Vom Schlüssel im Geranientopf

keine Rezension – also: fast keine

Sei wie das Veilchen im Moose/ sittsam bescheiden und rein/ und nicht wie die stolze Rose/ die immer bewundert will sein.


Haja. Tschuldigung, nee. Heute nicht.

Wenn ich auf etwas stolz wie Bolle bin, in diesem Seuchen-2020, und wenn es etwas gibt, das ich pranzend wie ein Gockel zu Sonnenaufgang präsentiere, dann ist es das Zweifelheft Nr. 3.

„Der Schlüssel liegt im Geranientopf“ – Gedichte von Jana Grolms

Unterstützt, gefördert und geschmiedet in den Hallen von Moria, äh, des zuckerstudio waldbrunn, Teil der Edition Zweifelhefte.

*

Wenn man ehrlich ist, dürfte man nicht vom „Herausgeben“ reden, korrekt wäre „Herausnehmen“.

Allein der Größenwahn „Hier! Ich! Ichichich“ zu krakeln, als die Frage im Raum stand, wer denn für das dritte Zweifelheft den redaktionellen Betreuer macht. Ich will jetzt gar nicht davon erzählen, wie groß die Fußstapfen derer sind, denen ich da so in einem Anfall von Überschwang meinte hinterhertapern zu müssen… Doch es war ein Glück, mit Herrn Ekel den perfekten Spießgesellen zu haben, der nicht nur zweifelhefterprobt und sprachgewaltig ist, sondern auch drucksatzfest.

Sich herausnehmen, ein Heft mitzugestalten, das Teil einer Edition ist (schon das Wort ist beeindruckend, Edition, aber kein anderes wäre treffend), und damit sich einreiht, einreihen muss und zugleich sich behaupten auf seinen Platz. Bestehen und eigenständig sein.

Dann nimmt man Texte heraus. Aus den Jahren, in denen sie entstanden sind, aus den Händen des Autors, aus dem Zusammenhang, man nimmt sie heraus aus Schubladen und Ordnern, man nimmt sie sich heraus und fügt sie nie neu. Man sagt „das nicht!“ und man sagt „dieses unbedingt!“ und man spricht nächtelang über Konzepte, die so sein müssen, dass sie fest binden und zugleich so, dass sie kein einziges Wort einengen, determinieren und festlegen.

Man streitet. Sich und für die Idee, die man hat. Kann gut sein, dass Bücher zu machen, so ein harmonisch-kreativer Prozess ist, wie man ihn sich vorstellt – aber halt nicht, wenn ich dabei bin. Wenn man mit mir arbeitet, fließt immer Blut. Wenn man Glück hat, nur zwischen den Zeilen.

Wählen, Verwerfen, Hinzufügen. Farben, Bilder, Schriften, Ordnung und immer wieder Umordnung. Und ich habe selten einen Prozess so geliebt wie diesen, denn – und jetzt kommen wir zum Wesentlichen, den Gedichten – ich war selten so stolz Teil von etwas zu sein.

Es gibt Autoren, die stehen fest mit beiden Beinen auf dem Boden. Und dann gibt es Jana Grolms, die sich tief mit beiden Händen in diesen Boden gräbt, ihn pflügt und aufschüttet, mit Wanderschuhen festtritt, kilometerweit darauf läuft, nur um nach Hause zurückzukehren, darin sät und pflanzt, Großes und Kleines daraus zieht. Als ich den Gedichten Jana Grolms begegnete, verstand ich eines sofort: Hier wagt sich jemand mit Lyrik ins Leben. Nicht in ein großes, heroisches, sondern in dieses ganz kleine, angeblich einfache, alltägliche. Da ist das Haus, der Garten, die Kiefern. Die Landschaft. Die Kinder, die Katzen und Vögel. Da sind Johannisbeeren und die Liebeslieder ertönen unter dem kritischen Blick der Nachbarn.

Ich sage oft Sprachgewalt, wenn ich Autoren schätze, aber bei Jana Grolms ist nur die Natur gewaltig – die Sprache ist fein, vorsichtig fast, zugewandt, genau, manchmal schlicht, manchmal verspielt, manchmal voller Witz. Es ist diese Liebe zur Sprache und zu den Dingen, von denen sie erzählt, was die Gedichte von Jana Grolms für mich einzigartig macht. Ein Überströmen, Überlaufen des ach so Kleinen, das so groß wird, wenn man es nur ansieht.

