Er kommt nicht mehr.

Der Kater.

Ein klein wenig Hoffnung ist da noch. Vielleicht ist er einfach nur sauer, dass wir ihn mal eben allein gelassen haben. Dabei haben wir für Futternachschub gesorgt. Sogar solches Futter, vor dem er nicht (an)klagend sitzen und nach etwas Ordentlichem verlangen muss.

Vielleicht werde ich irgendwann die Decke fürs Sofa wegräumen. Und das Futterschälchen. Und den Wassernapf.

Vielleicht werde ich irgendwann nicht mehr zur Tür schauen und mir einen schwarzen Schatten einbilden. Nicht mehr darauf warten, dass er ans Fenster trommelt, im Dunklen ein kleiner, weißer Fleck aufleuchtet, mich zwei Katzenaugen anstarren.

Vielleicht wird er sich nie mehr neben mir zusammenkringeln, beruhigend auf mich einschnurren, kopfstoßend nach Streicheleinheiten verlangen, beim Wäsche aufhängen unters Sofa verschwinden, nach Mehr!Mehr!Mehr! schreien.
Keine Spuren mehr durch den Schnee trampeln. Nicht mehr unter den Brombeeren in der Sonne herumliegen. Nicht mehr idyllisch durch den Garten getrippelt kommen, sobald die Tür aufgeht.

Denn da war er, eines Tages vor der Tür, einfach so, noch ein bisschen unsicher, ob uns zu trauen ist. Aber die Katze war schließlich auch da, die traute uns auch und die Katze war viel misstrauischer als er, der Kater.

Der Kater, der eines Tages vor der Tür stand, einfach so.
Jetzt nicht mehr.

Nikolausi*.

nikolausi

So ein Nikolausglaube wird belohnt. Zuerst kam das Päckchen von B. B., die momentan in Mexico zu Hause ist, es aber trotzdem schafft, regelmäßig (unter anderem) Nikolauspakete zu verschicken. Wie macht sie das nur, fragt sich mich der MMM immer wieder. Weiß ich auch nicht. Ich frag mich ja eher, wann sie endlich so einen das-hab-ich-gemacht-Blog aufmacht, in dem man all die wunderschönen Sachen bestaunen kann, die sie so verschenkt.

Und vorher kamen ja auch noch die Zimtsterne von J. Zimtsterne! Mitsamt Adventskalender und das, wo ich mir gerade einen gewünscht hatte. Zimtsterne sowieso.

Gestern dann eine herzliche Umarmung vom Nikolaus. Und ein Päckchen aus dem Sack.
Außerdem ein Versorgungspaket in Aussicht. Inklusive Gutszcher**.
Heute Morgen Frühstück mit Schoko-Nikoläusen.
Und Sonnenschein.

Heimfahrt.

An der eigenen Haustür hängt eine Nikolausmütze. Neben der Haustür: Ein Nikolauspaket. Für mich! Na gut, der MMM darf die Rum-Ecken haben.
Hinter der Haustür, vor der Wohnungstür: ein zweites Nikolauspaket. Für uns!
Ja sowas.
Im ersten Nikolauspaket außerdem noch (unter anderem) Quittengelee!
Ja sowas. Meine Wünsche scheinen sämtlichst in Erfüllung zu gehen.

Zwischendurch besuchen wir den Weihnachtstrubel vor Ort. Glücklicherweise ohne die Geister***, stattdessen mit den Singmäusen. Und der schwierigen Entscheidung zwischen getoastetem Sandwich, Dampfnudeln, Waffeln oder Hamburger mit Pommes.

Wieder daheim klopft K. an die Tür, einen Adventskalender in der Hand. Der ist auch für uns.

So kann das gerne weitergehen.

DANKE!

 


* Gerhard Polt mal wieder. Aber in Erinnerung bleibt vor allem der Neffe, der uns Nikolausi-Osterhasi mit Müh und Not vorgetragen hat, Müh und Not, weil er vor Kichern und Prusten kaum sprechen konnte. Herrschaftszeitenmalefiz.
** Weihnachtsplätzchen, dieses Mal auf Pfälzisch.
*** Die örtliche Guggenmusik. Das erste Mal auf einem Vorjahresweihnachtstrubel gehört, als sie stolz verkündeten, für die Weihnachtslieder sogar geübt zu haben. Nicht genug, meinte der MMM, nicht genug.

