Vom Schlüssel im Geranientopf

keine Rezension – also: fast keine

Sei wie das Veilchen im Moose/ sittsam bescheiden und rein/ und nicht wie die stolze Rose/ die immer bewundert will sein.


Haja. Tschuldigung, nee. Heute nicht.

Wenn ich auf etwas stolz wie Bolle bin, in diesem Seuchen-2020, und wenn es etwas gibt, das ich pranzend wie ein Gockel zu Sonnenaufgang präsentiere, dann ist es das Zweifelheft Nr. 3.

„Der Schlüssel liegt im Geranientopf“ – Gedichte von Jana Grolms

Unterstützt, gefördert und geschmiedet in den Hallen von Moria, äh, des zuckerstudio waldbrunn, Teil der Edition Zweifelhefte.

*

Wenn man ehrlich ist, dürfte man nicht vom „Herausgeben“ reden, korrekt wäre „Herausnehmen“.

Allein der Größenwahn „Hier! Ich! Ichichich“ zu krakeln, als die Frage im Raum stand, wer denn für das dritte Zweifelheft den redaktionellen Betreuer macht. Ich will jetzt gar nicht davon erzählen, wie groß die Fußstapfen derer sind, denen ich da so in einem Anfall von Überschwang meinte hinterhertapern zu müssen… Doch es war ein Glück, mit Herrn Ekel den perfekten Spießgesellen zu haben, der nicht nur zweifelhefterprobt und sprachgewaltig ist, sondern auch drucksatzfest.

Sich herausnehmen, ein Heft mitzugestalten, das Teil einer Edition ist (schon das Wort ist beeindruckend, Edition, aber kein anderes wäre treffend), und damit sich einreiht, einreihen muss und zugleich sich behaupten auf seinen Platz. Bestehen und eigenständig sein.

Dann nimmt man Texte heraus. Aus den Jahren, in denen sie entstanden sind, aus den Händen des Autors, aus dem Zusammenhang, man nimmt sie heraus aus Schubladen und Ordnern, man nimmt sie sich heraus und fügt sie nie neu. Man sagt „das nicht!“ und man sagt „dieses unbedingt!“ und man spricht nächtelang über Konzepte, die so sein müssen, dass sie fest binden und zugleich so, dass sie kein einziges Wort einengen, determinieren und festlegen.

Man streitet. Sich und für die Idee, die man hat. Kann gut sein, dass Bücher zu machen, so ein harmonisch-kreativer Prozess ist, wie man ihn sich vorstellt – aber halt nicht, wenn ich dabei bin. Wenn man mit mir arbeitet, fließt immer Blut. Wenn man Glück hat, nur zwischen den Zeilen.

Wählen, Verwerfen, Hinzufügen. Farben, Bilder, Schriften, Ordnung und immer wieder Umordnung. Und ich habe selten einen Prozess so geliebt wie diesen, denn – und jetzt kommen wir zum Wesentlichen, den Gedichten – ich war selten so stolz Teil von etwas zu sein.

Es gibt Autoren, die stehen fest mit beiden Beinen auf dem Boden. Und dann gibt es Jana Grolms, die sich tief mit beiden Händen in diesen Boden gräbt, ihn pflügt und aufschüttet, mit Wanderschuhen festtritt, kilometerweit darauf läuft, nur um nach Hause zurückzukehren, darin sät und pflanzt, Großes und Kleines daraus zieht. Als ich den Gedichten Jana Grolms begegnete, verstand ich eines sofort: Hier wagt sich jemand mit Lyrik ins Leben. Nicht in ein großes, heroisches, sondern in dieses ganz kleine, angeblich einfache, alltägliche. Da ist das Haus, der Garten, die Kiefern. Die Landschaft. Die Kinder, die Katzen und Vögel. Da sind Johannisbeeren und die Liebeslieder ertönen unter dem kritischen Blick der Nachbarn.

Ich sage oft Sprachgewalt, wenn ich Autoren schätze, aber bei Jana Grolms ist nur die Natur gewaltig – die Sprache ist fein, vorsichtig fast, zugewandt, genau, manchmal schlicht, manchmal verspielt, manchmal voller Witz. Es ist diese Liebe zur Sprache und zu den Dingen, von denen sie erzählt, was die Gedichte von Jana Grolms für mich einzigartig macht. Ein Überströmen, Überlaufen des ach so Kleinen, das so groß wird, wenn man es nur ansieht.

Zuhause. Das ist es mir.

Jedes Kind braucht ein Zuhause, und wer nie eines hatte, der hat ewige Sehnsucht danach und läuft Gefahr, auf der Suche danach verloren zu gehen. Jana Grolms Gedichte erzählen nicht von dieser Suche, sie erzählen davon, wie es ist, sich in den Boden zu graben, und selbst eines zu sein: ein Zuhause. Für die und für das und für all jenes, was man liebt. Und für sich selbst.


