Erzählen in den Zeiten von Corona

Berlin schließt die Schulen, „Haben wir noch Klopapier?“ wird zur existentiellen Frage, wir alle machen uns Sorgen um Oma und Opa, in der Charité stapeln sich die Abstriche in den Laboren und die Menschen vor den Türen, die gern getestet werden würden.

Wen interessiert da, dass ich heute eigentlich auf der Leipziger Buchmesse sein wollte, mich mit Menschen treffen, mit ihnen das Schreiben feiern (und Whisky trinken)? Wen juckt es, was ich über Blogbuster und Texte, über Zweifel und Triumphe, über das Erzählen selbst zu erzählen habe? Wer will Geschichten hören, oder gar noch Geschichten über Geschichten, wenn die Börse abrauscht, man nicht weiß, wohin mit dem Kind in den nächsten drei Wochen, die Selbstständigen unter den Freunden vor Existenzangst zittern und die Nachrichten aus Italien …

Das Erzählen ist ein merkwürdiges Ding. Der KF schreibt seit einer Weile (begonnen weit vor Covid19) an einer Geschichte über eine postapokalyptische Welt, in der die Menschen die Geschichten verloren haben.

Und so waren es nicht der Kampf um die letzten Ressourcen oder das damit einhergehende Misstrauen, die alles umfassende Präsenz von Hunger und Durst, die uns zunehmend voneinander trennten, sondern eine Ernüchterung und Sprachlosigkeit, aus der sich keiner zu lösen vermochte; als wäre es, bei Licht betrachtet, unmöglich, sich noch irgendeiner Form der kollektiven Täuschung hinzugeben, irgendeiner Illusion, einem Trost, in dem das Wissen um unsere Situation hätte verschwinden können – so dass die meisten von uns sich damit begnügten, in einem dämmrigen Zustand auf den Einbruch der Nacht zu warten, die mit ihren namen- und gestaltlosen Schrecken geradezu erträglich wirkte.

Manchmal kam es vor, dass jemand eine Geschichte aus der alten Welt erzählte – Geschichten aus der neuen Welt gab es nicht – und sich die anderen in den wohltuenden Schatten drängten, den die Worte auf das Heute warfen.

Der Held – oder Nicht-Held – ist so etwas wie der letzte Erzähler, Last Man Standing. Jemand, der von etwas lebt, sich an etwas bindet, das vollkommen überflüssig geworden zu sein scheint.

Wir propagieren gern, dass es die Intelligenz ist, die Fähigkeit zur Vernunft und Selbstreflexion, die uns heraushebt und uns von allen anderen Arten dieses Planeten unterscheidet. Aber vielleicht ist das, was uns wirklich unterscheidet, dass wir die einzige Spezies sind, die sich Geschichten erzählt.

Als ich klein war, habe ich mir das Decamerone aus dem Bücherschrank geklaut (also nicht mehr ganz klein, so neun vielleicht) und es heimlich gelesen. Weit mehr als die erotischen Geschichten fesselte mich damals die Darstellung der Pest. Ich habe das bestimmt zwanzig Mal gelesen, weil die Pest, der Schwarze Tod – huh. Geblieben ist mir von diesem Buch aber der Gedanke, wie Menschen sich Geschichten erzählen, so, als würden sie sich in eine warme Decke hüllen. Natürlich rettet das nicht vor dem Tod, es bekämpft keinen Virus, es ersetzt keine Lagerhaltung von 500 Rollen Klopapier – aber gibt es eine menschlichere Geste, als jemand anderen in eine Decke zu hüllen, wenn er friert?

Überhaupt, das Motiv des Erzählens im Angesicht des Todes: 1001 Nacht, Der Teufel mit den drei goldenen Haaren …

„Ich habe einen schweren Traum gehabt,“ antwortete die Ellermutter, „da hab ich dir in die Haare gefasst.“ – „Was hat dir denn geträumt?“ fragte der Teufel. „Mir hat geträumt, ein Marktbrunnen, aus dem sonst Wein quoll, sei versiegt, und es habe nicht einmal Wasser daraus quellen wollen, was ist wohl schuld daran?“

Quelle

… unzählige mehr, die mir gerade nicht einfallen.

Warum also nicht erzählen? Vom Schreiben und Einreichen in den Zeiten von Corona.

Mein besonderen Dank geht an Ijo für das Bild vom Virus im Homeoffice. Mehr Ijo gibt’s auf Insta bei ijo_create.

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