WmdedgT – 12/2015

WmdedgT – Was machst du eigentlich den ganzen Tag? Fragt Frau Brüllen.

Aus dem Fenster gucken. Das fing schon frühmorgens an, auch wenn da noch gar nicht allzu viel zu sehen war, weil: Nebel.

Dann Frühstück, Weihnachtsgutsel*frühstück. Sehr lecker. Und die Sonne schafft es gerade so über den Nebel.

Nach dem Frühstück: Ausgucksplatzwechsel. Und erneute Müdigkeit, daher erfolgt ein genereller Sitzplatzwechsel mit anschließendem Einschlafen.

Die Sonne kommt raus, der MMM, der mal eben weg war, kommt zurück und berichtet von einem krummen Weihnachtsbaum und klammen Fingern.

Ich lese endlich mein aktuelles Buch zu Ende.

Die Anverwandten klingeln. Zum Glück, R. hat nämlich das Essen fertig und ich habe Hunger. Also: Essen. Schon wieder sehr lecker.

Keine Ahnung, was dann noch so war, man sitzt eben so und redet, die Sonne geht fast schon wieder unter, der MMM ist längst wieder weg und wir gehen dann auch mal los, zum Weihnachtsmarkt mit dem krummen Baum.

Wo wir gerade noch so den Nikolaus antreffen. Die anverwandten Kinder bekommen ein Nikolauspäckchen. Ich auch.

Eine Waffel Zwei Waffeln bekomme ich auch noch. Von R., nicht vom Nikolaus. Der MMM trägt Glühweintassen herum (leere). Die anverwandten Erwachsenen tragen ebenfalls Glühweintassen (volle). Man streitet sich darüber, wer bezahlen darf.

Ein anverwandtes Kind und ich machen uns in des MMMs Auto auf den Heimweg.
Ich verliere ein bisschen im Memory, gewinne ein bisschen im Memory, wir gucken gemeinsam aus dem Fenster, halten noch mal Ausschau nach dem Nikolaus (erfolglos), diskutieren die Frage, ob es ihn überhaupt gibt (natürlich!), ich lasse mir von Ameisen in Spanien erzählen, von lila Salat vorlesen, ich selbst lese von Baggerfahrer Ben vor und irgendwann treffen dann auch die restlichen Anverwandten wieder ein, nur um sich wenig später zu verabschieden.

Zeit für ein Feuer. Und ein Kalbsleberwurstbrötchen.

Dann geht es mal wieder um Kellerwände, Sonneninseln, Dachfenster, elektrische Rollläden, Putzscheren und ähnliches. Bis zum Kapazitätsoverflow. Na ja, noch ein bisschen darüber hinaus.

Danach geht nur noch Fernsehen. Braucht man ja kaum Kapazität dafür.

 

* Plätzchen

Mein lieber Dezember.

Nein, das war heute kein guter Anfang mit uns beiden. Na gut, es hat geregnet, war grau und trüb wie ein richtig guter Novembertag, aber dann, dann ging es ziemlich schnell abwärts.

Dafür, dass ich schon wieder bei der Ärztin herumsaß, kannst du ja nichts, auch nicht dafür, dass das mitgebrachte Buch ziemlich öde ist, da war es fast schon halb so schlimm, dass ich andauernd das Lesen einstellen musste, weil das neue Leben Purzelbäume schlug – zu Recht! – keine Lust auf Überwachung hatte.
Alles gut, hieß es dann und da war auch bei mir noch alles gut.
Ab sofort kommen Sie bitte zwei Mal pro Woche, hieß es als nächstes und schwupp, schon war die Laune, also meine, im Keller. Man hat ja noch ein anderes Leben.
Und warum eigentlich (zwei Mal pro Woche)? Das ließ sich nicht klären, also, es hätte sich sicher klären lassen, hätte ich darauf bestanden, aber bestehen ist schwierig, noch dazu, wenn man hauptsächlich aus der Arztpraxis herauswill.

