Von Geranientöpfen und Blogbustern

„Menschen sind komisch“, sagt die Katze.

„Wir sind Affen, die die Hände frei haben“, sage ich schulterzuckend. „Man sollte da vielleicht einfach nicht zu viel erwarten.“

„Allein das Ding, dass ihr euren Gott aufesst. Und dazu noch einen Feiertag habt, der den Verzehr von Leib und Blut eures Gottes zum Thema hat – Frohen Leichnam!“

„Fronleichnam“, korrigiere ich und sehe am Gesicht der Katze, dass das jetzt Menschsplaning von Katzen war.

„An sich ist das ja witzig – fresst die Götter einfach auf. Aber ihr habt keinen Sinn für Humor und meint das völlig ernst …“

„Sag nicht immer ‚ihr‘ – ich für meinen Teil habe noch nie an einem solchen Ritual teilgenommen und auch nicht geplant, in naher Zukunft …“

„Es gibt keine Atheisten in Schützengräben“, deklamiert die Katze und ich wechsle mal das Thema dahin, wo ich eigentlich wollte:

Geranientöpfe

Was machst du denn so, während Corona?, werde ich ziemlich oft gefragt. Da ich ja vorwiegend von zu Hause aus arbeite und dann noch im kreativen Bereich, was ja in vieler Augen an sich keine Arbeit ist, wie man weiß, sondern eine selbst belohnende Beschäftigung, also praktisch Spielen, jedenfalls geht man jetzt offenbar davon aus, dass ich gar nichts mehr zu tun habe.

Was machst du denn so den ganzen Tag?

So was:

Ja, das sieht harmlos aus. Ein Heft in Grün. Und die Gedichte musste ich nicht mal selber schreiben, ich fungiere ja mehr oder weniger nur als Herausgeberin und das noch nicht mal allein, weil natürlich das alles nichts wäre ohne Herrn Ekel & Ekstase. Die Gedichte sind von Jana Grolms, einer ganz wunderbaren Autorin, von der ich an anderer Stelle noch erzählen werde.

Aber auf dem Weg von einer Sammlung von Gedichtetem hin zu einem Zweifelheft, geschieht sehr vieles. Gedanken und Pläne, Überlegungen und Zweifel (natürlich Zweifel!), Ringen und Streiten, Freuen und Hoffen, Verwerfen und Vergessen. Es werden Worte darum gemacht, die in ihrer Fülle jene Worte, die dann da endlich stehen (werden), in dem grünen Heft, an Masse und Menge um vieles übersteigen. Sogar ein Nachwort wird gemacht, wofür Gabriele Lanser großer Dank gebührt. Dann noch das Seuchenjahr 2020, was jede Planung in sich reinfrisst und niemals nicht satt zu werden scheint …

„Siehste und das gibt keinen Feiertag“, wirft die Katze ein und ich ignoriere sie.

… und wenn dann am Ende, ein wunderschönes Heft in Grün steht – allein das Grün, auch wieder eine Geschichte für sich, weil Grün ist ja nun nicht Grün, nicht wahr, da kann man Tage mit verbringen – dann ist das etwas, worüber man sich freuen kann. Auch wenn man nur ein Affe ist, der die Hände frei hat.

Hin und wieder mitmache ich also ganz wunderbare Dinge.

Und hin und wieder passieren mir ganz wunderbare Dinge:

Shortlist, Baby.



Die Systemrelevanz von Katzen

„Pass auf“, sagt die Katze. „Unter Franz Josef damals …“

„Welchem?“, frage ich.

„Strauß“, sagt die Katze, und: „Wenn du mich mal ausreden lassen würdest, wäre das …“

„Verzeihung.“ Mein Benehmen fiktivem Viehzeugs gegenüber lässt offenbar zu wünschen übrig. So was.

„Unter Franz Josef jedenfalls hat noch jeder Grenzkreative, jeder Schreiberling und jeder Pinselschwinger einen Witz über ihn gerissen – nur damit klar war: ich bin Künstler, also bin ich systemkritisch.“

„Ahja.“

„Und heute? Motzt die Kreativgemeinde geschlossen rum, weil sie nicht als systemrelevant gilt. Systemrelevant! Wenn das der Franz Josef noch erleben müsste!“

„Das hab ich schon mal irgendwo gehört“, sage ich und gähne. Demonstrativ.

