Von Dichtern und Dinosauriern

Literaturzeitschriften.

Schon mal davon gehört? Also, Literaturzeitschriften, das sind gewissermaßen die unehelichen Kinder von Stegosaurus und Säbelzahntiger. Bildlich gesprochen, versteht sich. Literatur und Zeitschriften sind jeweils faszinierende Wesen und man spricht gern drüber, aber genau genommen sind sie auch nur noch in diesen verklärten Erzählungen lebendig.

Kulturpessimismus?
Ja, das auch.

Doch erst neulich sprach ich mit einer Journalistin und sie bestätigte mir: der Print existiert rein für das Image. Zeitungen und Zeitschriften sind old school, das Business, die Aufmerksamkeit, das Gelesenwerden ist online, und basta.

Die Literatur dagegen, könnte man sagen, die, naja, die, doch, doch … also Buchveröffentlichungen/Jahr sind steigend, die Umsätze der Verlage ebenso und eine Preisverleihung jagt die nächste.

Fakt ist aber: Literatur, die Kunst der Sprache, des Erzählens, der Wortgewalt, findet mehr und mehr unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

(Und bevor jemand anfängt zu streiten: nein, für mich zählen weder Regionalkrimis noch erotische Kurzromane zur Literatur. Diese darf man herzlich gern trotzdem schreiben und lesen, sie sind nur nicht Thema meiner kleinen Kolumne. Und das werden sie – zusammen mit all der anderen Bespaßungstexterei – auch völlig unbeschadet überstehen.)

Aber gut, ich gebe zu, das stimmt nicht mit dem Stegosaurus und dem Säbelzahntiger. Es ist mehr so … Panda und Orang-Utan.

Beide gibt es noch.

In Zoos.

Und Reservaten; man macht reichlich Trara um ihre Arterhaltung, und Wilderer fangen Dichter gern mal in freier Wildbahn ein, um deren Körperteile meistbietend …

Ich merke gerade, ich sollte die Sache mit den Gleichnissen lassen.

Ernsthaft: da sind viele Räume für Literatur. Geförderte Räume. Werkstätten, Stipendien, Preisverleihungen, Netzwerke – und sehr wichtig: die Literaturzeitschriften. Literaturzeitschriften, die Autoren die Möglichkeit geben, Experimentelles, Wildes, Neues, Eigenes zu veröffentlichen, sich vorzustellen, zu etablieren. Literaturzeitschriften sind ein wenig wie Gewächshäuser für Schreibende. Schutzräume, Wachstumshilfe …

Bedauerlicherweise bekommt von all dem niemand etwas mit.

Na! Na! Niemand!

Gut. Es liest niemand, es registriert niemand, der nicht im Ring der Nibelungen … Verzeihung: im Ring der Dichter gefangen ist. Entweder, weil er dichtet oder Dichter fördert oder – meistens – beides.

Die Literatur lebt. Es interessiert nur niemanden – und mit ‚niemand‘ meine ich Menschen, die einfach nur gern lesen. Die Erzählungen und Texte mögen, die Bücher verschlingen, die neugierig sind auf Wortwelten – aber ansonsten ein ganz normal-stressiges Leben aus Arbeit, Kinder, Sport und Netflix führen.

Ich kann nicht sagen, ob es die Literatur einfach aufgegeben hat, sich als stille Kunst in all dem Social-Media-Geschrei noch bemerkbar zu machen. Oder ob es eine grundsätzliche Unwilligkeit ist, sich dem niederen Volk anzudienen, oder ob ein Romancier per se nicht zu twittern vermag oder …

Sarah Burrini beschwerte sich neulich, dass Comicpreise kaum wahrgenommen würden:


Aber immerhin haben die Comicpreise einen Twitter-Acc und ich hab es mitbekommen. Immerhin. Den Literarischen März und den Würth und den Serner hab ich mir mühevoll zusammengesucht.

Ein Teil der Arbeit rund um ver/W/ort/bar und Lese*Lust ist genau dem angedient: Literatur auf die Straße zu zerren – ohne sie zwanghaft zu PoetrySlam oder Lesebühnenstandup mutieren lassen zu müssen.

