Spaghetti.

Es gibt Dinge, bei denen man automatisch an andere Dinge denkt.
Spaghetti, beispielsweise.
Natürlich gibt es Begleitumstände, die dieses andere Denken auslösen, beispielsweise denke ich nicht an andere Dinge, wenn ich im Lebensmittelmarkt Spaghetti kaufe, auch nicht, wenn ich eine Handvoll Spaghetti in heißes Wasser gebe – ich denke nur dann an andere Dinge, wenn ich Spaghetti mit der Gabel drehe.

Denn:
Es war einmal die S., die zu Fuß nach Venedig wandern wollte*. Und dieses Vorhaben sogar in die Tat umgesetzt hat. Dabei traf sie auf den J. und die C., die wollten zufälligerweise auch nach Venedig wandern, zufälligerweise im gleichen Tempo und noch zufälliger verstand man sich gut, man war also fortan zusammen unterwegs.

Die S., die C. und der J. waren also auf dem Weg nach Venedig, genauer gesagt waren sie gerade am Piz Boè, noch genauer am Rifugio Boè, dort hatten sie sich ein Bett gesichert, zusammen mit Millionen anderer Wanderer, genauer: anderer Italiener.
Es war nämlich gerade Wochenende und es schien, als hätte der gemeine Italiener an diesem Wochenende nichts anderes vor, als im Rifugio Boè zu nächtigen. Der S., der C. und dem J. schwante schreckliches, genauer: eine schlaflose Nacht – es kam dann ganz anders, aber das wäre eine andere Geschichte und hier soll es um Spaghetti gehen.

Wenn man nach Venedig wandert, hat man ziemlich oft ziemlich großen Hunger. So war das auch an diesem Abend – die S., die C. und der J. saßen mit ihrem großem Hunger im Rifugio und harrten der Dinge, genauer: ihrem Essen, noch genauer: ihren Spaghetti.
Denn natürlich gab es Spaghetti, genauer: Spaghetti al Ragù, wie es das schon die Abende zuvor des öfteren gegeben hatte und auch die Abende danach des öfteren geben sollte, aber auch das wäre eine andere Geschichte.

Die Essensausgabe verlief nach einem ausgeklügelten System, das weder die S., die C., noch der J. verstanden und das so ablief, dass alle anderen zuerst etwas zu essen bekamen.

Die S., die C. und der J. starrten also neidisch auf die Teller der anderen (die natürlich ebenfalls Spaghetti aßen), und die S. hatte diesen Italiener im Blick. Der Italiener saß mit anderen Italienern an einem Nachbartisch und schwieg, genauer: er starrte in latenter Abwesenheit ins Nichts und drehte gedankenverloren seine Spaghetti.

Womit ich endlich zum Punkt komme: Mit der Gabel drehte er sie. Und nur mit der Gabel. Der Löffel lag ungenutzt daneben und wartete darauf, am Ende (der Spaghetti) das restliche Ragù aus dem Teller zu löffeln.

Das wäre wohl auch nicht weiter erwähnenswert, doch bei der S. ist es hängengeblieben als der Moment, in dem ihr ein Licht aufging und sie herausfand, dass ein echter Italiener keinen Löffel für seine Spaghetti braucht.

Seither dreht sie versucht sie ihre Spaghetti ebenfalls löffellos zu drehen und immer wenn sie das tut, denkt sie ans Rifugio Boè und den gabeldrehenden Italiener. Und an die C., den J., die Altherrenrunde, den Berg des Grauens, an Espresso, Hagelkörner, naserümpfende Amerikanerinnen, … aber auch das wären wieder andere Geschichten.

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* Das wäre jetzt nicht so erwähnenswert, hätte sie das Vorhaben beispielsweise in Mestre gestartet. Tat sie aber nicht, das Vorhaben startete in München und dann waren auch noch ein paar Berge im auf dem Weg. Aber das ist eine andere Geschichte.
** Jetzt dürfen Sie ein Mal raten, was es bei uns heute zu essen gab.

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