Zuhause. Das ist es mir.

Jedes Kind braucht ein Zuhause, und wer nie eines hatte, der hat ewige Sehnsucht danach und läuft Gefahr, auf der Suche danach verloren zu gehen. Jana Grolms Gedichte erzählen nicht von dieser Suche, sie erzählen davon, wie es ist, sich in den Boden zu graben, und selbst eines zu sein: ein Zuhause. Für die und für das und für all jenes, was man liebt. Und für sich selbst.


Weiße alte Männer at its best

Mir wurde Kent Harufs ‚Lied der Weite‘ geschenkt. Von jemandem, der die Kunst beherrscht, perfekte Geschenke zu machen. Schade, dass diese Begabung nicht als Beruf durchgeht. (Ich wäre auch sehr professionell als Geschenkempfänger.)

Es geht um nichts.

Also in Harufs Buch vom Lied der Weite.

Naja, natürlich geht es schon um was, aber darum geht es genau genommen nicht – trotzdem sei es erzählt, das gehört sich so für Rezensionen. Hab ich gehört. Jedenfalls: Da ist Victoria, Highschool-Mädchen, eines von vielen, das schwanger ist von einer Sommerliebe. Die Mutter macht nicht viel Federlesens und wirft sie raus. Mit einigen Umwegen findet Victoria erst Obdach und dann ein Zuhause bei zwei alten, eigensinnigen Cowboys. Es geht um eine Kleinstadt irgendwo bei Denver, es geht ausgesprochen viel um Tierinnereien, um zwei Jungs, die Abschied(e) von ihrer Mutter nehmen müssen und es geht um Liebe.

Aber die Story, die Handlung ist nur die Bühne für die Figuren, die Menschen, von denen erzählt wird und man liest dieses Buch, weil man auf sehr unaufgeregte Art als Lesender zum Teil dieser Gemeinschaft wird. Das ist der Zauber, die Kunst Harufs, es zieht den Leser nicht in die Geschichte, es zieht ihn mitten hinein in die Menschen.

Ein Buch also, das sich herausnimmt, Menschen zu folgen, die keine Helden sind. Nicht einmal besonders interessant sind sie. Nicht gebildet, nicht eloquent, nicht mal redselig. Leben ist, wenn man die Kühe füttern muss, ein Kind gebären, den Jungs Frühstück machen und sie irgendwie groß bekommen, auch ohne Mutter. Das Leben ist hart und rau und unsentimental – und doch ist da sehr viel Wärme in diesem Buch. Und Hoffnung.

Da sind die Cowboys, klar, die reden nicht. Dann der Lehrer, der redet auch nicht. Nicht mit seiner depressiven Frau, die völlig verloren geht, nicht mit den Jungs, die er zu beschützen versucht und es doch nicht kann (das Schicksal aller Eltern), das Mädchen, ja, das sagt auch nicht viel, es ist so schutzlos und verletzlich und allein – auf vielen Ebenen, nicht nur auf den offensichtlichen. Und dann ist da noch die zentrale Frauenrolle, die alles verbindet – das Mädchen aufsammelt, die Cowboys von der Weide holt und den Lehrer für sich gewinnt.

Und redet die? Nein, auch nicht. Sie macht nur Ansagen. Kurz und knapp und so kühl wie der Winter, sie bricht die harten Kerne und findet die weichen Herzen der Kerle. Was für eine Frau. Sie fühlt, spürt, empfindet und geht doch keinem auf den Sack damit. Nein, Maggie Jones will nicht über Gefühle reden, sie nimmt jeden, wie er ist – auch den dementen Vater – und stellt ihre Empathie in den Dienst der Sache. Sie sagt nur so viel, wie es braucht, die Dinge in die richtige Richtung zu schubsen – und will und fordert nichts zurück.

Ja, das ist ein Land der alten weißen Männer. Die Pferde ausnehmen und Mädchen retten und Jungs zu Kerlen heranziehen. Wo die Traumfrauen selbstlos sind und gut – Heilige und Hure, aber niemals gierig und fordernd und schon gar nicht verlangen, dass sich jemand ändern möge. Oder mal darüber reden, was eigentlich ist.

