one in five

Heute heulend* durch den Wald gelaufen. Einen Jäger getroffen. Einen Jäger! Und ich gehe einfach an ihm vorbei. Statt die Gelegenheit zu ergreifen und ins Gespräch zu kommen (einen Jäger könnte ich in Sachen Stapelverarbeitung gut gebrachen). Der Jäger kam natürlich auch nicht mit mir ins Gespräch, die Leute kommen selten von selbst mit mir ins Gespräch, vermutlich vor allem dann nicht, wenn ich tendenziell verheult aussehe.
Den Jäger also vorbeilaufen lassen.

Dabei begann der Tag gar nicht so schlecht. Also eigentlich schon, ich hatte nämlich mal wieder einen Zahnarzttermin. Als ich dann aber beim Zahnarzt an der Anmeldung stand, schauten sie mich erst groß an und schickten mich dann wieder fort, ich war nämlich eine Stunde zu früh da.

Diese Gelegenheit Stunde dazu genutzt, die schlimmsten Prokrastinationsbrocken anzugehen. Unter anderem die Heizungsfrau, Sie erinnern sich vielleicht. Dieses Gespräch habe ich nun schon ein paar Mal geführt:
Um was geht es? Ah ja. Das muss ich noch mal absprechen. Wir melden uns dann bei Ihnen.
Tja nun, da glaube ich jetzt nicht mehr so dran. Aber was soll man machen.

Dann beim Garagenmann angerufen. Stellt sich raus, der Garagenmann war früher der Kellermann und als Kellermann schon einmal bei uns vor Ort. Das ist vor allem deshalb erwähnenswert, weil uns fortwährend die Garagenmänner abhanden kommen. Derart, dass ein Garagenmann zu uns kommt, Dinge erzählt und wenn wir ihm daraufhin noch eine E-Mail schreiben, weil wir siebentausend Fragen vergessen hatten zu stellen, bekommen wir die Antwort, dass der Garagenmann nicht mehr in diesem Betrieb arbeiten würde. So langsam keimte der Verdacht, auf unserer Garage läge ein Garagenmännerfluch.

Der Garagenmann, der mal der Kellermann gewesen war, hatte jedenfalls gute Neuigkeiten. Über diese habe ich mich so lange gefreut, bis ich später mit dem Gartenmann gesprochen habe, der nämlich zeigte sich höchst entsetzt darüber, dass wir bald eine Garage haben. Das sei nun wirklich ganz schlecht und er würde uns in jedem Fall davon abraten, um Himmels willen, niemals.
Endlich kommt mal einer und sagt uns, was wir alles falsch machen besser machen könnten, aber dummerweise gerade dann, wenn es eigentlich schon zu spät ist.

Momente, an denen ich mich in eine Mietwohnung zurückwünsche.

Zwischen Garagenmann und Gartenmann war ich beim Zahnarzt. Das trug nicht eben zur Aufheiterung der Lage bei.
Liebe Natalie.
Ich vermisse Sie. Ich vermisse Sie ganz doll und natürlich hauptsächlich dann, wenn ich beim Zahnarzt bin. Ich fürchte, ich habe Ihnen das nie persönlich gesagt und hier werden Sie wohl leider auch nicht mitlesen. Aber wenn, dann wüssten Sie, wer ich bin, doch, ganz sicher, Sie sind so eine, die auch nach zwanzig Jahren noch die Namen ihrer Patientinnen kennt oder zumindest weiß, es mit einer Patientin zu tun zu haben. Eine, die freundlich „Frau K., wie geht es Ihnen denn?“ fragt und dann auch tatsächlich an einer Antwort interessiert ist. Und sollte ich Sie jemals verheult im Wald treffen, wüssten Sie mit Sicherheit etwas Aufmunterndes zu sagen. Sie würden auch nicht um mich herum räumen, säße ich im Behandlungsstuhl, zumindest nicht in der Form, dass ich mich wie ein störendes Objekt fühle. Sie würden nicht überhören, dass ich Sie etwas frage oder falls doch, hätte ich mit Sicherheit nicht den Eindruck, Sie hätten es überhören wollen. Und dann, wenn der Zahnarzt schon längst wieder weg ist, würden Sie noch so etwas wie „Jetzt haben Sie es überstanden“ sagen und dann würden wir zusammen lachen und Sie würden mir alles Gute wünschen und ich Ihnen auch und alles wäre allein deshalb halb so schlimm, weil es Sie gibt.
Liebe Natalie, ich vermisse Sie und hoffe, es geht Ihnen gut.

