeitrag über Sehnsucht gehört. Ich weiß nicht mehr, um was es genau ging, aber ich weiß noch, wie mich dieses Wort getroffen hat. Sehnsucht.

Die Leute in den Büchern wissen ja insgeheim immer, was sie zu tun haben. Das heißt, zuerst wissen sie es nicht, zuerst weiß es nur die Leserin und das eine oder andere Mal muss sie mit den Augen rollen, weil sich die Bücherleute so bekloppt anstellen. Aber so ist das im echten Leben ja auch, jemand erzählt von seinem Problem, man fragt sich, wo das Problem eigentlich ist, der andere müsste doch „einfach nur“ xyz tun, aber wenn man dann selbst mit seinem Problem dasteht und es kommt einer und sagt, man müsse doch einfach nur xyz tun, dann will man entweder die Augen verdrehen oder ihm kräftig ans Bein treten, in keinem Fall aber will und wird man xyz tun.

Irgendwann habe ich ein Buch gelesen, es hieß Ich warte darauf, dass etwas geschieht, einen ganzen Roman lang geschah nichts, gar nichts, zumindest erschien es mir damals so, ich weiß noch nicht einmal mehr, um was es eigentlich ging, aber der Titel, den vergesse ich nicht, immer wieder fällt er mir ein und jedes Mal fürchte ich, es wäre ein passender Titel für den Roman meines Lebens.

G. ist gestorben, aber statt an G. denke ich wieder nur an mich, wann habe ich G. das letzte Mal gesehen, ich hätte sie besuchen sollen, ich sollte so vieles, sollte mich an G. erinnern, erinnere mich auch, daran, wie sie einem die Tür geöffnet hat, mit irgendeinem Stofffetzen, den sie als Stirnband um die störrischen Haare gewickelt hatte, daran, dass ich an Bad-Hair-Days immer fürchte, mehr von ihr in mir zu haben, als ich mir wünschen würde, daran, wie sie die Plätzchendose hervorgeholt hat, daran, dass ich den Käsekuchen nach ihrem Rezept mache, daran, dass ich eine Kuchenform von ihr bekommen habe, die nutze ich immer noch, aber was hat jetzt das eine, was hat G. mit dem anderen zu tun, nichts, alles.

Dem Buch, das ich gerade gelesen habe, eins von denen, die einem suggerieren, man könnte diejenige sein, die man will, diesem Buch ist ein Zitat aus Wie es euch gefällt vorangestellt, Shakespeare, und die letzte Zeile, Sein Leben lang spielt einer manche Rollen, da dachte ich, nun ja, wenigstens dafür hat sich das Buch schon gelohnt, aber nicht nur dafür, es ist möglich, sagt das Buch und wie das so ist mit den Süchten, so richtig gut tun sie einem nicht, es ist möglich, denke ich abermals, diejenige zu sein, die ich will, scheiß doch auf alle Rollen, aber dann weiß ich wieder nicht, wie das gehen soll und wieder fällt mir der Titel ein, Ich warte darauf, dass etwas geschieht, nichts geschieht, man muss schon etwas tun, wenn ich doch nur wüsste, was.

Alles ist möglich, denke ich trotzdem jedes Mal aufs Neue, aber dann bleibt doch wieder alles gleich und es ist ja auch gut wie es ist, irgendwie, nur eben auch nicht. Ich versuche, darüber zu reden, so richtig, in echt, Wir sollten mal Squash spielen, bekomme ich als Antwort, Nein, denke ich, das sollten wir nicht, aber vielleicht liegt es auch daran, an meinem Nein, vielleicht sollten wir tatsächlich Squash spielen. Vielleicht aber auch nicht, vielleicht ist es mir nur nicht möglich, darüber zu reden, mich verständlich zu machen, wie soll das auch gehen, ich verstehe mich doch selbst nicht und nie ist genug Zeit, nie finde ich die richtigen Worte, immer greife ich zu den nächstbesten und dann rede ich darüber, dass neuerdings andauernd meine Socken kaputt gehen, ja wirklich, das tue ich und damit kann man nun wirklich keine Lösungen Wunder erwarten.

Das Buch ist zu Ende gelesen, sein Zauber noch da, schnell wird er sich verflüchtigen und dann werde ich wieder weiter funktionieren, ganz normal, das ist so schön einfach, vielleicht unternehme ich ein paar halbgare Versuche, dem alles ist möglich hinterherzuspüren, aber es wird nicht funktionieren, nie funktioniert es und ich weiß doch auch nicht, was fehlt, was sollte auch fehlen, alles ist gut, aber das ist es nicht, immer ist da dieses Dings im Hintergrund, dieses Dings, für das ich keine Worte finde, das Dings, das ich manchmal vergesse, so lange, bis mich das nächste Buch, das nächste Wort trifft.

Und jetzt weiß ich auch nicht.

Plus und Minus.

Diese Tage, an denen die Gedanken wild durcheinanderwirbeln. Ich müsste noch bei der Apotheke anrufen, wann war noch gleich der nächste Impftermin, ein Geschenk brauchen wir auch noch oder zumindest eine Karte, was soll man da schenken, warum ruft die mich jetzt an und erzählt mir das, sollen wir uns am Donnerstag nicht doch lieber woanders treffen, wie soll das überhaupt werden, was sollen wir eigentlich essen, ob wir R. direkt in der Stadt treffen sollen, nicht mit dem Fahrrad fahren, wie schafft man es eigentlich, dass sich das Kind mit den Schuhen anfreundet, …

Man sollte vermutlich meditieren.
Ich hätte sogar ein prima Meditationskissen, aber das ist wie mit dem Gärtnern – die Idee finde ich gut. Die praktische Umsetzung, nun ja. Und meditieren ist sowieso eher schwierig, wenn einem m am Bein hängt.
m schläft zwar gerade, aber das muss jetzt wirklich keiner wissen.