Um Zimtsterne einzukaufen. Die waren zum Glück noch nicht ausverkauft, wäre auch eher verwunderlich, bei dem Preis. Die Laune machte einen Schwenk nach oben, aber dann ging ich – eigentlich wegen etwas anderem, harmloserem – in den Drogeriemarkt und mir fielen die Weihnachtsgeschenke wieder ein. Solche von der Kategorie „Keine Ahnung, was man schenken soll, nichts macht Sinn, alles, was einem dazu einfällt, ist total langweilig, aber nichts schenken geht auch nicht (aus Gründen).“
Immerhin, ich bin dann mit Geschenken aus dem Laden gegangen. Das sollte eigentlich die Laune heben, aber aus überhöhtem Anspruchsdenken und wegen „das ist alles falsch“-Gefühl tat es das nicht.
Die Laune also weiterhin im Keller, die mitgebrachte Tasche übervoll, vielleicht wäre es am besten, nach Hause zu fahren und den Dezember hinter dem Fenster zu begucken.

Gedacht, getan, es kam sogar recht fix eine Straßenbahn, aus der dann eine alte Dame aussteigen wollte. Sie hatte auch schon eine junge Helferin für die schier unüberwindliche Stufe von der Bahn auf den Boden gefunden. Dann aber wollte der mittelalte Herr hinter der alten Dame ebenfalls mithelfen und griff ihr ungefragt unter die Schultern, was sie mit einem „Lassen Sie mich los!“ quittierte. Der mittelalte Herr, der mit dieser Zurechtweisung ganz und gar nicht zurecht kam, schaltete übergangslos in den Motzmodus um und war nun kurz davor, die alte Dame aus der Bahn zu schubsen. Beschränkte sich dann aber doch darauf, einfach nur herumzumotzen.
„Dann machen Sie halt mal vorwärts, Sie schusselige alte Frau.“ In der Art.
Was der Herr unbestimmten Alters hinter mir wiederum mit einem „Die Leute haben kein Herz mehr“ quittierte.
*seufz*

Schlussendlich quetschte ich mir auch noch den neuen Lieblingsschal im Jackenreißverschluss ein und schaffte es nicht, ihn von dort wieder herauszubekommen, ohne ein Loch in den Schal zu reißen.

Tja, lieber Dezember. Jetzt gibt alles. Sonst kommt später der MMM nach Hause, ich zeige ihm die Geschenke, er stimmt ein „Jo“ der Kategorie „Na ja, umhauen tut es mich jetzt nicht“ an und wundert sich dann darüber, wo all die schlechte Laune herkommt, die plötzlich aus mir herausplatzt.

Und dabei ist doch alles halb so schlimm. Ich hab sogar Zimtsterne, im Grunde ist also alles bestens.
Ich will trotzdem den November zurück.
Menno.

Empört Euch.

Tja. Das mit der Empörung müssen andere übernehmen, ich bin ziemlich schlecht darin. Das fing schon mit meinem ersten Auto“unfall“ an*. Da habe ich jemandem den Spiegel abgefahren, derjenige konnte das ziemlich gut mit der Empörung, ich hab die ganze Aufregung nicht verstanden und war schwer damit beschäftigt, einen Lachanfall zurückzuhalten.
Später kam ich dann noch kurz ins Schlingern, als es nämlich darum ging, dem Besitzer des Autos, also des Autos, dessen Fahrerin ich gewesen war, von besagtem Unfall zu berichten und davon, dass, nun ja, der Spiegel am eigenen Auto auch nicht mehr so ganz gerade hing.
Das Schlingern hätte ich mir sparen können, der Autobesitzer (der mittlerweile ein anderes, ziemlich zerdellertes Auto sein Eigen nennt, aber das ist wiederum eine andere Geschichte) lebt da ganz nach der Maxime: „Hauptsache, es ist niemandem etwas passiert.“

Heute morgen jedenfalls stand ich an einem öffentlichen Bücherregal, beziehungsweise ich gesellte mich zu den beiden Männern, die schon vor mir an diesem Regal standen, wunderte mich kurz darüber, dass einer von ihnen mit fünf Büchern davonging (wer findet schon an einem öffentlich Bücherregal gleich fünf potentiell interessante Bücher? Ich war kurz neidisch), dann wunderte ich mich umso mehr, als der verbliebene Mann sich – genau – empörte, nämlich darüber, dass der andere diese fünf Bücher einem Antiquariat anbieten würde, das mache der nämlich immer so, der würde sämtliche öffentliche Regale abklappern, das mitnehmen, was potentiell von Interesse ist und dieses dann Antiquariaten anbieten.