Und mehr als einmal möchte man ins Buch springen und die ganze Belegschaft anbrüllen, ob sie denn bitte mal die Schnauze aufmachen könnten! Herrschaftszeiten. Hättet ihr das Mädel mal gefragt, wäre sie vielleicht nicht zurück zu dem Idioten, der sie dann schwanger und Drogen setzt und vergewaltigt (oder vergewaltigen lässt). Und vielleicht könnte mal jemand mit der schwer depressiven Frau sprechen? Oder wenigstens mit den Jungs, die nur erleben, wie sich die Mutter abwendet und verschwindet. Erst emotional, dann real? Und das alles in diesem Schweigen, das nichts benennt, nichts anerkennt, sondern nur hinnimmt.

Es ist ein schreckliches Buch. All dieses Schweigen. Und die damit verbundene Grausamkeit, Leben ist hart, Alter. Egal was geschieht, man steht auf und tut und macht. Meistens weiter. Die Kühe müssen gefüttert werden.

Und es ist zugleich ein wunderbares Buch, denn hinter dem Schweigen schlagen Herzen. Da wird mit schwieligen Händen das Mädchen aufgefangen, und man hört förmlich, wie Victoria den alten Farmern das Herz bricht, es aufbricht. Und der Vater schlägt sich für! seine Jungs und die Jungs finden eine alte Frau, die zwar auch keine Worte hat aber Zimtplätzchen.

Das Gefühl, welches das Buch vermittelt, ist jenes, was man hatte, damals, als man klein war, dreikäsehoch ungefähr, und zu müde zum Laufen, so müde, dass einem die Tränen kamen, und Papa ohne große Worte nahm dich auf die Schultern und trug dich nach Hause. Ein Gefühl von Geborgenheit und unermäßlicher Stärke und diesem sich einbrennenden Wissen, dass wenn du nicht mehr kannst, Papa dich trägt. Und dann wird alles ganz leicht.

Und man bekommt Sehnsucht. Nach dieser wortlosen Geborgenheit, diesem Gefühl, dass kein Monster unter dem Bett dich fressen kann, solange diese schweigenden Kerle da draußen stehen und ihr Bier trinken. Es ist das Bild einer Welt, in der man groß wurde und die man in unzähligen Geschichten aufgesaugt hat.

This is a man’s world, this is a man’s world

(But it wouldn’t be nothing, nothing without a woman or a girl)

Ehrlich, es hängt mir so zum Hals raus. Dieses Schweigen. Dieses Durchstehen, Weitermachen, nicht in Kontakt gehen, nicht in die Tiefe, und bloß – huh – keine Gefühle, es sei denn, Frauen brauchen und nutzen sie, um die Dinge um sich herum in Ordnung zu bringen. Die Huldigung der klugen Frau, die ihre (intellektuelle und emotionale) Klugheit sanft lächelnd und dienend einsetzt, für andere, nicht für sich selbst. Für sie selbst ist ja der Platz hinter dem Mann, damit sie den Rücken stärken …

Ein großartiges Buch. Wirklich. Eines, das mir bleiben wird. Die klare Sprache, der genaue Blick, ich liebe die Menschen darin – die Cowboys und den Lehrer und ich hoffe sehr, irgendjemand rettet die depressive Mutter. Aber die Jungs, die würde ich gern rauszerren und ihnen zeigen, dass es mehr gibt, eine Welt jenseits des Schweigens und des Hinnehmen und Durchstehens – und nichts, was man daran fürchten muss.

This is a woman’s world.

Ja, ihr alten weißen Männer, ich hab euch lieb, wirklich. Aber ich muss dann mal weiter.


Katz, Mensch, Bühne

„Eine Katze“, sagt die Katze, „hat Präsenz.“

„Präsens?“, frage ich.

Die Katze schliesst kurz die Augen. Wie Herr Hieke damals beim Anblick meines Deutschabiturgeschriebsels.