„Gut geklaut ist halb selber gedacht.“

„Und außerdem“, sage ich und denke stirnrunzelnd an meinen Kontostand, „versteh ich durchaus, dass man nicht unbedingt verhungern will, so als Künstler.“

„Wenn man satt sein will, muss man Unternehmensberater werden. Oder Virologe. Oder ein Bandit. Nimm die Narcos – jammern die rum, weil sie nicht systemrelevant sind? Nein, sie nehmen die Sache einfach selbst in die Hand …“

„Willst du damit sagen, die Künstler sollen jetzt alle Hanf anbauen?“

„Hanf, Wermut, Pilze, was auch immer … aber ich sag doch nur, dass es nicht das Ziel eines Künstler sein kann, systemrelevant zu sein. Wo sind wir denn?“

„2020 sind wir“, sage ich. „Und der Bachmannpreis, der Hort der modernen Literatur, überlegt noch, ob er so was Neumodisches wie Skype verkraftet.“

„Ja, ja, wechsle nicht das Thema. Sag mir lieber, was das sein soll: Systemrelevante Kunst.“

„Netflix?“

„Huh, ja“, sagt die Katze. „Wenn man es so sieht. Und ich wollte eh noch Narcos fertig schauen …“


Blogbuster? – Die Lange Liste

Die Katze und ich sitzen vor dem Monitor und starren auf den Bildschirm. Da ist sie. Die Lange Liste. Vollständig. Endgültig. Fix und fertig. Darauf wartend, gekürzt zu werden, von der Longlist zur Shortlist, sich unvermeidlich auf das Ende zubewegend, ein Ende, das noch in der Ferne liegt, aber doch schon in den Vorzeichen kündet …

„Daydrinking?“, fragt die Katze. „Oder Anfall von melodramatischem Schriftstellerwahn?“

„…“

„Na, mal ehrlich“, sagt die Katze und zoomt das Bild ran. „Es schaut doch ganz nett aus, wie ihr da alle, äh, so in Reih und Glied und mit Foto und so … voll die Autoren.“

„Ich finde, wir kucken alle bisschen bedröppelt.“

„Was?“ Die Katze legt mir eine Pfote an die Stirn, dann die andere und dann sagt sie: „Streck mal die Zunge raus und mach ‚Ahhhh‘ – irgendwas stimmt mit dir nicht.“

Ich tue das natürlich nicht, schiebe die Katze weg und sage: „Na, ich meine, natürlich sind die Fotos alle sehr cool und nett und professionell und schick und so – aber … gefühlt.“

„Die Longlist der Blogsbusterpreises kuckt gefühlt bedröppelt.“

„Ja!“

„Aber sonst geht’s noch?“

Ja, geht’s noch?

Ging’s je? – wäre vielleicht eher die Frage, aber es ist schon merkwürdig. Mit mir.

Ich taug einfach nicht zu Wettbewerben. Mich stresst das. Dieses brav in Reih und Glied warten, dieses bloß nicht zucken, dieses so tun, als wäre man sich selbst und seiner selbst sicher. Ich finde bewertet zu werden immer scheiße, ich geh schon nicht gern zum Blutdruckmessen, weil der Arzt dann immer so kuckt, weil ich 130/80 habe und nicht die vorbildlichen 120/80. Und wenn ich eine Steuererklärung abgebe, dann stell ich mir immer vor, wie die Finanzbeamten den Kopf schütteln über meine kläglichen Versuche, ein Arbeitszimmer abzusetzen.

Ja, vielleicht wünsch ich mir, dass alle auf der Liste bisschen bedröppelt schauen, weil die Vorstellung, die Einzige zu sein, die das nicht cool nimmt – sondern am liebsten in Grund und Boden versinken möchte, bei der Vorstellung, dass da eine Jury, eine Fachjury, wie gern betont wird, mit gezücktem Rotstift über meiner Kommasetzung sitzt und irgendwelche Punkte an den Rand schreibt – uäääargs. Oder so ein fettes A!, wie man es in der Schule immer bekommen hat.

Mag, möchte, will, wünsche die anderen von der Liste viel lieber als Verbündete, als Spießgesellen und Kollaborateure zu sehen, denn als Konkurrenten, die es auszustechen gilt. Am liebsten zusammen durch Fenster abhauen und heimlich Bier am See trinken gehen, während die Erwachsenen Bewertungsbögen schreiben …

„Gott“, sagt die Katze und verdreht die Augen. „Ich seh schon, ich muss dir echten Killerinstinkt beibringen. Morgen fangen wir an!“

„Warum morgen?“

„Weil ich heute erst Narcos auf Netflix zu Ende schauen muss“, sagt die Katze und verzieht sich auf die Couch.

tbc

Coronatagebuch

„Schreibst du jetzt auch ein Coronatagebuch?“, fragt mich die Katze.

