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strikt persönlich

Wenn Gluthitze über Berlin liegt, die Neuronen nur noch trübe brömmeln, jede noch so kleine Tätigkeit sich anfühlt wie Hexenwerk (heißt: lass das mal lieber eine Hexe machen – möglichst eine karibische, die ist an das Klima gewöhnt), nicht einmal die Nächte noch Erholung bringen und überhaupt – das Leben zäh und dunkel ist wie der Teer auf den Straßen meiner Kindheit – dann kannst du dir über eines sicher sein: das Universum setzt noch einen drauf.

Diesmal: Läuse.
Ich bin die gesamten KiTa- und Grundschulzeiten (meine und die des Kindes) locker jedem Lausangriff (und derer gab es viele) entkommen. Aber jetzt und heute stehe ich triefend in der Apotheke und lasse mich über Tötungsarten von Parasiten aufklären. Zehn Minuten später erwäge ich mir das Frontline vom Hund reinzuziehen.

„Ihhh …Läuse“, sagt die Katze.
„Ihhh … ne Katze“, sage ich.

Dann starren wir uns feindselig an. Aber für ernsthafte Feindschaft ist es zu warm. Ich würde mir Eiswürfel holen, brächte ich so viel Ambition auf, mich zu bewegen. Stattdessen sehe ich meinem Gehirn zu, wie es der Frage nachhängt, ob wohl auch halluzinierte Katzen unter der Hitze leiden.

Meine leidet scheinbar an Langeweile.

„Literatur …“ beginnt sie und ich würge sie direkt mit einem „Lass mich mit dem Scheiß in Ruhe, ich schreibe nicht mehr“ ab.

„Aber andere. Und ich habe gesehen: du liest.“

Stimmt. Ich lese. Mehr oder weniger zufällig zwei Bücher hintereinander, die sich ähneln wie zwei ausgelatschte Flipflops, die man ganz unten im Schuhschrank findet. Feldmans „Unorthodox“ und Braschs „Ab jetzt ist Ruhe“ – zwei Autobiographien von Frauen mit interessanter Familie. Bei Feldmann die jüdische Gemeinde in New York, bei Brasch die Kunstelite der DDR (samt Partei-Vater-Sohn-Konflikten).

Jetzt fragt man sich, wo da bitte die Ähnlichkeit sein soll. USA vs. DDR. Die eine in der Enge einer religiösen Gemeinschaft (Sekte) aufgewachsen, die Sexualität tabuisiert und in das Leben in Regelwerk erstickt, in der die Rolle der Frau 100 % definiert ist. Die andere mehr oder weniger unbehelligt von Eltern und Geschwistern, die unter dem Deckmantel der politischen Angepasstheit treiben und lassen kann, was immer sie will – Trinken, Musik, Sex, Rauchen, Leben.

Hm.

Die Gemeinsamkeit ist: es ist alles strikt persönlich. Und beide haben diese ‚Ja, war nicht so ohne, was mir da passiert ist, hat mir aber nix gemacht, hey, ich bin stark und habe es geschafft‘-Attitüde. Ich, ich, ich. ‚Natürlich bin ich auch total klug und trotzdem bescheiden und rebelliert habe ich auch mehr so sanft und ohne jemanden weh zu tun  – weil ich ein guter Mensch bin, was ich aber aus Bescheidenheit jetzt nicht so raushängen lasse. Schon krass alles, aber mir geht’s gut.‘

Das mag ja alles sein. Und ich gönne es jedem ohne schwere Schäden seiner Familie zu entwachsen – aber beide erzählen Geschichten, die eben nicht privat sind. Weil sie die Frage aufwerfen: was macht es mit einem Menschen, in dieses Strukturen aufzuwachsen? Was bewirkt Dogmatismus, wie prägt und verändert er uns und damit unsere Welt? Beide Biographien erzählen über eine Gesellschaft – die mehr ist als eine Familie. Sie ist von gesellschaftlicher Relevanz.

Doch alles nur: Ich. Mir. Meins. Alles supi. Krass war’s, aber nu passt’s. Mir.

Joseph Roths Schreiben hat mich geprägt, weil es ihm gelang, das Persönliche, das Private zum Gesellschaftlichen zu machen. Seine Figuren sind Individuen und doch erzählen von sie von der Welt, von uns, von dem, was mit uns geschieht, wenn wir geprägt, dogmatisiert, ausgeliefert sind. Der Schmerz des Einzelnen ist der Schmerz aller und so entsteht Literatur und Relevanz.

Diese beiden Biographien gehen genau den anderen Weg: das Gesellschaftliche, das Politische, das Religiöse wird zum Privaten. Das mag auf seine Weise wiederum vieles über unsere Zeit erzählen – aber lesen braucht man es nicht. Da kann man Dorfklatsch hören, kommt auf das Selbe raus.

„Und worin“, fragt mich die Katze, „liegt jetzt die gesellschaftliche Relevanz von Läusen?“

„Läuse“, sage ich, „sind Parasiten. Und von Parasiten kann man ne Menge lernen.“

„Ein Glück, dass du nimmer schreibst“, sagt die Katze und trollt sich.

 

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