Weiße alte Männer at its best

Mir wurde Kent Harufs ‚Lied der Weite‘ geschenkt. Von jemandem, der die Kunst beherrscht, perfekte Geschenke zu machen. Schade, dass diese Begabung nicht als Beruf durchgeht. (Ich wäre auch sehr professionell als Geschenkempfänger.)

Es geht um nichts.

Also in Harufs Buch vom Lied der Weite.

Naja, natürlich geht es schon um was, aber darum geht es genau genommen nicht – trotzdem sei es erzählt, das gehört sich so für Rezensionen. Hab ich gehört. Jedenfalls: Da ist Victoria, Highschool-Mädchen, eines von vielen, das schwanger ist von einer Sommerliebe. Die Mutter macht nicht viel Federlesens und wirft sie raus. Mit einigen Umwegen findet Victoria erst Obdach und dann ein Zuhause bei zwei alten, eigensinnigen Cowboys. Es geht um eine Kleinstadt irgendwo bei Denver, es geht ausgesprochen viel um Tierinnereien, um zwei Jungs, die Abschied(e) von ihrer Mutter nehmen müssen und es geht um Liebe.

Aber die Story, die Handlung ist nur die Bühne für die Figuren, die Menschen, von denen erzählt wird und man liest dieses Buch, weil man auf sehr unaufgeregte Art als Lesender zum Teil dieser Gemeinschaft wird. Das ist der Zauber, die Kunst Harufs, es zieht den Leser nicht in die Geschichte, es zieht ihn mitten hinein in die Menschen.

Ein Buch also, das sich herausnimmt, Menschen zu folgen, die keine Helden sind. Nicht einmal besonders interessant sind sie. Nicht gebildet, nicht eloquent, nicht mal redselig. Leben ist, wenn man die Kühe füttern muss, ein Kind gebären, den Jungs Frühstück machen und sie irgendwie groß bekommen, auch ohne Mutter. Das Leben ist hart und rau und unsentimental – und doch ist da sehr viel Wärme in diesem Buch. Und Hoffnung.

Da sind die Cowboys, klar, die reden nicht. Dann der Lehrer, der redet auch nicht. Nicht mit seiner depressiven Frau, die völlig verloren geht, nicht mit den Jungs, die er zu beschützen versucht und es doch nicht kann (das Schicksal aller Eltern), das Mädchen, ja, das sagt auch nicht viel, es ist so schutzlos und verletzlich und allein – auf vielen Ebenen, nicht nur auf den offensichtlichen. Und dann ist da noch die zentrale Frauenrolle, die alles verbindet – das Mädchen aufsammelt, die Cowboys von der Weide holt und den Lehrer für sich gewinnt.

Und redet die? Nein, auch nicht. Sie macht nur Ansagen. Kurz und knapp und so kühl wie der Winter, sie bricht die harten Kerne und findet die weichen Herzen der Kerle. Was für eine Frau. Sie fühlt, spürt, empfindet und geht doch keinem auf den Sack damit. Nein, Maggie Jones will nicht über Gefühle reden, sie nimmt jeden, wie er ist – auch den dementen Vater – und stellt ihre Empathie in den Dienst der Sache. Sie sagt nur so viel, wie es braucht, die Dinge in die richtige Richtung zu schubsen – und will und fordert nichts zurück.

Ja, das ist ein Land der alten weißen Männer. Die Pferde ausnehmen und Mädchen retten und Jungs zu Kerlen heranziehen. Wo die Traumfrauen selbstlos sind und gut – Heilige und Hure, aber niemals gierig und fordernd und schon gar nicht verlangen, dass sich jemand ändern möge. Oder mal darüber reden, was eigentlich ist.

Und mehr als einmal möchte man ins Buch springen und die ganze Belegschaft anbrüllen, ob sie denn bitte mal die Schnauze aufmachen könnten! Herrschaftszeiten. Hättet ihr das Mädel mal gefragt, wäre sie vielleicht nicht zurück zu dem Idioten, der sie dann schwanger und Drogen setzt und vergewaltigt (oder vergewaltigen lässt). Und vielleicht könnte mal jemand mit der schwer depressiven Frau sprechen? Oder wenigstens mit den Jungs, die nur erleben, wie sich die Mutter abwendet und verschwindet. Erst emotional, dann real? Und das alles in diesem Schweigen, das nichts benennt, nichts anerkennt, sondern nur hinnimmt.

Es ist ein schreckliches Buch. All dieses Schweigen. Und die damit verbundene Grausamkeit, Leben ist hart, Alter. Egal was geschieht, man steht auf und tut und macht. Meistens weiter. Die Kühe müssen gefüttert werden.

