Von Geranientöpfen und Blogbustern

„Menschen sind komisch“, sagt die Katze.

„Wir sind Affen, die die Hände frei haben“, sage ich schulterzuckend. „Man sollte da vielleicht einfach nicht zu viel erwarten.“

„Allein das Ding, dass ihr euren Gott aufesst. Und dazu noch einen Feiertag habt, der den Verzehr von Leib und Blut eures Gottes zum Thema hat – Frohen Leichnam!“

„Fronleichnam“, korrigiere ich und sehe am Gesicht der Katze, dass das jetzt Menschsplaning von Katzen war.

„An sich ist das ja witzig – fresst die Götter einfach auf. Aber ihr habt keinen Sinn für Humor und meint das völlig ernst …“

„Sag nicht immer ‚ihr‘ – ich für meinen Teil habe noch nie an einem solchen Ritual teilgenommen und auch nicht geplant, in naher Zukunft …“

„Es gibt keine Atheisten in Schützengräben“, deklamiert die Katze und ich wechsle mal das Thema dahin, wo ich eigentlich wollte:

Geranientöpfe

Was machst du denn so, während Corona?, werde ich ziemlich oft gefragt. Da ich ja vorwiegend von zu Hause aus arbeite und dann noch im kreativen Bereich, was ja in vieler Augen an sich keine Arbeit ist, wie man weiß, sondern eine selbst belohnende Beschäftigung, also praktisch Spielen, jedenfalls geht man jetzt offenbar davon aus, dass ich gar nichts mehr zu tun habe.

Was machst du denn so den ganzen Tag?

So was:

Ja, das sieht harmlos aus. Ein Heft in Grün. Und die Gedichte musste ich nicht mal selber schreiben, ich fungiere ja mehr oder weniger nur als Herausgeberin und das noch nicht mal allein, weil natürlich das alles nichts wäre ohne Herrn Ekel & Ekstase. Die Gedichte sind von Jana Grolms, einer ganz wunderbaren Autorin, von der ich an anderer Stelle noch erzählen werde.

Aber auf dem Weg von einer Sammlung von Gedichtetem hin zu einem Zweifelheft, geschieht sehr vieles. Gedanken und Pläne, Überlegungen und Zweifel (natürlich Zweifel!), Ringen und Streiten, Freuen und Hoffen, Verwerfen und Vergessen. Es werden Worte darum gemacht, die in ihrer Fülle jene Worte, die dann da endlich stehen (werden), in dem grünen Heft, an Masse und Menge um vieles übersteigen. Sogar ein Nachwort wird gemacht, wofür Gabriele Lanser großer Dank gebührt. Dann noch das Seuchenjahr 2020, was jede Planung in sich reinfrisst und niemals nicht satt zu werden scheint …

„Siehste und das gibt keinen Feiertag“, wirft die Katze ein und ich ignoriere sie.

… und wenn dann am Ende, ein wunderschönes Heft in Grün steht – allein das Grün, auch wieder eine Geschichte für sich, weil Grün ist ja nun nicht Grün, nicht wahr, da kann man Tage mit verbringen – dann ist das etwas, worüber man sich freuen kann. Auch wenn man nur ein Affe ist, der die Hände frei hat.

Hin und wieder mitmache ich also ganz wunderbare Dinge.

Und hin und wieder passieren mir ganz wunderbare Dinge:

Shortlist, Baby.



20+20 = 40 = Quarantäne

Na? Auch schon bei der Kabbala als Verschwörungstheorie angekommen?

Während man auf ARD und ZDF austrainierte Muttis (und natürlich die gendergerecht beteiligten Papis) sieht, wie sie in perfekt geputzten Lofts hocken und während des Homeschoolings ihrer hochbegabten Kinder noch vegane Lowcarb-Muffins backen – ist es hier, äh, ganz genauso. Loft, geputzt, lauter Hochbegabte.

o.O*


Spannender die Frage: Was macht die Literatur in pandemischen Zeiten?

