Brömmelböh

Wenn Sie zu den Mitmenschen gehören, die die Zeit der Kontaktbegrenzung nutzen, um die Wohnung frühlingsfit zu machen, mit den Kindern, die ihre Schulaufgaben alle schon um 10 Uhr morgens freiwillig erledigt haben, spontan Chinesisch lernen und nach dem Joggen (alleine, aber mit Fitnessarmband) noch eine Stunde entspannt Yoga machen: Gehen Sie weg. Ich kann Sie nicht leiden.

Pfrm.

Kennen Sie diese Schriftsteller, die davon erzählen, wie sie jeden Morgen um 5 Uhr an ihren Schreibtischen sitzen und schreiben? Und auch sonst so voll strukturierte Tagespläne haben? Ja, die kann ich auch nicht leiden.

Wenn ich Zeit bzw. zeitlichen Spielraum habe – dann lese ich hornsalte Habeck-Interviews, schaue heimlich ein oder zwei Folgen American Horror Story und verschiebe die Arbeit auf ‚Nachmittags‘, nur um dann nachmittags zu jammern, dass ich arbeiten muss. Zwischendrin rufe ich dem Teenager zu, er soll Socken anziehen. Dann rechne ich nach, wie oft ich den Satz ‚zieh deine Socken an‘ in den letzten 13 Jahren gerufen habe und frage mich, warum eigentlich. Es ist ja nicht so, als würde das Kind sich deswegen Socken anziehen. Schaue kurz in den Kühlschrank, stelle fest, dass ich nie etwas einkaufe, das ich auch essen möchte, rufe dem Teenager zu, er soll sich bitte endlich Socken anziehen, setze mich an den Rechner, erwäge kurz zu arbeiten, denke aber, das kann ich wie gesagt auch nachmittags machen, jetzt könnte ich ja z.B. was schreiben. Wobei ich mich dann nicht direkt entscheiden kann, welches Projekt, weil ich mir denke, vielleicht ist doch was im Kühlschrank und wenn ich gleich arbeite, dann muss ich heute Nachmittag nicht und könnte dann wirklich mal Yoga UND WENN DAS KIND JETZT NICHT GLEICH SOCKEN …

Auch sonst kann ich sehr gut mit der aktuellen Situation umgehen. Fragen Sie mal die Zimmerpflanzen. Also die, die noch leben.

Blogbuster? – Eine Geschichte aus vergangenen Zeiten II

Irgendwo zwischen Homeschooling, Lagerkoller, Kurzarbeit und dem Mehrmals-täglich-Blick auf die Fallzahlen und Kurven der Johns Hopkins verliert das, was ich zu erzählen habe über den Februar und den Blogbuster und das Schreiben an Bedeutung. Und dennoch erzähle ich es, aus dieser Mischung aus Sturheit und Beharrlichkeit heraus, die mir früher mehrfach Prügel eingebracht hat – weil ich der Meinung war, dass ich jetzt absolut nicht wegrenne, nur weil ne Horde Achtklässler unsere Bude im Wald annektieren will.

Ich war in dieser Hinsicht kein sehr schlaues Kind, ich weiß.

Jedenfalls bekam ich Anfang Februar von Bookster HRO eine Mail, in der er das ganze MS anfragte und etwas von 900 Seiten erzählte, durch die er sich gekämpft habe.

Neben ‚Juhu‘ war vor allem ‚Watt? 900? Wie das denn?‘ was mir so durch den Kopf schoss und wirklich, so las ich dann auf seinem Blog, er hatte 29 Exposees mit Leseproben und das heißt also 29mal um die 32 Seiten zu lesen und hallo?

Ich habe vor langer Zeit in 14 Tagen 60 Kurztexte lesen und beurteilen wollmüssen (im Rahmen eines kleinen, unbedeutenden Wettbewerbs, aber weil halt Herzenssache doch und durchaus ernsthaft) und ich sage euch: Ich stand kurz vor der Selbstentleibung. Wie viele Texte können eigentlich damit beginnen, dass es regnet, fragt man sich. Wie viele?