Und es ist zugleich ein wunderbares Buch, denn hinter dem Schweigen schlagen Herzen. Da wird mit schwieligen Händen das Mädchen aufgefangen, und man hört förmlich, wie Victoria den alten Farmern das Herz bricht, es aufbricht. Und der Vater schlägt sich für! seine Jungs und die Jungs finden eine alte Frau, die zwar auch keine Worte hat aber Zimtplätzchen.

Das Gefühl, welches das Buch vermittelt, ist jenes, was man hatte, damals, als man klein war, dreikäsehoch ungefähr, und zu müde zum Laufen, so müde, dass einem die Tränen kamen, und Papa ohne große Worte nahm dich auf die Schultern und trug dich nach Hause. Ein Gefühl von Geborgenheit und unermäßlicher Stärke und diesem sich einbrennenden Wissen, dass wenn du nicht mehr kannst, Papa dich trägt. Und dann wird alles ganz leicht.

Und man bekommt Sehnsucht. Nach dieser wortlosen Geborgenheit, diesem Gefühl, dass kein Monster unter dem Bett dich fressen kann, solange diese schweigenden Kerle da draußen stehen und ihr Bier trinken. Es ist das Bild einer Welt, in der man groß wurde und die man in unzähligen Geschichten aufgesaugt hat.

This is a man’s world, this is a man’s world

(But it wouldn’t be nothing, nothing without a woman or a girl)

Ehrlich, es hängt mir so zum Hals raus. Dieses Schweigen. Dieses Durchstehen, Weitermachen, nicht in Kontakt gehen, nicht in die Tiefe, und bloß – huh – keine Gefühle, es sei denn, Frauen brauchen und nutzen sie, um die Dinge um sich herum in Ordnung zu bringen. Die Huldigung der klugen Frau, die ihre (intellektuelle und emotionale) Klugheit sanft lächelnd und dienend einsetzt, für andere, nicht für sich selbst. Für sie selbst ist ja der Platz hinter dem Mann, damit sie den Rücken stärken …

Ein großartiges Buch. Wirklich. Eines, das mir bleiben wird. Die klare Sprache, der genaue Blick, ich liebe die Menschen darin – die Cowboys und den Lehrer und ich hoffe sehr, irgendjemand rettet die depressive Mutter. Aber die Jungs, die würde ich gern rauszerren und ihnen zeigen, dass es mehr gibt, eine Welt jenseits des Schweigens und des Hinnehmen und Durchstehens – und nichts, was man daran fürchten muss.

This is a woman’s world.

Ja, ihr alten weißen Männer, ich hab euch lieb, wirklich. Aber ich muss dann mal weiter.


Von Geranientöpfen und Blogbustern

„Menschen sind komisch“, sagt die Katze.

„Wir sind Affen, die die Hände frei haben“, sage ich schulterzuckend. „Man sollte da vielleicht einfach nicht zu viel erwarten.“

„Allein das Ding, dass ihr euren Gott aufesst. Und dazu noch einen Feiertag habt, der den Verzehr von Leib und Blut eures Gottes zum Thema hat – Frohen Leichnam!“

„Fronleichnam“, korrigiere ich und sehe am Gesicht der Katze, dass das jetzt Menschsplaning von Katzen war.

„An sich ist das ja witzig – fresst die Götter einfach auf. Aber ihr habt keinen Sinn für Humor und meint das völlig ernst …“

„Sag nicht immer ‚ihr‘ – ich für meinen Teil habe noch nie an einem solchen Ritual teilgenommen und auch nicht geplant, in naher Zukunft …“

„Es gibt keine Atheisten in Schützengräben“, deklamiert die Katze und ich wechsle mal das Thema dahin, wo ich eigentlich wollte:

Geranientöpfe

Was machst du denn so, während Corona?, werde ich ziemlich oft gefragt. Da ich ja vorwiegend von zu Hause aus arbeite und dann noch im kreativen Bereich, was ja in vieler Augen an sich keine Arbeit ist, wie man weiß, sondern eine selbst belohnende Beschäftigung, also praktisch Spielen, jedenfalls geht man jetzt offenbar davon aus, dass ich gar nichts mehr zu tun habe.

Was machst du denn so den ganzen Tag?

So was:

Ja, das sieht harmlos aus. Ein Heft in Grün. Und die Gedichte musste ich nicht mal selber schreiben, ich fungiere ja mehr oder weniger nur als Herausgeberin und das noch nicht mal allein, weil natürlich das alles nichts wäre ohne Herrn Ekel & Ekstase. Die Gedichte sind von Jana Grolms, einer ganz wunderbaren Autorin, von der ich an anderer Stelle noch erzählen werde.

