Wovon ich schreibe oder auch nicht.

Übers Schreiben schreiben, das ist doch bekloppt. Begründen kann ich das nicht, aber was kann ich schon begründen. Ganz davon abgesehen, sollte ich nicht lieber schreiben, als übers Schreiben zu schreiben?

Gerade las ich Euphoria*, darin hieß es, Sprache erschwere das Verstehen, ohne Sprache verstünde man mehr und besser (oder so ähnlich).
Aber zum Verstehen ohne Sprache sollte man zumindest ein Gegenüber haben, wie soll das sonst funktionieren. Wenn ich hier sitze und übers Schreiben nachdenke, ganz ohne Gegenüber, wer soll da etwas verstehen; selbst mit Gegenüber kann das doch nicht funktionieren, wenn ich nur denke und nichts weiter? Vor allem, wo ich die Gedanken noch nicht einmal selbst zu fassen bekomme, wo ich noch nicht einmal selbst verstehe?
Das heißt, Moment. Doch, das geht, das gibt es. Da gibt es jemanden, die in vermeintlich hingeworfenen Nebensätzen etwas schreibt und ich frage mich, woher zum Einhorn, weiß sie das und wie kann sie in einem Nebensatz etwas über mich sagen, was für zehn andere, die mich viel öfter sehen, niemals sichtbar werden wird?

Aber ich schweife ab. Ich wollte doch übers Schreiben schreiben. Das wollte ich schon, seit ich von Haruki Murakami Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede, gelesen habe, in dem es gleich neben dem Laufen auch ums Schreiben geht. Dann hat mich Murakami allerdings zum Schreiben motiviert und ich habe geschrieben, statt übers Schreiben zu schreiben.

Kürzlich aber hat mich m die halbe Nacht wach gehalten. Es gab nichts zu tun, zumindest fand ich nicht heraus, was ich hätte tun können, so hielt ich „einfach“ nur das Gebrüll aus und da ich dummerweise niemand bin, die in den Pausen zwischen dem Gebrüll einszweidrei wieder eingeschlafen ist, liege ich stattdessen weiter wach und denke, zumindest in diesem Fall, über Sam nach, genaugenommen denke ich nicht wirklich nach, wer kann das schon, nachts um drei Uhr, ich nicht, ich denke also nicht, weiß aber plötzlich etwas, nämlich, dass es das war. Die Geschichte mit Sam, an diesem Punkt ist sie zu Ende, das heißt, die Geschichte geht zwar noch weiter, ich kann sie aber nicht weiter erzählen, denn Sam sagt, alles weitere ginge mich einen Scheiß an.
Und dann liege ich da, mitten in der Nacht und bin ratloser als zuvor, wusste ich doch noch nie, was das mit Sam eigentlich soll und jetzt sagt er mir, hier sei Schluss, ich hätte das Dazwischen, bis hierher und fertig. Und dann frage ich mich (zum wiederholten Mal), was für eine Geschichte das sein soll, es erschließt sich mir immer noch nicht, ich weiß auch nicht so recht, wie ich das herausfinden soll, gleichzeitig weiß ich, dass ich es schon noch herausfinden werde, irgendwie, und dann frage ich mich, was das jetzt wieder mit mir zu tun hat, denn das Schreiben, das hat doch immer etwas mit einem selbst zu tun, zumindest in meinem Fall und gerade fällt mir auf, dass ich, was mein Leben betrifft, dieses Wissen leider nicht habe (dass ich es schon noch herausfinden werde) und dann fällt mir Murakami wieder ein, der schrieb, er müsse schreiben, um sich über etwas klar zu werden (oder so ähnlich) – vielleicht schreibe ich deshalb jetzt diesen Text; als nächstes fällt mir ein, dass ich irgendwo gelesen habe, man müsse die richtigen Fragen stellen, aber das hilft mir auch nicht weiter (überhaupt hilft nie etwas weiter, so scheint es), denn was sind schon die richtigen Fragen, ich habe sie noch nicht gefunden, nicht in Bezug auf Sam, nicht in Bezug auf mein Leben und dann sitze ich und sehe aus dem Fenster, sehe die Laterne, die neue, die nicht ganz so idyllisch ist wie die alte, insbesondere, da sie momentan ein Dixi-Klo bescheint, ich sehe also auf die Laterne und wünsche mir, ich säße auf einer Dachterrasse, der T. erklärte mir zum wiederholten Mal Sternbilder, die ich längst wieder vergessen habe, frieren würde ich und in eine Kerze schauen und Gesprächen zuhören oder auch nicht, ich würde einen Whisky trinken und eine Zigarette rauchen und jemand anderes sein, aber gleichzeitig auch nicht und irgendwie schreibe ich jetzt doch nicht übers Schreiben aber vielleicht doch.

