Brömmelböh

Wenn Sie zu den Mitmenschen gehören, die die Zeit der Kontaktbegrenzung nutzen, um die Wohnung frühlingsfit zu machen, mit den Kindern, die ihre Schulaufgaben alle schon um 10 Uhr morgens freiwillig erledigt haben, spontan Chinesisch lernen und nach dem Joggen (alleine, aber mit Fitnessarmband) noch eine Stunde entspannt Yoga machen: Gehen Sie weg. Ich kann Sie nicht leiden.

Pfrm.

Kennen Sie diese Schriftsteller, die davon erzählen, wie sie jeden Morgen um 5 Uhr an ihren Schreibtischen sitzen und schreiben? Und auch sonst so voll strukturierte Tagespläne haben? Ja, die kann ich auch nicht leiden.

Wenn ich Zeit bzw. zeitlichen Spielraum habe – dann lese ich hornsalte Habeck-Interviews, schaue heimlich ein oder zwei Folgen American Horror Story und verschiebe die Arbeit auf ‚Nachmittags‘, nur um dann nachmittags zu jammern, dass ich arbeiten muss. Zwischendrin rufe ich dem Teenager zu, er soll Socken anziehen. Dann rechne ich nach, wie oft ich den Satz ‚zieh deine Socken an‘ in den letzten 13 Jahren gerufen habe und frage mich, warum eigentlich. Es ist ja nicht so, als würde das Kind sich deswegen Socken anziehen. Schaue kurz in den Kühlschrank, stelle fest, dass ich nie etwas einkaufe, das ich auch essen möchte, rufe dem Teenager zu, er soll sich bitte endlich Socken anziehen, setze mich an den Rechner, erwäge kurz zu arbeiten, denke aber, das kann ich wie gesagt auch nachmittags machen, jetzt könnte ich ja z.B. was schreiben. Wobei ich mich dann nicht direkt entscheiden kann, welches Projekt, weil ich mir denke, vielleicht ist doch was im Kühlschrank und wenn ich gleich arbeite, dann muss ich heute Nachmittag nicht und könnte dann wirklich mal Yoga UND WENN DAS KIND JETZT NICHT GLEICH SOCKEN …

Auch sonst kann ich sehr gut mit der aktuellen Situation umgehen. Fragen Sie mal die Zimmerpflanzen. Also die, die noch leben.

Blogbuster? – Eine Geschichte aus vergangenen Zeiten II

Irgendwo zwischen Homeschooling, Lagerkoller, Kurzarbeit und dem Mehrmals-täglich-Blick auf die Fallzahlen und Kurven der Johns Hopkins verliert das, was ich zu erzählen habe über den Februar und den Blogbuster und das Schreiben an Bedeutung. Und dennoch erzähle ich es, aus dieser Mischung aus Sturheit und Beharrlichkeit heraus, die mir früher mehrfach Prügel eingebracht hat – weil ich der Meinung war, dass ich jetzt absolut nicht wegrenne, nur weil ne Horde Achtklässler unsere Bude im Wald annektieren will.

Ich war in dieser Hinsicht kein sehr schlaues Kind, ich weiß.

Jedenfalls bekam ich Anfang Februar von Bookster HRO eine Mail, in der er das ganze MS anfragte und etwas von 900 Seiten erzählte, durch die er sich gekämpft habe.

Neben ‚Juhu‘ war vor allem ‚Watt? 900? Wie das denn?‘ was mir so durch den Kopf schoss und wirklich, so las ich dann auf seinem Blog, er hatte 29 Exposees mit Leseproben und das heißt also 29mal um die 32 Seiten zu lesen und hallo?

Ich habe vor langer Zeit in 14 Tagen 60 Kurztexte lesen und beurteilen wollmüssen (im Rahmen eines kleinen, unbedeutenden Wettbewerbs, aber weil halt Herzenssache doch und durchaus ernsthaft) und ich sage euch: Ich stand kurz vor der Selbstentleibung. Wie viele Texte können eigentlich damit beginnen, dass es regnet, fragt man sich. Wie viele?

Jedem der glaubt, dass er wahnsinnig offen, innovativ und erfreut über experimentelle Literatur wäre, dem sage ich: haha. Hahaha. Man lernt sehr schnell über sich, dass die eigene Urteilskraft in direkter Korrelation zum Koffeinspiegel und der Lautstärke der freilaufenden Kinder verläuft. Es ist wirklich schwer, in der Masse der Texte neutral und objektiv zu lesen, sich frei von Erwartungen auf Texte einzulassen, über die Fehler, die Rohdaten (ein MS ist kein fertiges Buch) immer haben, hinwegzusehen usw. usf.