Durch den Wald laufen, na klar, aber da ist diese fünfundvierzig-Minuten-Begrenzung und fünfundvierzig Minuten durch den Wald laufen reichen üblicherweise nicht, um die Gedanken zur Ruhe zu bringen. Nichtsdestotrotz ist Wald ein guter Plan.

Was auch ein überraschend guter Plan ist: 222 Tests Mathematik.
Nachdem mich kürzlich mal wieder der Blackout überkam, als mir irgendwo eine äußerst simple Rechenaufgabe begegnete, hatte ich mir vorgenommen, 40 Tage mit Matheaufgaben zu verbringen.
Das ist eigentlich wider das Fastenprinzip, von wegen Verzicht und es soll ja schon ein bisschen weh tun und so. Vielleicht habe ich das mit dem Fasten auch noch nicht verstanden, egal, es war ein Anlass, Matheaufgaben zu machen und der Witz ist, dass ich völlig vergessen hatte, wie viel Spaß mir das macht. Das heißt, so richtig hatte ich es nicht vergessen, ich wusste schon noch, dass ich das immer gern gemacht habe. Was ich vergessen hatte, war das Gefühl. Wie es sich anfühlt, Matheaufgaben zu machen. Wunderbar, nämlich. Aufgaben, Lösungen, Struktur, Aha-Momente („Ach stimmt, so ging das“) und viele kleine Hurra-ich-kann-das-Momente. Die könnte ich mir natürlich leicht kleinreden, von wegen popelige Bruchrechnungen, addiere 5/6 mit 4/5, was soll denn daran schwer sein, aber hey. Ich kann das. Und es macht Spaß.
Daher: Entschuldigen Sie mich bitte, ich habe noch ein paar Brüche zu addieren und zu subtrahieren.

Das habe ich ganz toll gemacht.

Heute habe ich mal wieder meinen Zahnarztball geknetet.Und das neue Album von Adele gehört. Als ich das letzte Mal eine längere Zahnarztsitzung hatte, haben sie mir noch einen CD-Hefter in die Hand gedrückt. Dieses Mal bekam ich einen I-Pod. Bis ich heraushatte, wie man den bedient*, ging es auch schon los. Doch die SpontanPanikwahl Adele haute ganz gut hin, Adele hat eine sehr tröstliche Stimme.

Überhaupt Trösten. Vor mir war ein kleiner Junge in Behandlung, hatte sich ein Stück Zahn abgebrochen. Das machst du ganz toll, bekam der mindestens zehn Mal gesagt (so hörte ich im Wartezimmer).
Das mit dem „toll gemacht“ können Sie zu mir auch sagen, sagte ich der freundlichen ZFA, als sie mich zum Stuhl des Grauens führte. Sie lachte, dabei hatte ich das durchaus ernst gemeint.
Ich bekam folglich kein einziges „Das machen Sie ganz toll“ zu hören, obwohl ich meiner Meinung nach ziemlich tapfer war, vor allem, als die freundliche ZFA gleich zwei Mal einen Abdruck aus mir heraushebeln musste. Man braucht ordentliche Armmuskeln als ZFA.

Die freundliche Zahnärztin fragte, ob ich eine Betäubung wolle. Aber hallo, natürlich will ich eine Betäubung.
Blöd nur, dass ich jetzt, wo alles überstanden ist, Hunger habe, meine rechte untere Gesichtshälfte sich allerdings noch nicht wieder so anfühlt, als würde sie zu mir gehören.
Die Belohnungsbrötchen, die ich mir vom lustigen Bäcker mitgebracht habe, müssen also noch warten.

Und in zwei Wochen wieder.
„I miss you“, sang Adele. Nun ja. Eher nicht.

 

* Ist ja eigentlich ganz einfach. Aber hey, ich war gerade bei der Zahnärztin und in Panik.

Kleines rotes Cabriolet*

Hui, was ein aufregender Tag. Also für meine aktuellen Verhältnisse, erwarten Sie jetzt besser nicht allzu viel.
Dabei wäre der Tag eigentlich noch aufregender geworden, ich hatte es ja schon angekündigt, Ole, m und ich auf großer Fahrt.
Heute morgen rief dann allerdings K. an – die Magendarmseuche hat sie erwischt. Die große Fahrt fiel aus, was ich wirklich sehr schade fand, doch ein klitzekleines bisschen erleichtert war ich auch.

Aber Ole muss ausgefahren werden, nicht, dass er mir schon wieder schlapp macht. Und überhaupt, so kann das ja nicht weitergehen.

Ich packte m also doch ins Auto und fuhr – wie aufregend! – in den Supermarkt. Der ungefähr zwei Kilometer weit weg ist, aber fahren Sie mal mit einem kreischenden Kleinkind, da können zwei Kilometer ziemlich lang sein, vor allem, wenn diverse Ampeln, mehrfach zu querende Bahngleise und ein querstehender LKW auf der Strecke liegen.

Erstaunlicherweise (ein Glück!) gab es gar kein kreischendes Kleinkind.

Vielleicht fährt m lieber mit Ole, als mit des MMMs Auto. Vielleicht war das aber auch nur heute so, damit ich morgen voller Übermut einen Ausflug ins weiter entfernte Umland (sagen wir mal: acht Kilometer) anstrebe und dann: Ätsch! Beziehungsweise Kreisch.

Es bleibt spannend.

 

* Völlig in die Irre führender Titel. Aber das Lied fiel mir gerade ein.