Jedem der glaubt, dass er wahnsinnig offen, innovativ und erfreut über experimentelle Literatur wäre, dem sage ich: haha. Hahaha. Man lernt sehr schnell über sich, dass die eigene Urteilskraft in direkter Korrelation zum Koffeinspiegel und der Lautstärke der freilaufenden Kinder verläuft. Es ist wirklich schwer, in der Masse der Texte neutral und objektiv zu lesen, sich frei von Erwartungen auf Texte einzulassen, über die Fehler, die Rohdaten (ein MS ist kein fertiges Buch) immer haben, hinwegzusehen usw. usf.

Was ich sagen will: Ich hab nen Heidenrespekt vor allen Bloggern, die sich hineingewagt und hineingelesen haben. Und auch wenn ich zumindest von einer sehr, sehr krassen Fehlentscheidung weiß (und ich den entsprechenden Blogger auch boxen werde, so ich ihn je treffe, weil der Text, den ich meine, wirklich verdammt gut ist und ich da strikt subjektiv und parteiisch bin) – ist mir klar, wie schwer die Aufgabe ist, wie schmal der Grad zwischen ‚eigenständig‘ und ’sackgängig‘ ist und ich wirklich jeden bewundere, der sich an eine solche Entscheidung wagt und weiß, dass ich das bestimmt nicht besser gemacht hätte. (Aber ich box den Blogger trotzdem.)

Als ich auf Bookster HROs (ich lasse es mal beim Blognamen, damit ihr wisst, von wem ich rede) Blog dann las, dass er vier weitere MS angefordert hatte, dachte ich mir: Naja, das war jetzt sehr nett von ihm, dass er mich und so – aber da ist bestimmt was dabei, was wesentlich passender ist, als dein „Brunnen oder Nicht-Brunnen ist hier die Frage!“

Eine Literaturbauernregel lautet: Zusagen kommen schnell. Absagen dauern lange. Das gilt aber nicht, wenn man so einen ernsthaften und konsequenten Blogger hat, wie den Bookster, denn der liest wirklich alle 5 MS bis er dir schreibt, dass du auf der Longlist bist.

Und ich freu mich, SARS CoV2 hin oder her, Homeschooling rein oder raus – ich freu mich noch jedes Mal, wenn ich dran denke, dass ich da auf der Longlist bin.

Und warum freu ich mich so? Ja, klar, Longlist, yeah, aber mehr noch, weil ich die Art, wie der Bookster den Text gelesen hat, sehr mag. Ein wildfremdes MS, eines aus einem fetten Stapel von 29 Texten, alle geschrieben mit Leidenschaft, Herzblut; es gibt viele gute Erzähler da draußen – und dann herausgezogen werden und dann: Liest dich jemand, denkt über das gesagte/erzählte nach, taucht ein und stellt in Frage, sucht und findet.

Das ist so ein ganz eigenes Gefühl – und vielleicht kann man das nur verstehen, wenn man selbst schreibt, und besonders gut verstehen, wenn man Texte schafft, die es dem Leser nicht immer leicht machen, die Wagnis sind und Grenzgang – und wenn die jemand mitgeht und sich fangen lässt – und zugleich klug und sachlich hinterfragt: Das fetzt.

Und das kann mir auch keiner nehmen, egal wie mies das Jahr jetzt noch läuft.

Ach so: woher ich das weiß, wie der Bookster gelesen hat? Daher und weil wir uns zum Glück noch treffen konnten – und einen sehr kurzweiligen, heiteren uns spannenden Plausch am Berliner Südkreuz hatten. Menschen zu begegnen, die dem gleichen Wahnsinn frönen wie man selbst, ist eh toll – und was den Bookster angeht: ditt is einer von den Juten, wa. Also lest seinen Blog.

Überhaupt: Lesen ist gut gegen Lagenkoller. Also los. Zackig. z.B. die ganzen Leseproben der Longlister, die jetzt so nach und nach eintrudeln – könnt ihr alle lesen. Ach was, könnt. Das sind jetzt eure Hausaufgaben. Ich frag das nächste Woche ab.