Was ich sagen will: Ich hab nen Heidenrespekt vor allen Bloggern, die sich hineingewagt und hineingelesen haben. Und auch wenn ich zumindest von einer sehr, sehr krassen Fehlentscheidung weiß (und ich den entsprechenden Blogger auch boxen werde, so ich ihn je treffe, weil der Text, den ich meine, wirklich verdammt gut ist und ich da strikt subjektiv und parteiisch bin) – ist mir klar, wie schwer die Aufgabe ist, wie schmal der Grad zwischen ‚eigenständig‘ und ’sackgängig‘ ist und ich wirklich jeden bewundere, der sich an eine solche Entscheidung wagt und weiß, dass ich das bestimmt nicht besser gemacht hätte. (Aber ich box den Blogger trotzdem.)

Als ich auf Bookster HROs (ich lasse es mal beim Blognamen, damit ihr wisst, von wem ich rede) Blog dann las, dass er vier weitere MS angefordert hatte, dachte ich mir: Naja, das war jetzt sehr nett von ihm, dass er mich und so – aber da ist bestimmt was dabei, was wesentlich passender ist, als dein „Brunnen oder Nicht-Brunnen ist hier die Frage!“

Eine Literaturbauernregel lautet: Zusagen kommen schnell. Absagen dauern lange. Das gilt aber nicht, wenn man so einen ernsthaften und konsequenten Blogger hat, wie den Bookster, denn der liest wirklich alle 5 MS bis er dir schreibt, dass du auf der Longlist bist.

Und ich freu mich, SARS CoV2 hin oder her, Homeschooling rein oder raus – ich freu mich noch jedes Mal, wenn ich dran denke, dass ich da auf der Longlist bin.

Und warum freu ich mich so? Ja, klar, Longlist, yeah, aber mehr noch, weil ich die Art, wie der Bookster den Text gelesen hat, sehr mag. Ein wildfremdes MS, eines aus einem fetten Stapel von 29 Texten, alle geschrieben mit Leidenschaft, Herzblut; es gibt viele gute Erzähler da draußen – und dann herausgezogen werden und dann: Liest dich jemand, denkt über das gesagte/erzählte nach, taucht ein und stellt in Frage, sucht und findet.

Das ist so ein ganz eigenes Gefühl – und vielleicht kann man das nur verstehen, wenn man selbst schreibt, und besonders gut verstehen, wenn man Texte schafft, die es dem Leser nicht immer leicht machen, die Wagnis sind und Grenzgang – und wenn die jemand mitgeht und sich fangen lässt – und zugleich klug und sachlich hinterfragt: Das fetzt.

Und das kann mir auch keiner nehmen, egal wie mies das Jahr jetzt noch läuft.

Ach so: woher ich das weiß, wie der Bookster gelesen hat? Daher und weil wir uns zum Glück noch treffen konnten – und einen sehr kurzweiligen, heiteren uns spannenden Plausch am Berliner Südkreuz hatten. Menschen zu begegnen, die dem gleichen Wahnsinn frönen wie man selbst, ist eh toll – und was den Bookster angeht: ditt is einer von den Juten, wa. Also lest seinen Blog.

Überhaupt: Lesen ist gut gegen Lagenkoller. Also los. Zackig. z.B. die ganzen Leseproben der Longlister, die jetzt so nach und nach eintrudeln – könnt ihr alle lesen. Ach was, könnt. Das sind jetzt eure Hausaufgaben. Ich frag das nächste Woche ab.


Blogbuster? – Eine Geschichte aus vergangenen Zeiten I

Wisst ihr noch? Damals? Als man sich einfach getroffen hat, wenn man meinte, man sollte sich mal treffen?

Narf.

Mir schlägt Corona aufs Gemüt. Zum einen, ja, dieses Festhängen mit dem Teenager im Homeoffice, die tausend Absagen – aber mehr noch, nicht in die Zukunft sehen zu können. So, wie sich die Leute meiner Blase in Whatsapp-Gruppen verabreden und Wodarg zitieren (meistens durch Hörensagen verwässert) wird das hier noch eine Weile dauern.

An sich habe ich nichts dagegen, wenn sich jemand entspannt aus dem Gen-Pool der Menschheit entfernen möchte. Ich finde nicht, jeder müsse als Lebensziel 85 Jahre haben, ich mag Lebemenschen, mag die, die rauchen meist lieber als die, die Sport machen usw.

Der Unterschied ist, dass jene Form von solidarischem Verhalten, wie sie jetzt für die Herde sinnvoll wäre – null selbst belohnend, aber extrem fremdgefährdend ist. Es ist eben nicht egal, ob du nun mit den Nachbarn noch bissl grillst, die Bärbel aus Chemnitz einlädst oder jedem erzählst, Corona hätte es schon immer gegeben und sterben täten die alte Säcke auch jedes Jahr, und man soll die Hysterie … Der Schaden tritt mit Verzögerung ein, aber er tritt ein. Wir wissen noch nicht, welche Auswirkungen eine Durchseuchung mit SARS CoV2 haben wird – aber wir bekommen nicht mal den Probelauf mit ‚Gott sei Dank weitgehend harmlos für ein mutiertes Viecher-Sars-Virus‘ auf die Reihe und der Belehrton, mit dem auf Twitter da gerade jeder seinen Pandemic Footprint falsch ausrechnet, hilft btw. auch nicht.