 

* Hätte mir jemand gesagt, ich würde einen Roman über Ethnologen in Neuguinea lesen, der Anfang der 1930er Jahre spielt, ich hätte laut und lange gelacht. Aber ich hatte Vater des Regens gelesen, ich wollte mehr von Lily King lesen, es gab nur dieses eine weitere Buch, was will man da machen, es lesen und ein Glück. Ich behalte es nämlich, das Buch und das, wo ich noch nicht mal ein Bücherregal habe.

Was ich vergessen hatte.

Dass ich dann doch weiter lese und mit jeder Seite beschleicht mich das Gefühl, dass ich das Buch vielleicht doch besser gänzlich zur Seite legen sollte, denn was gerade noch ein Volltreffer war, entwickelt sich langsam aber unabsehbar zu etwas, das ich die Bücherkiste für den Flohmarkt packen werde. Statt in eine der Umzugskisten mit Büchern, die irgendwann irgendwo einen Platz im neuen Haus bekommen.

Menno. Dabei fing es so gut an.

Immerhin die Laune, also meine, hat sich stetig verbessert.
Zuerst noch mal ins Loch gefallen, hatte ich mich doch auf die Apfelernte gefreut und aufs Traktor fahren. Dann allerdings stellte sich heraus, dass m fürs Traktor fahren recht wenig übrig hat, alles war ganz schlimm, auch, nachdem wir sie längst vom Traktor herunter gerettet hatten. Ungefähr drei hauptsächlich vom MMM befüllte Apfelkisten später stellte sich heraus, dass der ebenfalls mitgebrachte Kinderwagen ein halbwegs sicherer Ort ist, ab dem Zeitpunkt ging es wieder aufwärts, nur mit dem MMM nicht, der wurde von einem Schnupfen befallen.
Auch der Backofen ist noch nicht sauber, der Küchenboden klebt ebenfalls, der Kuchen tropfte nämlich nicht nur in den Backofen, sondern auch auf den Boden und wenn man mit Küchenpapier mal eben schnell über die Fliesen wischt, ist das nicht sonderlich effektiv, ich habe das für Sie getestet. Einen Waschbären müsste man haben*.
Aber der Kuchen, der kam gut an und war gar nicht so falliert wie befürchtet, im Grunde überhaupt nicht. Kuchen backen könne ich, wurde mir bescheinigt. Immerhin etwas. Irgendwann einmal dachte ich darüber nach, Bäckerin zu werden, kurz nur, denn: die Arbeitszeiten! Nein, danke.

Morgen allerdings wird alles ganz schlimm und anstrengend, ganz bestimmt, denn wenn ich das befürchte, kommt alles ganz anders und m wird im Auto tief und fest schlafen oder zumindest höchst zufrieden aus dem Fenster schauen, wir werden Pommes bekommen, mit Ketchup, wir werden Steine ins Wasser werfen und das ganz großartig finden, später wird es Kuchen geben, alle sind guter Stimmung, total entspannt und haben sich lieb; der MMM wird eine seiner über-Nacht-genesen-Wunderheilungen erleben, mich nicht anstecken, m nicht anstecken, wir werden sogar an die Äpfel denken und ans Geschenk und ach ja, wählen. Wählen gehen wir auch noch.

Oh oh.

 

* Nein, das müssen Sie jetzt nicht verstehen.

Bücher finden.

Christine schreibt von einem gefundenen Buch.
Das fand ich lustig, hatte ich doch kürzlich erst anderswo die Frage gelesen, wie man seine Bücher finden würde.

Wie findet man Bücher, merkwürdige Frage. Ich finde überall Bücher. Vor allem natürlich in Buchhandlungen, Bibliotheken, öffentlichen Bücherregalen, Flohmärkten, …

Obwohl, das stimmt nicht. Das ist so ähnlich wie mit der Laune, hoch, tief, finden, nicht-finden.

