Coronatagebuch

„Schreibst du jetzt auch ein Coronatagebuch?“, fragt mich die Katze.

„Nein.“

„Das machen aber ALLE. Jeder hippe Jungautor und gestandene Literat schreibt Coronatagebuch – warum du nicht? Wie soll je aus dir was werden?“

„Katze. Ich bin im Normallebensfall schon niemand, über den es lohnt Tagebuch zu führen – ich bin weder ne schnieke OP-Schwester, die Leben rettet noch kümmere ich mich hauptberuflich um süße Tiere noch jette ich von New York nach Indien und dann nach Neuseeland.“

„Ja“, sagt die Katze, „das ist uns allen schon aufgefallen.“

„Schreibende sind unglaublich fade Menschen. Und das wird nicht besser, wenn man sie unter Kontaktsperre setzt und sie zu Homeschooling verdonnert.“

„Aber irgendwas Aufregendes gibt es doch bestimmt?“

„Ich habe gestern eine Spinne in der Dusche gefangen.“

„Wow, dein Leben ist echt öde.“

„Wäre mein Leben nicht öde, hätte ich keine Zeit zum Erzählen.“

Die Katze gähnt.

„Siehst du, du gähnst jetzt schon – stell dir mal vor, ich würde Tagebuch führen.“

„Schön, dann schreib halt spannende Geschichten.“

„Wie sagte Virginia Woolf? Ein Frau braucht, um große Literatur zu schaffen, 500 Pfund im Jahr und ein eigenes Zimmer. Beides gerade völlig unerreichbar.“

„Und was machst du jetzt?“

„Irgendwie klar kommen, auf das Beste hoffen und der Welt ein Tagebuch ersparen.“



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