Aber auf dem Weg von einer Sammlung von Gedichtetem hin zu einem Zweifelheft, geschieht sehr vieles. Gedanken und Pläne, Überlegungen und Zweifel (natürlich Zweifel!), Ringen und Streiten, Freuen und Hoffen, Verwerfen und Vergessen. Es werden Worte darum gemacht, die in ihrer Fülle jene Worte, die dann da endlich stehen (werden), in dem grünen Heft, an Masse und Menge um vieles übersteigen. Sogar ein Nachwort wird gemacht, wofür Gabriele Lanser großer Dank gebührt. Dann noch das Seuchenjahr 2020, was jede Planung in sich reinfrisst und niemals nicht satt zu werden scheint …

„Siehste und das gibt keinen Feiertag“, wirft die Katze ein und ich ignoriere sie.

… und wenn dann am Ende, ein wunderschönes Heft in Grün steht – allein das Grün, auch wieder eine Geschichte für sich, weil Grün ist ja nun nicht Grün, nicht wahr, da kann man Tage mit verbringen – dann ist das etwas, worüber man sich freuen kann. Auch wenn man nur ein Affe ist, der die Hände frei hat.

Hin und wieder mitmache ich also ganz wunderbare Dinge.

Und hin und wieder passieren mir ganz wunderbare Dinge:

Shortlist, Baby.



Die Systemrelevanz von Katzen

„Pass auf“, sagt die Katze. „Unter Franz Josef damals …“

„Welchem?“, frage ich.

„Strauß“, sagt die Katze, und: „Wenn du mich mal ausreden lassen würdest, wäre das …“

„Verzeihung.“ Mein Benehmen fiktivem Viehzeugs gegenüber lässt offenbar zu wünschen übrig. So was.

„Unter Franz Josef jedenfalls hat noch jeder Grenzkreative, jeder Schreiberling und jeder Pinselschwinger einen Witz über ihn gerissen – nur damit klar war: ich bin Künstler, also bin ich systemkritisch.“

„Ahja.“

„Und heute? Motzt die Kreativgemeinde geschlossen rum, weil sie nicht als systemrelevant gilt. Systemrelevant! Wenn das der Franz Josef noch erleben müsste!“

„Das hab ich schon mal irgendwo gehört“, sage ich und gähne. Demonstrativ.

„Gut geklaut ist halb selber gedacht.“

„Und außerdem“, sage ich und denke stirnrunzelnd an meinen Kontostand, „versteh ich durchaus, dass man nicht unbedingt verhungern will, so als Künstler.“

„Wenn man satt sein will, muss man Unternehmensberater werden. Oder Virologe. Oder ein Bandit. Nimm die Narcos – jammern die rum, weil sie nicht systemrelevant sind? Nein, sie nehmen die Sache einfach selbst in die Hand …“

„Willst du damit sagen, die Künstler sollen jetzt alle Hanf anbauen?“

„Hanf, Wermut, Pilze, was auch immer … aber ich sag doch nur, dass es nicht das Ziel eines Künstler sein kann, systemrelevant zu sein. Wo sind wir denn?“

„2020 sind wir“, sage ich. „Und der Bachmannpreis, der Hort der modernen Literatur, überlegt noch, ob er so was Neumodisches wie Skype verkraftet.“

„Ja, ja, wechsle nicht das Thema. Sag mir lieber, was das sein soll: Systemrelevante Kunst.“

„Netflix?“

„Huh, ja“, sagt die Katze. „Wenn man es so sieht. Und ich wollte eh noch Narcos fertig schauen …“


Blogbuster? – Die Lange Liste

Die Katze und ich sitzen vor dem Monitor und starren auf den Bildschirm. Da ist sie. Die Lange Liste. Vollständig. Endgültig. Fix und fertig. Darauf wartend, gekürzt zu werden, von der Longlist zur Shortlist, sich unvermeidlich auf das Ende zubewegend, ein Ende, das noch in der Ferne liegt, aber doch schon in den Vorzeichen kündet …

„Daydrinking?“, fragt die Katze. „Oder Anfall von melodramatischem Schriftstellerwahn?“

„…“

„Na, mal ehrlich“, sagt die Katze und zoomt das Bild ran. „Es schaut doch ganz nett aus, wie ihr da alle, äh, so in Reih und Glied und mit Foto und so … voll die Autoren.“

„Ich finde, wir kucken alle bisschen bedröppelt.“

„Was?“ Die Katze legt mir eine Pfote an die Stirn, dann die andere und dann sagt sie: „Streck mal die Zunge raus und mach ‚Ahhhh‘ – irgendwas stimmt mit dir nicht.“

Ich tue das natürlich nicht, schiebe die Katze weg und sage: „Na, ich meine, natürlich sind die Fotos alle sehr cool und nett und professionell und schick und so – aber … gefühlt.“

„Die Longlist der Blogsbusterpreises kuckt gefühlt bedröppelt.“

„Ja!“

„Aber sonst geht’s noch?“

Ja, geht’s noch?

