Blogbuster? – Die Lange Liste

Die Katze und ich sitzen vor dem Monitor und starren auf den Bildschirm. Da ist sie. Die Lange Liste. Vollständig. Endgültig. Fix und fertig. Darauf wartend, gekürzt zu werden, von der Longlist zur Shortlist, sich unvermeidlich auf das Ende zubewegend, ein Ende, das noch in der Ferne liegt, aber doch schon in den Vorzeichen kündet …

„Daydrinking?“, fragt die Katze. „Oder Anfall von melodramatischem Schriftstellerwahn?“

„…“

„Na, mal ehrlich“, sagt die Katze und zoomt das Bild ran. „Es schaut doch ganz nett aus, wie ihr da alle, äh, so in Reih und Glied und mit Foto und so … voll die Autoren.“

„Ich finde, wir kucken alle bisschen bedröppelt.“

„Was?“ Die Katze legt mir eine Pfote an die Stirn, dann die andere und dann sagt sie: „Streck mal die Zunge raus und mach ‚Ahhhh‘ – irgendwas stimmt mit dir nicht.“

Ich tue das natürlich nicht, schiebe die Katze weg und sage: „Na, ich meine, natürlich sind die Fotos alle sehr cool und nett und professionell und schick und so – aber … gefühlt.“

„Die Longlist der Blogsbusterpreises kuckt gefühlt bedröppelt.“

„Ja!“

„Aber sonst geht’s noch?“

Ja, geht’s noch?

Ging’s je? – wäre vielleicht eher die Frage, aber es ist schon merkwürdig. Mit mir.

Ich taug einfach nicht zu Wettbewerben. Mich stresst das. Dieses brav in Reih und Glied warten, dieses bloß nicht zucken, dieses so tun, als wäre man sich selbst und seiner selbst sicher. Ich finde bewertet zu werden immer scheiße, ich geh schon nicht gern zum Blutdruckmessen, weil der Arzt dann immer so kuckt, weil ich 130/80 habe und nicht die vorbildlichen 120/80. Und wenn ich eine Steuererklärung abgebe, dann stell ich mir immer vor, wie die Finanzbeamten den Kopf schütteln über meine kläglichen Versuche, ein Arbeitszimmer abzusetzen.

Ja, vielleicht wünsch ich mir, dass alle auf der Liste bisschen bedröppelt schauen, weil die Vorstellung, die Einzige zu sein, die das nicht cool nimmt – sondern am liebsten in Grund und Boden versinken möchte, bei der Vorstellung, dass da eine Jury, eine Fachjury, wie gern betont wird, mit gezücktem Rotstift über meiner Kommasetzung sitzt und irgendwelche Punkte an den Rand schreibt – uäääargs. Oder so ein fettes A!, wie man es in der Schule immer bekommen hat.

Mag, möchte, will, wünsche die anderen von der Liste viel lieber als Verbündete, als Spießgesellen und Kollaborateure zu sehen, denn als Konkurrenten, die es auszustechen gilt. Am liebsten zusammen durch Fenster abhauen und heimlich Bier am See trinken gehen, während die Erwachsenen Bewertungsbögen schreiben …

„Gott“, sagt die Katze und verdreht die Augen. „Ich seh schon, ich muss dir echten Killerinstinkt beibringen. Morgen fangen wir an!“

„Warum morgen?“

„Weil ich heute erst Narcos auf Netflix zu Ende schauen muss“, sagt die Katze und verzieht sich auf die Couch.

tbc

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