Märchen erzählen

Ich falle immer wieder darauf herein. Gestern kam ich mir unfassbar produktiv vor, wegen allerlei Dingen, vor allem aber, weil ich einen Termin bei der Frauenärztin hatte und somit vor Augen, endlich diesen unsäglich lange vor mir hergeschobenen Punkt abhaken zu können.
Nun ja.
Es fing schon gleich damit an, dass die freundliche Arzthelferin nach Entgegennahme meiner Krankenkassenkarte meinte, ich sei ja überhaupt nicht versichert.
Was nicht stimmt.
Auch hier wieder: jedes Jahr das gleiche Drama. Die Krankenkasse schickt Formulare zur Verlängerung der Familienversicherung. Ich schicke die zurück, dann bekomme ich entweder Post, dass ich noch dies und das und jenes vergessen habe. Irgendwann dann die Nachricht mit der Bestätigung der Verlängerung.
Tage Wochen später bekomme ich eine neue Krankenkassenkarte.
In der Zwischenzeit habe ich dummerweise zwölf Arzttermine und das geht dann zwar alles irgendwie, aber entweder muss ich weitere komplizierte Formulare ausfüllen und/oder nach Wochen, wenn die neue Karte endlich da ist, mit eben dieser noch einmal zu allen Ärztinnen gehen, um eben diese Karte noch einmal vorzuzeigen.
So auch jetzt.
Ein Punkt abgehakt, ein neuer dazu.
Plus drei weitere, denn die Ärztin so: Und dann empfehle ich Ihnen noch dies und das und jenes.

Schwupp, schon war ich an dem Punkt, dass diese ganze Sachen-Abarbeiterei ja wohl überhaupt keinen Sinn macht und wenn das alles keinen Sinn macht, dann kann ich auch einfach nur auf dem Sofa herumsitzen und schlechte Bücher lesen.
Dummerweise hatte ich aber gerade keine schlechten Bücher parat, ich las mich stattdessen durchs Internet, landete irgendwann bei diesem Artikel und somit bei dieser Doku und dann guckte ich die, den ersten und dann auch gleich noch den zweiten Teil und das machte meine Laune auch nicht besser, denn so niedlich das einerseits ist, diese Kinder und was sie sagen, so sehr will ich gleichzeitig den Kopf auf die Tischplatte sinken lassen und „das darf ja wohl nicht wahr sein“ sagen.

Aber natürlich ist das wahr, das wusste ich ja vorher schon.

Ich will jetzt aber gar nicht über „ich wusste gar nicht, dass Mädchen auch Pilotin werden können“ reden, denn was bei mir hängen blieb, war besonders die eine Szene, in der ein Hau-den-Lukas aufgebaut war und die Kinder sich (eigenständig) in eine Reihe einsortieren sollten, ganz vorn diejenigen, die vermutlich am stärksten sind, ganz hinten die schwächsten.
Hinten standen natürlich die Mädchen und ganz hinten standen zwei besonders verschüchterte Mädchen, die sich kaum trauten, den Hammer überhaupt hochzuheben (was jetzt vielleicht klein wenig übertrieben ist. Aber auch nur ein klein wenig).

Jedenfalls, als ich mich vor dem Einschlafen drücken wollte, kam mir diese Szene wieder in den Sinn und ich fragte mich, wo ich mich wohl eingeordnet hätte, damals, vor langer, langer Zeit, als ich mal Zweitklässlerin gewesen war.
Vermutlich im vorderen Drittel der Mädchen, das aber nur, weil die anderen mir gesagt hätten, das sei der Platz, wo ich hingehöre. Und weil ich niemals das Mädchen ganz hinten sein wollte, das ging nicht, dann wäre es ja für alle total offensichtlich gewesen und niemand durfte das wissen, es hätte alles noch viel schlimmer gemacht.

Aber eigentlich war ich genau dieses völlig verschüchterte Mädchen ganz hinten.

Und dann fielen mir all die Momente ein, in denen ich etwas nicht getan habe, weil ich es mir nicht zugetraut habe und weil ich nicht wollte, dass alle sehen, dass ich das nicht kann und eigentlich habe ich mir andauernd nichts zugetraut und selbst wenn, kaum ging der erste Versuch schief, habe ich sofort aufgegeben, weil hey, ich wusste doch gleich, ich kann das nicht. Und im Grunde ist das alles noch immer so, ich bin noch immer das verschüchterte Mädchen ganz hinten und der noch größere Mist ist, dass mich das nicht einmal wütend, sondern einfach nur traurig macht.

Dann noch Collien Ulmen-Fernandes dazu, sie machte alles noch schlimmer, mit ihren großen Augen, ihrem Leuchtgesicht, ihrer „ich höre dir zu, nur dir und du liebe Zeit, ist das alles so interessant, was du sagst“-Ausstrahlung.
(Das ist jetzt vielleicht missverständlich, es hat rein gar nichts mit ihr selbst zu tun, also abgesehen davon, dass ich ihr diese interessierte Haltung total abnehme. Und die ist ja was Gutes, diese Haltung, aber das ist ja das Schlimme, falls Sie verstehen, was ich meine)

Außerdem dachte ich an den anderen Mist, von wegen, das innere Kind an die Hand nehmen. Dieses innere Kind Gerede, das ging mir seit jeher fürchterlich auf die Nerven, aber nun ja, jetzt weiß ich vielleicht auch wieso.

Irgendwann fiel mir ein, dass ich kürzlich von Imagery Rescripting gelesen hatte und hey, das wäre doch die Gelegenheit, es mal auszuprobieren, das Mädchen da hinten an die Hand nehmen, ihr sagen, komm, du schaffst das und wenn nicht beim ersten, dann eben beim achtunddreißigsten Mal.

Und dann wurde alles gut und ich lebte glücklich bis an mein Lebensende.

Ein Gedanke zu „Märchen erzählen

  1. Moni

    Bist Du nicht schon 2x zu Fuß über die Alpen nach Italien gelaufen, davon einmal ganz alleine?! Oder alleine mit dem Bus durch USA gereist? Und Du meinst tatsächlich Du traust Dir nichts zu? 🙂

    Antworten

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