Wandern!

Den freien Tag gestern spontan auf dem Neckarsteig begangen. Also auf einem Teil davon, man will ja nicht übertreiben. Habe ich dann aber doch. Knappe fünfzehn Kilometer, da lache ich ja darüber. Dachte ich. Stellt sich raus, da habe ich früher darüber gelacht. Gestern Abend war ich dermaßen geplättet, dass ich sehr froh war, eine groß genuge Familie zu haben. Aber dazu später.

T. sagt immer, das blöde am Urlaub machen sei die Anreise, die Anfahrt, das Ankommen. Sie könne den Urlaub erst dann so richtig genießen, wenn sie angekommen sei, wisse, wo das Klo ist, wann es wo was zu Essen gibt undsoweiter.
Daran dachte ich gestern, als ich den Bahnhof suchte. Wegen sehr spontan und mal sehen, ob ich morgen überhaupt noch Lust dazu habe, hatte ich am Abend zuvor nur ganz grob geschaut, wie sich so eine Neckarsteig-Etappe umsetzen lässt, daher stand ich vor Ort zuerst etwas planlos herum, fand dann aber einen Stadtplan, kurz darauf auch den Bahnhof, dort sogar den richtigen Zug, der prompt einfuhr und als ich am Zielbahnhof wieder ausstieg, musste ich mich nur zwei Mal umgucken, um die erste Markierung für den Steig zu finden. Orientieren kann ich. Und dann habe ich sogar noch Spaß daran. Außer ich bin nass und mir ist kalt und es regnet. Aber das ist eine andere Geschichte.

Danach war ich dann wohl angekommen, denn ich musste mich fast gar nicht mehr orientieren, der Steig ist (zumindest für diese Etappe) unfassbar gut ausgeschildert, normalerweise ist es ja so, dass immer und überall Schilder und Markierungen sind, auch und gerade dann, wenn der Weg ohne jegliche Möglichkeit, vom ihm abzukommen, zwei Kilometer geradeaus führt. Nur genau da, wo es kniffelig wird und auch die Karte, die wir üblicherweise dabei haben, nicht weiterhilft, genau da steht dann weder Schild noch Markierung.
Hier nicht. Was gut war, ich hatte nämlich überhaupt keine Karte dabei. Vom Weg abkommen wäre somit eher schlecht gewesen.

Ich lief so vor mich hin und freute mich auf den Moment, an dem der Kopf endlich Ruhe geben würde. Der Moment kam schneller als gedacht, denn recht bald ging es ziemlich steil nach oben, eine Schlucht den Neckarhügel hoch, es gab Zeiten, da –
Ach, egal.
Jedenfalls, wie ich so da stehe und nach Luft schnappe die Sandsteinwände um mich herum bestaune, kommt ein klein wenig das Gefühl auf, dass sich viele Jahre zuvor breit machte, als wir am Ende des Pitztals auf dieses riesigen, massigen Bergwände zuliefen und ich zum ersten und einzigen Mal überhaupt dachte, dass es vielleicht doch ein bisschen anmaßend ist, da wirklich hoch zu wollen. Ich so klein, die so groß, diese Richtung.
Dabei kam das dicke Ende damals anderswo, dort wo Kühe lieblich auf dem Weg herumwiederkäuten, um sie herum Almrausch in vollster Blüte, Sonnenschein, blauer Himmel und tja, auf einmal kommt Wind auf, macht nix, ist ja eh viel zu warm, noch mehr Wind, noch viel mehr kalter Wind, hm, so langsam wird es unangenehm, noch viel kälterer Wind, mei, jetzt reicht es aber und warum kommt diese blöde Hütte, der Gipfel, das Ziel einfach nicht näher, obwohl wir schon stundenlang darauf zulaufen?

So ähnlich war es hier dann auch, na ja, überhaupt nicht kalt und nicht annähernd so bedrohlich, aber das Ziel, die Stadt, sie war ständig in Sichtweite und kam doch nicht näher.
Schließlich, endlich, der letzte Abstieg (so dachte ich), doch kaum war ich unten, will mich die Markierung wieder nach oben schicken. Ha! Mit mir nicht.

In der Stadt war passenderweise gerade Buchmarkt, es gab allerlei Leute, die Dinge mit Papier machen und diese verkaufen oder darüber erzählen. Und einen Bücherflohmarkt. So schaffte ich es, sogar an einem Sonntag zwei Bücher einzukaufen.
So ganz genießen konnte ich die Sache allerdings nicht, dafür war ich zu platt, außerdem hatte ich Hunger und Durst und vor Ort, also na ja, was das Angebot an Speis und Trank betrifft, da ist noch viel Luft nach oben (eventuell lag dieser Eindruck aber auch an mangelnder Aufnahmefähigkeit meinerseits). Eventuell wäre auch alles nicht so schlimm gekommen, hätte ich mehr zu essen mitgenommen, aber ich dachte, unterwegs würde sich doch sicher noch irgendwo ein Bäcker finden. Tja nun. Fand sich nicht.

Später lag ich höchst platt auf dem heimischen Sofa, als das Telefon klingelte und verdammter Mist, schon wieder einer im Krankenhaus*. Oder auf dem Weg dahin. Womit ich nun bei der groß genugen Familie wäre, denn hätte ich mich unterstützend auf den Weg ins Krankenhaus machen müssen, ich wäre wahrscheinlich trotz Sorgen machen auf irgendeinem Krankenhausstuhl eingeschlafen.
Obwohl, vielleicht auch nicht, denn zu Hause hat das mit dem Schlafen auch nur bedingt geklappt.
Was die Vermutung nährt, dass ich vielleicht doch noch topfit bin und fünfzehn Kilometer, da lache ich ja nun wirklich darüber, zumindest an Tagen, an denen die Hormone mitspielen. Beziehungsweise sich raushalten.
Na ja, vielleicht auch nicht.

(Nichts neues in Sachen Stapel. Gestern ging gar nichts mehr und heute habe ich stattdessen das Klo geputzt. Was dringend nötig war, aber vermutlich hätte ich es ohne Stapel noch ein paar Tage aufgeschoben.)

(Der Krankenhausler will am Samstag schon wieder feiern gehen. Der Optimismus ist ihm zum Glück nicht abhanden gekommen. Der Realitätssinn vielleicht schon eher, aber nun.)

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