Erzählen in den Zeiten von Corona

Berlin schließt die Schulen, „Haben wir noch Klopapier?“ wird zur existentiellen Frage, wir alle machen uns Sorgen um Oma und Opa, in der Charité stapeln sich die Abstriche in den Laboren und die Menschen vor den Türen, die gern getestet werden würden.

Wen interessiert da, dass ich heute eigentlich auf der Leipziger Buchmesse sein wollte, mich mit Menschen treffen, mit ihnen das Schreiben feiern (und Whisky trinken)? Wen juckt es, was ich über Blogbuster und Texte, über Zweifel und Triumphe, über das Erzählen selbst zu erzählen habe? Wer will Geschichten hören, oder gar noch Geschichten über Geschichten, wenn die Börse abrauscht, man nicht weiß, wohin mit dem Kind in den nächsten drei Wochen, die Selbstständigen unter den Freunden vor Existenzangst zittern und die Nachrichten aus Italien …

Das Erzählen ist ein merkwürdiges Ding. Der KF schreibt seit einer Weile (begonnen weit vor Covid19) an einer Geschichte über eine postapokalyptische Welt, in der die Menschen die Geschichten verloren haben.

Und so waren es nicht der Kampf um die letzten Ressourcen oder das damit einhergehende Misstrauen, die alles umfassende Präsenz von Hunger und Durst, die uns zunehmend voneinander trennten, sondern eine Ernüchterung und Sprachlosigkeit, aus der sich keiner zu lösen vermochte; als wäre es, bei Licht betrachtet, unmöglich, sich noch irgendeiner Form der kollektiven Täuschung hinzugeben, irgendeiner Illusion, einem Trost, in dem das Wissen um unsere Situation hätte verschwinden können – so dass die meisten von uns sich damit begnügten, in einem dämmrigen Zustand auf den Einbruch der Nacht zu warten, die mit ihren namen- und gestaltlosen Schrecken geradezu erträglich wirkte.

Manchmal kam es vor, dass jemand eine Geschichte aus der alten Welt erzählte – Geschichten aus der neuen Welt gab es nicht – und sich die anderen in den wohltuenden Schatten drängten, den die Worte auf das Heute warfen.

Der Held – oder Nicht-Held – ist so etwas wie der letzte Erzähler, Last Man Standing. Jemand, der von etwas lebt, sich an etwas bindet, das vollkommen überflüssig geworden zu sein scheint.

Wir propagieren gern, dass es die Intelligenz ist, die Fähigkeit zur Vernunft und Selbstreflexion, die uns heraushebt und uns von allen anderen Arten dieses Planeten unterscheidet. Aber vielleicht ist das, was uns wirklich unterscheidet, dass wir die einzige Spezies sind, die sich Geschichten erzählt.

Als ich klein war, habe ich mir das Decamerone aus dem Bücherschrank geklaut (also nicht mehr ganz klein, so neun vielleicht) und es heimlich gelesen. Weit mehr als die erotischen Geschichten fesselte mich damals die Darstellung der Pest. Ich habe das bestimmt zwanzig Mal gelesen, weil die Pest, der Schwarze Tod – huh. Geblieben ist mir von diesem Buch aber der Gedanke, wie Menschen sich Geschichten erzählen, so, als würden sie sich in eine warme Decke hüllen. Natürlich rettet das nicht vor dem Tod, es bekämpft keinen Virus, es ersetzt keine Lagerhaltung von 500 Rollen Klopapier – aber gibt es eine menschlichere Geste, als jemand anderen in eine Decke zu hüllen, wenn er friert?

Überhaupt, das Motiv des Erzählens im Angesicht des Todes: 1001 Nacht, Der Teufel mit den drei goldenen Haaren …

„Ich habe einen schweren Traum gehabt,“ antwortete die Ellermutter, „da hab ich dir in die Haare gefasst.“ – „Was hat dir denn geträumt?“ fragte der Teufel. „Mir hat geträumt, ein Marktbrunnen, aus dem sonst Wein quoll, sei versiegt, und es habe nicht einmal Wasser daraus quellen wollen, was ist wohl schuld daran?“

Quelle

… unzählige mehr, die mir gerade nicht einfallen.

