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Angstfarbe: Grau

Bei einigen Gefühlen ist die Farbe eine relativ klare Sache, etwas, über das weitgehende Einigkeit besteht – zumindest innerhalb eines Kulturkreises. Wut ist rot, Neid gelb, Hoffnung ist grün, Traurigkeit blau usw.

Angst dagegen – also vielleicht liegt es an mir, aber Angst? Vielleicht eine Neonfarbe, die flackert? Wegen des Warneffekts?

Blinkpink.

Ja, naja, offenbar habe ich keinen Plan, vielleicht eine Bildungslücke … aber welche Farbe hat die Angst?

Wobei Angst nicht gleich Angst ist. Da gibt es die Sorge, dunkelblau und samtschwer wie die Nacht, die auf allem ruht und liegt. Die alles ein bisschen schwerer macht, vor allem das Herz, und die dich schauen lässt, ob das Kind auf dem Hof ist, dir den Schlaf raubt oder dich zwingt, den Herd zu kontrollieren. Die klein und niedlich sein kann und dann beinahe noch als Fürsorge durchgeht, oder sich zu etwas auswachsen, was dich glauben lässt, dir falle ja doch der Himmel auf den Kopf. Nicht gleich, aber irgendwann bestimmt.

Der Sorge kann man mit Vernunft begegnen, mit Routine und Galgenhumor. Oder mit Hektik. Wer viel zu tun hat, sorgt sich nicht. Schlicht keine Zeit dafür. Sorge ist dunkel, aber wenn man weiß, wie man sich Licht macht …

Dann ist da die Panik, horrorregenbogenfarben, die deinen Körper übernimmt, dein Herz rasen lässt, bis du glaubst, es kann gar nicht anderes als im nächsten Moment kaputt gehen. Was es nicht tut, doch ohne, dass sich Erleichterung darüber einstellen will. Panik hat auf Flammen auf dem Spoiler. Und reicht durch die gesamte Farbpalette eines LSD-Trips, nur nicht so heiter. Mehr Vernichtungsgrell dreingemischt.

Aber die Panik kann man reinlegen, denn die kann einem nix. Sie kommt, sie geht. Man muss sie aussitzen, und wenn man das mal raushaut, sieht das vielleicht bisschen seltsam aus in der S-Bahn, wenn man leichenblass vor sich hinschwitzt und mit starrem Blick seinen Puls misst – aber hey, das ist Berlin. Der Typ direkt neben dir sieht immer noch ne Ecke schlimmer aus.

Die einzige Farbe, die ich fürchte, ist das Grau. Graue Angst ist anders. Denn sie fühlt sich gar nicht an wie Angst. Plötzlich ist aller Welt die Farbe entzogen, alles wird starr und steif und es ist unmöglich, die 50 m zum Netto zu überwinden und Käsewürfel zu holen. Während die Sorge dich dazu antreibt etwas zu tun und die Panik etwas mit dir tut – ist die graue Angst eine plötzliche Katatonie, eine Lähmung und dadurch geprägt, dass du einfach nichts mehr tun kannst. Du denkst nicht drüber nach, du fürchtest dich nicht, dein Herz klopft sein normales rappelditock – alles was ist: du kannst nicht. Nicht aufstehen, nicht raus gehen, nicht reden, nicht arbeiten.

Hin und wieder glaube ich, es wird noch was mit mir. Wenn es läuft – Arbeit, Familie, Sport, Haushalt, irgendwie dröselt sich alles zusammen und an den richtigen Stellen wieder auf. Man wuppt so weg und was sich nicht wuppen lässt, bleibt halt liegen. Und das ist dann nicht schlimm sondern eben so, und beinahe fühlt sich alles ein bisschen normal an, so als wäre man ein richtiger Mensch, und dann ist sie da. Die graue Angst. Sie kommt, und verschlingt alle Farben. Das Wutrot, das Neidgelb, das Hoffnungsgrün usw.

Alles was ist, ist das kalte nackte Grausen. Das erstarrte Warten darauf, dass die Farben zurückkehren und das Wissen, dass es so enden wird: Irgendwann im Grau.

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