Ging’s je? – wäre vielleicht eher die Frage, aber es ist schon merkwürdig. Mit mir.

Ich taug einfach nicht zu Wettbewerben. Mich stresst das. Dieses brav in Reih und Glied warten, dieses bloß nicht zucken, dieses so tun, als wäre man sich selbst und seiner selbst sicher. Ich finde bewertet zu werden immer scheiße, ich geh schon nicht gern zum Blutdruckmessen, weil der Arzt dann immer so kuckt, weil ich 130/80 habe und nicht die vorbildlichen 120/80. Und wenn ich eine Steuererklärung abgebe, dann stell ich mir immer vor, wie die Finanzbeamten den Kopf schütteln über meine kläglichen Versuche, ein Arbeitszimmer abzusetzen.

Ja, vielleicht wünsch ich mir, dass alle auf der Liste bisschen bedröppelt schauen, weil die Vorstellung, die Einzige zu sein, die das nicht cool nimmt – sondern am liebsten in Grund und Boden versinken möchte, bei der Vorstellung, dass da eine Jury, eine Fachjury, wie gern betont wird, mit gezücktem Rotstift über meiner Kommasetzung sitzt und irgendwelche Punkte an den Rand schreibt – uäääargs. Oder so ein fettes A!, wie man es in der Schule immer bekommen hat.

Mag, möchte, will, wünsche die anderen von der Liste viel lieber als Verbündete, als Spießgesellen und Kollaborateure zu sehen, denn als Konkurrenten, die es auszustechen gilt. Am liebsten zusammen durch Fenster abhauen und heimlich Bier am See trinken gehen, während die Erwachsenen Bewertungsbögen schreiben …

„Gott“, sagt die Katze und verdreht die Augen. „Ich seh schon, ich muss dir echten Killerinstinkt beibringen. Morgen fangen wir an!“

„Warum morgen?“

„Weil ich heute erst Narcos auf Netflix zu Ende schauen muss“, sagt die Katze und verzieht sich auf die Couch.

tbc

Coronatagebuch

„Schreibst du jetzt auch ein Coronatagebuch?“, fragt mich die Katze.

„Nein.“

„Das machen aber ALLE. Jeder hippe Jungautor und gestandene Literat schreibt Coronatagebuch – warum du nicht? Wie soll je aus dir was werden?“

„Katze. Ich bin im Normallebensfall schon niemand, über den es lohnt Tagebuch zu führen – ich bin weder ne schnieke OP-Schwester, die Leben rettet noch kümmere ich mich hauptberuflich um süße Tiere noch jette ich von New York nach Indien und dann nach Neuseeland.“

„Ja“, sagt die Katze, „das ist uns allen schon aufgefallen.“

„Schreibende sind unglaublich fade Menschen. Und das wird nicht besser, wenn man sie unter Kontaktsperre setzt und sie zu Homeschooling verdonnert.“

„Aber irgendwas Aufregendes gibt es doch bestimmt?“

„Ich habe gestern eine Spinne in der Dusche gefangen.“

„Wow, dein Leben ist echt öde.“

„Wäre mein Leben nicht öde, hätte ich keine Zeit zum Erzählen.“

Die Katze gähnt.

„Siehst du, du gähnst jetzt schon – stell dir mal vor, ich würde Tagebuch führen.“

„Schön, dann schreib halt spannende Geschichten.“

„Wie sagte Virginia Woolf? Ein Frau braucht, um große Literatur zu schaffen, 500 Pfund im Jahr und ein eigenes Zimmer. Beides gerade völlig unerreichbar.“

„Und was machst du jetzt?“

„Irgendwie klar kommen, auf das Beste hoffen und der Welt ein Tagebuch ersparen.“



Oh, Baby, verleg mich …

„Weißt du“, sage ich zur Katze, während ich zum ungezählten Male die Blogbusterseite aktualisiere, um zu schauen, ob es Neuigkeiten gibt, „die Beziehung von unveröffentlichten Schriftstellern zu Verlagen erinnert mich sehr an die von Frauen zu Männern.“

Die Katze verlässt das Fensterbrett und kommt zu mir herüber. Gelassenen Schrittes, aber offenbar nicht völlig desinteressiert.

„Frauen warten auf den weißen Ritter, auf den einen, der sie so liebt, wie sie sind und sie auserwählt unter tausend anderen. Schriftsteller warten auf den Verlag, den einen, der sie so liebt, wie sie sind und sie auserwählt unter tausenden.“

„Ich hatte gehofft, Frauen sind inzwischen weiter …“, sagt die Katze.

„Ich hatte gehofft, Schriftsteller sind inzwischen weiter …“, sage ich.