Warum also nicht erzählen? Vom Schreiben und Einreichen in den Zeiten von Corona.

Mein besonderen Dank geht an Ijo für das Bild vom Virus im Homeoffice. Mehr Ijo gibt’s auf Insta bei ijo_create.

Blogbuster? – Denkste vs. Isso

Wie man es sich vorstellt:

Der Schreibende sitzt vor seinem Werk, tippt Ende drunter, speichert noch mal ab, zieht eine Sicherungskopie und druckt es aus oder auch nicht, geht dann hin zu denen, die bereit, nein, gierig sind, den Text zu lesen und dann alle so: Hach! Genial! Großartig! So toll! Mensch, super. Endlich hat jemand dieses Buch geschrieben! Hab ich schon immer drauf gewartet! Bei welchem Verlag willst du das veröffentlichen?

Wie es ist:

So wie oben, nur dass man die Sicherungskopie verbaselt und dann erst mal drüber nachdenkt, wem man das Ding jetzt unterschieben könnte, sollte, wollte und dann sagen die Leser (zumindest wenn die Leser meine Freunde sind):

Was ist eigentlich genau dein Problem mit dem Dativ? Ist das was Persönliches?

Soll ich die Kommafehler anstreichen?

Ja, ist ne Geschichte, aber jetzt nicht unbedingt eine für mich.

Der Anfang war ja ziemlich gut, aber dann …

Erstaunlich, dass das überhaupt funktioniert!

Ist das mit dem XY Absicht? Weil, wenn das Absicht ist: bei mir greift das nicht.

Find ich gut, aber du hättest die Vampire* weglassen sollen.

(*es war ein Vampirroman.)

Pfrm, na ja, Bernhard liest ja auch niemand wegen der Story.


Jetzt werden wieder alle sagen, ich hätte sie aus dem Zusammenhang gerissen und falsch zitiert – und das habe ich natürlich. Meine Freunde, also die, die ich meine Texte lesen lasse, ich hab auch Freunde, die ich von allem dem Hier verschone, meine Freunde sind nicht nur hervorragende Freunde, sondern vor allem Lesende und Schreibende und was für welche. Also sagen sie viel, viel mehr zu meinen Texten, aber nicht unbedingt so viel mehr Nettes. Also schon Nettes, aber nicht so euphorisch-jubel-nett, sondern mehr so sezierend-analytisch-nüchtern-nett.

Z.B. schrieb ich einst einen typischen Schnipseltext von etwa 800 Wörtern – worauf ich eine Korrekturliste von etwa 900 Wörtern zurückbekam und darunter der Satz: Sonst gewohnt gut.

„Was meint ihr“, fragte ich also, nachdem ich zu Ende geschrieben und lesen lassen hatte, das war dann schon spät im Dezember, „kann ich den Text einreichen?“

Sie fanden, man könne. Und das will ja was heißen. Also hab ich den Text eingeworfen – am 27. Dezember, glaube ich. Also 3 Tage vor Torschluss. Eingeworfen und voller Stolz, dass ich die üblichen Dramen aus Zweifel, Hinterfragen, Gegenargumente finden diesmal ausgelassen hatte und wie so eine richtige Erwachsene einfach den Text voller Gelassenheit abgeschickt.

Denn so stellt man es sich ja vor. In Wahrheit war es einfach nur so, dass ich den Text über die Klippe geschubst habe, weil ich so dermaßen viel um die Ohren hatte und ich mir dachte, das kann jetzt auch nicht schlimmer werden, wenn ich den Text einreiche.

*Stimme aus dem Off*: Muhahaha….


Aufschub

Neulich sagte mir jemand – nein, nicht die Katze, die Katze rennt ja nicht, die sitzt nur hier herum und trinkt mir die Milch weg – mir sagte jemand, er hätte es satt, dem Leben hinterherzurennen.