Ja und? Mal wieder verstand ich die Aufregung nicht.
Asoziales Verhalten sei das, wurde mir gesagt.

Der verbliebene Mann ging davon, als er merkte, dass aus der gemeinsamen Empörung nichts werden würde.

Und ich wunderte mich immer noch. Diese Regale sind üblicherweise gut gefüllt, ist doch prima, wenn einer Platz macht. Aber darum geht es wohl nicht, es geht vermutlich darum, dass man seine Bücher hineinstellt, um sie anderen zur Verfügung zu stellen. Nur sehe ich dann immer noch kein Problem. Vermutlich geht es also darum, dass einer mit dem Buch, das ich weggebe, Geld macht.
Zum einen bezweifle ich, dass man damit tatsächlich Geld machen kann, oder zumindest nicht mehr als beispielsweise ein Flaschenpfandsammler. Aber selbst dann. Na und?
Wenn ich was ins Regal stelle, bin ich hauptsächlich froh, es loszuwerden. Was danach mit dem Buch passiert, ist mir doch egal. Ob einer Geld damit verdient, ebenso. Hätte ich ja theoretisch auch machen können, hätte ich das gewollt.
Vielleicht ist meine mangelnde Empörung auch darin begründet, dass ich nicht davon ausgehe, in einem öffentlichen Bücherregal antiquarische Schätze zu finden (mal ganz abgesehen davon, dass ich sie nicht erkennen würde).

Vielleicht sollte ich Dr. Dr. Erlinger fragen. Oder das Buch** lesen, dessen Titel ich für diesen Beitrag geklaut übernommen habe.
Vielleicht solle ich es mir auch weiterhin in meiner sehr entspannten Welt gemütlich machen.

* Das fing natürlich schon viel früher an, aber egal.
** Empört Euch!, Stéphane Hessel

WmdedgT – November 2015.

Was machst du eigentlich den ganzen Tag, fragt Frau Brüllen heute wieder.

Das Übliche. Aufstehen und so. Aber heute bricht der MMM statt zur Arbeit zum Lieblingsbäcker auf und – wieder zu Hause – bereitet Lieblingsbrötchen für den späteren Verzehr vor.
Die Lieblingsbrötchen im Gepäck sammeln wir R. am Bahnhof ein und machen uns auf den Weg zum Fertighaus Center. Nicht unser erster Besuch dort, schließlich wird sich unser Leben ändern, unter anderem werden wir Hausbesitzer.
Der heutige Besuch ist allerdings der erste konkrete, mit Terminen bei drei Wir-bauen-ihr-Haus-Menschen. Allesamt Männer, diese Häuserbauer, beziehungsweise Häuserbauverkäufer.

Und drei Mal passiert so ziemlich das gleiche: Der Häuserbauverkäufer stellt Fragen, wir geben Antworten. Unsere Antworten sind eigentlich immer die gleichen.

In die andere Richtung läuft das ein bisschen anders: Wir stellen Fragen, der Häuserbauverkäufer antwortet, doch die Antworten gehen zum Teil entschieden auseinander.
Häuserbauverkäufer Zwei beispielsweise bevorzugt Heizvariante A. Häuserbauverkäufer Drei dagegen sagt uns, Heizvariante A sei großer Mist (nein, das hat er so deutlich natürlich nicht gesagt), er empfehle uns Heizvariante B.