„Ach“, sagt die Katze, „ein Schriftsteller ohne nennenswerte Veröffentlichung ist ja gar kein richtiger Schriftsteller.“

„Ein Frau ohne nennenswerte Koitabilität …“

„Diese Kontaktbegrenzung tut dir echt nicht gut, was?“, fragt die Katze. „Jetzt drehst du direkt existenziell durch.“

„Willst du sagen, ich hab unrecht?“

„Natürlich nicht! Menschen sind Idioten! Frauen verlieben sich in Idioten. Schriftsteller sind Menschen! Und Verlage drucken Idioten! Alles wahr, aber kein Grund für griechische Dramen.“

Ich sage nichts, stehe auf und hole mir Obst. Man soll ja viel Obst essen, während einer Pandemie. Heißt es. Und Sport machen. Und zum Arzt gehen, wenn die Haustiere anfangen zu antworten.

„Hör mal“, versucht die Katze mich zu trösten, „ich weiß, dass KiWi deine heimliche große Liebe war und du jetzt traurig bist, weil die Lindemannsche Rohypnoldichtung drucken und ja, das ist traurig, tief traurig, aber so ist die Welt.“

„Meh.“

„Meh nicht rum, du würdest ja auch deinen Job nicht kündigen, nur weil dein Chef gern Xavier Naidoo hört. Und die AfD-Bärbel grüßt du auch immer ganz nett und mit dem Typen, der immer so mies zu seinen Frauen ist, gehst du trotzdem Eis essen, weil du seine Kontakte brauchst.“

„Meh.“

„Als ob du, wenn KiWi morgen anruft, Lindemann zitieren und dann auflegen würdest!“

„Ich fänd’s cool, wenn ich würde.“

„Ich fänd’s dämlich.“

Mein Seufzen an dieser Stelle klingt wahrhaft nach griechischer Tragödie. Da hat die Katze schon recht.

„Wenn du seufzt, dann fliegt das Glück davon!“, zitiert die Katze aus Inu Yasha und leistet damit den heutigen Beitrag zur Literaturempfehlung.

„Wie kann ich mich auf der einen Seite fragen, ob KiWi eigentlich gar keine Kotzgrenze hat – und anderseits mich direkt hingebungsvoll und dankbar zeigen, wenn sie sich herablassen würden, mich zu drucken? Das ist doch krutzverlogener Drecksmist.“

„Natürlich ist es das“, sagt die Katze. „Also Drecksmist. Allerdings Drecksmist, der in der Realität eh nicht zur Debatte steht.“

„Ich dachte, es kommt noch was Kluges …“

„Nun, die Lösung ist einfach.“

„Ach was?“

„Du musst nur den Punkt erreichen, an dem du zu KiWi sagen kannst: Legen Sie mir bitte Herrn Lindemann umgehend zur Begutachtung vor!“

„Du meinst die Lyrik von Herrn Lindemann?“

„Nö.


20+20 = 40 = Quarantäne

Na? Auch schon bei der Kabbala als Verschwörungstheorie angekommen?

Während man auf ARD und ZDF austrainierte Muttis (und natürlich die gendergerecht beteiligten Papis) sieht, wie sie in perfekt geputzten Lofts hocken und während des Homeschoolings ihrer hochbegabten Kinder noch vegane Lowcarb-Muffins backen – ist es hier, äh, ganz genauso. Loft, geputzt, lauter Hochbegabte.

o.O*


Spannender die Frage: Was macht die Literatur in pandemischen Zeiten?

Sie darbt. Hört man. Ich dachte, das täte sie eh immer – aber jetzt hat wohl Amazon völlig überraschend seine Marktmacht genutzt und deswegen der Aufruf an alle: auch der Regiobuchladen kann euch Bücher be- und vor die Tür stellen.

Hier nun nicht so, denn hier gibt es im Umkreis keinen nennenswerten Buchladen. Deswegen bestelle ich hier: Voll geheimer Geheimtipp!

Comics? Waaaas? Comics?

Jetzt könnte man darüber reden, ob Comics Literatur sind – aber über solche Selbstverständlichkeiten rede ich nicht. So.

Was noch? Ach ja, der Bachmannpreis, eines von vielen Pandemieopfern, geht digital. Vielleicht. Wahrscheinlich. Eventuell was mit Skype. Es ist grad bisschen betulich, aber das erwartet man schließlich so und nicht anders vom Bachmannpreis.

54Books – Online Feuilleton – führt ein Distanz-Tagebuch. Falls es euch nicht genügt, meinem Wehklagen über die aktuelle Tristesse zu lauschen.

Im Übrigen wird man recht vollgeworfen mit Leseempfehlungen und jeder Praktikant eines Großverlags wird jetzt verdonnert Rezensionen zu schreiben und ich sag mal so: wenn ihr seröse Rezis lesen wollt, folgt dem Bookster HRO – wenn ihr aber wissen wollt, was ihr keinesfalls lesen solltet, dann fragt mich.

