0

Der glykämische Index von Mäusen

Die Katze und ich liegen auf der Couch und sehen einem dünnen Mann aus (in?) den USA zu, wie er Donuts frittiert – indem er sie in einer Art Elefantenbabybadewanne aus Fett schwimmen lässt, die runden Teigwaren dann herausholt, nur um sie Sekunden später mit Litern und  Aberlitern weißen Zuckergusses zu überziehen.

„Ich befürchte, ich bekomme schon vom Zuschauen Diabetes“, sage ich zur Katze, bewege mich aber kein Stück von der Couch runter und schalte auch nicht um. US-amerikanische Kochsendungen (oder nennen wir sie besser: Nahrungsmittelthemensendungen) haben einen Schrecken an sich, eine Mischung aus Grauen und Faszination, da kommt kein Horrorfilm hin.

Jedenfalls starre ich den Fernseher, wo sie jetzt Himbeermarmelade einfüllen, in etwas, das aussieht wie ein platter Berliner (Pfannkuchen), nur eben dreimal so groß, und die Katze sagt etwas darüber, dass Katzen niemals Diabetes bekommen, weil sie viel zu irgendwas sind und dann noch was über den glykämischen Index von Mäusen. Währenddessen schiebt sich ein dicker Mann die Donuts, die der dünne Mann geschaffen hat, mit großen, schlingenden Bissen in den Mund.

„Hörst du mir überhaupt zu?“, fragt die Katze.

„Klar.“

„Was habe ich gesagt?“

„Dass Katzen keinen Diabetes bekommen, weil sie etwas Besseres sind.“

Für einen Moment ist Stille.

„Lasse ich gelten“, sagt die Katze dann und wir sehen wieder friedlich und gemeinsam dabei zu, wie man in den USA Nachtisch bereitet. Inzwischen geht es um Eis.

„Weißt du“, sage ich, „amerikanisches Essen ist, wenn du etwas wirklich abartig Leckeres so übertreibst, so von allem zu viel zusammenstopfst, dass es irgendwo zwischen absurd und ekelhaft landet – und du am Ende nicht weißt, ob du es verschlingen oder auskotzen sollst.“

Jetzt isst der dicke Mann einen Eimer (ja, einen Eimer) voller Eis und Karamell und Keksstreuseln, ich sehe ihm dabei zu und es ist heiß, viel zu heiß, und die Katze sagt: „Kommt jetzt noch irgendein Bezug zur Literatur? Irgendwas mit Bücher verschlingen oder Worte kotzen oder? Immerhin ist das ein literarischer Blog und das Publikum könnte erwarten, dass wir hier auch Literarisches … thematisieren.“

„Nicht bei dem Wetter. Und überhaupt … Bücher sollten Privatsache sein. Ich habe das Gefühl, dass zur Zeit sehr viele Menschen von mir enttäuscht sind.“

„Weil du so eine miese Hausfrau bist oder weil du den Kiba-Dachi immer noch nicht kannst?“

„Als Leser. Du Katze, du. Ich mecker zu viel rum, kann mir keine Namen merken, finde keinen Gefallen, erwarte immer zu viel. Ich bin das dunkle Orakel der Literaturbesprechung. Lass uns lieber noch eine Folge kucken – als nächstes kommt was mit Keksen.“

„Als Katze“, sagt die Katze, „legt man keinen Wert darauf, was jemand denkt oder nicht denkt – liest oder nicht liest. Hauptsache er weiß, wo der Thunfisch steht und öffnet rechtzeitig die Dose.“

„Im Zweifel fängt man sich eine Maus.“

„Bücher“, sagt die Katze und nickt mir wohlwollend zu, „sollten sein wie Mäuse – niedriger glykämischer Index, zu blöd zum Weglaufen, so übersichtlich wie unterhaltsam und nahrhaft, ohne zu sättigen.“

„Ich werde es mir merken.“

 

 

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.