Marie Kondo, die Katze und ich

„Seit du Marie Kondo liest“, sagt die Katze, „räumst du gar nicht mehr auf, was?“

„Das ist wie mit den Hosen“, sage ich.

Die Katze sagt nichts. Natürlich nicht. Denn würde sie jetzt was sagen, könnte man annehmen, sie hätte so etwas wie Interesse an mir. Ich hole mir Kaffee, setze mich an den Tisch, schlage die Beine übereinander und warte ab. Die Katze wäre nicht die Katze, würde sie nicht auf den Tisch springen und mich huldvoll anblicken – so lange, bis ich die Sache mit den Hosen zu Ende bringe.

„Ich kaufe mir nie Hosen“, erkläre ich, „weil ich mir stets sage, ich würde eh demnächst abnehmen und dann wäre es ja blöd, wenn die neue Hose direkt nicht mehr passt.“

„Wann hast du je abgenommen?“

„Eben“, sage ich. „Deswegen habe ich ja auch keine einzige anständige Hose.“

„Und jetzt wartest du darauf, dass Marie Kondo abnimmt oder wie?“

„Nein. Ich sage mir: wenn ich demnächst eh die Wohnung kondoe, brauch ich ja jetzt nicht groß rumrödeln. Lohnt ja nicht.“

„Wir werden alle sterben“, sagt die Katze und springt vom Tisch. „Erschlagen von Comicbüchern, Steuerunterlagen und halbleeren Gummibärchentüten.“

„Wenn man jemanden mit einer halbleeren Gummibärchentüten erschlagen könnte, dann hätte ich keine Katze“, rufe ich ihr hinterher und dann fällt mir ein, dass ich gar keine Katze habe, weil die Katze ja Fräulein Blau gehört.

Als ich ein Kind war, dachte ich, Unordnung sei ein Phänomen, das nur Kinder betrifft. Eine Kinderkrankheit, gegen die es keinen Impfschutz gibt. Erwachsene haben ordentliche Wohnungen.

Natürlich lag dies nur an der Blase, in der ich aufgewachsen bin und in der wirklich alle Erwachsenen ordentliche Wohnungen hatten – aber das war auch zu DDR-Zeiten, da gab es ja nichts, außer Putzzeug … oder was weiß ich, woran das lag. Jedenfalls wurde ich größer und das mit Ordnung wurde nicht besser. Und ich lebe dämlicherweise noch immer in einer Blase, in der überwiegend alle erwachsen sind und perfekt aufgeräumte (und geputzte) Wohnungen haben.

Freilich könnte ich mich abfinden. Mit der Hosengröße und der Unordnung – das ist eines der schönen Dinge an Marie Kondo: bei ihren Fallbeispielen ist immer alles viel, viel schlimmer als bei einem selbst. Da quillt es über, da häuft und hortet es sich, da kann man keinen Boden mehr sehen usw. Hach.

Aber, naja, ich finde dann doch, wenn man in die Wechseljahre kommt – ich meine, die nennen sich ja schon so: Wechsel!jahre – könnte man auch in eine Phase der Ordnung kommen. Der Struktur. Der Kontrolle über sein Leben. Hach.

Als ich mir das Buch gekauft habe, dachte ich, es enthält im wesentlichen Anleitungen zum Falten von Kleidungsstücken und einen Ablaufplan – und ich müsse jetzt nur den Chef dazu bringen, mir 6 Wochen frei zu geben, damit ich mich einmal komplett durchkondoen kann und dann …

… aber nix ist. Die olle Kondo sagt zwar ‚in einem Rutsch, in einem großen Aufräumfest‘, gibt dann aber einen Zeitraum von etwa einem halben Jahr vor. Wahrscheinlich kennt sie ihre Pappenheimer und ahnte schon, dass ich einfach dem Chef die Schuld geben und auf ewig in meinem altem Ich verharren würde.

Und dann kommt sie einem auch noch mit: Fragen Sie sich, was für ein Leben Sie führen wollen.

Und erst wenn man das beantwortet hat, eine feste Vision davon hat, darf man anfangen mit aufräumen. Und da sitze ich nun. Mit einer Katze, die nicht mir gehört, und einer Wohnung, in der zwar nix überquillt (naja, außer den Stiftsammelgläsern) und das Seuchenamt kam auch noch nicht vorbei – aber die mich ständig an den Blick meiner Mutter erinnert. Ihr wisst schon, dieser hintergründige Touch von Vorwurf mit einem Hauch ’so schwer kann das doch nicht sein‘.

Jedenfalls: was für ein Leben möchte ich führen.Eins mit Personal. Gutem Personal, welches mir den Kruscht und das Zeugs und Gedöns hinterherräumt, mir den Rücken freihält, damit ich meine Genialität entfalten kann, und mich tröstet, wenn ich traurig bin.

„Das nennt sich Mutter“, sagt die Katze und schlenzt elegant in die Küche, um einen Blick in die Näpfe zu werfen.

„Klappe“, sage ich zur Katze. Als ob das was helfen würde.

Nun. Ich glaube nicht, dass Marie Kondo, die ja eh so was von einem Feldwebel im Puppenkleid an sich hat, dies als Vision gelten lassen würde. Aber das Gute an der Sache ist: solange man keine Vision hat, braucht man auch nicht aufräumen.

Darauf eine halbe Tüte Gummibärchen.



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