Der Buchwiderrat der Woche:

Ich bin der Herr deiner Angst – Stephan M. Rother – Rowohlt

Es gibt schlechte Bücher. Das ist i.O. Das braucht es zum Ausgleich des Universums. Schlimm, ganz arg schlimm sind jedoch Bücher, die echt gut sein könnten – aber das auf den letzten Metern versemmeln.

Ich mag U-Literatur, ich mag Krimis, ich mag es gern auch skandinavisch-düster-brutal-abgründig und ich mag, wenn Autoren schreiben können, auch wenn es gar nicht notwendig wäre, gut zu schreiben, weil das Buch verkaufte sich auch so. Halbwegs.

Rother kann und hat all das und dann – dann funktioniert die zentrale Figur nicht. Die bleibt zwar, wie alle guten Bösewichte, über weite Strecken im Dunkeln – taucht aber im letzten Drittel auf und redet und redet und … was soll ich sagen. Es ist so bisschen, als würde man Hannibal Lecter erwarten und dann taucht, naja, ein Finanzbeamter auf. Das ist dann zwar auch alles gruselig und grausam, was er erzählt, aber unsympathisch ist halt nicht abgründig.

In dem Sinne: bleibt gesund und denkt dran: das Böse schwätzt nicht.



Brömmelböh

Wenn Sie zu den Mitmenschen gehören, die die Zeit der Kontaktbegrenzung nutzen, um die Wohnung frühlingsfit zu machen, mit den Kindern, die ihre Schulaufgaben alle schon um 10 Uhr morgens freiwillig erledigt haben, spontan Chinesisch lernen und nach dem Joggen (alleine, aber mit Fitnessarmband) noch eine Stunde entspannt Yoga machen: Gehen Sie weg. Ich kann Sie nicht leiden.

Pfrm.

Kennen Sie diese Schriftsteller, die davon erzählen, wie sie jeden Morgen um 5 Uhr an ihren Schreibtischen sitzen und schreiben? Und auch sonst so voll strukturierte Tagespläne haben? Ja, die kann ich auch nicht leiden.

Wenn ich Zeit bzw. zeitlichen Spielraum habe – dann lese ich hornsalte Habeck-Interviews, schaue heimlich ein oder zwei Folgen American Horror Story und verschiebe die Arbeit auf ‚Nachmittags‘, nur um dann nachmittags zu jammern, dass ich arbeiten muss. Zwischendrin rufe ich dem Teenager zu, er soll Socken anziehen. Dann rechne ich nach, wie oft ich den Satz ‚zieh deine Socken an‘ in den letzten 13 Jahren gerufen habe und frage mich, warum eigentlich. Es ist ja nicht so, als würde das Kind sich deswegen Socken anziehen. Schaue kurz in den Kühlschrank, stelle fest, dass ich nie etwas einkaufe, das ich auch essen möchte, rufe dem Teenager zu, er soll sich bitte endlich Socken anziehen, setze mich an den Rechner, erwäge kurz zu arbeiten, denke aber, das kann ich wie gesagt auch nachmittags machen, jetzt könnte ich ja z.B. was schreiben. Wobei ich mich dann nicht direkt entscheiden kann, welches Projekt, weil ich mir denke, vielleicht ist doch was im Kühlschrank und wenn ich gleich arbeite, dann muss ich heute Nachmittag nicht und könnte dann wirklich mal Yoga UND WENN DAS KIND JETZT NICHT GLEICH SOCKEN …

Auch sonst kann ich sehr gut mit der aktuellen Situation umgehen. Fragen Sie mal die Zimmerpflanzen. Also die, die noch leben.

Blogbuster? – Eine Geschichte aus vergangenen Zeiten II

Irgendwo zwischen Homeschooling, Lagerkoller, Kurzarbeit und dem Mehrmals-täglich-Blick auf die Fallzahlen und Kurven der Johns Hopkins verliert das, was ich zu erzählen habe über den Februar und den Blogbuster und das Schreiben an Bedeutung. Und dennoch erzähle ich es, aus dieser Mischung aus Sturheit und Beharrlichkeit heraus, die mir früher mehrfach Prügel eingebracht hat – weil ich der Meinung war, dass ich jetzt absolut nicht wegrenne, nur weil ne Horde Achtklässler unsere Bude im Wald annektieren will.

Ich war in dieser Hinsicht kein sehr schlaues Kind, ich weiß.

Jedenfalls bekam ich Anfang Februar von Bookster HRO eine Mail, in der er das ganze MS anfragte und etwas von 900 Seiten erzählte, durch die er sich gekämpft habe.