Zur Zeit finde ich andauernd Bücher, der Stapel dessen, was ich lesen könnte, ist wohltuend hoch. Dann gibt es wieder Zeiten, da finde ich nichts und der Stapel dessen, was ich lesen könnte, besteht aus drei Büchern, auf die ich allesamt keine Lust habe.

Aber davon wollte ich gar nicht erzählen, mehr davon, dass ich viele Bücher auch im Internet finde – ich lese etwas, denke „oh, interessant“, suche nach dem Interessanten, finde etwas ganz anderes, suche erneut und finde wieder etwas anderes.

Der letzte Bucheinkauf fing mit diesem Blogeintrag an, ich kann allerdings nicht mehr sagen, wie ich von „Wir hier draussen“ und Andrea Hejlskov auf „Formbewusstsein“ von Frank Berzbach und „Dass wir uns haben“ von Luise Maier gekommen bin. Die liegen mittlerweile aber auf dem Stapel dessen, was ich lesen könnte.

Ich weiß auch nicht mehr, wie ich auf „Ich bin böse“ von Ali Land gekommen bin, dem Buch, das ich gerade lese oder auch nicht, es ist nämlich (bisher, zweites Drittel) einer dieser seltenen Volltreffer, die ich immer wieder weglegen muss, obwohl es schwer fällt, nein, gerade weil es schwer fällt, lege ich es weg, damit ich noch ein bisschen mehr Zeit mit diesem Buch verbringen kann.
Wobei in diesem speziellen Fall hinzukommt, dass es ganz gut tut, ein bisschen Abstand zum Inhalt (= meine Mutter ist eine Kindermörderin, wie sieht es mit mir aus) zu bekommen.

Jedenfalls mag ich das total, wenn man von einem aufs andere kommt und immer noch eine neue Spur auftaucht, die man weiterverfolgen könnte.
Obwohl, das stimmt auch wieder nicht so ganz, ich mag das nicht immer, manchmal komme ich von einem aufs andere und am Ende ist nichts, überhaupt nichts hängen geblieben, abgesehen von dem unangenehmen Gefühl, unendlich viel Zeit im Internet vertrödelt zu haben.

Eine Zeitlang half ich immer wieder mal dabei, gespendete Bücher für einen Bücherflohmarkt vorzusortieren. Das war im Grunde ganz ähnlich, die Leute brachten Kisten und ich fand das immer sehr spannend – was ist wohl in der Kiste drin, welche Schätze finden sich? Meist fanden sich gar keine, jedenfalls nicht für mich, oft genug war die Kiste voller Readers Digest oder ähnlichem, was nun wirklich keiner lesen will, ich jedenfalls nicht. Aber manchmal war doch ein Schatz darunter.

Heute morgen jedenfalls, als ich bei Christine vom hungrigen Gras gelesen habe, da musste ich gar nicht mehr weiter suchen, das fühlte sich gleich nach einem Treffer an.

HochTiefGehtSo.

Eigentlich sollte das ein ganz anderer Beitrag werden.

Tja.

Heute morgen, als ich so etwas wie „was für ein wunderbarer Tag“ dachte, dachte ich gleich noch ein „oh, oh“ hinterher. debruma hat darüber schon geschrieben, ich bin gerade zu faul zum Suchen, lesen Sie sich einfach durch, das schadet nichts.
Geschrieben darüber, dass die Laune unweigerlich wieder in den Keller sinken wird, wo sie gerade noch hoch oben ein Grinsen ins Gesicht zaubert (debruma hat das ungleich drastischer ausgedrückt).
Gleich nach dem „oh, oh“, fragte ich mich daher also, wie lange das Hoch wohl andauern würde. Und vermutete befürchtete: Gar nicht so lange.

Immerhin bis kurz nach Mittag.

Kurz nach Mittag passierte irgendetwas. Was, weiß ich gar nicht so genau, mangelnde Beachtung vielleicht, ich habe versucht, der Ursache hinterher zu denken, kam aber nicht so richtig drauf. War eben einfach so. Was will man da machen.
Vielleicht nicht unbedingt auch noch auf den Spielplatz gehen, vor allem dann nicht, wenn dort andere Menschen sind. Vor allem auch nicht trockenes Brot zu Knödelbrot zerschneiden, nebenher einen Hefeteig zubereiten und das Kind davon abhalten, den Hefeteig aufzuessen, das Knödelbrot auf dem Boden zu verteilen, usw.

