Weiße alte Männer at its best

Mir wurde Kent Harufs ‚Lied der Weite‘ geschenkt. Von jemandem, der die Kunst beherrscht, perfekte Geschenke zu machen. Schade, dass diese Begabung nicht als Beruf durchgeht. (Ich wäre auch sehr professionell als Geschenkempfänger.)

Es geht um nichts.

Also in Harufs Buch vom Lied der Weite.

Naja, natürlich geht es schon um was, aber darum geht es genau genommen nicht – trotzdem sei es erzählt, das gehört sich so für Rezensionen. Hab ich gehört. Jedenfalls: Da ist Victoria, Highschool-Mädchen, eines von vielen, das schwanger ist von einer Sommerliebe. Die Mutter macht nicht viel Federlesens und wirft sie raus. Mit einigen Umwegen findet Victoria erst Obdach und dann ein Zuhause bei zwei alten, eigensinnigen Cowboys. Es geht um eine Kleinstadt irgendwo bei Denver, es geht ausgesprochen viel um Tierinnereien, um zwei Jungs, die Abschied(e) von ihrer Mutter nehmen müssen und es geht um Liebe.

Aber die Story, die Handlung ist nur die Bühne für die Figuren, die Menschen, von denen erzählt wird und man liest dieses Buch, weil man auf sehr unaufgeregte Art als Lesender zum Teil dieser Gemeinschaft wird. Das ist der Zauber, die Kunst Harufs, es zieht den Leser nicht in die Geschichte, es zieht ihn mitten hinein in die Menschen.

Ein Buch also, das sich herausnimmt, Menschen zu folgen, die keine Helden sind. Nicht einmal besonders interessant sind sie. Nicht gebildet, nicht eloquent, nicht mal redselig. Leben ist, wenn man die Kühe füttern muss, ein Kind gebären, den Jungs Frühstück machen und sie irgendwie groß bekommen, auch ohne Mutter. Das Leben ist hart und rau und unsentimental – und doch ist da sehr viel Wärme in diesem Buch. Und Hoffnung.

Da sind die Cowboys, klar, die reden nicht. Dann der Lehrer, der redet auch nicht. Nicht mit seiner depressiven Frau, die völlig verloren geht, nicht mit den Jungs, die er zu beschützen versucht und es doch nicht kann (das Schicksal aller Eltern), das Mädchen, ja, das sagt auch nicht viel, es ist so schutzlos und verletzlich und allein – auf vielen Ebenen, nicht nur auf den offensichtlichen. Und dann ist da noch die zentrale Frauenrolle, die alles verbindet – das Mädchen aufsammelt, die Cowboys von der Weide holt und den Lehrer für sich gewinnt.

Und redet die? Nein, auch nicht. Sie macht nur Ansagen. Kurz und knapp und so kühl wie der Winter, sie bricht die harten Kerne und findet die weichen Herzen der Kerle. Was für eine Frau. Sie fühlt, spürt, empfindet und geht doch keinem auf den Sack damit. Nein, Maggie Jones will nicht über Gefühle reden, sie nimmt jeden, wie er ist – auch den dementen Vater – und stellt ihre Empathie in den Dienst der Sache. Sie sagt nur so viel, wie es braucht, die Dinge in die richtige Richtung zu schubsen – und will und fordert nichts zurück.

Ja, das ist ein Land der alten weißen Männer. Die Pferde ausnehmen und Mädchen retten und Jungs zu Kerlen heranziehen. Wo die Traumfrauen selbstlos sind und gut – Heilige und Hure, aber niemals gierig und fordernd und schon gar nicht verlangen, dass sich jemand ändern möge. Oder mal darüber reden, was eigentlich ist.

Und mehr als einmal möchte man ins Buch springen und die ganze Belegschaft anbrüllen, ob sie denn bitte mal die Schnauze aufmachen könnten! Herrschaftszeiten. Hättet ihr das Mädel mal gefragt, wäre sie vielleicht nicht zurück zu dem Idioten, der sie dann schwanger und Drogen setzt und vergewaltigt (oder vergewaltigen lässt). Und vielleicht könnte mal jemand mit der schwer depressiven Frau sprechen? Oder wenigstens mit den Jungs, die nur erleben, wie sich die Mutter abwendet und verschwindet. Erst emotional, dann real? Und das alles in diesem Schweigen, das nichts benennt, nichts anerkennt, sondern nur hinnimmt.

Es ist ein schreckliches Buch. All dieses Schweigen. Und die damit verbundene Grausamkeit, Leben ist hart, Alter. Egal was geschieht, man steht auf und tut und macht. Meistens weiter. Die Kühe müssen gefüttert werden.

Und es ist zugleich ein wunderbares Buch, denn hinter dem Schweigen schlagen Herzen. Da wird mit schwieligen Händen das Mädchen aufgefangen, und man hört förmlich, wie Victoria den alten Farmern das Herz bricht, es aufbricht. Und der Vater schlägt sich für! seine Jungs und die Jungs finden eine alte Frau, die zwar auch keine Worte hat aber Zimtplätzchen.

Das Gefühl, welches das Buch vermittelt, ist jenes, was man hatte, damals, als man klein war, dreikäsehoch ungefähr, und zu müde zum Laufen, so müde, dass einem die Tränen kamen, und Papa ohne große Worte nahm dich auf die Schultern und trug dich nach Hause. Ein Gefühl von Geborgenheit und unermäßlicher Stärke und diesem sich einbrennenden Wissen, dass wenn du nicht mehr kannst, Papa dich trägt. Und dann wird alles ganz leicht.

Und man bekommt Sehnsucht. Nach dieser wortlosen Geborgenheit, diesem Gefühl, dass kein Monster unter dem Bett dich fressen kann, solange diese schweigenden Kerle da draußen stehen und ihr Bier trinken. Es ist das Bild einer Welt, in der man groß wurde und die man in unzähligen Geschichten aufgesaugt hat.

This is a man’s world, this is a man’s world

(But it wouldn’t be nothing, nothing without a woman or a girl)

Ehrlich, es hängt mir so zum Hals raus. Dieses Schweigen. Dieses Durchstehen, Weitermachen, nicht in Kontakt gehen, nicht in die Tiefe, und bloß – huh – keine Gefühle, es sei denn, Frauen brauchen und nutzen sie, um die Dinge um sich herum in Ordnung zu bringen. Die Huldigung der klugen Frau, die ihre (intellektuelle und emotionale) Klugheit sanft lächelnd und dienend einsetzt, für andere, nicht für sich selbst. Für sie selbst ist ja der Platz hinter dem Mann, damit sie den Rücken stärken …

Ein großartiges Buch. Wirklich. Eines, das mir bleiben wird. Die klare Sprache, der genaue Blick, ich liebe die Menschen darin – die Cowboys und den Lehrer und ich hoffe sehr, irgendjemand rettet die depressive Mutter. Aber die Jungs, die würde ich gern rauszerren und ihnen zeigen, dass es mehr gibt, eine Welt jenseits des Schweigens und des Hinnehmen und Durchstehens – und nichts, was man daran fürchten muss.

This is a woman’s world.

Ja, ihr alten weißen Männer, ich hab euch lieb, wirklich. Aber ich muss dann mal weiter.


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