„Präsenz!“, intoniert die Katze. „Deswegen gehen Katzenvideos viral. Das Geheimnis ist die Präsenz. Fertig.“

„Aha.“

Mein Desinteresse geht der Katze wie üblich am Schwanz vorbei und jetzt hebt sie die linke Vorderpfote wie einen Taktstock und legt los:

„Du könntest einen Abend allein dadurch gestalten, dass du eine Katze auf eine Bühne setzt. Sie müsste nichts tun, diese Katze, nur sein. Das Publikum wäre entzückt. Hingerissen. Der Applaus wäre – weißt du, du kannst dir das gar nicht vorstellen: Applaus!“

„Was willst du mir denn damit sagen?“

„Ich will sagen: Überlasse die Bühne den Katzen.“

Nun. Das ist genau die Motivationsrede, die es braucht, wenn man gerade das Plakat für eine Lesung fertigt – ein heiteres Plakat soll es sein, leuchtend und anziehend – und zugleich für Literatur stehen. Denn das machen wir: Literatur. Kein Poetry Slam, kein Stand-up, keine heitere Witzestunde, keine Mucke, kein Theater. Nur Worte. Sätze. Verse. Geschichten. Solche, mit einem Dahinter. Oder einem Davor. Aber immer mit einem Dazwischen.

„Schön blöd“, sagte die Katze.

„Weiß ich.“

„Warum machst du es trotzdem?“

„Weiß ich nicht.“

*

Die Bühne. Man sollte annehmen, es ziehe einen Künstler dahin. In die Öffentlichkeit, wo er sein Werk präsentiert – ich meine, wozu rumkünstlern, wenn nicht, um es/sich zu zeigen, sich darzustellen, zu baden im Entzücken des Publikums …

Ein Künstler, für den ist eine Bühne so etwas wie ein erfrischendes Bad an einem heißen Sommertag. Sein Mühen, sein Schweiß, seine Tränen – und dann, ja dann: die Bühne. Platsch, Sprudel, Jippieyeah.

Jippieyaeh. Von wegen.

„Ich hab auch Präsenz“, sag ich tapfer zur Katze. „Ich kann Bühne. Ich kann schmeicheln und loben, kann kokettieren und imponieren, bin schlagfertig und bezaubernd. Ich kann Bühne!“

„Warum hasst du sie dann?“

Ah, dieser Katzenblick. Einmal direkt durch bis zu deinen Dämonen, die just in deinem Herzen Bier trinken …

Ich kann Bühne, aber ich mag sie nicht. Ganz und gar nicht.

Wieso denn?, sagen meine Freunde. Du machst das doch so gut! Du machst das schon, erst jammerst du, aber hinterher bist ganz, ganz toll und alles Jammern war nur für die Katz.

„Die Katz“, sagt die Katz, „hätte lieber ein Filet als dein Gejammer.“

„Denkst du, ich nicht?“, fauche ich und würde nen Buckel machen, wenn ich das einigermaßen überzeugend könnte. Stattdessen knalle ich den Laptop zu und wünsche mir, Frl. Blau würde die verdammte Katze endlich wieder abholen.

„Der Unterschied zwischen euch Katzen und mir ist“, sage ich dann ganz leise und schau aus dem Fenster zu den fetten Spatzenbabys auf dem Geländer des Nachbarbalkons hinüber, „ihr zweifelt keinen Augenblick daran, dass ihr auf die Bühne gehört. Ihr und kein anderer. Jeder Blick, jede Aufmerksamkeit, der Applaus … er gebührt euch. Etwas anders als ein völliges Hingerissen sein von eurer Katzigkeit ist nicht denkbar.“

Ich aber, denke ich zu meinen biertrinkenden Dämonen, ich aber bin ein Gaukler und Lügner, ein Hochstapler und nur eine Imitation dessen, was ich sein möchte. Ihr wisst es, ich weiß es, die Katze weiß es …

Wenigstens, möchte man sich selbst raten, wenigstens kennen die da unten dich nicht. Also diese Publikumer und Publikumerinnen. Die hocken da und gehen wieder – pah, die paar Hansel. Und Hanselinnen. Ist doch egal.

Aber man kennt ja doch immer welche. Freunde, die vielleicht sogar extra anreisen, Nachbarn, Kollegen, die Zahnarzthelferin, die dir letztens noch mit dem Sandstrahler durch die Kauleiste ist, die Frau, die du immer beim Bäcker siehst und der Herr Professor, der dir bei was ganz anderem vorgestellt wurde. Lauter bekannte Gesichter, triefend vor Erwartungen und immer mit so einem Tätscheln im Blick …

Dem kleinen Erzähler von nebenan ist die Anonymität der Bühne versagt – aber vielleicht würden ‚richtige‘ Künstler jetzt lachen und sagen: Neee, irgendeiner kennt dich immer oder will dich kennen – der Bekannte ist fester Teil des Spiels.

