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Aufschub

Neulich sagte mir jemand – nein, nicht die Katze, die Katze rennt ja nicht, die sitzt nur hier herum und trinkt mir die Milch weg – mir sagte jemand, er hätte es satt, dem Leben hinterherzurennen.

Das chronische Gefühl der Überforderung teilt sich wahrscheinlich meine gesamte Generation – ich zumindest kenne niemanden in meinem Alter, der seinen Kram auch nur halbwegs auf die Reihe bekommt. Mancher nimmt das gelassen, mancher weniger – aber die ToDo-Listen sind längst nicht mehr abarbeitbar.

Mit diesem jemand aber teile ich das immer mehr anwachsende Gefühl, alles hinzuwerfen und etwas ganz anderes zu tun. Ein echtes von vorn, ein echtes Abhaken und Ausbrechen.

Ich würde nichts vermissen. Das überrascht mich selbst ein wenig, aber ich kenne mich gut genug, um mir da sicher zu sein. Woran ich zweifle ist, ob mir die Kraft reicht, ob noch genug Trotz und Sturheit, Energie und Wahnsinn da sind, von vorn zu beginnen. Sich all den Ernüchterungen noch einmal zu stellen – statt mit denen, an die man sich gewöhnt hat, alt zu werden.

Dabei wäre es für mich so einfach – ich müsste nicht auswandern, nicht den Job wechseln, nicht die Wohnung kündigen, nicht den Partner austauschen; müsste nicht mal die Haare färben oder die Katze rauswerfen.

Alles was ich tun muss, ist ein neues Buch zu schreiben. Und das Schreiben wieder neu zu denken und auszurichten. Hinter mir lassen, was ich einst gesucht und gedacht, mich trennen von dem, dem ich verbunden oder verpflichtet bin und ein neues Erzählen beginnen.

So einfach. Verabschieden, Loslassen, Neu Beginnen.

Und doch ist es die ToDo-Liste nach der ich greife und das Rennen beginnt von vorn.

 

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