Mittlerweile ist das Tief fast schon wieder vorbei (puh, das ging schnell). Jetzt nämlich, wo sich der missglückte Kuchen gerade im Backofen verteilt, das heißt nein, ich vermute hoffe, der Kuchen ist gar nicht so missglückt, er läuft nur einfach über (und morgen kann ich dann zwei Stunden lang Backofen putzen); jetzt aber kann ich schon fast wieder darüber lachen, war doch eigentlich klar, dass die Sache mit dem Kuchen in die Hose geht, hallo, die Füße hätte ich hochlegen sollen, laut Musik hören, irgendsowas, aber nein. Habe ich nicht getan.

Gleich gibt es Semmelknödel. Das ist zumindest der Plan. Vermutlich werden sie im heißen Wasser auseinanderfallen.

*

Taten sie nicht. Dafür waren allerdings die Pilze verschimmelt.

Pappel, die.

Seit die alte Heimat wieder zur Alltagsheimat geworden ist, bin ich nur noch am Staunen. Wie konnte ich über zwanzig Jahre hier leben und noch nie an diesem und jenem Ort gewesen sein?

Heute habe ich ein Pappelnest gefunden. Würde ich Liebeserklärungen schreiben und würde ich ebenjene an Bäume adressieren, die Pappel wäre die erste, die Post bekommt. Ich müsste mich natürlich zwischen Schwarz-Pappel und Zitter-Pappel entscheiden. Hm. Vielleicht doch nicht so einfach.

[…]

Nun habe ich gerade im Internet nach einem geeigneten Pappel-Link gesucht und was sehe ich an zweiter Stelle der Ergebnisliste?
„Die Pappel als Problembaum.“
Tss.

Einer der anderen Links sagt unter Wissenswertes:
„In der Antike galt die Pappel als Baum der Trauer und der Unterwelt.“
Ha! Das ist ja nun wieder ein höchst eigenartiger Zufall. Serendipity, Sie wissen schon.

Aber ist ja eigentlich auch egal. Der Link.

Pappelnest gefunden.
Dabei wollte ich eigentlich ganz woanders hin. Doch der Wald, in den ich wollte, er machte heute Abend nicht den allereinladensten Eindruck. Obwohl er kürzlich noch so nett zu mir war.
Ich fuhr also weiter. Dorthin, wo der Weg vermeintlich im Nichts endet und warum soll man dann überhaupt dort entlang fahren.
Tja, über zwanzig Jahre und dennoch keine Ahnung. Der Weg stellte sich als einer heraus, bei dem ich andauernd hätte stehen bleiben können, was ich aber nicht tat, was gut war, denn – huch! – plötzlich steht da eine Pappel. Und noch eine. Und noch eine. Und so weiter.
Der Weg ging dann übrigens immer noch weiter, von wegen Sackgasse, aber nun ja, ein andermal, jetzt musste ich tatsächlich anhalten. Denn das waren keine Miniwutzelpappeln, das waren ausgewachsene die-kriege-ich-nicht-mal-mehr-umarmt-Pappeln (was ich natürlich versucht habe).

Nicole hatte irgendwann geschrieben, wenn man am Stamm einer Pappel lausche, höre man das Wispern noch einmal mehr und ganz anders (oder so ähnlich).
Nun ja, Nicole scheint andere Pappeln zu kennen. Vielleicht diese hundsgemeinen Kanadapappeln (folgen Sie dem Problembaumlink).

Vielleicht habe ich das Wispern aber auch einfach nicht gehört, weil die Pappeln auch ohne Stammlauschen schon gehörig rauschten. Wie Pappeln das nun mal so tun. Bei Wind.
Hach, Pappelrauschen. Das ist das allerallerbeste. Da will ich sofort die Hängematte von hier nach da spannen, nach oben schauen und/oder einfach nur die Augen schließen und nie mehr fortgehen.

Nun ja, m wachte auf. m findet Pappelrauschen jetzt noch nicht so wahnsinnig spannend. Aber das wird vielleicht noch.

Und wenn er aber kommt.

Am fünfzehnten August ist es vorbei, sagt H. und meint die Schwimmbadsaison. Genauer: Die Möglichkeit, mit einem Schwimmbadkiosk Geld zu verdienen.
Und nach dem fünfzehnten?
Sie winkt ab. Da kommt kaum einer mehr. Und wenn doch, bleibt er nicht lange.