Und in jedem Fall will er mit dir reden, der Bekannte. Meistens dann, wenn du gerade durchdrehen willst oder zusammenbrechen, aber stattdessen musst du was nettes sagen, weil der Bekannte sagt ja auch was nettes.

(Es sei denn, es sind meine Freunde, die sagen dann so was wie: „Jo, zwei Lesungen. Die erste war sehr gut, die zweite gut.“ Die zweite war natürlich die, die du alleine rocken musstest – und ganz offenbar nicht gerockt hast. Denn ‚gut‘ ist sowas wie ’nett‘, nur schlimmer. Als Künstler bist du brillant oder für die Tonne.)

Fakt: Nichts ist schlimmer, als vor Menschen, die du kennst, den Tanzbären zu geben. Klar, alle Welt meint, deren Blick sei doch eh von Wohlwollen verschleiert – aber mal ganz ehrlich: 1. Jeder halbwegs glaubhafte Künstler pfeift auf Wohlwollen. 2. Kaum jemand, den du persönlich kennst, traut dir zu, dass du es wirklich drauf hast. Ich meine: Wirklich. Drauf. Hast.

„Weißt du Katze?“

„Ich weiß alles“, sagt die Katze.

„Ich hab dich“, sage ich. „Und ich wette um ein Stück Thunfisch. Sashimiqualität. Der Gewinner darf es vor den Augen des anderen ganz alleine essen.“

„Ich höre?“

„Deine ganze Katzenpräsenz kannst du knicken, wenn im Publikum ebenfalls Katzen sitzen.“

„Katzen sitzen nicht im Publikum“, sagt die Katze und schüttelt den Kopf über meine Dummheit. „Die kommen hoch und jagen dich von der Bühne.“


Marie Kondo, die Katze und ich

„Seit du Marie Kondo liest“, sagt die Katze, „räumst du gar nicht mehr auf, was?“

„Das ist wie mit den Hosen“, sage ich.

Die Katze sagt nichts. Natürlich nicht. Denn würde sie jetzt was sagen, könnte man annehmen, sie hätte so etwas wie Interesse an mir. Ich hole mir Kaffee, setze mich an den Tisch, schlage die Beine übereinander und warte ab. Die Katze wäre nicht die Katze, würde sie nicht auf den Tisch springen und mich huldvoll anblicken – so lange, bis ich die Sache mit den Hosen zu Ende bringe.

„Ich kaufe mir nie Hosen“, erkläre ich, „weil ich mir stets sage, ich würde eh demnächst abnehmen und dann wäre es ja blöd, wenn die neue Hose direkt nicht mehr passt.“

„Wann hast du je abgenommen?“

„Eben“, sage ich. „Deswegen habe ich ja auch keine einzige anständige Hose.“

„Und jetzt wartest du darauf, dass Marie Kondo abnimmt oder wie?“

„Nein. Ich sage mir: wenn ich demnächst eh die Wohnung kondoe, brauch ich ja jetzt nicht groß rumrödeln. Lohnt ja nicht.“

„Wir werden alle sterben“, sagt die Katze und springt vom Tisch. „Erschlagen von Comicbüchern, Steuerunterlagen und halbleeren Gummibärchentüten.“

„Wenn man jemanden mit einer halbleeren Gummibärchentüten erschlagen könnte, dann hätte ich keine Katze“, rufe ich ihr hinterher und dann fällt mir ein, dass ich gar keine Katze habe, weil die Katze ja Fräulein Blau gehört.

Als ich ein Kind war, dachte ich, Unordnung sei ein Phänomen, das nur Kinder betrifft. Eine Kinderkrankheit, gegen die es keinen Impfschutz gibt. Erwachsene haben ordentliche Wohnungen.