Ja, nee, ich weiß auch nicht, was hilft. Leute anbrüllen jedenfalls nicht, wobei es irgendwie trotzdem besser ist, als nix sagen und ‚weil man ja eh nichts machen kann‘.

… aber ich wollte ja von den Zeiten erzählen, als man sich noch treffen durfte.

Ihr erinnert euch? Das Thema ist eigentlich: Blogbuster. Literaturwettbewerb, Buchblogger, Literarische Neuentdeckung usw. usf.

Meinereiner hatte Ende Dezember heldenhaft das Exposee und die Leseprobe über die Einreichungskante geschubst – und normalerweise geht dann das große Warten los. Bei mir nicht so, weil mein Kiefer sich nämlich spontan über Weihnachten entschlossen hatte, eine mörderische Entzündung auszubrüten und ich sage es mal so: Liebe Nachwuchsautoren, wenn ihr die Leidenszeit des Wartens auf Agenturrückmeldungen, Verlagsanfragen und Wettbewerbseinreichungen überbrücken wollt – nehmt Zahnweh.

Es war so Mitte Januar, meine Kiefernhöhle machte sich langsam daran wieder zuzuwachsen, der Zahnarzt sagte beruhigende Dinge wie ‚Also DAFÜR sieht es doch ganz gut aus‘ und ‚Sieht nicht so aus, als ob der Knochen zusammenfällt‘, fiel mir auf, dass es vielleicht ganz nett wäre, wenn der Text fertig wäre, also mindestens grundkorrigiert und überarbeitet, wenn denn der Blogger das Gesamt-MS haben wolle.

Ach so, ja, weil nicht jeder die Feinheiten weiß: der Ablauf ist: Leseprobe einschicken, Blogger schaut, welche ihm davon taugt und dann holt er sich das Gesamt-MS. Und wenn er dann alles in allem alles gelesen hat, entscheidet er sich, welcher Text auf Longlist und damit zur Jury Nr. 2 darf. So. Watt?

Ok, es war also Mitte/Ende Januar, und ich hörte: Nix.

Naja, dachte ich mir, hm, ok, das war es dann wohl. Da aber eine Person, die nicht genannt werden darf (oder doch?) ebenfalls einen Text – bei einem anderen Blogger und es war ein sehr, sehr guter Text – eingereicht und auch nichts gehört hatte, goss ich noch bisschen Öl aufs Hoffnungspflänzchen – aber dann war Februar und ich hakte es mit dem üblichen Mauljammernarfallesdoofwussteichjavorherwettberwerbesinddoof ab.

Allen Optimisten sei an dieser Stelle gesagt: Ihr immer mit eurem *muss man positiv sehen* – pff. Was glaubt ihr, wie ihr euch freut, wenn ihr schon so dramatisch leidend hingesunken seid und dann völlig unerwartet eine Mail kommt, die das Gesamt-MS anfragt? (Und ihr erst mal panisch suchen müsst, wo ihr die richtige Version abgelegt habt.)

Jedenfalls: es war Anfang Februar, Corona noch ein Problem der Chinesen und ich in Runde 2.

tbc.



Blogbuster? – Proper Planning Prevents Poor Performance

Schulschließung und LockDown in Berlin – Tag 2.

Ich bin noch ein ‚Man muss ja nicht hysterisch sein!‘ und ‚Wir treffen uns dann alle …‘ davon entfernt, den Leuten Schaubilder von Infektionsketten zu malen und sie ihnen anschließend auf den Kopf zu hauen.

Das letzte mache ich natürlich nicht, denn dafür müsste ich ja näher als zwei Meter an die Leute ran.

Sonst läuft es super hier. Ganz toll. Wirklich Klasse. Traumhaft. Alle meine Pläne gehen gerade so was von den Bach runter – von Reisen bis Veranstaltungen, von Projekten ganz zu schweigen -, der Teenager muss bis jetzt vier Lernplakate basteln (und der Teenager bastelt nicht, also nicht, ohne dabei Szenarien aus Dante Alighieris Commedia nachzustellen) und die Katze trägt einen Schlips.

„Du hast da was am Hals“, sage ich zur Katze.

Die Katze nickt. Huldvoll.

Der Schlips ist hellblau, mit kleinen weißen Mäusen darauf, gebunden mit einem doppelten Windsor und reicht exakt bis zur Hälfte der Vorderpfoten.

„Warum?“, fragte ich. „WARUM?“

„Damit du in die richtige Stimmung kommst.“

„Für was? Zombieapokalypse? Zwangseinweisung? Den Versuch Klopapier zu erwerben?“

„Pfff. Nein. Alles völlig unwichtig – du musst an deiner Körpersprache, deiner Ausstrahlung und deiner Kommunikation arbeiten. Du kannst nicht mehr wie ein Schluck Wasser in der Kurve rumlungern und einfach vor dich hinplappern, was dir in den Sinn kommt!“

„Warum nicht?“

„Weil ich das sage!“

Zugegeben, eine Katze mit Schlips hat eine gewisse Autorität, also füge ich mich und setze mich aufrecht ihr gegenüber. Die Katze fährt sich mit der Pfote über die Schnauzhaar, nickt und erklärt mir, sie würde jetzt mal mit den Interviewtraining anfangen.