H. hatte allerdings die Extremversion, lebte sie doch zu Kioskzeiten in einer Ecke des Landes, in der es meist um die sechs Grad kälter ist als anderswo. Noch dazu hatte irgendeiner das zum Kiosk gehörende Schwimmbad in der schattigsten Ecke des Ortes beheimatet. In der es umso schattiger wird, je kürzer die Tage. Ab Anfang August schafft es die Sonne kaum mehr über den Wald.
Und das Schwimmbecken war noch nicht einmal beheizt. Brrr.

Die Sache mit dem Schwimmbadkiosk könnte also andernorts ganz anders aussehen.

H. hat trotzdem Recht. Morgen ist der erste August und draußen lauert der Herbst. Treibt den Wind durchs Maisfeld, rüttelt an Nussbäumen, malt Äpfeln rote Backen, lässt den einen oder anderen herunterfallen, auch die Blätter fallen, taumeln von den Bäumen, eins hier, eins da, wenn der Regen fällt, klebt er sie am Boden fest: grüne Blätter, mit Ahnungen von gelb.
Auch der eine oder andere Birnbaum zieht schon sein rostrotes Kleidchen an, posiert zwischen Strohballen und durchziehenden Wolken.

Bei der Gemüsefrau stehen schon die Kürbisse.
Noch kaufe ich Tomaten, aber hey, Herbst.
Ich freu mich drauf.

Auf die Ohren.

Kürzlich waren wir schwimmen. Schwimmen ist ein super Sache, blöd nur, wenn man Wasser in die Ohren bekommt (was ja nicht ausbleibt) und auf einmal nichts mehr hört. Na ja, weniger hört als zuvor.
Das war natürlich abzusehen, hatte ich doch vorher schon weniger gehört und dachte fürchtete, mal wieder zum Arzt zu müssen, Ohren ausspülen.

Nun hatte mir der Badesee die Entscheidung abgenommen.

Ging ich also zum Hausarzt, zum alten, jetzt wieder neuen. Der neue alte hatte das immer höchstselbst erledigt, mit einer antik anmutenden Riesenspritze. Der aktuelle sagte, das mache er man nicht mehr selbst, da müsse ich zum HNO-Arzt.

Bei dem man natürlich nicht einfach so vorbei gehen kann, da braucht man einen Termin. Den ich immerhin schon zwei Tage später bekam.
Einen Termin haben, heißt allerdings noch lange nicht, dass man auch zu eben diesem Termin drankommt. Wo käme man da hin. Immerhin musste ich nur eine dreiviertel Stunde warten, bis ich aufgerufen wurde.

In dieser dreiviertel Stunde funktionierten das gänzlich und das fast verstopfte Ohr dann doch noch gut genug, um Wartezimmergespräche mitanzuhören. Am liebsten wäre ich geflohen, eine andere Möglichkeit wäre gewesen, den Sprechenden die Zeitung überzuhauen, auf die ich mich nun nicht mehr konzentrieren konnte, ganz sicher hätte ich aber sagen sollen, dass ich hier nicht die schweigende Zustimmung vertrete, sondern im Gegenteil gänzlich anderer Meinung bin.
Es ging, man kann es sich vielleicht denken, darum, wie schlecht es uns allen doch geht, besonders den Rentnern. Die Jungen, die arbeiten ja nichts mehr, überhaupt arbeitet kaum einer mehr was, stattdessen bekommen alle Sozialhilfe und die da oben, die Politiker, furchtbar, die haben doch keine Ahnung, die lügen uns nur an. Und die Grenzen, die hätte man natürlich zumachen sollen, wer soll denn das alles bezahlen und auf die Straße kann man auch nicht mehr, da sind überall Ausländer, das ist nicht mehr sicher und dann schalten sie auch noch die Videoüberwachung ab. Aber man darf ja nichts sagen, sonst würde man gleich als Nazi, Antisemit, Rassist, was auch immer beschimpft. Nazi! Und das müssen wir uns bieten lassen, bin ich doch nach dem Krieg geboren. Sagte sie. Und ihren Vater, den hätte sie gefragt, der war bei der Wehrmacht, die hätten natürlich nichts, überhaupt nichts von dem gewusst, was in den Konzentrationslagern und überhaupt überall passiert ist.

