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befremdlich

Sprache drückt aus, was ist. Sagte mein Deutschlehrer, also der einzige, den ich je hatte, der den Titel zurecht trug. Und wenn wir uns selbst zuhören würden, (sage ich), könnten wir einiges (über uns) lernen.

Aber wer will das schon.

Befremdlich.

Ein schönes kleines Wort. All das ‚huäh‘ und ‚ähm‘ und ‚huch‘ was darin mitschwingt. Ein bisschen Angst, ein bisschen Sorge, die Armlänge Abstand. Dieses: man hat ja grundsätzlich nichts dagegen, aber …

Was fremd ist, gehört nicht dazu, und was nicht dazu gehört, kann eigentlich weg, aber da man ja kein Bayer äh Bauer ist, der, was er nicht kennt, nicht frisst, beäugt man es doch ein wenig, aber besser mit gebührendem Abstand und Sagrotan in der Hinterhand.

Mal abgesehen davon, dass ich hier schreibe, weil ich mich vor der Arbeit drücke, wollte ich erzählen, wie ich bei einer meiner amerikanischen Kochdokuorgien gedanklich hängen blieb – und immer, wenn ich Herrn Seehofer sehe (was zur Zeit ja unvermeidlich ist) dahin zurückkehre.

Es ging um Flusskrebse. In Louisiana. Genauer: rund um New Orleans.

Ja, nein, das ist noch nicht das befremdliche, dass ich mir Flusskrebssendungen ansehe. Mensch. Geduld bitte.

Flusskrebse zu fangen, zu kochen und mit massig Butter zu vertilgen ist der Döner oder die Bratwurst von Louisiana. Oder für die letzten Ossis: die Soljanka.

Es gibt aber zwei ‚Strömungen‘ – die einen, die sich an die klassische Südstaatenzubereitung halten und diese beschwören, und dann die vietnamesisch beeinflusste Variante. Eine Mischung aus kreolischer und asiatischer Küche (die sich, mal ganz am Rande, arg köstlich anhört).

Ursprung der zweiten Variante ist, dass sich Flüchtlinge des Vietnamkrieges in großer Anzahl in der Gegend um New Orleans ansiedelten (aus klimatischen Gründen, hieß es) und Flusskrebse zu fangen und zu kochen eine der wenigen Möglichkeiten war, schnell in Arbeit kommen und damit der Familie ein Überleben zu sichern.

Wie gesagt, es ging ums Kochen, aber wie sehr oft, erzählen Menschen die Wahrheit nicht, wenn man sie fragt, sondern wenn sie von etwas anderem sprechen. Der Nebensatz, das Uneigentliche ist verräterisch. Auch das menschlich.

Die kochenden Vietnamesen erzählten, wie schwer es war in Amerika. Die Einheimischen behaupteten, den Flüchtlingen würden die Boote geschenkt und deswegen würden sie die einheimischen Flusskrebsfischer (eine Arbeit der einfachen Leute, in einer strukturschwachen, industriearmen Region) verdrängen. Sie waren Fremde und es dauerte Jahrzehnte, bis sie und ihre Küche fester Bestandteil von Louisiana wurden, wobei eben es noch immer die Flusskrebsdogmatiger gibt, die nur die kreolische Zubereitungsform usw.

Soweit so normal – eine Flüchtlingsgeschichte, wie alle Flüchtlingsgeschichten und letztlich eine von gelungener Integration, wenn auch dafür viele Flusskrebse ihr Leben lassen mussten. Aber wenigstens lecker gekocht wurden.

Obacht, ich komme jetzt auf den Punkt: befragt nach den Flüchtlingen, die aktuell in die USA einwandern (konkret wurde nach syrischen Flüchtlingen gefragt, die Doku dürfte ca. 2 Jahre alt sein), kam die Antwort: Ja, das sei etwas anderes, die hätten es viel leichter als sie damals, sie bekämen von der Regierung alles geschenkt …

Der Fremde sieht befremdet auf den Fremden.

Und nein, das ist jetzt kein ‚unmöglich‘ oder ‚wie kann er nur‘ – es ist m.E. zutiefst menschlich, das Fremde als befremdlich zu sehen. Ich nehme mich davon nicht aus. Was uns unbekannt ist, nicht vertraut, muss ja dem kritischen Blick unterworfen werden. Alles andere wäre überlebenstrategisch reichlich dämlich.

Und genauso wahr ist, dass das Fremde uns verändert. Und eine Veränderung ist nicht einfach gut oder schlecht – sie ist immer beides. Es kommt hinzu, es geht verloren. Veränderungen sind anstrengend, kosten Kraft und Zeit und manchmal sind sie schmerzhaft. Aber letztlich ist es der Wandel, der uns ausmacht. Eine Spezies, die sich stetig wandeln will.

Und den Drang in sich hat, das Menschliche zu überwinden. Wir wollen über uns hinauswachsen, und auch das ist nicht einfach gut oder schlecht. Aber ich sag es ja schon immer: die größte Stärke, die man hat, ist zugleich die größte Schwäche, die man hat.

Eine komische Spezies sind wir jedenfalls, aber eine, bei der in ‚befremdlich‘ (wenn auch leise) eine gewisse Neugier auf das Seltsame, das Andere mitschwingt. Und das gibt mir Hoffnung.

Nun denn, ich sollte arbeiten. Oder mir anschauen, wie Lena Meyer-Landrut sich feministisch schminkt – aber leider ist das Video nicht mehr erreichbar. Offenbar waren die Realtionen darauf zu befremdlich.

 

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