„Dem was?“, entfährt es mir, aber die Katze schaut mich nur vorwurfsvoll an.

„Das Schreiben“, sagt die Katze gewichtig, „betrachten Sie das als Beruf oder als Berufung?“

„Äh …“

„Ääääähhh“, äfft mich die Katze nach. „Äääähhh! Das war eine ganz einfach Frage!“

„Äh …“

„Gut, bitte, dann was anderes! Haben Sie denn schon mal versucht einen Verlag zu finden?“

„Ja.“

„Und?“

„War einfach. Die verstecken sich ja nicht gerade. Da gibst du einfach bei google maps die Adresse ein und ‚zack‘ …“

„Ah. Humor“, sagt die Katze. „Großartig. Damit kommt man ja auch sehr weit heutzutage. Vor allem als Autor, da freut sich der Literaturmarkt, wenn die einen auf …“

Zum Glück werden wir in dem Augenblick vom Mail-Ankündigungs-Piepen unterbrochen – die Schule schickt noch zwei weitere Lernplakatsanweisungen. Jetzt muss ich nur noch jemanden finden, der sich in das Zimmer des Teenagers traut und ihm das übermittelt. Ehrlich, ich habe Schule weniger gehasst, als ich da noch selbst hin musste.

„Du nimmst das nicht ernst!“, schimpft die Katze. „Proper Planning Prevents Poor Performance! Was ist, wenn du Witzbold morgen wirklich ein Interview geben muss? Hm? Was soll das werden? Eine Inszenierung will geübt sein!“

„Und wenn ich mich gar nicht inzenieren will?“

Die Katze starrt mich an und schüttelt dann in tiefer Verzweiflung den Kopf. Dann gibt sie mir eine letzte Chance:

„Man sagt: Tanze, als ob niemand zusieht. Gilt das auch fürs Schreiben?“

„Schreiben, als ob niemand zusieht?“

„Nein, verdammt: Schreiben, als ob es niemand lesen würde. Kannst du das für dich als Leitsatz verbuchen?“

„Ähm, ja, ja, doch, irgendwie …“

„Tja“, sagt die Katze, „das erklärt zumindest die Rechtschreibfehler.“

… ich fasse das folgende mal so zusammen: die Katze trägt jetzt keinen Schlips mehr, ich hab größere Mengen an Polyvidonjod verbraucht und ob das Interviewtraining was gebracht hat, könnt ihr *hier* nachlesen.


Erzählen in den Zeiten von Corona

Berlin schließt die Schulen, „Haben wir noch Klopapier?“ wird zur existentiellen Frage, wir alle machen uns Sorgen um Oma und Opa, in der Charité stapeln sich die Abstriche in den Laboren und die Menschen vor den Türen, die gern getestet werden würden.

Wen interessiert da, dass ich heute eigentlich auf der Leipziger Buchmesse sein wollte, mich mit Menschen treffen, mit ihnen das Schreiben feiern (und Whisky trinken)? Wen juckt es, was ich über Blogbuster und Texte, über Zweifel und Triumphe, über das Erzählen selbst zu erzählen habe? Wer will Geschichten hören, oder gar noch Geschichten über Geschichten, wenn die Börse abrauscht, man nicht weiß, wohin mit dem Kind in den nächsten drei Wochen, die Selbstständigen unter den Freunden vor Existenzangst zittern und die Nachrichten aus Italien …

Das Erzählen ist ein merkwürdiges Ding. Der KF schreibt seit einer Weile (begonnen weit vor Covid19) an einer Geschichte über eine postapokalyptische Welt, in der die Menschen die Geschichten verloren haben.

Und so waren es nicht der Kampf um die letzten Ressourcen oder das damit einhergehende Misstrauen, die alles umfassende Präsenz von Hunger und Durst, die uns zunehmend voneinander trennten, sondern eine Ernüchterung und Sprachlosigkeit, aus der sich keiner zu lösen vermochte; als wäre es, bei Licht betrachtet, unmöglich, sich noch irgendeiner Form der kollektiven Täuschung hinzugeben, irgendeiner Illusion, einem Trost, in dem das Wissen um unsere Situation hätte verschwinden können – so dass die meisten von uns sich damit begnügten, in einem dämmrigen Zustand auf den Einbruch der Nacht zu warten, die mit ihren namen- und gestaltlosen Schrecken geradezu erträglich wirkte.

Manchmal kam es vor, dass jemand eine Geschichte aus der alten Welt erzählte – Geschichten aus der neuen Welt gab es nicht – und sich die anderen in den wohltuenden Schatten drängten, den die Worte auf das Heute warfen.

Der Held – oder Nicht-Held – ist so etwas wie der letzte Erzähler, Last Man Standing. Jemand, der von etwas lebt, sich an etwas bindet, das vollkommen überflüssig geworden zu sein scheint.