Natürlich lag dies nur an der Blase, in der ich aufgewachsen bin und in der wirklich alle Erwachsenen ordentliche Wohnungen hatten – aber das war auch zu DDR-Zeiten, da gab es ja nichts, außer Putzzeug … oder was weiß ich, woran das lag. Jedenfalls wurde ich größer und das mit Ordnung wurde nicht besser. Und ich lebe dämlicherweise noch immer in einer Blase, in der überwiegend alle erwachsen sind und perfekt aufgeräumte (und geputzte) Wohnungen haben.

Freilich könnte ich mich abfinden. Mit der Hosengröße und der Unordnung – das ist eines der schönen Dinge an Marie Kondo: bei ihren Fallbeispielen ist immer alles viel, viel schlimmer als bei einem selbst. Da quillt es über, da häuft und hortet es sich, da kann man keinen Boden mehr sehen usw. Hach.

Aber, naja, ich finde dann doch, wenn man in die Wechseljahre kommt – ich meine, die nennen sich ja schon so: Wechsel!jahre – könnte man auch in eine Phase der Ordnung kommen. Der Struktur. Der Kontrolle über sein Leben. Hach.

Als ich mir das Buch gekauft habe, dachte ich, es enthält im wesentlichen Anleitungen zum Falten von Kleidungsstücken und einen Ablaufplan – und ich müsse jetzt nur den Chef dazu bringen, mir 6 Wochen frei zu geben, damit ich mich einmal komplett durchkondoen kann und dann …

… aber nix ist. Die olle Kondo sagt zwar ‚in einem Rutsch, in einem großen Aufräumfest‘, gibt dann aber einen Zeitraum von etwa einem halben Jahr vor. Wahrscheinlich kennt sie ihre Pappenheimer und ahnte schon, dass ich einfach dem Chef die Schuld geben und auf ewig in meinem altem Ich verharren würde.

Und dann kommt sie einem auch noch mit: Fragen Sie sich, was für ein Leben Sie führen wollen.

Und erst wenn man das beantwortet hat, eine feste Vision davon hat, darf man anfangen mit aufräumen. Und da sitze ich nun. Mit einer Katze, die nicht mir gehört, und einer Wohnung, in der zwar nix überquillt (naja, außer den Stiftsammelgläsern) und das Seuchenamt kam auch noch nicht vorbei – aber die mich ständig an den Blick meiner Mutter erinnert. Ihr wisst schon, dieser hintergründige Touch von Vorwurf mit einem Hauch ’so schwer kann das doch nicht sein‘.

Jedenfalls: was für ein Leben möchte ich führen.Eins mit Personal. Gutem Personal, welches mir den Kruscht und das Zeugs und Gedöns hinterherräumt, mir den Rücken freihält, damit ich meine Genialität entfalten kann, und mich tröstet, wenn ich traurig bin.

„Das nennt sich Mutter“, sagt die Katze und schlenzt elegant in die Küche, um einen Blick in die Näpfe zu werfen.

„Klappe“, sage ich zur Katze. Als ob das was helfen würde.

Nun. Ich glaube nicht, dass Marie Kondo, die ja eh so was von einem Feldwebel im Puppenkleid an sich hat, dies als Vision gelten lassen würde. Aber das Gute an der Sache ist: solange man keine Vision hat, braucht man auch nicht aufräumen.

Darauf eine halbe Tüte Gummibärchen.



befremdlich

Sprache drückt aus, was ist. Sagte mein Deutschlehrer, also der einzige, den ich je hatte, der den Titel zurecht trug. Und wenn wir uns selbst zuhören würden, (sage ich), könnten wir einiges (über uns) lernen.

Aber wer will das schon.

Befremdlich.

Ein schönes kleines Wort. All das ‚huäh‘ und ‚ähm‘ und ‚huch‘ was darin mitschwingt. Ein bisschen Angst, ein bisschen Sorge, die Armlänge Abstand. Dieses: man hat ja grundsätzlich nichts dagegen, aber …

Was fremd ist, gehört nicht dazu, und was nicht dazu gehört, kann eigentlich weg, aber da man ja kein Bayer äh Bauer ist, der, was er nicht kennt, nicht frisst, beäugt man es doch ein wenig, aber besser mit gebührendem Abstand und Sagrotan in der Hinterhand.

Mal abgesehen davon, dass ich hier schreibe, weil ich mich vor der Arbeit drücke, wollte ich erzählen, wie ich bei einer meiner amerikanischen Kochdokuorgien gedanklich hängen blieb – und immer, wenn ich Herrn Seehofer sehe (was zur Zeit ja unvermeidlich ist) dahin zurückkehre.