„Nein.“

„Das machen aber ALLE. Jeder hippe Jungautor und gestandene Literat schreibt Coronatagebuch – warum du nicht? Wie soll je aus dir was werden?“

„Katze. Ich bin im Normallebensfall schon niemand, über den es lohnt Tagebuch zu führen – ich bin weder ne schnieke OP-Schwester, die Leben rettet noch kümmere ich mich hauptberuflich um süße Tiere noch jette ich von New York nach Indien und dann nach Neuseeland.“

„Ja“, sagt die Katze, „das ist uns allen schon aufgefallen.“

„Schreibende sind unglaublich fade Menschen. Und das wird nicht besser, wenn man sie unter Kontaktsperre setzt und sie zu Homeschooling verdonnert.“

„Aber irgendwas Aufregendes gibt es doch bestimmt?“

„Ich habe gestern eine Spinne in der Dusche gefangen.“

„Wow, dein Leben ist echt öde.“

„Wäre mein Leben nicht öde, hätte ich keine Zeit zum Erzählen.“

Die Katze gähnt.

„Siehst du, du gähnst jetzt schon – stell dir mal vor, ich würde Tagebuch führen.“

„Schön, dann schreib halt spannende Geschichten.“

„Wie sagte Virginia Woolf? Ein Frau braucht, um große Literatur zu schaffen, 500 Pfund im Jahr und ein eigenes Zimmer. Beides gerade völlig unerreichbar.“

„Und was machst du jetzt?“

„Irgendwie klar kommen, auf das Beste hoffen und der Welt ein Tagebuch ersparen.“



Blogbuster? – Proper Planning Prevents Poor Performance

Schulschließung und LockDown in Berlin – Tag 2.

Ich bin noch ein ‚Man muss ja nicht hysterisch sein!‘ und ‚Wir treffen uns dann alle …‘ davon entfernt, den Leuten Schaubilder von Infektionsketten zu malen und sie ihnen anschließend auf den Kopf zu hauen.

Das letzte mache ich natürlich nicht, denn dafür müsste ich ja näher als zwei Meter an die Leute ran.

Sonst läuft es super hier. Ganz toll. Wirklich Klasse. Traumhaft. Alle meine Pläne gehen gerade so was von den Bach runter – von Reisen bis Veranstaltungen, von Projekten ganz zu schweigen -, der Teenager muss bis jetzt vier Lernplakate basteln (und der Teenager bastelt nicht, also nicht, ohne dabei Szenarien aus Dante Alighieris Commedia nachzustellen) und die Katze trägt einen Schlips.

„Du hast da was am Hals“, sage ich zur Katze.

Die Katze nickt. Huldvoll.

Der Schlips ist hellblau, mit kleinen weißen Mäusen darauf, gebunden mit einem doppelten Windsor und reicht exakt bis zur Hälfte der Vorderpfoten.

„Warum?“, fragte ich. „WARUM?“

„Damit du in die richtige Stimmung kommst.“

„Für was? Zombieapokalypse? Zwangseinweisung? Den Versuch Klopapier zu erwerben?“

„Pfff. Nein. Alles völlig unwichtig – du musst an deiner Körpersprache, deiner Ausstrahlung und deiner Kommunikation arbeiten. Du kannst nicht mehr wie ein Schluck Wasser in der Kurve rumlungern und einfach vor dich hinplappern, was dir in den Sinn kommt!“

„Warum nicht?“

„Weil ich das sage!“

Zugegeben, eine Katze mit Schlips hat eine gewisse Autorität, also füge ich mich und setze mich aufrecht ihr gegenüber. Die Katze fährt sich mit der Pfote über die Schnauzhaar, nickt und erklärt mir, sie würde jetzt mal mit den Interviewtraining anfangen.

„Dem was?“, entfährt es mir, aber die Katze schaut mich nur vorwurfsvoll an.