Im Wartezimmer traf (s)ich die Spezies: Ältere Herren aus der Gegend. Ich habe eine Schwäche für ältere Herren aus der Gegend. Also für diese spezielle Sorte, die auch in der Zahnarztpraxis so auftaucht, dass man meinen könnte, sie hätten ihren Traktor eben erst direkt vor der Praxistür abgestellt (und würden den Zahnarzt notfalls mit lebenden Hühnern bezahlen). Ältere Herren aus der Gegend fahren zwingend Traktor (zu dem sie natürlich Bulldog sagen, auch wenn es ein [beliebige Traktormarke hier einfügen] ist). Ältere Herren die gern auf Bänken vor ihrer Haustür herumsitzen oder sich anderweitig in ihrem Hof beschäftigen, dabei aber alles genau im Blick haben, vor allem, wer da vorbeikommt und für jeden haben sie einen passenden Spruch parat. Den sie natürlich in die Welt hinausrufen und natürlich reden sie auch kein Hochdeutsch und vielleicht liegt es hauptsächlich an diesem Dialekt, dass ich mich, sobald ich auf einen dieser älteren Herren treffe, sofort wie Zuhause fühle. Was ich dann ja meistens auch bin.

Vorhin darüber nachgedacht, warum dieses mich-Zuhause-fühlen nur für ältere Herren, nicht aber für ältere Damen gilt und dabei festgestellt, dass die älteren Damen einfach nicht sichtbar sind. Weil sie meist nicht auf einem Traktor herumfahren, keine Zeit dazu haben, auf einer Bank herumzusitzen und sich meistens auch eher drinnen als draußen beschäftigen und daher zwar vielleicht auch passende Sprüche parat hätten, aber viel seltener die Gelegenheit, diese auch anzubringen.

Dann über den von der Kaltmamsell verlinkten Artikel nachgedacht, genauer über das von ihr herausgenommene Zitat und wieder einmal völlig ratlos vor der Frage gestanden, wie man die eine von fünf aus diesem dem Zitat entnommenen Zitat sein kann:

Nearly one in five said anti-Semitism in their countries was a response to the everyday behavior of Jewish people.

Dann gedacht, dass ich weiter nicht Kluges dazu sagen kann, mich als nächstes aber daran erinnert, dass ich ja wenigstens öfter „ich bin anderer Meinung“ sagen wollte. Also in diesem Fall: Allein von der Religionszugehörigkeit darauf zu schließen, mit wem man es zu tun hat und dann noch so etwas wie „der hat es nicht anders verdient“ zu schlussfolgern – da fällt mir leider nichts dazu ein, abgesehen davon, dass das ja wohl völlig bekloppt ist.
Gleich weiter zu Fräulen Read On gedacht und ihrem Telefonat mit G. Auch dazu fällt mir leider nichts ein. Außer: Es tut mir so leid, dass so etwas passiert. Was geht es mich an, alles geht es dich an. Und mich auch.

*

Fast vergessen, die schönen Dinge des Tages zu erwähnen. Abgesehen von den üblichen (alle (soweit ich weiß) halbwegs gesund, Wald, Weihnachtsplätzchen, warmes Haus, Ole springt an und sogar auf Anhieb, …) bekam ich heute nämlich Bücherpost. Das Albgeräusch von Sven Koether. Kennen Sie natürlich, sofern Sie auch in der näheren Umgebung mitlesen.
Falls Sie es nicht kennen: Sollten Sie aber.

 


* aus keinen benennbaren Gründen

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