von wegen Bushido

„Nur Irre da draußen! Denkt dran! Nur Irre!“

Vor mir steht ein kleiner Mann im weißen Schlafanzug. Er steht in einer Halle und wiederholt in gebrüllter Litanei, es seien nur Irre da draußen, man müsse sich wehren können, sich verteidigen. Bereit sein, fit sein.

Ich schaue an mir herab – und auch ich trage einen weißen Schlafanzug. Es hat ungefähr 32°C, 90% Luftfeuchtigkeit, Schweiß tropft von meinem Kinn, als sei ich ein undichter Wasserhahn. Draußen ziehen dunkle Wolken auf und drinnen bewegen sich Menschen unter den Befehlen des kleinen Mannes in Weiß, immer gleich und in stetiger Wiederholung.

„Nur Irre!“

Nur Irre, denke ich. Aber eher hier drinnen als da draußen – denn das ist kein Alptraum, das ist Karate.

*

Wieso ich einen Sport betreibe, bei dem man sich permanent anbrüllt, weiß ich auch nicht so genau. Wobei das mit dem Anbrüllen noch begreifbarer ist als das mit dem Sport. Ich meine: Sport.

Wäh.

Es gibt nichts, was mich weniger interessiert. Ich mag mich nicht quälen, ich mag nicht schwitzen, ich mag nicht leiden, ich mag nicht auf Stangen klettern, auf dem Kopf stehen oder mich nach einem depperten Ball hechten. Habe keinerlei Zwang herumzurennen, zu springen und kein Bedürfnis zu wetteifern. Brauch ich alles nicht.

Akzeptabel ist nur, im Wasser herumzuplanschen – oder auf etwas zu schießen. Ob jetzt mit Darts, Bogen oder Nerf-Knarren ist mir egal. Das kann ich und dafür spring ich dann auch mal hinter irgendwas hervor.

Beim  Karate aber lauten die Gebote:

  • keinen  Spaß haben (wir sind schließlich nicht beim Fußball)
  • leidvolle Körperertüchtigung (das muss weh tun)
  • und sich gehorsam und devot zu zeigen.

Nein, ich weiß wirklich nicht, warum ich das mache.

„In Spanien machen’se auch Sport“, sagt der kleine, weiße Mann und schaut mir vorwurfsvoll beim Japsen und Schwitzen zu.

„In der Geschlossenen auch“, antworte ich und das war es schon wieder mit dem Gehorsam. Dass ich keine zwanzig Liegestütze für den Spruch machen muss, liegt nur daran, dass ich deren Webseite baue. Merke: der Sportler braucht auch den Nicht-Sportler, weil der Nicht-Sportler ausreichend Sauerstoff für Hirntätigkeit übrig hat.

Und der Nicht-Sportler (also ich) bewegt sich in dieser fremden Welt aus Schinderei, Geschrei und meditativer Aggression wie ein Alien. Staunend, lernend und mit Heimweh (nach der Couch.)

Es ist seltsam, wo Wohlfühlzonen verlaufen, aber nehmen wir das ‚Kiai‘ – der Kampfschrei, der zum Karate dazu gehört wie der Schlafanzug. Es ist gar nicht so einfach (und reichlich peinlich) in der Luft herumzufuchteln und ‚Ei‘ zu verlauten.

Ich habe fast 1 1/2 Jahre gebraucht, bis es nicht mehr so klang, wie man ‚Frühstück-Ei‘ sagt.

‚Ei‘

Ich bin schließlich ein Mädchen aus gutem Hause – und als meine Großmutter mir im Kindergarten riet, einem Mädchen, das mich permanent drangsalierte, doch einfach einen ordentlichen ‚Hürzers‘ zu verpassen, da war zu Hause aber was los. Meine Mutter verbot mir das ausdrücklich und auf Ewigkeit. Aggression ist nicht erlaubt, Kloppen ist nicht erlaubt. Nett sein muss man.

‚Ei‘

Nicht, dass ich jetzt hingehen könnte und jenem Mädchen einen Hürzers verpassen. Also rein technisch schon, soweit reicht es, aber mental … und allein das macht schon jeden Kampfsport bei und mit mir sinnlos, ich hätte ja eh nie die Chuzpe, jemanden umzuhauen.

Und darum geht es. Im Gegensatz zu Boxen oder Fechten, wo man rundenbasiert aufeinander einklopft bzw. einstochert, geht es beim Karate um genau einen Schlag. Oder zwei. Blog-Schlag-Puff-Umfallen. Der perfekte Hürzers, der Gegner k.o.

Da komme ich nie hin. Und wenn man bedenkt, welches Talent ich zum Schießen habe, könnte ich nicht nur mein Sportlerleben sondern auch meine Selbstverteidung weit bequemer, effektiver und unterhaltsamer gestalten.

Stattdessen werfe ich mir den Gi über (Gi sagt man, wenn der Sensei einem verboten hat, den weißen Anzug als hässlichen Schlafanzug und/oder Salamipelle zu bezeichnen) und tropfe mir den Weg zur Halle frei. Bei über 30 °C. Und das ganze mit Kiai.

‚Ei‘

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