„Das Schreiben“, sagt die Katze gewichtig, „betrachten Sie das als Beruf oder als Berufung?“

„Äh …“

„Ääääähhh“, äfft mich die Katze nach. „Äääähhh! Das war eine ganz einfach Frage!“

„Äh …“

„Gut, bitte, dann was anderes! Haben Sie denn schon mal versucht einen Verlag zu finden?“

„Ja.“

„Und?“

„War einfach. Die verstecken sich ja nicht gerade. Da gibst du einfach bei google maps die Adresse ein und ‚zack‘ …“

„Ah. Humor“, sagt die Katze. „Großartig. Damit kommt man ja auch sehr weit heutzutage. Vor allem als Autor, da freut sich der Literaturmarkt, wenn die einen auf …“

Zum Glück werden wir in dem Augenblick vom Mail-Ankündigungs-Piepen unterbrochen – die Schule schickt noch zwei weitere Lernplakatsanweisungen. Jetzt muss ich nur noch jemanden finden, der sich in das Zimmer des Teenagers traut und ihm das übermittelt. Ehrlich, ich habe Schule weniger gehasst, als ich da noch selbst hin musste.

„Du nimmst das nicht ernst!“, schimpft die Katze. „Proper Planning Prevents Poor Performance! Was ist, wenn du Witzbold morgen wirklich ein Interview geben muss? Hm? Was soll das werden? Eine Inszenierung will geübt sein!“

„Und wenn ich mich gar nicht inzenieren will?“

Die Katze starrt mich an und schüttelt dann in tiefer Verzweiflung den Kopf. Dann gibt sie mir eine letzte Chance:

„Man sagt: Tanze, als ob niemand zusieht. Gilt das auch fürs Schreiben?“

„Schreiben, als ob niemand zusieht?“

„Nein, verdammt: Schreiben, als ob es niemand lesen würde. Kannst du das für dich als Leitsatz verbuchen?“

„Ähm, ja, ja, doch, irgendwie …“

„Tja“, sagt die Katze, „das erklärt zumindest die Rechtschreibfehler.“

… ich fasse das folgende mal so zusammen: die Katze trägt jetzt keinen Schlips mehr, ich hab größere Mengen an Polyvidonjod verbraucht und ob das Interviewtraining was gebracht hat, könnt ihr *hier* nachlesen.


Blogbuster? – Was nach dem Einreichen geschah …

… erzähle ich euch hier natürlich NICHT.

Das ist wie bei GNTM, da muss man sich auch erst vier oder fünf öde Beautywalks anschauen, bevor endlich Umstyling ist und Tränen fließen.

„Apropos Umstyling“, sagt die Katze. „Schon mal überlegt, was du mit deinen Haaren machst?“

„Was ist mit meinen Haaren?“

„…“

„Katze? Was … lässt du wohl meinen Rechner?!“

„Chillax, ich google nur die neusten Huttrends – so was 20iger-Jahre-Mäßiges könnte gut zu dir …“

„!“

Jedenfalls. Das Schreiben. An sich tut es mir gut, wenn ich eine Deadline habe, und zwar bei allem und jedem, wahrscheinlich wäre ich heute noch schwanger, wenn nicht die Natur diese Sache mit der 9-Monate-Deadline eingeführt hätte. „Ja, was? Ich weiß, ich weiß, ich muss das mit dem Gebären endlich mal erledigen, aber ey, vorher nur noch ganz kurz …“

Beim GRUND (Arbeitstitel des beim Blogbuster eingereichten Textes, Anm.d.Red.) war die Deadline notwendig zu seiner Entstehung. Weil es ein Text ist, der keine Feigheit vor dem Feind erlaubt – zumindest mir nicht beim Erzählen. Ob man ihm das anliest, ob das von außen nachvollziehbar ist, weiß ich nicht, aber entscheidend für mich war, dass ich mir keinen Zweifel erlauben durfte. Keinen an der Idee, dem Ton und schon gar nicht durfte ich diese typische ‚Ob das jemand lesen will???‘-Frage aufkommen lassen.

Der beste Weg, dem Zweifel zu entkommen, ist, keine Zeit für ihn zu haben. Wenn das Haus brennt, fragst du dich ja auch nicht, ob du in ‚den Hosen‘ vor die Tür gehen kannst, nicht wahr, da rennst du einfach ganz spontan raus. Daher kommt wahrscheinlich: sich selbst Feuer unterm Ar*** machen. Na, egal, jedenfalls dachte ich mir, ich sollte für einen Text, den ich frei von jeder Literaturmarkttauglichkeitsüberlegung verfasse, mir zwingend eine Deadline suchen, die irgendwas mit Wettbewerb, Konkurrenz und Massenkompatibilität zu tun hat.

Weil ich nämlich manchmal echt putzig bin. Aber das wisst ihr ja alle bereits.