Ja klar.

Es geht uns allen wirklich furchtbar schlecht. Dir vor allem, die du ein Haus hast (in dem du allerdings nicht schlafen kannst, weil die Mähdrescher bist kurz nach Mitternacht an deinem Schlafzimmerfenster vorbeifahren, schlimm), einen Mann hast du auch noch, der hat sogar noch Arbeit, beim Schwiegersohn, Familie also auch, wobei, das mit der Arbeit des Mannes ist vielleicht sogar eher schlecht, ist er doch eigentlich schon Rentner (aber was würde er mit all der freien Zeit nur machen?), du gehst andauernd zum Arzt, das ist natürlich nicht gut, aber hey, es gibt Ärzte und du kannst hingehen, einfach so, Krankenkasse sei Dank, natürlich hast du dafür bezahlt, ich weiß. Am Essen mangelt es dir augenscheinlich auch nicht, vermutlich kommt (warmes) (Trink)Wasser aus den Leitungen, wann immer du willst und ach, verdammt, am meisten ärgere ich mich ja doch über mich selbst, weil ich nichts dazu gesagt habe.

Meine dreiviertel Stunde war dann nämlich um, ich durfte ins Behandlungszimmer, eine nicht ganz so freundliche, eher nun ja, der halbe Tag ist schon vorbei, aber die andere Hälfte steht leider noch bevor Arzthelferin schaute mir ins Ohr, ging dann wieder, ich schaute mir Plakate an, Falten entfernen, stand da und ich staunte darüber, wo man überall Falten haben kann, die man lieber nicht hätte, nervte mich noch ein wenig darüber, dass ich womöglich wegen all den Faltenentfernern so lange warten muss.
Wenig später kam der Arzt ins Zimmer geweht. Mist, dachte ich, das ist so einer, der im Grunde gar nicht da ist. Hallo, sagte er, schaute mir ebenfalls kurz in die Ohren und verbrachte die meiste Zeit, also ungefähr zwei Minuten damit, Dinge in den PC einzutippen. Und schon war er wieder weg. Wünschte mir immerhin noch alles Gute.

Die Arzthelferin kam zurück, legte ein Handtuch auf meine Schulter, drückte mir eine Schale in die Hand, die ich unters Ohr halten sollte und machte im Grunde genau das gleiche wie mein alter Hausarzt, nur eben nicht mit der antiken Riesenspritze, sondern mit einem an eine Maschine angeschlossenen Schlauch. Beim ebenjenem Hausarzt fühlte ich mich dennoch aufgehobener, besonders, als die Arzthelferin mir dann noch mit einem Stäbchen(?) im Ohr herumfuhrwerkte.

Immerhin hörte ich jetzt aber wieder. Auf der einen Seite zumindest. Die andere bemängelte ich, aber da wäre nur Wasser drin, ich solle den Kopf mal zur Seite legen, tatsächlich, es wurde besser, aber irgendwie – hm. Sie sah sich die Seite noch einmal an und war zufrieden mit sich.

Am besten machen Sie das alle halbe Jahre, sagte sie zum Abschied.
Aber sicher nicht bei Ihnen, dachte ich.
Sagte aber schon wieder nichts.

Und der nächste (Tag).

Heute Nacht wurde ich ausnahmsweise nicht von m, sondern vom Gewitter geweckt. Gleich zwei Mal. m wurde natürlich auch wach, ob vom Gewitter, von unserem „schnell, schnell, alle Fenster zu*“ oder einfach so, man weiß es nicht.

Als die Nacht zu Ende war, gewitterte es immer noch. m und ich sahen gerade – an nichts Böses denkend – vor dem Fenster dem grauen Geprassel da draußen zu, als – KAWUMMS! – der Blitz in den Baukran gegenüber einschlug. Hui. Das darf gern mein letzter Blitzeinschlag aus nächster Nähe gewesen sein.

Das Gewitter hatte sich verabschiedet, der Regen hingegen war noch da, als das Handy klingelte. P. ist dran** und ich wundere mich, warum er nicht auf dem Festnetz anruft.
P. wundert sich auch: „Was ist denn mit eurem Telefon? Ich habe es schon fünf Mal versucht und immer ist besetzt!“
Ich prüfe nach, ob m den Hörer mal wieder nicht richtig aufgelegt hat, aber nein, der Hörer liegt richtig, das Display zeigt auch alles richtig an, nur ein Freizeichen gibt es nicht.