Der Leser kann durchaus einen guten Text verkraften. Er traut ihn dem heutigen Literaten nur nicht mehr zu.

Der Literat als putziger Panda, der an seinem germanistischen Bambus kaut und dessen (Kopf-)Geburten alle so empfindlich sind, dass man besser nicht den Leser dran lässt.

Ja, Entschuldigung, ich lass das ja schon mit den Gleichnissen.

Warum ich über all dem grüble? Nun: ‚Wir‘ sind in einer Literaturzeitschrift.

Wir: Ein wilder Haufen Schreibender aus dem Netzwerk, welches irgendwie mit Wababbel und ver/W/ort/bar und Lese*Lust und dem Zuckerstudio Waldbrunn und dem dsfo zusammenhängt.

Zeitschrift: der Dichtungsring. Literatur seit 1981, und das will was heißen.

 

Und eine Literaturzeitschrift macht sehr viel Arbeit und sie braucht Herzblut und Leidenschaft und Besessenheit. Und gute Nerven.
Der Dichtungsring ist eine großartige Zeitschrift und ich hoffe, unser aller Texte sind ihm gerecht geworden. Für mich ist es zudem etwas ganz Besonderes, so zwischen und mit Mitstreitern, Weggefährten und Kollaborateuren zu stehen. Solches ist immer auch ein Sich-Begegnen und ein Sich-Messen.

Aber wer sind ‚die‘ denn nun und warum sollten Sie das lesen?

Da wäre Dennis Mizioch, der Lyrik schreibt, doch fürchten Sie sich nicht: Es ist eine klare, echte Lyrik, leichthin und schwerwiegend und mit Bierdosen an der richtigen Stelle. Mizioch beweist, dass Dichtung ohne jede Schwurbeligkeit und Arroganz auskommen kann.
Lassen Sie sich von Istanbul erzählen: hier, heute und in einer Verdichtung, die das ‚Hinter‘ hinter dem Sichtbaren aufleuchten lässt.

Jan Weidner – ‚Stehen bei Dessau‘ – sprachgewaltige Prosa über die Undenkbarkeit, etwas anderes als allein zu sein, in Berlin und überall sonst.

Jana Grolms – deren Gedichte von der Erde geprägt sind, auf der die Autorin mit beiden Beinen steht, und sich ihr zugleich entreißen und weigern, da zu bleiben, wo man sie gepflanzt hat. Andi Roscher – über die Liebe in Zeiten von Swarovski, Marc Richter mit einer fast schon klassischen phantastischen (Doppeldeutigkeit ist Absicht) Kurzgeschichte, Sue Ulmer über Wurzeln und Fliegen und Hoffnung.

Die, die ich nicht nenne, mögen mir verzeihen, es ist allein die Notwendigkeit zum Pragmatismus der Textlänge und keinerlei Wertung.

Ich weiß, lieber Leser, der es bis hierher geschafft hat – all das ist die typische Einladung:

„Kommen Sie doch mal wieder in den Zoo und schauen Sie sich Literaten an. Die sind sehr putzig und hinter Gittern auch recht ungefährlich.“

Ja, ich würde gern den Literaten wieder in der freien Natur auswildern, es tut dem Schreibenden nicht gut, im Elfenbeintürmchen vor sich hinzubrömmeln und dergleichen mehr wäre zu sagen, ja, ich hadere mit vielem … aber hier und heute:

Im Dichtungsring 49 sind Autoren versammelt, die es sich lohnt zu lesen. Machen Sie das, hören Sie auf mich. Bei Literatur, Süßspeisen und Cocktails habe ich immer recht.

Leider gibt es die Zeitschrift nicht online, sondern nur als Print – aber ich hoffe, den ein oder anderen Text demnächst online stellen zu dürfen und den ein oder anderen Autor für eine Lesung im Bürgerhaus zu gewinnen.

Bleibt noch der Schlusssatz:

Wir überlassen die Panda-Literaten den Verlagen. Kommen Sie in den Süden Berlins – wir haben die bengalischen Tiger, die Einhörner und die Kampfdrachen.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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