Alle haben sie uns eine Bemusterung angedroht. Logisch. Wer will schon Teppichboden im Wohnzimmer (Kaum einer – Häuserbauverkäufer Zwei fragt sich, wie eigentlich die Teppichbodenindustrie überlebt). Weil man also keinen Teppich will und auch noch über siebentausend andere Dinge entscheiden muss, geht man zur Bemusterung, schaut sich zweitausendfünfhundert alternative Bodenbeläge an und entscheidet sich für einen davon. Oder zwei. Oder drei. Je nachdem.
Bestimmt gibt es Leute, die sich auf so etwas freuen. Wir gehören nicht dazu.

Überhaupt wandle ich in dieser Hausbausache jetzt schon auf einem schmalen Grat und drohe, in die Welt des „mir doch egal, Hauptsache, die Sache ist erledigt“ abzustürzen (ja ja, ich weiß, so ein Haus baut man gewöhnlich nur ein Mal und so).

Häuserbauverkäufer Eins hat sich jedenfalls mit einer recht astronomischen Gesamtsumme fast schon selbst ausgeschlossen. Außerdem hat er uns nichts zu trinken angeboten und der MMM meinte, einen Hauch von „Was soll das jetzt mit dieser Frage“ bemerkt zu haben.
Häuserbauverkäufer Zwei dagegen war rundum nett, auch alles, was er sagte, war nett und irgendwie war dieses völlige Fehlen von kritischen Punkte fast schon ein wenig verdächtig. Außerdem war Häuserbauverkäufer Zwei derjenige mit der suspekten Heizvariante (das Internet gibt in dieser Hinsicht Häuserbauverkäufer Drei recht).
Häuserbauverkäufer Drei hat unendlich viel, also zu viel, erzählt, aber das, was er erzählte, hörte sich recht sinnvoll an, noch dazu hat er die am wenigsten astronomische Gesamtsumme genannt.
Wobei sich das, also die Summe, natürlich noch ändern kann und es noch dazu ziemlich undurchschaubar, beziehungsweise schwer vergleichbar ist, was man für diese Summe nun eigentlich bekommt.

Nun ja.
Zwischen den Terminen haben wir die Lieblingsbrötchen verzehrt und gedacht, dass man bei dem Wetter eigentlich auch besseres vorhaben könnte.

Irgendwann sind wir dann mit überschrittener Aufnahmekapazität nach Hause gefahren, es gab noch ein kleines Durcheinander in Sachen „Was und wo essen wir heute Abend?“, der Kater gab ziemlich klar zu verstehen, was und wie viel er gern zu essen hätte, aber der arme Kater, er kriegt ja nie was.
Wir dagegen schon.
Essen, ausruhen, ab und zu wirft einer irgendwas in den Raum, so in Richtung diffusionsoffen, Dreifachverglasung oder ähnliches, dann bringt man mich zur Mitgliederversammlung, in der ich zuerst von einer gut gefüllten Kasse berichte und schließlich mein Amt loswerde (freiwillig, immerhin).

Und somit endet der Tag, denn: nichts geht mehr.

Zeug.

zeug

So langsam wird es ernst, die Sache mit dem neuen Leben. Man sieht es. An mir und daran, dass sich die Wohnung füllt. Dabei braucht man doch kaum was. Sagt man.
Das Schlafzimmer jedenfalls hat ein Kinderbett bekommen. Das Arbeitszimmer eine Wickelkommode. In der Kommode ist mittlerweile auch schon was drin. Im Flur steht ein Stubenwagen (mit Zeug drin). Und im Wohnzimmer ein Kinderwagen (mit Zeug drin). Und Pampers-Kartons, die sind quasi überall verteilt und in denen ist natürlich auch wieder Zeug drin, allerdings keine Pampers. Pampers werden heutzutage nicht mehr im Karton verkauft, was eher schlecht ist, scheinen die Kartons an sich doch den praktischen Nutzen zu haben, Zeug darin zu lagern.

Die R.s freuen sich jetzt jedenfalls darüber, dass ihre Wohnung erstaunlich leer ist.

Dabei braucht man doch angeblich kaum was für so ein neues Leben. Na ja, dieses und jenes und das hier auch noch und – tada!- die Wohnung ist voll. Wo ich doch leere Wohnungen so mag. Nicht, dass ich das vorher hinbekommen hätte, aber jetzt scheint es ein Ding der Unmöglichkeit geworden zu sein.