Wir propagieren gern, dass es die Intelligenz ist, die Fähigkeit zur Vernunft und Selbstreflexion, die uns heraushebt und uns von allen anderen Arten dieses Planeten unterscheidet. Aber vielleicht ist das, was uns wirklich unterscheidet, dass wir die einzige Spezies sind, die sich Geschichten erzählt.

Als ich klein war, habe ich mir das Decamerone aus dem Bücherschrank geklaut (also nicht mehr ganz klein, so neun vielleicht) und es heimlich gelesen. Weit mehr als die erotischen Geschichten fesselte mich damals die Darstellung der Pest. Ich habe das bestimmt zwanzig Mal gelesen, weil die Pest, der Schwarze Tod – huh. Geblieben ist mir von diesem Buch aber der Gedanke, wie Menschen sich Geschichten erzählen, so, als würden sie sich in eine warme Decke hüllen. Natürlich rettet das nicht vor dem Tod, es bekämpft keinen Virus, es ersetzt keine Lagerhaltung von 500 Rollen Klopapier – aber gibt es eine menschlichere Geste, als jemand anderen in eine Decke zu hüllen, wenn er friert?

Überhaupt, das Motiv des Erzählens im Angesicht des Todes: 1001 Nacht, Der Teufel mit den drei goldenen Haaren …

„Ich habe einen schweren Traum gehabt,“ antwortete die Ellermutter, „da hab ich dir in die Haare gefasst.“ – „Was hat dir denn geträumt?“ fragte der Teufel. „Mir hat geträumt, ein Marktbrunnen, aus dem sonst Wein quoll, sei versiegt, und es habe nicht einmal Wasser daraus quellen wollen, was ist wohl schuld daran?“

Quelle

… unzählige mehr, die mir gerade nicht einfallen.

Warum also nicht erzählen? Vom Schreiben und Einreichen in den Zeiten von Corona.

Mein besonderen Dank geht an Ijo für das Bild vom Virus im Homeoffice. Mehr Ijo gibt’s auf Insta bei ijo_create.

Blogbuster? – +Spoiler+Spoiler+Spoiler+

Für alle Cheater, all die, die immer nur den Newsfeed lesen, für die Ungeduldigen und Wunderfitzigen, die, die hier nur aus Versehen reingeklickt haben, jene, die die Katze nicht leiden können und die, denen ich es eh schon erzählt habe:

Tamtatataraaa!

Ich weiß, was ihr euch jetzt alle fragt: Wow? Ist der Bookster auch in echt, also so im ganz normalen Leben, wenn man den so trifft – ist das dann auch so ein sympathischer Typ?

Jep. Ist er. Aber wer die schmutzigen Details wissen will …

„Du und schmutzige Details, ja nee, ist klar“, maunzt es vom Fensterbrett; aber ich hör gar nicht hin. So.

… wer also all die aufregenden Kleinigkeiten wissen will, den Thrill wie am eigenen Leibe erfahren, sozusagen, der muss wohl hin und wieder reinlesen. Tja.

Blogbuster? – Was nach dem Einreichen geschah …

… erzähle ich euch hier natürlich NICHT.

Das ist wie bei GNTM, da muss man sich auch erst vier oder fünf öde Beautywalks anschauen, bevor endlich Umstyling ist und Tränen fließen.

„Apropos Umstyling“, sagt die Katze. „Schon mal überlegt, was du mit deinen Haaren machst?“

„Was ist mit meinen Haaren?“

„…“

„Katze? Was … lässt du wohl meinen Rechner?!“

„Chillax, ich google nur die neusten Huttrends – so was 20iger-Jahre-Mäßiges könnte gut zu dir …“

„!“

Jedenfalls. Das Schreiben. An sich tut es mir gut, wenn ich eine Deadline habe, und zwar bei allem und jedem, wahrscheinlich wäre ich heute noch schwanger, wenn nicht die Natur diese Sache mit der 9-Monate-Deadline eingeführt hätte. „Ja, was? Ich weiß, ich weiß, ich muss das mit dem Gebären endlich mal erledigen, aber ey, vorher nur noch ganz kurz …“

Beim GRUND (Arbeitstitel des beim Blogbuster eingereichten Textes, Anm.d.Red.) war die Deadline notwendig zu seiner Entstehung. Weil es ein Text ist, der keine Feigheit vor dem Feind erlaubt – zumindest mir nicht beim Erzählen. Ob man ihm das anliest, ob das von außen nachvollziehbar ist, weiß ich nicht, aber entscheidend für mich war, dass ich mir keinen Zweifel erlauben durfte. Keinen an der Idee, dem Ton und schon gar nicht durfte ich diese typische ‚Ob das jemand lesen will???‘-Frage aufkommen lassen.