Sie darbt. Hört man. Ich dachte, das täte sie eh immer – aber jetzt hat wohl Amazon völlig überraschend seine Marktmacht genutzt und deswegen der Aufruf an alle: auch der Regiobuchladen kann euch Bücher be- und vor die Tür stellen.

Hier nun nicht so, denn hier gibt es im Umkreis keinen nennenswerten Buchladen. Deswegen bestelle ich hier: Voll geheimer Geheimtipp!

Comics? Waaaas? Comics?

Jetzt könnte man darüber reden, ob Comics Literatur sind – aber über solche Selbstverständlichkeiten rede ich nicht. So.

Was noch? Ach ja, der Bachmannpreis, eines von vielen Pandemieopfern, geht digital. Vielleicht. Wahrscheinlich. Eventuell was mit Skype. Es ist grad bisschen betulich, aber das erwartet man schließlich so und nicht anders vom Bachmannpreis.

54Books – Online Feuilleton – führt ein Distanz-Tagebuch. Falls es euch nicht genügt, meinem Wehklagen über die aktuelle Tristesse zu lauschen.

Im Übrigen wird man recht vollgeworfen mit Leseempfehlungen und jeder Praktikant eines Großverlags wird jetzt verdonnert Rezensionen zu schreiben und ich sag mal so: wenn ihr seröse Rezis lesen wollt, folgt dem Bookster HRO – wenn ihr aber wissen wollt, was ihr keinesfalls lesen solltet, dann fragt mich.

Der Buchwiderrat der Woche:

Ich bin der Herr deiner Angst – Stephan M. Rother – Rowohlt

Es gibt schlechte Bücher. Das ist i.O. Das braucht es zum Ausgleich des Universums. Schlimm, ganz arg schlimm sind jedoch Bücher, die echt gut sein könnten – aber das auf den letzten Metern versemmeln.

Ich mag U-Literatur, ich mag Krimis, ich mag es gern auch skandinavisch-düster-brutal-abgründig und ich mag, wenn Autoren schreiben können, auch wenn es gar nicht notwendig wäre, gut zu schreiben, weil das Buch verkaufte sich auch so. Halbwegs.

Rother kann und hat all das und dann – dann funktioniert die zentrale Figur nicht. Die bleibt zwar, wie alle guten Bösewichte, über weite Strecken im Dunkeln – taucht aber im letzten Drittel auf und redet und redet und … was soll ich sagen. Es ist so bisschen, als würde man Hannibal Lecter erwarten und dann taucht, naja, ein Finanzbeamter auf. Das ist dann zwar auch alles gruselig und grausam, was er erzählt, aber unsympathisch ist halt nicht abgründig.

In dem Sinne: bleibt gesund und denkt dran: das Böse schwätzt nicht.



Erzählen in den Zeiten von Corona

Berlin schließt die Schulen, „Haben wir noch Klopapier?“ wird zur existentiellen Frage, wir alle machen uns Sorgen um Oma und Opa, in der Charité stapeln sich die Abstriche in den Laboren und die Menschen vor den Türen, die gern getestet werden würden.

Wen interessiert da, dass ich heute eigentlich auf der Leipziger Buchmesse sein wollte, mich mit Menschen treffen, mit ihnen das Schreiben feiern (und Whisky trinken)? Wen juckt es, was ich über Blogbuster und Texte, über Zweifel und Triumphe, über das Erzählen selbst zu erzählen habe? Wer will Geschichten hören, oder gar noch Geschichten über Geschichten, wenn die Börse abrauscht, man nicht weiß, wohin mit dem Kind in den nächsten drei Wochen, die Selbstständigen unter den Freunden vor Existenzangst zittern und die Nachrichten aus Italien …

Das Erzählen ist ein merkwürdiges Ding. Der KF schreibt seit einer Weile (begonnen weit vor Covid19) an einer Geschichte über eine postapokalyptische Welt, in der die Menschen die Geschichten verloren haben.

