Leben, sterben.

Kürzlich mit T. über das Leben gesprochen. T. findet das Leben nicht anstrengend. Also doch, schon, aber anders. Ich finde das Leben grundsätzlich anstrengend. Und dabei habe ich noch nicht mal ein anstrengendes Leben.
Morgens aufstehen ist anstrengend. Zu entscheiden, was nach dem Aufstehen zu tun ist, ist anstrengend. Sich nicht zu entscheiden, noch viel anstrengender.
T. gefragt, wie sie das denn mache, sich für eine der Optionen zu entscheiden, also beispielsweise einkaufen, aufräumen, mit den Kindern im Garten herumtoben – wo anfangen, mit was? Ich kann schlimmstenfalls mit der Überlegung, was zu tun ist, eine ganze Stunde verbringen. T. sagt, sie tut es eben einfach. Aber was? Und warum?
Ich tue auch irgendwas, irgendwann. Abends habe ich meist dennoch das Gefühl, nichts getan haben, also nichts, was dieser ganzen Anstrengung ihre Berechtigung geben würde.
Sie würde ganz oft denken, wie schön das Leben ist. Sagt T. Ja. Durchaus. Jetzt kann ich hier sitzen und denken und fühlen, wie schön das ist, hier sitzen können, atmen, nichts tut mir weh, na ja, der Problemzahn vielleicht ein bisschen, aber egal, keine „wirklichen“ Sorgen und ja, Nachbars Baum ist so schön grün und der Himmel so blau und die Vögel und alles.

Komischerweise oder vielleicht hat das eine auch mit dem anderen zu tun, denn wenn nichts einen Sinn hat, dann ist es egal und wenn es egal ist, ist die Entscheidung, ob die Wandfarbe nun creme- oder doch eher eierschalenweiß sein soll, auch egal und somit schnell entschieden, schneller als bei T., die selbst nach der Entscheidung noch eine Weile darüber nachdenkt, ob eierschalenweiß nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre.

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Passend zum Thema Leben schon wieder auf einer Beerdigung gewesen. m mit einem Keks bestochen, so dass ich dieses Mal sogar etwas von der Andacht(? Oder wie sagt man da?) mitbekommen habe. Schwierig, die richtigen Worte zu finden, schwierig, überhaupt Worte zu finden. Das meistgefundene Wort in diesem Fall dankbar – man solle doch dankbar sein, für die Zeit, die man mit dem Verstorbenen hatte, man solle dankbar sein für all das, was man mit ihm erlebt habe, es wäre doch eine gute Zeit gewesen.
Dankbar, [zensiert zensiert zensiert].
Das ist nun wirklich nicht das, was ich in einem solchen Moment hören wollen würde. Wenn einer fort ist und fehlt, fehlt so sehr, dann will ich nicht gesagt bekommen, ich solle dankbar sein.

Nun denn.

Wieder einmal bemerkt, dass es bei Beerdigungen keine Kinder gibt. Vielleicht liegt es am Alter der Beerdigten, vielleicht auch daran, dass man die Kinder mit Keksen bestechen muss, um selbst tatsächlich dabei sein zu können, also etwas mitzubekommen. m wäre ja auch nicht dabei gewesen, hätte sich die Gelegenheit ergeben, sie anderswo unterzubringen. Gesucht habe ich sie aber nicht, die Gelegenheit.
Wäre ja auch zu anstrengend gewesen (jetzt bitte Augen verdrehen).

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Und nun hinaus in diesen sonnigen Samstag, der Nachbar hat längst seine Arbeitshosen an, der Nachbar macht nicht den Eindruck, als müsse er je darüber nachdenken, was als nächstes zu tun ist, ob er das wirklich tun will und warum er das überhaupt tun sollte, aber nun ja, der Nachbar schlägt sich sicherlich auch mit irgendeinem Problem herum und denkt sich vielleicht, mei, die Nachbarin hat es gut, die kann da an ihrem Rechner sitzen und weißGottWasTun oder eben auch nicht.

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