Wenig später klingelt es schon wieder, dieses Mal an der Haustür. Einer der Bauarbeiter von gegenüber. Ob wir denn noch Strom hätten? Einen kurzen Moment lang weiß ich das selbst nicht, das kaputte Telefon hat mich verwirrt, aber ich habe ja gerade die Klingel gehört, außerdem läuft die Spülmaschine, natürlich, wir haben Strom.

Das Internet geht allerdings auch nicht, dabei könnte ich es gebrauchen, um die Telefonnummer unserer Nachbarin herauszufinden. Deren Autofenster, so sehe ich gerade, stehen nämlich noch auf. Natürlich könnte ich einfach bei ihr klingeln, aber der Regen und m, also suche ich die Telefonnummer, aber tja, fehlendes Internet und die Telefonbücher habe ich kürzlich, als es sie auf der Post gegeben hätte, links liegen gelassen, braucht doch kein Mensch mehr.
Ha.
Gehen wir also doch durch den Regen.
Die Nachbarin freut sich. Nicht über die Nachricht, aber darüber, dass wir ihr Bescheid gesagt haben.

Später, mittlerweile hat sich auch der Regen verabschiedet, stehen wir mit dem Fahrrad vorm Lebensmittelladen, als B. mit Einkäufen beladen herauskommt. Ich erzähle vom Blitz und fange an zu verstehen, wie das mit der Dorfkommunikation funktioniert und warum immer alle alles gleich wissen.

Was ich allerdings nicht wusste, zeigte sich später. Auf dem Rückweg treffen wir A., ich halte sofort an, wollte ich sie doch sowieso schon die ganze Woche lang anrufen und nach dem Patienten fragen. Stellt sich heraus, dass ich niemanden erreicht hätte, weil A. selbst zu einer Patientin geworden ist und ein paar Tage im Krankenhaus verbracht hat.
A. hat immer noch Kopfschmerzen, der andere Patient sitzt hingegen schon wieder im Kurpark und trinkt Wein***.

Praktischerweise will A. gerade ein paar Gurken loswerden, das passt, jetzt, wo ich endlich weiß, was es später zu essen gibt und ich mich frage, ob die eine Gurke wohl noch im Kühlschrank herumliegt oder schon zu Gurkensalat geworden ist.
Quark wäre auch noch wichtig, aber nun ja, den hat A. natürlich nicht zu bieten, müssen wir später eben noch einmal einkaufen gehen, es ist sowieso überhaupt nicht zu fassen, dass wir andauernd einkaufen gehen, wie kann das eigentlich sein.
Das kann natürlich deswegen sein, weil wir keinen Plan machen haben und erst im Lauf des Tages herausfinden, was wir eigentlich essen wollen.
Glücklicherweise zählt „Lebensmittel einkaufen“ aber zu einer meiner Lieblingsbeschäftigungen und was soll man auch sonst mit dem Tag anfangen.

Der heute war allerdings überraschend schnell vorbei.

 


* Es regnete überraschenderweise auch nicht von rechts nach links, wie es das sonst immer tut, sondern von links nach rechts.
** Und hatte natürlich einen Auftrag für uns.
*** Was er natürlich besser nicht tun sollte. Aber sagen Sie ihm das mal.

Und noch einer (Tag).

Heute war ich seit langem mal wieder in der Zivilisation im Buchladen. Das liest sich jetzt so einfach, aber diesem Vorhaben ging eine ungefähr halbstündige Überlegung voran. Soll ich, soll ich wirklich, was wäre denn die Alternative, fahre ich mit dem Fahrrad oder mit dem Auto, ist das nicht zu viel Aufwand für zu wenig Ertrag, undalleswiedervonvorn. Früher musste ich nicht so lange überlegen, um die Frage „Buchladen Ja oder Nein“ zu klären, aber früher konnte ich mich im Buchladen auch noch in aller Ruhe nach Büchern umsehen.