Das chronische Gefühl der Überforderung teilt sich wahrscheinlich meine gesamte Generation – ich zumindest kenne niemanden in meinem Alter, der seinen Kram auch nur halbwegs auf die Reihe bekommt. Mancher nimmt das gelassen, mancher weniger – aber die ToDo-Listen sind längst nicht mehr abarbeitbar.

Mit diesem jemand aber teile ich das immer mehr anwachsende Gefühl, alles hinzuwerfen und etwas ganz anderes zu tun. Ein echtes von vorn, ein echtes Abhaken und Ausbrechen.

Ich würde nichts vermissen. Das überrascht mich selbst ein wenig, aber ich kenne mich gut genug, um mir da sicher zu sein. Woran ich zweifle ist, ob mir die Kraft reicht, ob noch genug Trotz und Sturheit, Energie und Wahnsinn da sind, von vorn zu beginnen. Sich all den Ernüchterungen noch einmal zu stellen – statt mit denen, an die man sich gewöhnt hat, alt zu werden.

Dabei wäre es für mich so einfach – ich müsste nicht auswandern, nicht den Job wechseln, nicht die Wohnung kündigen, nicht den Partner austauschen; müsste nicht mal die Haare färben oder die Katze rauswerfen.

Alles was ich tun muss, ist ein neues Buch zu schreiben. Und das Schreiben wieder neu zu denken und auszurichten. Hinter mir lassen, was ich einst gesucht und gedacht, mich trennen von dem, dem ich verbunden oder verpflichtet bin und ein neues Erzählen beginnen.

So einfach. Verabschieden, Loslassen, Neu Beginnen.

Und doch ist es die ToDo-Liste nach der ich greife und das Rennen beginnt von vorn.

 

aus Gründen

Es gibt viele Gründe nicht zu schreiben. Der heutige: Ich liege wie eine Robbe im Tankini im quietschblauben Pool, der gerade so auf den Balkon gequetscht ist, und starre in den Mammutbaum und das Blau dahinter.

Es ist seit Wochen glühend heiß in Berlin, der letzte Stress-Arbeits-Gedöns-Overkill ist vorbei und wie so oft, wenn man Zeit zum Schreiben hat, tut man es nicht. Stattdessen ist da der Pool und der Mammutbaum und die Gedanken, die der Frage nachhängen, warum man einst geschrieben hat und warum man es nicht mehr tut.

Die Begründungen, die üblicherweise angeführt werden für das Schreiben, reichen von Berufswunsch bis ’nur für mich‘. Es gibt die, die der Veröffentlichung nachjagen (und letztlich lernen, zu schreiben, was veröffentlichbar ist – und die, die das noch nicht gelernt haben), es gibt jene, die sich selbst in ihren Texten suchen und finden, solche, denen es genügt der eigenen Stimme zu lauschen, und manche (das sind die raren), die einer literarischen Idee nachjagen. Die letzteren ordnen sich auch irgendwann ein – in jene, die lernen veröffentlichungswirksam zu schaffen und jene, die es konsequent nicht tun.

Ich habe nie nur für mich geschrieben. Wozu auch? Dann könnte ich auch einfach den Stimmen in meinem Kopf lauschen und mir das öde Getippe sparen. Aber es war auch nie der Wunsch nach Veröffentlichung, nach dem ‚eigenen Buch‘, die Vision eines Namen auf einem Pappdeckel oder das ‚Erwähltwerden‘ durch einen Verlag, das mich antrieb.

Man verstehe es nicht falsch: jeder Mensch möchte in dem, was er ist und was er tut, Anerkennung finden. Und wenn ich Texte zu Wettbewerben schicke, möchte ich diese gewinnen. Aber, und das ist die Krux, ich möchte aus den richtigen Gründen gewinnen. Nicht aus politischen, nicht aus zufälligen, nicht weil man berechnend-manipulativ Erwartungen erfüllt. Nicht weil die Jury mit Text/Autorennamen glänzen kann (oder rebellieren), nicht weil der Praktikant keine Lust mehr hatte, noch 500 Einsendungen zu sichten, und nicht, weil Onkel Heinz den Ausschreibenden kennt.