Der beste Weg, dem Zweifel zu entkommen, ist, keine Zeit für ihn zu haben. Wenn das Haus brennt, fragst du dich ja auch nicht, ob du in ‚den Hosen‘ vor die Tür gehen kannst, nicht wahr, da rennst du einfach ganz spontan raus. Daher kommt wahrscheinlich: sich selbst Feuer unterm Ar*** machen. Na, egal, jedenfalls dachte ich mir, ich sollte für einen Text, den ich frei von jeder Literaturmarkttauglichkeitsüberlegung verfasse, mir zwingend eine Deadline suchen, die irgendwas mit Wettbewerb, Konkurrenz und Massenkompatibilität zu tun hat.

Weil ich nämlich manchmal echt putzig bin. Aber das wisst ihr ja alle bereits.

Nee, die Sache mit dem Blogbuster ist die, ich mag den Preis und die Idee dahinter. Jeder kann einreichen, jeder, der einen Text in entsprechender Länge hat, der nicht allzu sehr Genre ist. Und es zählt zuerst nur der Text – denn mehr bekommt die Vorjury nicht zu sehen. Und die Jury sind Blogger, in gewisser Weise kann man leicht despektierlich sagen: Leser, janz normale Leser – und auch das gefällt mir.

Übrigens: den bereits erwähnten Vampirroman hatte ich vor zwei Jahren eingereicht und bin direkt aussortiert worden. Und das lag nicht mal an den Vampiren, nehme ich fest an, sondern am Weißraum. Was es mit dem Weißraum auf sich hat, erzähle ich ein andermal – aber merkt’s euch bitte (das ist prüfungsrelevant, ich frage das ab!)

„Kommst du noch irgendwann zu Potte?“, fragt die Katze und stützt den Kopf auf die Pfote, was anatomisch ziemlich beeindruckend ist.

„Mach ich doch?“

„Du hast dir den Blogbuster als Deadline gelegt und den Text dann unter selbstgewähltem Termindruck fertig getippt, während ringsherum die Hütte brannte.“

„Ja.“

„Fein, dann biste ja fertig. Komm jetzt Hüte kucken …



Blogbuster? – Denkste vs. Isso

Wie man es sich vorstellt:

Der Schreibende sitzt vor seinem Werk, tippt Ende drunter, speichert noch mal ab, zieht eine Sicherungskopie und druckt es aus oder auch nicht, geht dann hin zu denen, die bereit, nein, gierig sind, den Text zu lesen und dann alle so: Hach! Genial! Großartig! So toll! Mensch, super. Endlich hat jemand dieses Buch geschrieben! Hab ich schon immer drauf gewartet! Bei welchem Verlag willst du das veröffentlichen?

Wie es ist:

So wie oben, nur dass man die Sicherungskopie verbaselt und dann erst mal drüber nachdenkt, wem man das Ding jetzt unterschieben könnte, sollte, wollte und dann sagen die Leser (zumindest wenn die Leser meine Freunde sind):

Was ist eigentlich genau dein Problem mit dem Dativ? Ist das was Persönliches?

Soll ich die Kommafehler anstreichen?

Ja, ist ne Geschichte, aber jetzt nicht unbedingt eine für mich.

Der Anfang war ja ziemlich gut, aber dann …

Erstaunlich, dass das überhaupt funktioniert!

Ist das mit dem XY Absicht? Weil, wenn das Absicht ist: bei mir greift das nicht.

Find ich gut, aber du hättest die Vampire* weglassen sollen.

(*es war ein Vampirroman.)

Pfrm, na ja, Bernhard liest ja auch niemand wegen der Story.


Jetzt werden wieder alle sagen, ich hätte sie aus dem Zusammenhang gerissen und falsch zitiert – und das habe ich natürlich. Meine Freunde, also die, die ich meine Texte lesen lasse, ich hab auch Freunde, die ich von allem dem Hier verschone, meine Freunde sind nicht nur hervorragende Freunde, sondern vor allem Lesende und Schreibende und was für welche. Also sagen sie viel, viel mehr zu meinen Texten, aber nicht unbedingt so viel mehr Nettes. Also schon Nettes, aber nicht so euphorisch-jubel-nett, sondern mehr so sezierend-analytisch-nüchtern-nett.

Z.B. schrieb ich einst einen typischen Schnipseltext von etwa 800 Wörtern – worauf ich eine Korrekturliste von etwa 900 Wörtern zurückbekam und darunter der Satz: Sonst gewohnt gut.

„Was meint ihr“, fragte ich also, nachdem ich zu Ende geschrieben und lesen lassen hatte, das war dann schon spät im Dezember, „kann ich den Text einreichen?“

Sie fanden, man könne. Und das will ja was heißen. Also hab ich den Text eingeworfen – am 27. Dezember, glaube ich. Also 3 Tage vor Torschluss. Eingeworfen und voller Stolz, dass ich die üblichen Dramen aus Zweifel, Hinterfragen, Gegenargumente finden diesmal ausgelassen hatte und wie so eine richtige Erwachsene einfach den Text voller Gelassenheit abgeschickt.