Nee, die Sache mit dem Blogbuster ist die, ich mag den Preis und die Idee dahinter. Jeder kann einreichen, jeder, der einen Text in entsprechender Länge hat, der nicht allzu sehr Genre ist. Und es zählt zuerst nur der Text – denn mehr bekommt die Vorjury nicht zu sehen. Und die Jury sind Blogger, in gewisser Weise kann man leicht despektierlich sagen: Leser, janz normale Leser – und auch das gefällt mir.

Übrigens: den bereits erwähnten Vampirroman hatte ich vor zwei Jahren eingereicht und bin direkt aussortiert worden. Und das lag nicht mal an den Vampiren, nehme ich fest an, sondern am Weißraum. Was es mit dem Weißraum auf sich hat, erzähle ich ein andermal – aber merkt’s euch bitte (das ist prüfungsrelevant, ich frage das ab!)

„Kommst du noch irgendwann zu Potte?“, fragt die Katze und stützt den Kopf auf die Pfote, was anatomisch ziemlich beeindruckend ist.

„Mach ich doch?“

„Du hast dir den Blogbuster als Deadline gelegt und den Text dann unter selbstgewähltem Termindruck fertig getippt, während ringsherum die Hütte brannte.“

„Ja.“

„Fein, dann biste ja fertig. Komm jetzt Hüte kucken …



Blogbuster? – Vom Lachen der Katze

„Hahaha. Alter. Ich pack’s nicht.“

Wenn die Katze lacht, dann ist das in etwa so, als … als würde eine ganz normale Katze, also so eine, wie Sie sie haben oder die Nachbarn, eine Katze, wie man sie jeden Tag auf den Straßen Berlins sieht, als würde die plötzlich sehr laut und sehr menschlich anfangen zu lachen.

Kurz: es ist beunruhigend, leicht schaurig und geht einem nach etwa 30 Sekunden ernsthaft auf die Nerven.

„Germany’s Next Topmodel Autor, oder was? Müsst ihr da hohe Absätze tragen beim Tippen? Oder warte, warte, Virgina Wolf nachschreiben oder, oder J.K.Rowling – oder, oder …“

„Schnauze, Katze“, sage ich, bevor sie mir noch mit 50 Shades of Grey kommt oder Twillight, wobei ich jetzt nicht zu sagen wüsste, was der Unterschied zwischen beiden ist, jedenfalls: „Der Blogbuster ist ein ganz normaler Wettbewerb. Nur halt mit Buchbloggern als Vorjury und ganzen Büchern als Beitrag und ohne Thema und mit nem Verlag im Hintergrund. Aber sonst ist das … ganz … normal.“

„Also öde.“

„Katze, du findest immer alles öde. Von Thunfisch und Kochsendungen mit dem Mälzer mal abgesehen.“

„Ja! Das wäre cool – wenn man zwei Autoren gegeneinander antreten lässt und die müssen dann …“

„Kochen?“

„Können Autoren kochen?“, fragt die Katze, als würde sie ernsthaft überlegen.

„Also ich kann kochen!“

„Ja, aber zählst du schon als Autor?“

*

Während die Katze Überlegungen zu meinem schriftstellerischen Status anstellt, hier mal kurz die Fakten:

  • es gibt einen Literaturwettbewerb namens ‚Blogbuster
  • ich hab da mal was eingereicht
  • und ich habe den Fehler gemacht, laut darüber nachzudenken, ob ich das zum Anlass nehmen sollte, mal wieder über das Schreiben zu schreiben ….

*

„Hahaha, über das Schreiben schreiben, sehr originell, da ist ja auch noch gar keiner drauf gekommen.“

„Erinnerst du dich, dass ich mal ne Kolumne hatte? Nur übers Schreiben und Lesen?“

„Die, wo du behauptet hast, jeder Autor müsste Dschungelcamp kucken?“

„Jahaaaa …“

„Hahaha…“

Unter dem beschaulichen Gelächter der Katze endet dieser Beitrag und beginnt die Geschichte vom Schreiben und Einreichen von Texten.

„Laaangweilig!“, ruft die Katze.

Na gut, dann … eine Geschichte vom Schreiben und Einreichen von Texten – mit Katze.

„Das könnte was werden“, sagt die Katze. Und verschwindet.

strikt persönlich

Wenn Gluthitze über Berlin liegt, die Neuronen nur noch trübe brömmeln, jede noch so kleine Tätigkeit sich anfühlt wie Hexenwerk (heißt: lass das mal lieber eine Hexe machen – möglichst eine karibische, die ist an das Klima gewöhnt), nicht einmal die Nächte noch Erholung bringen und überhaupt – das Leben zäh und dunkel ist wie der Teer auf den Straßen meiner Kindheit – dann kannst du dir über eines sicher sein: das Universum setzt noch einen drauf.