Allein: weil der Text gut genug war, deswegen soll er gewinnen. Weil er dieses Stück anders war und etwas zu erzählen hatte, was man nicht gleich wieder vergisst.

Und all das liegt darin begründet, dass der (vielleicht einzige) Grund meines Schreibens stets war, der Stille zu entkommen. Jenem Raum, in den ich hineingeboren wurde und in dem keines meiner Worte einen hörbaren Klang hatte. In dem, was ich sagte und aussprach, erzählte und laut dachte, herausschrie und in den Wind brüllte, ungehört an den Ohren zerschellte.

Ob es an mir lag, liegt, liegen wird – und meine Worte nicht von dem Erzählen, was für andere sichtbar ist, ob es willentlich und unabsichtlich, ob es Unaufmerksamkeit oder Befremdung oder nur Desinteresse ist – ob es daran liegt, dass was ich zu sagen habe, nicht wert ist, gehört zu werden … ich weiß es nicht. Es spielt auch keine Rolle.

Das Schreiben war das Verbuchen, das Festhalten, das Transformieren alle dessen, was ich meine sagen zu müssen, weil es doch irgendjemand sagen muss, weil es doch nicht verschwiegen werden darf, weil dieses Schweigen/Verschweigen der Grund für so vieles ist, was nicht gut ist und doch so viel besser sein könnte, weil das Aussprechen der erste Schritt zum Verstehen ist und das Verstehen der Schritt zum Wandel … und wenn ich das buche, aufschreibe, kann es Augen finden, Herzen, Gehirne, denen die Stille so unerträglich ist wie mir.

Und wenn ich nur gut genug bin, wenn es mir gelingt, eine Sprache für das Unsagbare zu finden, dann. Dann.

Es mag sein, es ist mir nie gelungen einen Text zu schreiben, der gut genug war. Der dieses Stück anders war und etwas zu erzählen hatte, was man nicht gleich wieder vergisst.

Weiß man nicht, niemand kann seine eigenen Texte lesen und bewerten. Aber am Ende scheint es mir wahrscheinlicher, dass der Raum der Stille ein undurchdringbarer ist – und mir und meinen Mitteln keine Augen und Ohren auffindbar sind, keine Herzen und Hirne, die sehen, was ich sehe und darüber sprechen wollen, worüber ich sprechen will und die verstehen wollen, was ich verstehen will.

»Es ist illusionär, Schreiben als etwas anderes zu sehen als den Versuch zur extremen Individualisierung.« (Karl Heinz Bohrer)

Aber ich habe nie geschrieben, um mich zu individualisieren. Ich habe geschrieben, um nicht mehr allein zu sein.

von wegen Bushido

„Nur Irre da draußen! Denkt dran! Nur Irre!“

Vor mir steht ein kleiner Mann im weißen Schlafanzug. Er steht in einer Halle und wiederholt in gebrüllter Litanei, es seien nur Irre da draußen, man müsse sich wehren können, sich verteidigen. Bereit sein, fit sein.

Ich schaue an mir herab – und auch ich trage einen weißen Schlafanzug. Es hat ungefähr 32°C, 90% Luftfeuchtigkeit, Schweiß tropft von meinem Kinn, als sei ich ein undichter Wasserhahn. Draußen ziehen dunkle Wolken auf und drinnen bewegen sich Menschen unter den Befehlen des kleinen Mannes in Weiß, immer gleich und in stetiger Wiederholung.

„Nur Irre!“

Nur Irre, denke ich. Aber eher hier drinnen als da draußen – denn das ist kein Alptraum, das ist Karate.

*

Wieso ich einen Sport betreibe, bei dem man sich permanent anbrüllt, weiß ich auch nicht so genau. Wobei das mit dem Anbrüllen noch begreifbarer ist als das mit dem Sport. Ich meine: Sport.