Denn so stellt man es sich ja vor. In Wahrheit war es einfach nur so, dass ich den Text über die Klippe geschubst habe, weil ich so dermaßen viel um die Ohren hatte und ich mir dachte, das kann jetzt auch nicht schlimmer werden, wenn ich den Text einreiche.

*Stimme aus dem Off*: Muhahaha….


Blogbuster? – Vom Lachen der Katze

„Hahaha. Alter. Ich pack’s nicht.“

Wenn die Katze lacht, dann ist das in etwa so, als … als würde eine ganz normale Katze, also so eine, wie Sie sie haben oder die Nachbarn, eine Katze, wie man sie jeden Tag auf den Straßen Berlins sieht, als würde die plötzlich sehr laut und sehr menschlich anfangen zu lachen.

Kurz: es ist beunruhigend, leicht schaurig und geht einem nach etwa 30 Sekunden ernsthaft auf die Nerven.

„Germany’s Next Topmodel Autor, oder was? Müsst ihr da hohe Absätze tragen beim Tippen? Oder warte, warte, Virgina Wolf nachschreiben oder, oder J.K.Rowling – oder, oder …“

„Schnauze, Katze“, sage ich, bevor sie mir noch mit 50 Shades of Grey kommt oder Twillight, wobei ich jetzt nicht zu sagen wüsste, was der Unterschied zwischen beiden ist, jedenfalls: „Der Blogbuster ist ein ganz normaler Wettbewerb. Nur halt mit Buchbloggern als Vorjury und ganzen Büchern als Beitrag und ohne Thema und mit nem Verlag im Hintergrund. Aber sonst ist das … ganz … normal.“

„Also öde.“

„Katze, du findest immer alles öde. Von Thunfisch und Kochsendungen mit dem Mälzer mal abgesehen.“

„Ja! Das wäre cool – wenn man zwei Autoren gegeneinander antreten lässt und die müssen dann …“

„Kochen?“

„Können Autoren kochen?“, fragt die Katze, als würde sie ernsthaft überlegen.

„Also ich kann kochen!“

„Ja, aber zählst du schon als Autor?“

*

Während die Katze Überlegungen zu meinem schriftstellerischen Status anstellt, hier mal kurz die Fakten:

  • es gibt einen Literaturwettbewerb namens ‚Blogbuster
  • ich hab da mal was eingereicht
  • und ich habe den Fehler gemacht, laut darüber nachzudenken, ob ich das zum Anlass nehmen sollte, mal wieder über das Schreiben zu schreiben ….

*

„Hahaha, über das Schreiben schreiben, sehr originell, da ist ja auch noch gar keiner drauf gekommen.“

„Erinnerst du dich, dass ich mal ne Kolumne hatte? Nur übers Schreiben und Lesen?“

„Die, wo du behauptet hast, jeder Autor müsste Dschungelcamp kucken?“

„Jahaaaa …“

„Hahaha…“

Unter dem beschaulichen Gelächter der Katze endet dieser Beitrag und beginnt die Geschichte vom Schreiben und Einreichen von Texten.

„Laaangweilig!“, ruft die Katze.

Na gut, dann … eine Geschichte vom Schreiben und Einreichen von Texten – mit Katze.

„Das könnte was werden“, sagt die Katze. Und verschwindet.

Katz, Mensch, Bühne

„Eine Katze“, sagt die Katze, „hat Präsenz.“

„Präsens?“, frage ich.

Die Katze schliesst kurz die Augen. Wie Herr Hieke damals beim Anblick meines Deutschabiturgeschriebsels.

„Präsenz!“, intoniert die Katze. „Deswegen gehen Katzenvideos viral. Das Geheimnis ist die Präsenz. Fertig.“

„Aha.“

Mein Desinteresse geht der Katze wie üblich am Schwanz vorbei und jetzt hebt sie die linke Vorderpfote wie einen Taktstock und legt los:

„Du könntest einen Abend allein dadurch gestalten, dass du eine Katze auf eine Bühne setzt. Sie müsste nichts tun, diese Katze, nur sein. Das Publikum wäre entzückt. Hingerissen. Der Applaus wäre – weißt du, du kannst dir das gar nicht vorstellen: Applaus!“

„Was willst du mir denn damit sagen?“

„Ich will sagen: Überlasse die Bühne den Katzen.“

Nun. Das ist genau die Motivationsrede, die es braucht, wenn man gerade das Plakat für eine Lesung fertigt – ein heiteres Plakat soll es sein, leuchtend und anziehend – und zugleich für Literatur stehen. Denn das machen wir: Literatur. Kein Poetry Slam, kein Stand-up, keine heitere Witzestunde, keine Mucke, kein Theater. Nur Worte. Sätze. Verse. Geschichten. Solche, mit einem Dahinter. Oder einem Davor. Aber immer mit einem Dazwischen.

„Schön blöd“, sagte die Katze.

