Blogbuster? – Eine Geschichte aus vergangenen Zeiten II

Irgendwo zwischen Homeschooling, Lagerkoller, Kurzarbeit und dem Mehrmals-täglich-Blick auf die Fallzahlen und Kurven der Johns Hopkins verliert das, was ich zu erzählen habe über den Februar und den Blogbuster und das Schreiben an Bedeutung. Und dennoch erzähle ich es, aus dieser Mischung aus Sturheit und Beharrlichkeit heraus, die mir früher mehrfach Prügel eingebracht hat – weil ich der Meinung war, dass ich jetzt absolut nicht wegrenne, nur weil ne Horde Achtklässler unsere Bude im Wald annektieren will.

Ich war in dieser Hinsicht kein sehr schlaues Kind, ich weiß.

Jedenfalls bekam ich Anfang Februar von Bookster HRO eine Mail, in der er das ganze MS anfragte und etwas von 900 Seiten erzählte, durch die er sich gekämpft habe.

Neben ‚Juhu‘ war vor allem ‚Watt? 900? Wie das denn?‘ was mir so durch den Kopf schoss und wirklich, so las ich dann auf seinem Blog, er hatte 29 Exposees mit Leseproben und das heißt also 29mal um die 32 Seiten zu lesen und hallo?

Ich habe vor langer Zeit in 14 Tagen 60 Kurztexte lesen und beurteilen wollmüssen (im Rahmen eines kleinen, unbedeutenden Wettbewerbs, aber weil halt Herzenssache doch und durchaus ernsthaft) und ich sage euch: Ich stand kurz vor der Selbstentleibung. Wie viele Texte können eigentlich damit beginnen, dass es regnet, fragt man sich. Wie viele?

Jedem der glaubt, dass er wahnsinnig offen, innovativ und erfreut über experimentelle Literatur wäre, dem sage ich: haha. Hahaha. Man lernt sehr schnell über sich, dass die eigene Urteilskraft in direkter Korrelation zum Koffeinspiegel und der Lautstärke der freilaufenden Kinder verläuft. Es ist wirklich schwer, in der Masse der Texte neutral und objektiv zu lesen, sich frei von Erwartungen auf Texte einzulassen, über die Fehler, die Rohdaten (ein MS ist kein fertiges Buch) immer haben, hinwegzusehen usw. usf.

Was ich sagen will: Ich hab nen Heidenrespekt vor allen Bloggern, die sich hineingewagt und hineingelesen haben. Und auch wenn ich zumindest von einer sehr, sehr krassen Fehlentscheidung weiß (und ich den entsprechenden Blogger auch boxen werde, so ich ihn je treffe, weil der Text, den ich meine, wirklich verdammt gut ist und ich da strikt subjektiv und parteiisch bin) – ist mir klar, wie schwer die Aufgabe ist, wie schmal der Grad zwischen ‚eigenständig‘ und ’sackgängig‘ ist und ich wirklich jeden bewundere, der sich an eine solche Entscheidung wagt und weiß, dass ich das bestimmt nicht besser gemacht hätte. (Aber ich box den Blogger trotzdem.)

Als ich auf Bookster HROs (ich lasse es mal beim Blognamen, damit ihr wisst, von wem ich rede) Blog dann las, dass er vier weitere MS angefordert hatte, dachte ich mir: Naja, das war jetzt sehr nett von ihm, dass er mich und so – aber da ist bestimmt was dabei, was wesentlich passender ist, als dein „Brunnen oder Nicht-Brunnen ist hier die Frage!“

Eine Literaturbauernregel lautet: Zusagen kommen schnell. Absagen dauern lange. Das gilt aber nicht, wenn man so einen ernsthaften und konsequenten Blogger hat, wie den Bookster, denn der liest wirklich alle 5 MS bis er dir schreibt, dass du auf der Longlist bist.

Und ich freu mich, SARS CoV2 hin oder her, Homeschooling rein oder raus – ich freu mich noch jedes Mal, wenn ich dran denke, dass ich da auf der Longlist bin.

Und warum freu ich mich so? Ja, klar, Longlist, yeah, aber mehr noch, weil ich die Art, wie der Bookster den Text gelesen hat, sehr mag. Ein wildfremdes MS, eines aus einem fetten Stapel von 29 Texten, alle geschrieben mit Leidenschaft, Herzblut; es gibt viele gute Erzähler da draußen – und dann herausgezogen werden und dann: Liest dich jemand, denkt über das gesagte/erzählte nach, taucht ein und stellt in Frage, sucht und findet.

Das ist so ein ganz eigenes Gefühl – und vielleicht kann man das nur verstehen, wenn man selbst schreibt, und besonders gut verstehen, wenn man Texte schafft, die es dem Leser nicht immer leicht machen, die Wagnis sind und Grenzgang – und wenn die jemand mitgeht und sich fangen lässt – und zugleich klug und sachlich hinterfragt: Das fetzt.

Und das kann mir auch keiner nehmen, egal wie mies das Jahr jetzt noch läuft.

Ach so: woher ich das weiß, wie der Bookster gelesen hat? Daher und weil wir uns zum Glück noch treffen konnten – und einen sehr kurzweiligen, heiteren uns spannenden Plausch am Berliner Südkreuz hatten. Menschen zu begegnen, die dem gleichen Wahnsinn frönen wie man selbst, ist eh toll – und was den Bookster angeht: ditt is einer von den Juten, wa. Also lest seinen Blog.

Überhaupt: Lesen ist gut gegen Lagenkoller. Also los. Zackig. z.B. die ganzen Leseproben der Longlister, die jetzt so nach und nach eintrudeln – könnt ihr alle lesen. Ach was, könnt. Das sind jetzt eure Hausaufgaben. Ich frag das nächste Woche ab.


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