Freiheit und Feigheit

Ein Interview

 

„Hallo und herzlich willkommen! Ich bin Maik Schneegans und Sie hören eine neue Folge von ‚Netzabort‘, der letzten Tankstelle vor dem Darknet. Unser Gast heute ist der zu recht völlig unbekannte Blogger Sam Tlönfahrer.“

Eingespielter Applaus

„Sam, Sie sind ein Blogger der, sagen wir einmal, dritten oder vierten Generation. Denken Sie diesem von Nichtigkeiten nur so strotzendem Genre noch irgendetwas Sinnvolles oder gar Neues hinzufügen zu können?“

„Nein.“

„Gut, so sehe ich das auch. Aber woher dann dieser Selbstmitteilungstrieb?“

„Streichen Sie das Selbst und Sie haben einen Teilaspekt des ganzen benannt.“

„Mitteilungstrieb also?“

„Wie ich sagte, es ist ein Teilaspekt. In erster Linie handelt es sich um einen Schreibtrieb.“

„Wie würden Sie diesen ‚Schreibtrieb‘ definieren?“

„Nun, es ist der Wunsch Denk- und Fühlbewegungen eine Gestalt zu geben. Sie greifbar zu machen weil man sie ausformuliert, ihnen eine Körperlichkeit verleiht, die mit den Augen betastet werden kann.“

„Da sind wir aber schon beim Leser.“

„Richtig. Ich hätte noch dazwischen schalten müssen, dass der Prozess des Niederschreibens für den Autor automatisch einen Erkenntnisgewinn bedeutet. Er verschafft sich eine durch den reinen Denkprozess nicht zu gewinnende Klarheit, indem er sich schriftlich selbst die Welt erklärt.“

„Das erscheint mir doch sehr als ein Umweg. Ich meine, die Welt stellt sich mir doch auch so dar.“

„Natürlich. Um mir die Welt begreifbar zu machen, bedarf es nicht des Schreibens. Wäre dieser Drang eine Lebensnotwendigkeit, schrieben alle Menschen so regelmäßig, wie sie essen, schlafen oder ihre Notdurft verrichten.“

„Bei so manchen Büchern könnte man denken…“

„Ja, ich weiß…“

„O.K., zurück zum Schreibtrieb. Dem könnten Sie ja in aller Stille frönen. In einer Word-Datei, auf einem Blatt Papier, in einem schön eingefassten Tagebuch. Warum ein Blog im Internet, den, theoretisch, jeder Mensch auf der Erde lesen kann?“

„Mir gefällt die Art, wie Sie gerade das Wort ‚theoretisch‘ betont haben.“

„Warum?“

„Weil Sie die Problematik und die Faszination des Bloggens akustisch auf beeindruckende Weise zusammengefasst haben.“

„Wenn Sie das sagen. Aber Sie schulden mir noch eine Antwort.“

„Nun sind Sie es, der einen Zwischenschritt ausgelassen hat. Zunächst steht doch die Frage im Raum, warum man sich überhaupt wünscht gelesen zu werden. Wussten Sie, dass es weit mehr Kunstsammler gibt, die ihre Errungenschaften aller Welt vorenthalten, um sie ganz alleine genießen zu können, als Künstler, die nur für sich selbst schaffen?“

„Das ist mir neu. Wenn dem wirklich so ist, was glauben Sie, woran das liegt?“

„Das liegt daran, dass der Nukleus der Kunst- worunter ich alles verstehe, was dem inneren Schaffensdrang eines Menschen entspringt – ein Streben nach Freiheit ist. Natürlich unter Abzug aller monetären oder egoistischen Motivationen. Diesem Freiheitsdenken ist der Wunsch zu teilen inhärent. Der Empfänger dagegen sorgt sich als Nehmender zwangsläufig um seinen Besitz.“

„Wenn ich Sie richtig verstehe, dann denken Sie, der Lust am Schreiben wohne automatisch die Sehnsucht nach dem Gelesenwerden inne.“

„In seiner von dem Streben nach unmittelbarer Reaktion und Akklamation bereinigten Form – ja.“

„Aber gerade diese Sehnsucht, wenn sie denn in dieser so ‚heiligen‘ Form überhaupt existiert, kann ein Blog unter Millionen anderen niemals erfüllen. Die Wahrscheinlichkeit gelesen zu werden geht doch gegen Null.“

„Um Wahrscheinlichkeiten scheren sich nur diejenigen, die auf Geld oder Anerkennung aus sind. Mir geht es um Möglichkeiten. Wer auf Spitzbergen, in der Antarktis oder auf Tabaluga einen Internetschluss besitzt, kann meinen Blog lesen. Und vielleicht tut es gerade in diesem Moment dort jemand.“

„Das klingt aber nun sehr nach Wolkenkuckucksheim.“

„Der am dichtesten bevölkerte Ort auf diesem Planeten.“

„Kommen wir noch zu einem anderen Aspekt. Den des Exhibitionierens. Blogs sind ja in erster Linie Selbstdarstellungsplattformen, virtuelle Tagebücher, Ersatz für nicht stattgefundene Gespräche und versäumte Therapeutentermine. Gäbe es überhaupt Blogs, hätten wir noch eine funktionierende soziale Infrastruktur?“