„Weiß ich.“

„Warum machst du es trotzdem?“

„Weiß ich nicht.“

*

Die Bühne. Man sollte annehmen, es ziehe einen Künstler dahin. In die Öffentlichkeit, wo er sein Werk präsentiert – ich meine, wozu rumkünstlern, wenn nicht, um es/sich zu zeigen, sich darzustellen, zu baden im Entzücken des Publikums …

Ein Künstler, für den ist eine Bühne so etwas wie ein erfrischendes Bad an einem heißen Sommertag. Sein Mühen, sein Schweiß, seine Tränen – und dann, ja dann: die Bühne. Platsch, Sprudel, Jippieyeah.

Jippieyaeh. Von wegen.

„Ich hab auch Präsenz“, sag ich tapfer zur Katze. „Ich kann Bühne. Ich kann schmeicheln und loben, kann kokettieren und imponieren, bin schlagfertig und bezaubernd. Ich kann Bühne!“

„Warum hasst du sie dann?“

Ah, dieser Katzenblick. Einmal direkt durch bis zu deinen Dämonen, die just in deinem Herzen Bier trinken …

Ich kann Bühne, aber ich mag sie nicht. Ganz und gar nicht.

Wieso denn?, sagen meine Freunde. Du machst das doch so gut! Du machst das schon, erst jammerst du, aber hinterher bist ganz, ganz toll und alles Jammern war nur für die Katz.

„Die Katz“, sagt die Katz, „hätte lieber ein Filet als dein Gejammer.“

„Denkst du, ich nicht?“, fauche ich und würde nen Buckel machen, wenn ich das einigermaßen überzeugend könnte. Stattdessen knalle ich den Laptop zu und wünsche mir, Frl. Blau würde die verdammte Katze endlich wieder abholen.

„Der Unterschied zwischen euch Katzen und mir ist“, sage ich dann ganz leise und schau aus dem Fenster zu den fetten Spatzenbabys auf dem Geländer des Nachbarbalkons hinüber, „ihr zweifelt keinen Augenblick daran, dass ihr auf die Bühne gehört. Ihr und kein anderer. Jeder Blick, jede Aufmerksamkeit, der Applaus … er gebührt euch. Etwas anders als ein völliges Hingerissen sein von eurer Katzigkeit ist nicht denkbar.“

Ich aber, denke ich zu meinen biertrinkenden Dämonen, ich aber bin ein Gaukler und Lügner, ein Hochstapler und nur eine Imitation dessen, was ich sein möchte. Ihr wisst es, ich weiß es, die Katze weiß es …

Wenigstens, möchte man sich selbst raten, wenigstens kennen die da unten dich nicht. Also diese Publikumer und Publikumerinnen. Die hocken da und gehen wieder – pah, die paar Hansel. Und Hanselinnen. Ist doch egal.

Aber man kennt ja doch immer welche. Freunde, die vielleicht sogar extra anreisen, Nachbarn, Kollegen, die Zahnarzthelferin, die dir letztens noch mit dem Sandstrahler durch die Kauleiste ist, die Frau, die du immer beim Bäcker siehst und der Herr Professor, der dir bei was ganz anderem vorgestellt wurde. Lauter bekannte Gesichter, triefend vor Erwartungen und immer mit so einem Tätscheln im Blick …

Dem kleinen Erzähler von nebenan ist die Anonymität der Bühne versagt – aber vielleicht würden ‚richtige‘ Künstler jetzt lachen und sagen: Neee, irgendeiner kennt dich immer oder will dich kennen – der Bekannte ist fester Teil des Spiels.

Und in jedem Fall will er mit dir reden, der Bekannte. Meistens dann, wenn du gerade durchdrehen willst oder zusammenbrechen, aber stattdessen musst du was nettes sagen, weil der Bekannte sagt ja auch was nettes.

(Es sei denn, es sind meine Freunde, die sagen dann so was wie: „Jo, zwei Lesungen. Die erste war sehr gut, die zweite gut.“ Die zweite war natürlich die, die du alleine rocken musstest – und ganz offenbar nicht gerockt hast. Denn ‚gut‘ ist sowas wie ’nett‘, nur schlimmer. Als Künstler bist du brillant oder für die Tonne.)

Fakt: Nichts ist schlimmer, als vor Menschen, die du kennst, den Tanzbären zu geben. Klar, alle Welt meint, deren Blick sei doch eh von Wohlwollen verschleiert – aber mal ganz ehrlich: 1. Jeder halbwegs glaubhafte Künstler pfeift auf Wohlwollen. 2. Kaum jemand, den du persönlich kennst, traut dir zu, dass du es wirklich drauf hast. Ich meine: Wirklich. Drauf. Hast.

„Weißt du Katze?“

„Ich weiß alles“, sagt die Katze.

„Ich hab dich“, sage ich. „Und ich wette um ein Stück Thunfisch. Sashimiqualität. Der Gewinner darf es vor den Augen des anderen ganz alleine essen.“

„Ich höre?“

„Deine ganze Katzenpräsenz kannst du knicken, wenn im Publikum ebenfalls Katzen sitzen.“

„Katzen sitzen nicht im Publikum“, sagt die Katze und schüttelt den Kopf über meine Dummheit. „Die kommen hoch und jagen dich von der Bühne.“