Diesmal: Läuse.
Ich bin die gesamten KiTa- und Grundschulzeiten (meine und die des Kindes) locker jedem Lausangriff (und derer gab es viele) entkommen. Aber jetzt und heute stehe ich triefend in der Apotheke und lasse mich über Tötungsarten von Parasiten aufklären. Zehn Minuten später erwäge ich mir das Frontline vom Hund reinzuziehen.

„Ihhh …Läuse“, sagt die Katze.
„Ihhh … ne Katze“, sage ich.

Dann starren wir uns feindselig an. Aber für ernsthafte Feindschaft ist es zu warm. Ich würde mir Eiswürfel holen, brächte ich so viel Ambition auf, mich zu bewegen. Stattdessen sehe ich meinem Gehirn zu, wie es der Frage nachhängt, ob wohl auch halluzinierte Katzen unter der Hitze leiden.

Meine leidet scheinbar an Langeweile.

„Literatur …“ beginnt sie und ich würge sie direkt mit einem „Lass mich mit dem Scheiß in Ruhe, ich schreibe nicht mehr“ ab.

„Aber andere. Und ich habe gesehen: du liest.“

Stimmt. Ich lese. Mehr oder weniger zufällig zwei Bücher hintereinander, die sich ähneln wie zwei ausgelatschte Flipflops, die man ganz unten im Schuhschrank findet. Feldmans „Unorthodox“ und Braschs „Ab jetzt ist Ruhe“ – zwei Autobiographien von Frauen mit interessanter Familie. Bei Feldmann die jüdische Gemeinde in New York, bei Brasch die Kunstelite der DDR (samt Partei-Vater-Sohn-Konflikten).

Jetzt fragt man sich, wo da bitte die Ähnlichkeit sein soll. USA vs. DDR. Die eine in der Enge einer religiösen Gemeinschaft (Sekte) aufgewachsen, die Sexualität tabuisiert und in das Leben in Regelwerk erstickt, in der die Rolle der Frau 100 % definiert ist. Die andere mehr oder weniger unbehelligt von Eltern und Geschwistern, die unter dem Deckmantel der politischen Angepasstheit treiben und lassen kann, was immer sie will – Trinken, Musik, Sex, Rauchen, Leben.

Hm.

Die Gemeinsamkeit ist: es ist alles strikt persönlich. Und beide haben diese ‚Ja, war nicht so ohne, was mir da passiert ist, hat mir aber nix gemacht, hey, ich bin stark und habe es geschafft‘-Attitüde. Ich, ich, ich. ‚Natürlich bin ich auch total klug und trotzdem bescheiden und rebelliert habe ich auch mehr so sanft und ohne jemanden weh zu tun  – weil ich ein guter Mensch bin, was ich aber aus Bescheidenheit jetzt nicht so raushängen lasse. Schon krass alles, aber mir geht’s gut.‘

Das mag ja alles sein. Und ich gönne es jedem ohne schwere Schäden seiner Familie zu entwachsen – aber beide erzählen Geschichten, die eben nicht privat sind. Weil sie die Frage aufwerfen: was macht es mit einem Menschen, in dieses Strukturen aufzuwachsen? Was bewirkt Dogmatismus, wie prägt und verändert er uns und damit unsere Welt? Beide Biographien erzählen über eine Gesellschaft – die mehr ist als eine Familie. Sie ist von gesellschaftlicher Relevanz.

Doch alles nur: Ich. Mir. Meins. Alles supi. Krass war’s, aber nu passt’s. Mir.

Joseph Roths Schreiben hat mich geprägt, weil es ihm gelang, das Persönliche, das Private zum Gesellschaftlichen zu machen. Seine Figuren sind Individuen und doch erzählen von sie von der Welt, von uns, von dem, was mit uns geschieht, wenn wir geprägt, dogmatisiert, ausgeliefert sind. Der Schmerz des Einzelnen ist der Schmerz aller und so entsteht Literatur und Relevanz.

Diese beiden Biographien gehen genau den anderen Weg: das Gesellschaftliche, das Politische, das Religiöse wird zum Privaten. Das mag auf seine Weise wiederum vieles über unsere Zeit erzählen – aber lesen braucht man es nicht. Da kann man Dorfklatsch hören, kommt auf das Selbe raus.

