aus Gründen

Es gibt viele Gründe nicht zu schreiben. Der heutige: Ich liege wie eine Robbe im Tankini im quietschblauben Pool, der gerade so auf den Balkon gequetscht ist, und starre in den Mammutbaum und das Blau dahinter.

Es ist seit Wochen glühend heiß in Berlin, der letzte Stress-Arbeits-Gedöns-Overkill ist vorbei und wie so oft, wenn man Zeit zum Schreiben hat, tut man es nicht. Stattdessen ist da der Pool und der Mammutbaum und die Gedanken, die der Frage nachhängen, warum man einst geschrieben hat und warum man es nicht mehr tut.

Die Begründungen, die üblicherweise angeführt werden für das Schreiben, reichen von Berufswunsch bis ’nur für mich‘. Es gibt die, die der Veröffentlichung nachjagen (und letztlich lernen, zu schreiben, was veröffentlichbar ist – und die, die das noch nicht gelernt haben), es gibt jene, die sich selbst in ihren Texten suchen und finden, solche, denen es genügt der eigenen Stimme zu lauschen, und manche (das sind die raren), die einer literarischen Idee nachjagen. Die letzteren ordnen sich auch irgendwann ein – in jene, die lernen veröffentlichungswirksam zu schaffen und jene, die es konsequent nicht tun.

Ich habe nie nur für mich geschrieben. Wozu auch? Dann könnte ich auch einfach den Stimmen in meinem Kopf lauschen und mir das öde Getippe sparen. Aber es war auch nie der Wunsch nach Veröffentlichung, nach dem ‚eigenen Buch‘, die Vision eines Namen auf einem Pappdeckel oder das ‚Erwähltwerden‘ durch einen Verlag, das mich antrieb.

Man verstehe es nicht falsch: jeder Mensch möchte in dem, was er ist und was er tut, Anerkennung finden. Und wenn ich Texte zu Wettbewerben schicke, möchte ich diese gewinnen. Aber, und das ist die Krux, ich möchte aus den richtigen Gründen gewinnen. Nicht aus politischen, nicht aus zufälligen, nicht weil man berechnend-manipulativ Erwartungen erfüllt. Nicht weil die Jury mit Text/Autorennamen glänzen kann (oder rebellieren), nicht weil der Praktikant keine Lust mehr hatte, noch 500 Einsendungen zu sichten, und nicht, weil Onkel Heinz den Ausschreibenden kennt.

Allein: weil der Text gut genug war, deswegen soll er gewinnen. Weil er dieses Stück anders war und etwas zu erzählen hatte, was man nicht gleich wieder vergisst.

Und all das liegt darin begründet, dass der (vielleicht einzige) Grund meines Schreibens stets war, der Stille zu entkommen. Jenem Raum, in den ich hineingeboren wurde und in dem keines meiner Worte einen hörbaren Klang hatte. In dem, was ich sagte und aussprach, erzählte und laut dachte, herausschrie und in den Wind brüllte, ungehört an den Ohren zerschellte.

Ob es an mir lag, liegt, liegen wird – und meine Worte nicht von dem Erzählen, was für andere sichtbar ist, ob es willentlich und unabsichtlich, ob es Unaufmerksamkeit oder Befremdung oder nur Desinteresse ist – ob es daran liegt, dass was ich zu sagen habe, nicht wert ist, gehört zu werden … ich weiß es nicht. Es spielt auch keine Rolle.

Das Schreiben war das Verbuchen, das Festhalten, das Transformieren alle dessen, was ich meine sagen zu müssen, weil es doch irgendjemand sagen muss, weil es doch nicht verschwiegen werden darf, weil dieses Schweigen/Verschweigen der Grund für so vieles ist, was nicht gut ist und doch so viel besser sein könnte, weil das Aussprechen der erste Schritt zum Verstehen ist und das Verstehen der Schritt zum Wandel … und wenn ich das buche, aufschreibe, kann es Augen finden, Herzen, Gehirne, denen die Stille so unerträglich ist wie mir.

Und wenn ich nur gut genug bin, wenn es mir gelingt, eine Sprache für das Unsagbare zu finden, dann. Dann.

Es mag sein, es ist mir nie gelungen einen Text zu schreiben, der gut genug war. Der dieses Stück anders war und etwas zu erzählen hatte, was man nicht gleich wieder vergisst.

Weiß man nicht, niemand kann seine eigenen Texte lesen und bewerten. Aber am Ende scheint es mir wahrscheinlicher, dass der Raum der Stille ein undurchdringbarer ist – und mir und meinen Mitteln keine Augen und Ohren auffindbar sind, keine Herzen und Hirne, die sehen, was ich sehe und darüber sprechen wollen, worüber ich sprechen will und die verstehen wollen, was ich verstehen will.

»Es ist illusionär, Schreiben als etwas anderes zu sehen als den Versuch zur extremen Individualisierung.« (Karl Heinz Bohrer)

Aber ich habe nie geschrieben, um mich zu individualisieren. Ich habe geschrieben, um nicht mehr allein zu sein.

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