Neben ‚Juhu‘ war vor allem ‚Watt? 900? Wie das denn?‘ was mir so durch den Kopf schoss und wirklich, so las ich dann auf seinem Blog, er hatte 29 Exposees mit Leseproben und das heißt also 29mal um die 32 Seiten zu lesen und hallo?

Ich habe vor langer Zeit in 14 Tagen 60 Kurztexte lesen und beurteilen wollmüssen (im Rahmen eines kleinen, unbedeutenden Wettbewerbs, aber weil halt Herzenssache doch und durchaus ernsthaft) und ich sage euch: Ich stand kurz vor der Selbstentleibung. Wie viele Texte können eigentlich damit beginnen, dass es regnet, fragt man sich. Wie viele?

Jedem der glaubt, dass er wahnsinnig offen, innovativ und erfreut über experimentelle Literatur wäre, dem sage ich: haha. Hahaha. Man lernt sehr schnell über sich, dass die eigene Urteilskraft in direkter Korrelation zum Koffeinspiegel und der Lautstärke der freilaufenden Kinder verläuft. Es ist wirklich schwer, in der Masse der Texte neutral und objektiv zu lesen, sich frei von Erwartungen auf Texte einzulassen, über die Fehler, die Rohdaten (ein MS ist kein fertiges Buch) immer haben, hinwegzusehen usw. usf.

Was ich sagen will: Ich hab nen Heidenrespekt vor allen Bloggern, die sich hineingewagt und hineingelesen haben. Und auch wenn ich zumindest von einer sehr, sehr krassen Fehlentscheidung weiß (und ich den entsprechenden Blogger auch boxen werde, so ich ihn je treffe, weil der Text, den ich meine, wirklich verdammt gut ist und ich da strikt subjektiv und parteiisch bin) – ist mir klar, wie schwer die Aufgabe ist, wie schmal der Grad zwischen ‚eigenständig‘ und ’sackgängig‘ ist und ich wirklich jeden bewundere, der sich an eine solche Entscheidung wagt und weiß, dass ich das bestimmt nicht besser gemacht hätte. (Aber ich box den Blogger trotzdem.)

Als ich auf Bookster HROs (ich lasse es mal beim Blognamen, damit ihr wisst, von wem ich rede) Blog dann las, dass er vier weitere MS angefordert hatte, dachte ich mir: Naja, das war jetzt sehr nett von ihm, dass er mich und so – aber da ist bestimmt was dabei, was wesentlich passender ist, als dein „Brunnen oder Nicht-Brunnen ist hier die Frage!“

Eine Literaturbauernregel lautet: Zusagen kommen schnell. Absagen dauern lange. Das gilt aber nicht, wenn man so einen ernsthaften und konsequenten Blogger hat, wie den Bookster, denn der liest wirklich alle 5 MS bis er dir schreibt, dass du auf der Longlist bist.

Und ich freu mich, SARS CoV2 hin oder her, Homeschooling rein oder raus – ich freu mich noch jedes Mal, wenn ich dran denke, dass ich da auf der Longlist bin.

Und warum freu ich mich so? Ja, klar, Longlist, yeah, aber mehr noch, weil ich die Art, wie der Bookster den Text gelesen hat, sehr mag. Ein wildfremdes MS, eines aus einem fetten Stapel von 29 Texten, alle geschrieben mit Leidenschaft, Herzblut; es gibt viele gute Erzähler da draußen – und dann herausgezogen werden und dann: Liest dich jemand, denkt über das gesagte/erzählte nach, taucht ein und stellt in Frage, sucht und findet.

Das ist so ein ganz eigenes Gefühl – und vielleicht kann man das nur verstehen, wenn man selbst schreibt, und besonders gut verstehen, wenn man Texte schafft, die es dem Leser nicht immer leicht machen, die Wagnis sind und Grenzgang – und wenn die jemand mitgeht und sich fangen lässt – und zugleich klug und sachlich hinterfragt: Das fetzt.

Und das kann mir auch keiner nehmen, egal wie mies das Jahr jetzt noch läuft.

Ach so: woher ich das weiß, wie der Bookster gelesen hat? Daher und weil wir uns zum Glück noch treffen konnten – und einen sehr kurzweiligen, heiteren uns spannenden Plausch am Berliner Südkreuz hatten. Menschen zu begegnen, die dem gleichen Wahnsinn frönen wie man selbst, ist eh toll – und was den Bookster angeht: ditt is einer von den Juten, wa. Also lest seinen Blog.

Überhaupt: Lesen ist gut gegen Lagenkoller. Also los. Zackig. z.B. die ganzen Leseproben der Longlister, die jetzt so nach und nach eintrudeln – könnt ihr alle lesen. Ach was, könnt. Das sind jetzt eure Hausaufgaben. Ich frag das nächste Woche ab.