„Und worin“, fragt mich die Katze, „liegt jetzt die gesellschaftliche Relevanz von Läusen?“

„Läuse“, sage ich, „sind Parasiten. Und von Parasiten kann man ne Menge lernen.“

„Ein Glück, dass du nimmer schreibst“, sagt die Katze und trollt sich.

 

Pessimismus ist für Anfänger

30 °C im Arbeitszimmer. Die Katze sitzt auf dem Schreibtisch spielt mit den Eiswürfeln in meinem Glas.

„Was tippst du?“, fragt sie mich.

Da ich letzte Woche beschlossen habe, mich nicht mehr verpflichtet zu fühlen meinen Halluzinationen zu antworten, tippe ich einfach weiter. Das ‚Pling‘ der von Katzenpfoten im Glas herumgeschupsten Eiswürfel stört mich ein wenig, aber irgendwas ist ja immer … 30 °C zum Beispiel, 30 °C ist wie Fegefeuer und Vorhölle in einem, 30 °C ist wie Steuererklärung und Fensterputzen gleichzeitig, 30 °C ist die Schmelztemperatur meiner Gehirnzellen, 30 °C ist …

„Du tippst ja gar nicht mehr“, sagt die Katze und leckt sich die nasse Pfote.

„Ich tipp ja gleich wieder.“

„Was denn?“

„Nichts über Katzen, Thunfisch, Steaks, Sahne oder Wollknäuls.“

Jetzt ist die Katze beleidigt. Ich kann es an den Schnurrhaaren sehen und ich weiß auch warum – sie mag es nicht, wenn ich so tue, als sei sie eine Allerweltsnormalokatze. Immerhin hält sie jetzt die Klappe und ich kann weitertippen.

*

In meinem Glas sind keine Eiswürfel mehr – dafür Katzenhaare. Halluzination oder nicht, ich hole mir ein neues und frage die Katze, ob sie denn auch was will.

„Milch bitte.“

„Natürlicher Fettgehalt?“

„Gern, aber dann nur halb voll.“

*

„Weißt du“, sage ich, als ich mich wieder an den Tisch setze – ein volles Glas Wasser samt Eiswürfel vor mir, ein halb volles mit Bio-Vollmich für die Katze gleich daneben – „ich habe noch nie gehört, dass jemand ein halb leeres Glas geordert hat. Offenbar gibt es nicht so viele Pessimisten, wie man immer behauptet.“

Die Katze sieh mich an. Sie nickt bestätigend – oder gar mit Wohlwollen? Als hätte ich ausnahmsweise mal was Interessantes von mir gegeben?

„Du als Pessimist“, schlägt sie vor, „könntest das ja einführen.“

„Pessimismus ist was für Anfänger“, sage ich. „Was spielt es für eine Rolle ob halb leer oder halb voll – der wirklich dunkel Sehende geht davon aus, dass das Wasser vergiftet ist.“

„Vergiftet?“

„Naja, zumindest abgestanden und mit ein paar Blaualgen drin …“

Die Katze sieht ihre Milch an und schiebt sie zur Seite.

„Und weiß du, was das Gute dran ist?“, frage ich die Katze – und erhebe gemessen an der Umgebungstemperatur recht dynamisch mein Glas. „Wenn dann wirklich nur Wasser drin ist, freust du dich wie ein Honigkuchenpferd auf Nutella. Das ist viel besser als jeder Optimismus.“

„Alter“, sagt die Katze, „du hast sie echt nicht mehr alle. Du gehst vom Schlimmsten aus, damit sich das bisschen weniger schlimme richtig gut anfühlt?“

„Jep.“

„Was stimmt mit dir nicht?“

„Wieso mit mir? Ich bin doch kein trotteliger Optimist, der sich über ein halb volles Glas Gift freut …“

„Sondern ein glücklicher Pessimist, der sich sagt: Immerhin ist das Glas nur schon halb leer, wahrscheinlich überlebe ich den Mist?“

„Jep.“

„Alter …“

 

Von Affen und Katzen

„Das Problem mit euch Menschen ist, ihr seid keine Katzen“, sagt die Katze, die mitten auf dem Tisch hockt. ‚Hocken‘ trifft es natürlich nicht – sie thront, sie prangt, sie füllt den Raum. Sie ist ganz Katze, sie ist da – und haart meinen Tisch voll.

