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Von Affen und Katzen

„Das Problem mit euch Menschen ist, ihr seid keine Katzen“, sagt die Katze, die mitten auf dem Tisch hockt. ‚Hocken‘ trifft es natürlich nicht – sie thront, sie prangt, sie füllt den Raum. Sie ist ganz Katze, sie ist da – und haart meinen Tisch voll.

„Das Problem mit euch Katzen ist …“

„Ja?“

„… ihr habt keine Probleme.“

„Exakt.“

Mein Problem aktuell ist eher, dass ich arbeiten müsste und stattdessen auf den Hintern einer dicken Katze starre, von der ich nicht einmal weiß, wie sie hier reinkommt. Oder was sie hier will. Oder warum sie dauernd mit mir spricht.

Alles, was ich weiß, ist, dass Fräulein Blau mit von Endgültigkeit durchtränkter Stimme sagte: „Wir haben jetzt eine Katze.“ Und ich damals nicht ahnte, in dieses WIR eingeschlossen zu sein.

„Das Problem mit uns Menschen ist also, dass wir Menschen sind?“, frage ich, obwohl ich gar nicht mehr mit der Katze reden wollte.

„Affen.“

„Watt?“

„Affen. Ihr seid Affen mit iPhone.“

„Ich hab nen Samsung.“

„Das reißt es auch nicht raus.“

Die Katze streckt sich, gähnt und lässt die Zunge rollen. Dann beäugt sie mein Abendbrot, welches halb gegessen neben dem Rechner steht, scheint aber kein Gefallen dran zu finden. Wahrscheinlich ist das ein Hinweis. Ich soll gefälligst an den Kühlschrank gehen und nach etwas katzengerechterem als Gnocci Ausschau halten, was mit aber im Traum nicht einfällt, schließlich ist es nicht meine Katze.

*

„Ich bin also ein Affe mit Smartphone – und deswegen bin ich …“

„Einsam.“

„Hä?“

„Jawoll. Affen sind Herdentiere. Dauernd schneiden sie Grimassen, die von einem anderen Affen gespiegelt werden, sie streiten sich, sie prügeln sich, sie lausen und raufen, kuscheln & betüdeln einander und klauen sich die Bananen. Alles Dinge, die man nicht allein tun kann.“

Mir scheint, das Affenbild bzw. die Affenfachkenntnisse der Katze sind recht … überschaubar, aber da ich wissen will, wie die Geschichte weitergeht, belasse ich es bei hochgezogenen Augenbrauen.

„Jedenfalls: ein Affe braucht immer den anderen Affen, damit er Affe sein kann“, referiert die Katze. Mit erhobener Pfote.

„Äh.“

„Eine Katze dagegen braucht niemanden. Sie hat gern Personal, das durchaus – aber sie braucht niemanden, um eine Katze zu sein.“

„Bekommt das Ganze jetzt noch irgendeine sinnvolle Wendung?“

„Bekomme ich ein wenig Schlagsahne?“

„Nein.“

„Dann nicht.“

Gut, in Ordnung, hole ich der Katze halt Schlagsahne. Offenbar habe ich ja eh nichts anderes zu tun.

*

„Also?“, frage ich, nachdem die Katze die dritte Portion inhaliert hat.

„Ein Mensch ist ein Affe – aber genau genommen ist er ein dämlicher Affe, denn ganz gegen seine Natur will er partout etwas besonderes sein. Er individualisiert sich, grenzt sich ab, will herausragen, einzigartig sein.“

„Und …“

„Und dann jammert er, weil er einsam ist.“

„…“

„Katzen sind nie einsam. Schlicht, weil sie niemanden brauchen, der ihre Grimassen spiegelt.“

„Aber der Mensch …“

„Macht so lange rum, bis seine Grimassen so einzigartig sind, dass sie keiner mehr spiegelt. Oder wenn, dann falsch. Und dann jammert er noch mehr.“

„Irgendwie kennst du komische Leute“, sage ich und dann fällt mir ein, dass ich nicht weiß, ob schon jemals jemand außer Fräulein Blau und mir die Katze gesehen hat. „Und am Ende willst du nur darauf hinaus, dass deiner Meinung nach Katzen die besseren Autoren wären; wenn sie denn tippen könnten.“

„So ziemlich alle Tiere wären bessere Autoren als nackige Affen. Schon ästhetisch – eine Katze sähe viel besser aus auf einer Lesebühne. Eleganter, edler. Und wenn sie jemand kritisiert, würde sie ihn einfach kratzen.“

„Das nächste Mal esse ich meine Schlagsahne alleine“, sage ich mürrisch, denke mir aber, dass ich, wenn ich den Oi-Zuki Jodan drauf hätte, meine Leser auch einfach umhauen könnte, wenn ich mich denn trauen würde – aber ein Affe braucht die Herde. Auch wenn es eine Herde aus Lesern ist.

„Behalt die Sahne“, sagt die Katze.  „Mir wäre ein Filet eh lieber.“

 

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