Und so waren es nicht der Kampf um die letzten Ressourcen oder das damit einhergehende Misstrauen, die alles umfassende Präsenz von Hunger und Durst, die uns zunehmend voneinander trennten, sondern eine Ernüchterung und Sprachlosigkeit, aus der sich keiner zu lösen vermochte; als wäre es, bei Licht betrachtet, unmöglich, sich noch irgendeiner Form der kollektiven Täuschung hinzugeben, irgendeiner Illusion, einem Trost, in dem das Wissen um unsere Situation hätte verschwinden können – so dass die meisten von uns sich damit begnügten, in einem dämmrigen Zustand auf den Einbruch der Nacht zu warten, die mit ihren namen- und gestaltlosen Schrecken geradezu erträglich wirkte.

Manchmal kam es vor, dass jemand eine Geschichte aus der alten Welt erzählte – Geschichten aus der neuen Welt gab es nicht – und sich die anderen in den wohltuenden Schatten drängten, den die Worte auf das Heute warfen.

Der Held – oder Nicht-Held – ist so etwas wie der letzte Erzähler, Last Man Standing. Jemand, der von etwas lebt, sich an etwas bindet, das vollkommen überflüssig geworden zu sein scheint.

Wir propagieren gern, dass es die Intelligenz ist, die Fähigkeit zur Vernunft und Selbstreflexion, die uns heraushebt und uns von allen anderen Arten dieses Planeten unterscheidet. Aber vielleicht ist das, was uns wirklich unterscheidet, dass wir die einzige Spezies sind, die sich Geschichten erzählt.

Als ich klein war, habe ich mir das Decamerone aus dem Bücherschrank geklaut (also nicht mehr ganz klein, so neun vielleicht) und es heimlich gelesen. Weit mehr als die erotischen Geschichten fesselte mich damals die Darstellung der Pest. Ich habe das bestimmt zwanzig Mal gelesen, weil die Pest, der Schwarze Tod – huh. Geblieben ist mir von diesem Buch aber der Gedanke, wie Menschen sich Geschichten erzählen, so, als würden sie sich in eine warme Decke hüllen. Natürlich rettet das nicht vor dem Tod, es bekämpft keinen Virus, es ersetzt keine Lagerhaltung von 500 Rollen Klopapier – aber gibt es eine menschlichere Geste, als jemand anderen in eine Decke zu hüllen, wenn er friert?

Überhaupt, das Motiv des Erzählens im Angesicht des Todes: 1001 Nacht, Der Teufel mit den drei goldenen Haaren …

„Ich habe einen schweren Traum gehabt,“ antwortete die Ellermutter, „da hab ich dir in die Haare gefasst.“ – „Was hat dir denn geträumt?“ fragte der Teufel. „Mir hat geträumt, ein Marktbrunnen, aus dem sonst Wein quoll, sei versiegt, und es habe nicht einmal Wasser daraus quellen wollen, was ist wohl schuld daran?“

Quelle

… unzählige mehr, die mir gerade nicht einfallen.

Warum also nicht erzählen? Vom Schreiben und Einreichen in den Zeiten von Corona.

Mein besonderen Dank geht an Ijo für das Bild vom Virus im Homeoffice. Mehr Ijo gibt’s auf Insta bei ijo_create.

strikt persönlich

Wenn Gluthitze über Berlin liegt, die Neuronen nur noch trübe brömmeln, jede noch so kleine Tätigkeit sich anfühlt wie Hexenwerk (heißt: lass das mal lieber eine Hexe machen – möglichst eine karibische, die ist an das Klima gewöhnt), nicht einmal die Nächte noch Erholung bringen und überhaupt – das Leben zäh und dunkel ist wie der Teer auf den Straßen meiner Kindheit – dann kannst du dir über eines sicher sein: das Universum setzt noch einen drauf.

Diesmal: Läuse.
Ich bin die gesamten KiTa- und Grundschulzeiten (meine und die des Kindes) locker jedem Lausangriff (und derer gab es viele) entkommen. Aber jetzt und heute stehe ich triefend in der Apotheke und lasse mich über Tötungsarten von Parasiten aufklären. Zehn Minuten später erwäge ich mir das Frontline vom Hund reinzuziehen.

„Ihhh …Läuse“, sagt die Katze.
„Ihhh … ne Katze“, sage ich.