Wäh.

Es gibt nichts, was mich weniger interessiert. Ich mag mich nicht quälen, ich mag nicht schwitzen, ich mag nicht leiden, ich mag nicht auf Stangen klettern, auf dem Kopf stehen oder mich nach einem depperten Ball hechten. Habe keinerlei Zwang herumzurennen, zu springen und kein Bedürfnis zu wetteifern. Brauch ich alles nicht.

Akzeptabel ist nur, im Wasser herumzuplanschen – oder auf etwas zu schießen. Ob jetzt mit Darts, Bogen oder Nerf-Knarren ist mir egal. Das kann ich und dafür spring ich dann auch mal hinter irgendwas hervor.

Beim  Karate aber lauten die Gebote:

  • keinen  Spaß haben (wir sind schließlich nicht beim Fußball)
  • leidvolle Körperertüchtigung (das muss weh tun)
  • und sich gehorsam und devot zu zeigen.

Nein, ich weiß wirklich nicht, warum ich das mache.

„In Spanien machen’se auch Sport“, sagt der kleine, weiße Mann und schaut mir vorwurfsvoll beim Japsen und Schwitzen zu.

„In der Geschlossenen auch“, antworte ich und das war es schon wieder mit dem Gehorsam. Dass ich keine zwanzig Liegestütze für den Spruch machen muss, liegt nur daran, dass ich deren Webseite baue. Merke: der Sportler braucht auch den Nicht-Sportler, weil der Nicht-Sportler ausreichend Sauerstoff für Hirntätigkeit übrig hat.

Und der Nicht-Sportler (also ich) bewegt sich in dieser fremden Welt aus Schinderei, Geschrei und meditativer Aggression wie ein Alien. Staunend, lernend und mit Heimweh (nach der Couch.)

Es ist seltsam, wo Wohlfühlzonen verlaufen, aber nehmen wir das ‚Kiai‘ – der Kampfschrei, der zum Karate dazu gehört wie der Schlafanzug. Es ist gar nicht so einfach (und reichlich peinlich) in der Luft herumzufuchteln und ‚Ei‘ zu verlauten.

Ich habe fast 1 1/2 Jahre gebraucht, bis es nicht mehr so klang, wie man ‚Frühstück-Ei‘ sagt.

‚Ei‘

Ich bin schließlich ein Mädchen aus gutem Hause – und als meine Großmutter mir im Kindergarten riet, einem Mädchen, das mich permanent drangsalierte, doch einfach einen ordentlichen ‚Hürzers‘ zu verpassen, da war zu Hause aber was los. Meine Mutter verbot mir das ausdrücklich und auf Ewigkeit. Aggression ist nicht erlaubt, Kloppen ist nicht erlaubt. Nett sein muss man.

‚Ei‘

Nicht, dass ich jetzt hingehen könnte und jenem Mädchen einen Hürzers verpassen. Also rein technisch schon, soweit reicht es, aber mental … und allein das macht schon jeden Kampfsport bei und mit mir sinnlos, ich hätte ja eh nie die Chuzpe, jemanden umzuhauen.

Und darum geht es. Im Gegensatz zu Boxen oder Fechten, wo man rundenbasiert aufeinander einklopft bzw. einstochert, geht es beim Karate um genau einen Schlag. Oder zwei. Blog-Schlag-Puff-Umfallen. Der perfekte Hürzers, der Gegner k.o.

Da komme ich nie hin. Und wenn man bedenkt, welches Talent ich zum Schießen habe, könnte ich nicht nur mein Sportlerleben sondern auch meine Selbstverteidung weit bequemer, effektiver und unterhaltsamer gestalten.

Stattdessen werfe ich mir den Gi über (Gi sagt man, wenn der Sensei einem verboten hat, den weißen Anzug als hässlichen Schlafanzug und/oder Salamipelle zu bezeichnen) und tropfe mir den Weg zur Halle frei. Bei über 30 °C. Und das ganze mit Kiai.

‚Ei‘