„Wer sagt denn, dass Blogs nicht einen Teil unserer sozialen Infrastruktur bilden? Es gibt alte Fotografien über Passagiere in Bussen und Zügen, auf denen zu sehen ist, wie ausnahmslos jeder in eine Zeitung vertieft ist. Heute schauen wir auf unsere Smart-Phones. Früher gab es Salons, Vereine, Großfamilien, Dorfgemeinschaften usw. Vieles davon ist verschwunden. Man mag das den neuen Technologien anlasten, aber vielleicht sind diese Erfindungen einfach nur eine Reaktion auf den gesellschaftlichen Wandel. Oder, und das entspricht meiner Meinung nach am ehesten der Wahrheit, beides geht irgendwie Hand in Hand und sich dagegen zu sträuben ist so, als wolle man das Auto abschaffen, um die Menschen wieder in Kutschen und auf Pferde zu setzen, nur weil es damals weniger Verkehrstote gegeben hat.“

„Das klingt nach technologischem Sozialdarwinismus.“

„Nennen wir es Absage an retrospektive Utopien.“

„Dabei haben wir über den Buchdruck, Verlagswesen und Print-Medien im Allgemeinen noch gar nicht geredet.“

„Brauchen wir auch nicht, wenn wir in der Lage sind, den Blog nicht als gesellschaftliches Phänomen zu deuten, sondern einfach als Ausweitung der schriftstellerischen Kampfzone.“

„Sie übertreiben.“

„Ja.“

„Also?“

„Das Internet mit seiner Omniakzessibilität hat dem Freiheitsbegriff der Kunst Türen geöffnet, die bis dahin für die meisten Kreativen verschlossen waren. Dem eigenen Geschrieben die Möglichkeit zu geben, außerhalb eines ausgewählten Zirkels gelesen zu werden, hatte es bis dahin nur für eine Handvoll Privilegierte gegeben. Nun können alle daran teilhaben.“

„Zulasten der Qualität.“

„Zulasten des Rezipienten, der nun nicht mehr nur die Qual der Wahl hat, sondern sich unter einem Überangebot geradezu begraben fühlt.“

„Ist das gut?“

„Ich glaube nicht, dass ein Schriftsteller sich mit den Sorgen seiner Leser belasten sollte. Zumal die meisten der Schreibenden auch Lesende sind und sich dadurch zwangsläufig mit dieser Problematik auseinandersetzen müssen. Auf einer anderen Ebene natürlich.“

„Die Leichtigkeit, mit der man sich selbst und sein Innerstes, also das Allerprivateste im Netz preisgeben kann, scheint sich auf manche Blogger negativ auszuwirken. Nicht nur sehen sie sich selbst entblößt, sondern haben zum Beispiel Angst, an der Supermarktkasse plötzlich jemand zu begegnen, über den sie gestern noch, womöglich in abfälliger Weise, geschrieben haben.“

„Das wiederum ist ein Problem der Herangehensweise eines jeden einzelnen. Wer nur über sich selbst schreibt und persönlich Erlebtes mehr oder weniger ungefiltert wiedergibt, der muss damit rechnen, dass dieser Realitätsbezug seinen Preis fordert. Sei es in Form des Gefühls der Nacktheit oder in dem direkten Echo derjenigen, die unter die Linse der literarischen Beobachtungen geraten sind.“

„Gibt es einen Ausweg?“

„Der Weg, den ich gewählt habe, ist, mich hinter einen Spiegel zu stellen und das, was ich schreibe, mit mir selbst, mit der Person Sam nichts zu tun haben zu lassen. Sie verschwindet hinter einer polyphonen Struktur, bei der eine Einzelstimme nicht wirklich ausmachbar ist. Ein Vorhang aus Ironie und Prätention, von möglichst hoher Opazität. Egal was man schreibt, man kann immer sagen: Das war nicht ich.“

„Das klingt so geschickt wie feige.“

„Es ist eine Methode wie jede andere auch. Mit Vorteilen und Nachteilen.“

„Was sind die Nachtteile?“

„Man kann nie so laut Scheiße schreien, wie man das manchmal gerne möchte.“

„Sam, am Ende unseres Gespräches, haben Sie noch einen Rat für all die Leser da draußen, die vor dem unüberschaubaren Angebot im Netz vor lauter Verzweiflung sich die Frage stellen, was denn nun sie anklicken sollen?“

„Mein Rat lautet: Lest die Wababbel-Blogs! Lest die Wababbel-Blogs! Und wenn Ihr dann noch Zeit habt, kauft Euch ein gutes Buch!“

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2 Kommentare

  1. Papagena

    „Das klingt so geschickt wie feige.“

    : )

    Feines Interview. Bin gespannt, wann die andern sich trauen. : )

  2. Großartig!

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