Dann starren wir uns feindselig an. Aber für ernsthafte Feindschaft ist es zu warm. Ich würde mir Eiswürfel holen, brächte ich so viel Ambition auf, mich zu bewegen. Stattdessen sehe ich meinem Gehirn zu, wie es der Frage nachhängt, ob wohl auch halluzinierte Katzen unter der Hitze leiden.

Meine leidet scheinbar an Langeweile.

„Literatur …“ beginnt sie und ich würge sie direkt mit einem „Lass mich mit dem Scheiß in Ruhe, ich schreibe nicht mehr“ ab.

„Aber andere. Und ich habe gesehen: du liest.“

Stimmt. Ich lese. Mehr oder weniger zufällig zwei Bücher hintereinander, die sich ähneln wie zwei ausgelatschte Flipflops, die man ganz unten im Schuhschrank findet. Feldmans „Unorthodox“ und Braschs „Ab jetzt ist Ruhe“ – zwei Autobiographien von Frauen mit interessanter Familie. Bei Feldmann die jüdische Gemeinde in New York, bei Brasch die Kunstelite der DDR (samt Partei-Vater-Sohn-Konflikten).

Jetzt fragt man sich, wo da bitte die Ähnlichkeit sein soll. USA vs. DDR. Die eine in der Enge einer religiösen Gemeinschaft (Sekte) aufgewachsen, die Sexualität tabuisiert und in das Leben in Regelwerk erstickt, in der die Rolle der Frau 100 % definiert ist. Die andere mehr oder weniger unbehelligt von Eltern und Geschwistern, die unter dem Deckmantel der politischen Angepasstheit treiben und lassen kann, was immer sie will – Trinken, Musik, Sex, Rauchen, Leben.

Hm.

Die Gemeinsamkeit ist: es ist alles strikt persönlich. Und beide haben diese ‚Ja, war nicht so ohne, was mir da passiert ist, hat mir aber nix gemacht, hey, ich bin stark und habe es geschafft‘-Attitüde. Ich, ich, ich. ‚Natürlich bin ich auch total klug und trotzdem bescheiden und rebelliert habe ich auch mehr so sanft und ohne jemanden weh zu tun  – weil ich ein guter Mensch bin, was ich aber aus Bescheidenheit jetzt nicht so raushängen lasse. Schon krass alles, aber mir geht’s gut.‘

Das mag ja alles sein. Und ich gönne es jedem ohne schwere Schäden seiner Familie zu entwachsen – aber beide erzählen Geschichten, die eben nicht privat sind. Weil sie die Frage aufwerfen: was macht es mit einem Menschen, in dieses Strukturen aufzuwachsen? Was bewirkt Dogmatismus, wie prägt und verändert er uns und damit unsere Welt? Beide Biographien erzählen über eine Gesellschaft – die mehr ist als eine Familie. Sie ist von gesellschaftlicher Relevanz.

Doch alles nur: Ich. Mir. Meins. Alles supi. Krass war’s, aber nu passt’s. Mir.

Joseph Roths Schreiben hat mich geprägt, weil es ihm gelang, das Persönliche, das Private zum Gesellschaftlichen zu machen. Seine Figuren sind Individuen und doch erzählen von sie von der Welt, von uns, von dem, was mit uns geschieht, wenn wir geprägt, dogmatisiert, ausgeliefert sind. Der Schmerz des Einzelnen ist der Schmerz aller und so entsteht Literatur und Relevanz.

Diese beiden Biographien gehen genau den anderen Weg: das Gesellschaftliche, das Politische, das Religiöse wird zum Privaten. Das mag auf seine Weise wiederum vieles über unsere Zeit erzählen – aber lesen braucht man es nicht. Da kann man Dorfklatsch hören, kommt auf das Selbe raus.

„Und worin“, fragt mich die Katze, „liegt jetzt die gesellschaftliche Relevanz von Läusen?“

„Läuse“, sage ich, „sind Parasiten. Und von Parasiten kann man ne Menge lernen.“

„Ein Glück, dass du nimmer schreibst“, sagt die Katze und trollt sich.