Alte Handtücher zum Beispiel. Die kann man immer gebrauchen, heißt es.
Tja.
Wir besitzen genau zwei alte Handtücher, genaugenommen sind es des Katers Handtücher. Die fallen also schon mal aus.
Das älteste Handtuch ist noch dazu mein Lieblingshandtuch. Meins! Das gebe ich nicht her, schon gar nicht, um es zu zerschneiden und unappetitliche Dinge damit zu tun.
Und wir hätten sogar noch weniger Handtücher, hätten wir nicht die Hälfte davon geschenkt bekommen. Was sich im Grunde durch unseren gesamten Hausstand hindurchzieht. Wer braucht schon ein Olivenschälchen mit entsprechendem Löffel? Na gut, es sieht hübsch aus und ein Mal in drei Jahren wird es sogar benutzt. Ansonsten wäre es längst schon weg. Weggeben fällt mir ja zum Glück recht leicht, das kommt einem entgegen, wenn der Gedanke an eine leere Wohnung zu einem gewissen Glanz in den Augen führt.
Apropos weggeben: Gibt es zufällig jemand unter den Lesern, der einen Scanner gebrauchen könnte?

M., die unsere letzte größere Anschaffung – ein an die Wand geschraubtes Brett mit eher praktischem als verschönerndem Nutzen – mit einem „Oh! Ein neues Möbelstück!“ kommentierte, kann beim nächsten Besuch jedenfalls mit diversen Neuheiten rechnen.

Allerdings werden die dann wohl weniger von Interesse sein, als die/der neue Mitbewohner/in.

Terpene – oder: Mein Freund, der Baum.

Ab heute habe ich eine wissenschaftliche Rechtfertigung dafür, Bäume zu umarmen. Die Terpene, nämlich. Die stecken unter anderem in der Borke und da man beim Bäume umarmen der Borke ziemlich nahekommt, nähert man sich somit auch den Terpenen und dann wird man nie mehr krank und alles ist gut.

Na ja, so ungefähr.

Und eigentlich ist es auch egal. Wer braucht schon wissenschaftliche Beweise, ich nicht, ich mag sie ja eh schon, die Bäume. Und den Wald auch (ja, ich erwähnte es schon das eine oder andere Mal).

Ich fasse sie auch gern an. Die Bäume, also die Borke. Am liebsten mag ich Eichenborken. Die sind so schön knorkig.
Rauschen können aber die Pappeln am besten. Auf der üblichen Radrunde komme ich an einem von Pappeln umsäumten Reitplatz vorbei. Der MMM, so er denn dabei ist, verschafft sich dann weitere 200 Meter Vorsprung, während ich mich vom Pappelrauschen verzaubern (und zur gesteigerten Langsamkeit verleiten) lasse.
Dann ist da noch die Birke in Nachbarinsgarten. Die rauscht auch sehr schön (die Birke, nicht die Nachbarin), besonders in lauen Sommernächten, wenn man gerade nach Sternschnuppen Ausschau hält.
Neben der Birke steht ein Gingko und ein Gingko im Herbst, das ist eine wunderbare Sache. Alle Welt redet über die Farben der Ahornbäume im Herbst, Indian Summer und so, kein Mensch redet über das leuchtende Gelb der Gingkos. Zumindest ich habe noch niemanden darüber reden hören. Dabei sind Gingkos im Herbst ein gelber Wahnsinn.
Ahornbäume finde ich dagegen im Frühjahr am schönsten, wenn sie mit leuchtend hellgrünen Kugeln behängt sind. Im Frühjahr redet wiederum alle Welt über blühende Obstbäume. Dabei sind Obstbäume im Herbst viel schöner als im Frühjahr. Die rostroten Birnbäume vor allem. Oder auch die Apfelbäume, vor allem, wenn rotbackige Äpfel an ihnen hängen.
Und der Winter. Da ist dann nichts mehr mit Grün, aber das macht nichts, wenn man Glück hat, bekommt man Weiß. Nebel, der an Zweigen gefriert. Und Schneehäubchen.
Und die Orangenbäume natürlich. Die gibt es auch im Sommer, aber wer will schon im Sommer an Orangenbäumen riechen, ich nicht. Orangenbäume gehören in den Advent. Und nein, ich meine natürlich nicht die Bäume, an denen sich irgendwann Orangen pflücken lassen, ich meine die Nadelbäume, die nach Orange riechen, wenn man ihre Nadeln zwischen den Fingern verreibt.