Es ging um Flusskrebse. In Louisiana. Genauer: rund um New Orleans.

Ja, nein, das ist noch nicht das befremdliche, dass ich mir Flusskrebssendungen ansehe. Mensch. Geduld bitte.

Flusskrebse zu fangen, zu kochen und mit massig Butter zu vertilgen ist der Döner oder die Bratwurst von Louisiana. Oder für die letzten Ossis: die Soljanka.

Es gibt aber zwei ‚Strömungen‘ – die einen, die sich an die klassische Südstaatenzubereitung halten und diese beschwören, und dann die vietnamesisch beeinflusste Variante. Eine Mischung aus kreolischer und asiatischer Küche (die sich, mal ganz am Rande, arg köstlich anhört).

Ursprung der zweiten Variante ist, dass sich Flüchtlinge des Vietnamkrieges in großer Anzahl in der Gegend um New Orleans ansiedelten (aus klimatischen Gründen, hieß es) und Flusskrebse zu fangen und zu kochen eine der wenigen Möglichkeiten war, schnell in Arbeit kommen und damit der Familie ein Überleben zu sichern.

Wie gesagt, es ging ums Kochen, aber wie sehr oft, erzählen Menschen die Wahrheit nicht, wenn man sie fragt, sondern wenn sie von etwas anderem sprechen. Der Nebensatz, das Uneigentliche ist verräterisch. Auch das menschlich.

Die kochenden Vietnamesen erzählten, wie schwer es war in Amerika. Die Einheimischen behaupteten, den Flüchtlingen würden die Boote geschenkt und deswegen würden sie die einheimischen Flusskrebsfischer (eine Arbeit der einfachen Leute, in einer strukturschwachen, industriearmen Region) verdrängen. Sie waren Fremde und es dauerte Jahrzehnte, bis sie und ihre Küche fester Bestandteil von Louisiana wurden, wobei eben es noch immer die Flusskrebsdogmatiger gibt, die nur die kreolische Zubereitungsform usw.

Soweit so normal – eine Flüchtlingsgeschichte, wie alle Flüchtlingsgeschichten und letztlich eine von gelungener Integration, wenn auch dafür viele Flusskrebse ihr Leben lassen mussten. Aber wenigstens lecker gekocht wurden.

Obacht, ich komme jetzt auf den Punkt: befragt nach den Flüchtlingen, die aktuell in die USA einwandern (konkret wurde nach syrischen Flüchtlingen gefragt, die Doku dürfte ca. 2 Jahre alt sein), kam die Antwort: Ja, das sei etwas anderes, die hätten es viel leichter als sie damals, sie bekämen von der Regierung alles geschenkt …

Der Fremde sieht befremdet auf den Fremden.

Und nein, das ist jetzt kein ‚unmöglich‘ oder ‚wie kann er nur‘ – es ist m.E. zutiefst menschlich, das Fremde als befremdlich zu sehen. Ich nehme mich davon nicht aus. Was uns unbekannt ist, nicht vertraut, muss ja dem kritischen Blick unterworfen werden. Alles andere wäre überlebenstrategisch reichlich dämlich.

Und genauso wahr ist, dass das Fremde uns verändert. Und eine Veränderung ist nicht einfach gut oder schlecht – sie ist immer beides. Es kommt hinzu, es geht verloren. Veränderungen sind anstrengend, kosten Kraft und Zeit und manchmal sind sie schmerzhaft. Aber letztlich ist es der Wandel, der uns ausmacht. Eine Spezies, die sich stetig wandeln will.

Und den Drang in sich hat, das Menschliche zu überwinden. Wir wollen über uns hinauswachsen, und auch das ist nicht einfach gut oder schlecht. Aber ich sag es ja schon immer: die größte Stärke, die man hat, ist zugleich die größte Schwäche, die man hat.

Eine komische Spezies sind wir jedenfalls, aber eine, bei der in ‚befremdlich‘ (wenn auch leise) eine gewisse Neugier auf das Seltsame, das Andere mitschwingt. Und das gibt mir Hoffnung.