„Das Problem mit euch Katzen ist …“

„Ja?“

„… ihr habt keine Probleme.“

„Exakt.“

Mein Problem aktuell ist eher, dass ich arbeiten müsste und stattdessen auf den Hintern einer dicken Katze starre, von der ich nicht einmal weiß, wie sie hier reinkommt. Oder was sie hier will. Oder warum sie dauernd mit mir spricht.

Alles, was ich weiß, ist, dass Fräulein Blau mit von Endgültigkeit durchtränkter Stimme sagte: „Wir haben jetzt eine Katze.“ Und ich damals nicht ahnte, in dieses WIR eingeschlossen zu sein.

„Das Problem mit uns Menschen ist also, dass wir Menschen sind?“, frage ich, obwohl ich gar nicht mehr mit der Katze reden wollte.

„Affen.“

„Watt?“

„Affen. Ihr seid Affen mit iPhone.“

„Ich hab nen Samsung.“

„Das reißt es auch nicht raus.“

Die Katze streckt sich, gähnt und lässt die Zunge rollen. Dann beäugt sie mein Abendbrot, welches halb gegessen neben dem Rechner steht, scheint aber kein Gefallen dran zu finden. Wahrscheinlich ist das ein Hinweis. Ich soll gefälligst an den Kühlschrank gehen und nach etwas katzengerechterem als Gnocci Ausschau halten, was mit aber im Traum nicht einfällt, schließlich ist es nicht meine Katze.

*

„Ich bin also ein Affe mit Smartphone – und deswegen bin ich …“

„Einsam.“

„Hä?“

„Jawoll. Affen sind Herdentiere. Dauernd schneiden sie Grimassen, die von einem anderen Affen gespiegelt werden, sie streiten sich, sie prügeln sich, sie lausen und raufen, kuscheln & betüdeln einander und klauen sich die Bananen. Alles Dinge, die man nicht allein tun kann.“

Mir scheint, das Affenbild bzw. die Affenfachkenntnisse der Katze sind recht … überschaubar, aber da ich wissen will, wie die Geschichte weitergeht, belasse ich es bei hochgezogenen Augenbrauen.

„Jedenfalls: ein Affe braucht immer den anderen Affen, damit er Affe sein kann“, referiert die Katze. Mit erhobener Pfote.

„Äh.“

„Eine Katze dagegen braucht niemanden. Sie hat gern Personal, das durchaus – aber sie braucht niemanden, um eine Katze zu sein.“

„Bekommt das Ganze jetzt noch irgendeine sinnvolle Wendung?“

„Bekomme ich ein wenig Schlagsahne?“

„Nein.“

„Dann nicht.“

Gut, in Ordnung, hole ich der Katze halt Schlagsahne. Offenbar habe ich ja eh nichts anderes zu tun.

*

„Also?“, frage ich, nachdem die Katze die dritte Portion inhaliert hat.

„Ein Mensch ist ein Affe – aber genau genommen ist er ein dämlicher Affe, denn ganz gegen seine Natur will er partout etwas besonderes sein. Er individualisiert sich, grenzt sich ab, will herausragen, einzigartig sein.“

„Und …“

„Und dann jammert er, weil er einsam ist.“

„…“

„Katzen sind nie einsam. Schlicht, weil sie niemanden brauchen, der ihre Grimassen spiegelt.“

„Aber der Mensch …“

„Macht so lange rum, bis seine Grimassen so einzigartig sind, dass sie keiner mehr spiegelt. Oder wenn, dann falsch. Und dann jammert er noch mehr.“

„Irgendwie kennst du komische Leute“, sage ich und dann fällt mir ein, dass ich nicht weiß, ob schon jemals jemand außer Fräulein Blau und mir die Katze gesehen hat. „Und am Ende willst du nur darauf hinaus, dass deiner Meinung nach Katzen die besseren Autoren wären; wenn sie denn tippen könnten.“

„So ziemlich alle Tiere wären bessere Autoren als nackige Affen. Schon ästhetisch – eine Katze sähe viel besser aus auf einer Lesebühne. Eleganter, edler. Und wenn sie jemand kritisiert, würde sie ihn einfach kratzen.“

„Das nächste Mal esse ich meine Schlagsahne alleine“, sage ich mürrisch, denke mir aber, dass ich, wenn ich den Oi-Zuki Jodan drauf hätte, meine Leser auch einfach umhauen könnte, wenn ich mich denn trauen würde – aber ein Affe braucht die Herde. Auch wenn es eine Herde aus Lesern ist.

„Behalt die Sahne“, sagt die Katze.  „Mir wäre ein Filet eh lieber.“