Die Terpene jedenfalls, von ihnen hat mir heute Morgen Clemens G. Arvay erzählt*. Dabei hat er auch die Studie erwähnt, die zeigt, dass ein Baum vor dem Fenster eines Krankenzimmers zur schnelleren Genesung der Patienten in diesem Zimmer beiträgt (im Gegensatz zu Patienten, die auf Häuserwände oder ähnliches blicken).

Später habe ich den Liegestuhl in die letzte sonnige Gartenecke getragen und zur Birke in Nachbarinsgarten hinaufgeschaut. Ich bin zwar nicht krank, aber kann ja nichts schaden.

 

* in diesem Interview.

Oktobergrau.

Die Wolken haben sich in den Bergen Hügeln verfangen, die Sonne versteckt sich, von den Sträuchern tropft es – dass es noch nicht November ist, merkt man eigentlich auch nur daran, dass immer noch Blätter von den Bäumen fallen.
Die Abende werden dunkler, die Tage kühler, die Straßen nasser; meine Straßenlaterne leuchtet ins Dunkel; eine Kerze, ich könnte eine Kerze anzünden, denke ich und tue es auch.

Wie kann man diesen nassen, grauen Nebelherbst nicht mögen.

Vielleicht mag ich ihn, weil mit ihm die Stille Einzug hält. Weil ich dann regelmäßig an Hesse denke, sein Nebel-Gedicht. „Jeder ist allein.“ Und ist es nicht.

Auf der Buchmesse bin ich auf das Buch 183 Tage von Ianina Ilitcheva gestossen. Ianina Ilitcheva hat zuerst ein Experiment, aus dem Experiment schließlich ein Buch gemacht. 183 Tage soziales Exil.
Es ist ein schönes Buch geworden.

Und wie immer, wenn ich höre, wie sich jemand in irgendeine Form der Einsamkeit zurückzieht, will ich das sofort auch tun.

Allein sein, die Stille hören.

In Ianina Ilitchevas Buch findet sich die „Monatliche Nachricht an die Außenwelt.“ Sie findet sich auch auf einem Blog, dort allerdings ohne diesen Titel, einfach nur „tag x von 183.“
In „Tag 183 von 183 (+?)“ schreibt sie: „das Alleinsein. es brachte die Erkenntnis, dass man nie völlig allein sein kann und es in Wahrheit immerzu ist.“
Wie wahr.

Heute morgen im Radio dann eine andere Frau, ein anderes Experiment, ein anderes Buch. Pauline de Bok, Blankow oder Das Verlangen nach Heimat. Blankow, das ist ein Ort und dorthin hat sich Pauline de Bok zurückgezogen, allein, na ja, mit einem Hund. Mehrere Male war sie für längere Zeit dort und im Interview las sie aus ihrem Buch, sie las folgendes: „Den Moment des Eintretens in diese Welt empfinde ich wie einen seltsamen Verstoß. Ich störe das planlose Dasein der Dinge. Ich geben ihnen ihren Sinn. Ich fülle den Raum mit Absichten.*“

Das planlose Dasein der Dinge. Vielleicht ist es genau das, was ich mir von der Stille wünsche, was mich zu ihr hinzieht. Die Absichten loslassen.

Vielleicht mag ich auch deswegen den Nebelherbst so gern – auch er zieht sich zurück. Einheitsgrau, alles verschwimmt, „kein Baum sieht den anderen“, keine Ablenkungen mehr.
Eine Ahnung von Alleinsein in einer lauten Welt.

 

* Wohlgemerkt nach Gehör aufgeschrieben.

Spritzpistolen*. Oder: Die Menschen und ich.