Nun denn, ich sollte arbeiten. Oder mir anschauen, wie Lena Meyer-Landrut sich feministisch schminkt – aber leider ist das Video nicht mehr erreichbar. Offenbar waren die Realtionen darauf zu befremdlich.

 

Angstfarbe: Grau

Bei einigen Gefühlen ist die Farbe eine relativ klare Sache, etwas, über das weitgehende Einigkeit besteht – zumindest innerhalb eines Kulturkreises. Wut ist rot, Neid gelb, Hoffnung ist grün, Traurigkeit blau usw.

Angst dagegen – also vielleicht liegt es an mir, aber Angst? Vielleicht eine Neonfarbe, die flackert? Wegen des Warneffekts?

Blinkpink.

Ja, naja, offenbar habe ich keinen Plan, vielleicht eine Bildungslücke … aber welche Farbe hat die Angst?

Wobei Angst nicht gleich Angst ist. Da gibt es die Sorge, dunkelblau und samtschwer wie die Nacht, die auf allem ruht und liegt. Die alles ein bisschen schwerer macht, vor allem das Herz, und die dich schauen lässt, ob das Kind auf dem Hof ist, dir den Schlaf raubt oder dich zwingt, den Herd zu kontrollieren. Die klein und niedlich sein kann und dann beinahe noch als Fürsorge durchgeht, oder sich zu etwas auswachsen, was dich glauben lässt, dir falle ja doch der Himmel auf den Kopf. Nicht gleich, aber irgendwann bestimmt.

Der Sorge kann man mit Vernunft begegnen, mit Routine und Galgenhumor. Oder mit Hektik. Wer viel zu tun hat, sorgt sich nicht. Schlicht keine Zeit dafür. Sorge ist dunkel, aber wenn man weiß, wie man sich Licht macht …

Dann ist da die Panik, horrorregenbogenfarben, die deinen Körper übernimmt, dein Herz rasen lässt, bis du glaubst, es kann gar nicht anderes als im nächsten Moment kaputt gehen. Was es nicht tut, doch ohne, dass sich Erleichterung darüber einstellen will. Panik hat auf Flammen auf dem Spoiler. Und reicht durch die gesamte Farbpalette eines LSD-Trips, nur nicht so heiter. Mehr Vernichtungsgrell dreingemischt.

Aber die Panik kann man reinlegen, denn die kann einem nix. Sie kommt, sie geht. Man muss sie aussitzen, und wenn man das mal raushaut, sieht das vielleicht bisschen seltsam aus in der S-Bahn, wenn man leichenblass vor sich hinschwitzt und mit starrem Blick seinen Puls misst – aber hey, das ist Berlin. Der Typ direkt neben dir sieht immer noch ne Ecke schlimmer aus.

Die einzige Farbe, die ich fürchte, ist das Grau. Graue Angst ist anders. Denn sie fühlt sich gar nicht an wie Angst. Plötzlich ist aller Welt die Farbe entzogen, alles wird starr und steif und es ist unmöglich, die 50 m zum Netto zu überwinden und Käsewürfel zu holen. Während die Sorge dich dazu antreibt etwas zu tun und die Panik etwas mit dir tut – ist die graue Angst eine plötzliche Katatonie, eine Lähmung und dadurch geprägt, dass du einfach nichts mehr tun kannst. Du denkst nicht drüber nach, du fürchtest dich nicht, dein Herz klopft sein normales rappelditock – alles was ist: du kannst nicht. Nicht aufstehen, nicht raus gehen, nicht reden, nicht arbeiten.

Hin und wieder glaube ich, es wird noch was mit mir. Wenn es läuft – Arbeit, Familie, Sport, Haushalt, irgendwie dröselt sich alles zusammen und an den richtigen Stellen wieder auf. Man wuppt so weg und was sich nicht wuppen lässt, bleibt halt liegen. Und das ist dann nicht schlimm sondern eben so, und beinahe fühlt sich alles ein bisschen normal an, so als wäre man ein richtiger Mensch, und dann ist sie da. Die graue Angst. Sie kommt, und verschlingt alle Farben. Das Wutrot, das Neidgelb, das Hoffnungsgrün usw.

Alles was ist, ist das kalte nackte Grausen. Das erstarrte Warten darauf, dass die Farben zurückkehren und das Wissen, dass es so enden wird: Irgendwann im Grau.