Wir fuhren (mit dem Auto). Was sollten wir auch sonst tun. Dass ich mich fürs Auto entschieden hatte, führte denn auch zu einer seltsamen Begebenheit, denn in der Nähe unseres Parkplatzes parkte ein silbernes Altherrenauto mit dem passenden alten Herrn darin auf der (quasi unbefahrenen) Straße. In der prallen Sonne.
Das allein wäre noch keine Begebenheit, auch nicht, dass der Motor lief, nun ja, ein Umweltsünder, die gibt es, und die lassen den Motor auch mal die Viertelstunde laufen, die es dauert, den Kinderwagen auszuladen, aufzuklappen und das Kind darin zu verstauen, beziehungsweise die Viertelstunde, die es dauert, bis Hannelore der Inge die Kiste Erdbeeren aus dem Altherrenkofferraum gebracht hat.
Als m und ich aber nach ungefähr einer Stunde zurückkamen, parkte das Auto immer noch an der Straße. Noch immer lief der Motor. Die Sonne schien praller als je zuvor auf den alten Herrn, der immer noch im Auto saß. Von Hannelore weit und breit nichts zu sehen.

Im Buchladen aber kaufte ich gleich zwei Bücher. Genaugenommen waren m und ich sogar in zwei Buchläden, aber im zweiten ging einem von uns die Puste aus, der zählt daher nicht.
Es ist andererseits auch wieder recht spannend, Buchkauf mit Kind. Man weiß nie so recht, was man da eigentlich eingekauft hat, kann man doch maximal zwei Sätze lesen (und ich kann sehr, sehr schnell lesen), bevor man das Kind davon abhalten muss, den Postkartenständer auszuräumen. Und sogar die dicken Aufkleber auf dem Cover entgehen einem; BestBestseller steht darauf, was soll das denn, hätte ich es bemerkt, ich hätte das Buch nie gekauft.
Zum Lesen habe ich eigentlich auch keine Zeit, jedenfalls nicht zum Lesen von „echten“ Büchern.
Was schade ist, denn das andere eingekaufte Buch ist von Castle Freeman und da musste ich gar nicht hineinlesen (wäre auch nicht möglich gewesen, also schon, aber dann hätte ich fragen oder unauffällig die Folie herunterreißen müssen).
Castle Freeman, von dem hatte ich in der Onleihe Männer mit Erfahrung gelesen und war derart angetan, dass ich mir das Buch hinterher gekauft habe. Was ich in einem von zwei Millionen Fällen mache.

Um den heutigen Tag des Bücherkaufs krönend abzuschließen, hat mich dann noch eine Mail dazu verleitet, auch das Tablet mit Büchern zu befüllen, ebenfalls zwei an der Zahl, über die breite ich aber lieber den Mantel des Schweigens. Üblicherweise kaufe ich beim großen bösen A keine Bücher, üblicherweise kaufe ich auch keine eBooks, nun steht aber momentan alles einiges, was bisher üblich war, auf dem Prüfstand, die Zivilisation der nächste Buchladen ist zwar in erreichbarer, aber aufwändiger Ferne und gerade die Bücher, die sowieso nur der Unterhaltung dienen, der leichten, womöglich sogar der schlechten, da ist der Aufwand dann vielleicht doch zu groß.

Zwischen all dem Bücherkauf haben m und ich auch noch einen Lebensmittelkauf getätigt, in diesem Fall ohne halbstündige vorangehende Überlegung, genaugenommen habe ich mich gerade gefragt, was zur Hölle wir nur mit diesem Tag noch anfangen sollen (denn auf dem Sofa herumliegen, Bücher lesen, das ist natürlich auch nicht mehr üblich), da ruft P. an.
P. sorgt nicht nur zuverlässig dafür, dass es einen Ort gibt, an dem man willkommen ist und allzeit etwas zu essen bekommt, P. findet auch zuverlässig etwas für einen zu tun. Früher, viel früher, war das eher lästig, da hätte ich das Sofa mit dem Buch dem [beliebigen Auftrag hier einfügen] vorgezogen, aber heutzutage, wo ich sowieso nichts mit uns anzufangen weiß, da ist so ein Auftrag höchst willkommen.

Wir kauften neben den Büchern also noch Zutaten für zwei Millionen Kuchen – Kuchen, die wie so oft völlig überraschend gebacken werden mussten, Kuchen, die ich gestern noch prophezeit hatte (allerdings nicht P. gegenüber).

Im Gegensatz dazu versagen meine Prophezeiungen bei den Lottozahlen üblicherweise ziemlich zuverlässig.
Aber vielleicht sollte ich auch dieses üblich auf den Prüfstand stellen.