Manchmal, ziemlich oft sogar, sehe ich mir selbst beim Leben zu und frage mich, was ich da eigentlich tue.
Das bin doch gar nicht ich!, denke ich dann. Genaugenommen habe ich – unter Menschen – sowieso höchst selten das Gefühl, wirklich ich zu sein. Genaugenommen muss ich noch nicht mal unter Menschen sein, es reicht schon der Gedanke, jemand könne lesen, was ich schreibe.

Ich wäre gern rücksichtsloser. Im besten Sinn. Würde mich gern öfter „zu Hause“ fühlen. Keine Rolle spielen, keine Maske aufsetzen, nicht so tun, als ob.
Ja, das wäre ich gern, aber es ist so schwer. Zu sein, wie ich vermeintlich sein sollte, wie es erwartet wird, ist so viel leichter, einfacher.
Also passe ich mich den vermeintlichen Erwartungen an. Es passiert einfach, ich kann es nicht aufhalten, merke es manchmal noch nicht mal, erst hinterher, wenn ich erschöpft bin, meine Ruhe haben, mich selbst wiederfinden will, weil ich mich irgendwo da draußen verloren habe.

Als ich in den Kindergarten kam, waren die anderen Kinder drei Jahre alt. Alle**. Nur ich nicht, ich war erst zwei. Warum bin ich die einzige, warum sind alle drei Jahre, nur ich nicht, habe ich mich gefragt.

Und so ist das heute noch manchmal mit mir und den Menschen. Warum haben alle eine Spritzpistole, nur ich nicht?
Manchmal ist es mir egal. Wer braucht schon eine Spritzpistole? Manchmal tue ich so, als wäre es mir egal. Manchmal frage ich, ob ich auch eine bekomme. Manchmal werde ich gefragt, ob ich auch eine haben will.

Meistens ist nichts davon richtig. Es endet zum Beispiel damit, dass ich eine Spritzpistole in der Hand halte und mich frage, was zur Hölle ich damit anfangen soll. Warum die anderen so eine Freude daran haben. Und ich nicht.
Die anderen sind immer noch die anderen, sind immer noch ein Jahr älter, ich bin immer noch ich.
Bin bedürftig. Danach, jemand möge nach diesem Ich Ausschau halten, es mir zeigen, erklären.
Ich mag das nicht, diese Bedürftigkeit. Sie macht keinen guten Menschen aus mir, macht mich missgünstig und gierig. Es reicht ja nie. Es reicht nicht, wenn einer kommt und fragt, ob ich mitspielen will. Es reicht nicht, wenn einer kommt und mir (s)eine Spritzpistole gibt. Es reicht nicht, ebenfalls eine Spritzpistole zu haben.
Es reicht noch nicht mal, denjenigen zu treffen, der ebenfalls keine Spritzpistole hat, auch gar keine haben will.
Nie reicht es. Mehr, mehr, mehr.

Sieh mich an, singt Such a Surge.
Sieh mich an und fülle mein nie endendes Verlangen, gesehen zu werden. Wie ich bin. Wer ich bin. Sieh nicht nur das, was ich vorgebe, zu sein. Sag mir, wer ich bin, sag mir, dass ich wichtig bin, immer wieder. Mach, dass ich es glauben kann.
Ich weiß es, aber Wissen nützt manchmal nichts. Unter anderem deshalb tue ich manchmal so, als hätte ich Spaß an Spritzpistolen, obwohl es alles nur noch schlimmer macht.

Guck mal, wie ich weg bin, sagte mal eine Dreijährige zu mir und irgendwie fasst das alles zusammen. Oder auch nicht.
Eine andere Dreijährige motzte mich mit „Alleine!“ an, als ich ihr bei irgendetwas helfen wollte. Passt im Grunde genausogut.

 

* Die Spritzpistole hat debruma ins Spiel gebracht. Anderswo, in einem anderen Spiel, das nichts (und alles) mit diesem hier zu tun hat. Die Spritzpistole könnte auch ein Feuerwehrauto sein, eine Schaufel, ein Luftballon. Irgendwas. Oder nichts.
** Nein, nicht gefühlt. So war das damals. Mit drei Jahren kam man in den Kindergarten, vorher nicht. Ausnahmen bestätigen die Regel.