Pessimismus ist für Anfänger

30 °C im Arbeitszimmer. Die Katze sitzt auf dem Schreibtisch spielt mit den Eiswürfeln in meinem Glas.

„Was tippst du?“, fragt sie mich.

Da ich letzte Woche beschlossen habe, mich nicht mehr verpflichtet zu fühlen meinen Halluzinationen zu antworten, tippe ich einfach weiter. Das ‚Pling‘ der von Katzenpfoten im Glas herumgeschupsten Eiswürfel stört mich ein wenig, aber irgendwas ist ja immer … 30 °C zum Beispiel, 30 °C ist wie Fegefeuer und Vorhölle in einem, 30 °C ist wie Steuererklärung und Fensterputzen gleichzeitig, 30 °C ist die Schmelztemperatur meiner Gehirnzellen, 30 °C ist …

„Du tippst ja gar nicht mehr“, sagt die Katze und leckt sich die nasse Pfote.

„Ich tipp ja gleich wieder.“

„Was denn?“

„Nichts über Katzen, Thunfisch, Steaks, Sahne oder Wollknäuls.“

Jetzt ist die Katze beleidigt. Ich kann es an den Schnurrhaaren sehen und ich weiß auch warum – sie mag es nicht, wenn ich so tue, als sei sie eine Allerweltsnormalokatze. Immerhin hält sie jetzt die Klappe und ich kann weitertippen.

*

In meinem Glas sind keine Eiswürfel mehr – dafür Katzenhaare. Halluzination oder nicht, ich hole mir ein neues und frage die Katze, ob sie denn auch was will.

„Milch bitte.“

„Natürlicher Fettgehalt?“

„Gern, aber dann nur halb voll.“

*

„Weißt du“, sage ich, als ich mich wieder an den Tisch setze – ein volles Glas Wasser samt Eiswürfel vor mir, ein halb volles mit Bio-Vollmich für die Katze gleich daneben – „ich habe noch nie gehört, dass jemand ein halb leeres Glas geordert hat. Offenbar gibt es nicht so viele Pessimisten, wie man immer behauptet.“

Die Katze sieh mich an. Sie nickt bestätigend – oder gar mit Wohlwollen? Als hätte ich ausnahmsweise mal was Interessantes von mir gegeben?

„Du als Pessimist“, schlägt sie vor, „könntest das ja einführen.“

„Pessimismus ist was für Anfänger“, sage ich. „Was spielt es für eine Rolle ob halb leer oder halb voll – der wirklich dunkel Sehende geht davon aus, dass das Wasser vergiftet ist.“

„Vergiftet?“

„Naja, zumindest abgestanden und mit ein paar Blaualgen drin …“

Die Katze sieht ihre Milch an und schiebt sie zur Seite.

„Und weiß du, was das Gute dran ist?“, frage ich die Katze – und erhebe gemessen an der Umgebungstemperatur recht dynamisch mein Glas. „Wenn dann wirklich nur Wasser drin ist, freust du dich wie ein Honigkuchenpferd auf Nutella. Das ist viel besser als jeder Optimismus.“

„Alter“, sagt die Katze, „du hast sie echt nicht mehr alle. Du gehst vom Schlimmsten aus, damit sich das bisschen weniger schlimme richtig gut anfühlt?“

„Jep.“

„Was stimmt mit dir nicht?“

„Wieso mit mir? Ich bin doch kein trotteliger Optimist, der sich über ein halb volles Glas Gift freut …“

„Sondern ein glücklicher Pessimist, der sich sagt: Immerhin ist das Glas nur schon halb leer, wahrscheinlich überlebe ich den Mist?“

„Jep.“

„Alter …“

 

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