Vom Schlüssel im Geranientopf

keine Rezension – also: fast keine

Sei wie das Veilchen im Moose/ sittsam bescheiden und rein/ und nicht wie die stolze Rose/ die immer bewundert will sein.


Haja. Tschuldigung, nee. Heute nicht.

Wenn ich auf etwas stolz wie Bolle bin, in diesem Seuchen-2020, und wenn es etwas gibt, das ich pranzend wie ein Gockel zu Sonnenaufgang präsentiere, dann ist es das Zweifelheft Nr. 3.

„Der Schlüssel liegt im Geranientopf“ – Gedichte von Jana Grolms

Unterstützt, gefördert und geschmiedet in den Hallen von Moria, äh, des zuckerstudio waldbrunn, Teil der Edition Zweifelhefte.

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Wenn man ehrlich ist, dürfte man nicht vom „Herausgeben“ reden, korrekt wäre „Herausnehmen“.

Allein der Größenwahn „Hier! Ich! Ichichich“ zu krakeln, als die Frage im Raum stand, wer denn für das dritte Zweifelheft den redaktionellen Betreuer macht. Ich will jetzt gar nicht davon erzählen, wie groß die Fußstapfen derer sind, denen ich da so in einem Anfall von Überschwang meinte hinterhertapern zu müssen… Doch es war ein Glück, mit Herrn Ekel den perfekten Spießgesellen zu haben, der nicht nur zweifelhefterprobt und sprachgewaltig ist, sondern auch drucksatzfest.

Sich herausnehmen, ein Heft mitzugestalten, das Teil einer Edition ist (schon das Wort ist beeindruckend, Edition, aber kein anderes wäre treffend), und damit sich einreiht, einreihen muss und zugleich sich behaupten auf seinen Platz. Bestehen und eigenständig sein.

Dann nimmt man Texte heraus. Aus den Jahren, in denen sie entstanden sind, aus den Händen des Autors, aus dem Zusammenhang, man nimmt sie heraus aus Schubladen und Ordnern, man nimmt sie sich heraus und fügt sie nie neu. Man sagt „das nicht!“ und man sagt „dieses unbedingt!“ und man spricht nächtelang über Konzepte, die so sein müssen, dass sie fest binden und zugleich so, dass sie kein einziges Wort einengen, determinieren und festlegen.

Man streitet. Sich und für die Idee, die man hat. Kann gut sein, dass Bücher zu machen, so ein harmonisch-kreativer Prozess ist, wie man ihn sich vorstellt – aber halt nicht, wenn ich dabei bin. Wenn man mit mir arbeitet, fließt immer Blut. Wenn man Glück hat, nur zwischen den Zeilen.

Wählen, Verwerfen, Hinzufügen. Farben, Bilder, Schriften, Ordnung und immer wieder Umordnung. Und ich habe selten einen Prozess so geliebt wie diesen, denn – und jetzt kommen wir zum Wesentlichen, den Gedichten – ich war selten so stolz Teil von etwas zu sein.

Es gibt Autoren, die stehen fest mit beiden Beinen auf dem Boden. Und dann gibt es Jana Grolms, die sich tief mit beiden Händen in diesen Boden gräbt, ihn pflügt und aufschüttet, mit Wanderschuhen festtritt, kilometerweit darauf läuft, nur um nach Hause zurückzukehren, darin sät und pflanzt, Großes und Kleines daraus zieht. Als ich den Gedichten Jana Grolms begegnete, verstand ich eines sofort: Hier wagt sich jemand mit Lyrik ins Leben. Nicht in ein großes, heroisches, sondern in dieses ganz kleine, angeblich einfache, alltägliche. Da ist das Haus, der Garten, die Kiefern. Die Landschaft. Die Kinder, die Katzen und Vögel. Da sind Johannisbeeren und die Liebeslieder ertönen unter dem kritischen Blick der Nachbarn.

Ich sage oft Sprachgewalt, wenn ich Autoren schätze, aber bei Jana Grolms ist nur die Natur gewaltig – die Sprache ist fein, vorsichtig fast, zugewandt, genau, manchmal schlicht, manchmal verspielt, manchmal voller Witz. Es ist diese Liebe zur Sprache und zu den Dingen, von denen sie erzählt, was die Gedichte von Jana Grolms für mich einzigartig macht. Ein Überströmen, Überlaufen des ach so Kleinen, das so groß wird, wenn man es nur ansieht.

Zuhause. Das ist es mir.

Jedes Kind braucht ein Zuhause, und wer nie eines hatte, der hat ewige Sehnsucht danach und läuft Gefahr, auf der Suche danach verloren zu gehen. Jana Grolms Gedichte erzählen nicht von dieser Suche, sie erzählen davon, wie es ist, sich in den Boden zu graben, und selbst eines zu sein: ein Zuhause. Für die und für das und für all jenes, was man liebt. Und für sich selbst.


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