*Den Titel verdanke ich diesem Beitrag auf dem Verserzähler.

 

Am 25. Oktober 1869 schrieb Isidore Ducasse, Autor der ›Gesänge des Maldoror‹ an den Verleger Verboeckhoven¹: »Was ich möchte, ist, dass die für die Kritik bestimmten Exemplare an die wichtigsten »Lundistes« [Literaturkritiker] geschickt werden. Sie allein werden in erster und letzter Instanz den Anfang einer Publikation beurteilen, die ihr Ende sicher erst später sehen wird, wenn ich das meine gesehen habe. […] Ich wäre Ihnen dafür dankbar, denn sollte die Kritik gut darüber sprechen, könnte ich in den folgenden Ausgaben einige zu starke Stellen streichen. Also, was ich vor allem wünsche, ist, von der Kritik beurteilt zu werden, und einmal bekannt, geht es von selbst.«

Die Streichung einiger zu starker Stellen bezieht sich auf die Bedenken von Verboeckhovens Teilhaber Lacroix, die Gesänge in den Handel zu bringen – aus Furcht vor der Zensur bzw. dem Staatsanwalt.

Eine ›echte‹ Veröffentlichung seiner Gesänge erlebt Ducasse nicht mehr; er stirbt am 24. November 1870 laut Auskunft seines Hoteliers an einem »bösartigen Fieber«. Er ist zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt.²

Ebenso wenig erlebt Ducasse seine spätere ›Entdeckung‹ durch, nein, nicht die Literaturkritiker, sondern die Surrealisten um André Breton.

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Ich besitze die Gesänge in drei Ausgaben: eine Paperback-Ausgabe von Rowohlt mit einem grässlichen Cover; eine Paperback-Ausgabe von Rogner&Bernhard, die ich mir gekauft habe, weil ihr 20 Gouachen von Georg Baselitz beigefügt sind; und eine Hardcover-Ausgabe von Rowohlt, die ich mir gekauft habe, (a) weil sie noch weitere Schriften von Ducasse enthält und (b) weil ich die Gesänge als Hardcover haben wollte.

Man kann das für überflüssig halten – schließlich ist das Wichtige an einem Buch der Inhalt, nicht die äußere Erscheinungsform. Ein Text bekommt keine andere Aussage und keine andere Wertigkeit, je nachdem, ob man ihn auf teures oder billiges Papier druckt. Wozu macht man sich als Verleger – oder, bescheiden, als Buchmacher – die Mühe, nach einer passenden Schriftart zu suchen, nach dem richtigen Zeilenabstand; wozu eliminiert man in mühevoller Kleinarbeit Hurenkinder und Schusterjungen, Trennfehler? Hätte es Ducasse gekümmert, ob seine Gesänge in einer Serifenschrift oder einer Serifenlosen geduckt werden? Oder wollte er nur, dass sie gelesen werden? Ich schrieb, er habe die ›echte‹ Veröffentlichung 1874 nicht mehr erlebt – es wird danach gut vierzig Jahre dauern, bis das Buch entdeckt wird.

Ich frage mich mittlerweile, ob das womöglich ganz gut war. Im letzten Jahr habe ich durch das zuckerstudio waldbrunn an zwei Veröffentlichungen mitgewirkt, dem Albgeräusch und dem Lichtkind, und ich habe in dieser Zeit viel gelernt. Ich habe unter anderem gelernt, dass jede Veröffentlichung – mal mehr, mal weniger – eine Zumutung für den Autor und ein Verrat am Text ist; zumindest ein Verrat am Wesen des Textes, das immer unabhängig von seiner Verwertbarkeit sein sollte. In dem Moment, in dem man aus einem Text ein Buch macht, lädt man ihm ein Potential und somit Erwartungen auf, und dass diese Erwartungen sich erst in vierzig oder hundert Jahren erfüllen könnten, das glauben wir nicht, weil die Literatur inzwischen zu schnelllebig und zu überfüllt geworden zu sein scheint.

»Einmal bekannt, geht es von selbst«, schreibt Ducasse, und man fragt sich: tut es das? Und selbst wenn – sollte man sich darauf verlassen? Wer trägt die Last der Verwertung, wenn man einen Text erst einmal verwertbar gemacht hat? Lässt sich das überhaupt beeinflussen? Geht es darum, das Buch möglichst schnell von der Kritik beurteilen zu lassen? Oder, um in die Moderne zu wechseln: von Leserunden und Sternchenrezensionen? Oder findet ein Buch seine Leser nicht zwangsläufig selbst, und zwar abseits der Gunst von Literaturkritikern? Ergibt man sich dem Zufall?

Aus einem Text ein Buch zu machen, tut ihm Gewalt an, immer, und die schönste Aufmachung und die größte Mühe, die man sich im Prozess des Büchermachens gibt, auch die Fürsorge, mit der man sich nach der Veröffentlichung um sein Bekanntwerden kümmert, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass kein Text darum gebeten hat, zum Buch gemacht zu werden, wie kein Kind darum gebeten hat, gezeugt und geboren und in eine Welt geschmissen zu werden, in der es früher oder später allein sein wird und allein zurechtkommen muss; in der es in Vergessenheit gerät oder entdeckt wird.

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Ich habe in dieser Problematik noch keine zufriedenstellende Antwort gefunden; ich glaube aber, dass es ein paar Menschen gibt, denen ich zumindest diese wirren Überlegungen schulde.

 

 

 

 

 

¹In meiner Ausgabe der Gesänge findet sich dieser Brief unter der Überschrift »Briefe an den Verleger Verboeckhoven«, andere Quellen nennen Auguste Poulait-Malassis als Adressaten.

²Eine Randnotiz: Ich lese die Gesänge nur noch selten, seit ich so alt bin, wie Ducasse nie wurde.