Marie Kondo, die Katze und ich

„Seit du Marie Kondo liest“, sagt die Katze, „räumst du gar nicht mehr auf, was?“

„Das ist wie mit den Hosen“, sage ich.

Die Katze sagt nichts. Natürlich nicht. Denn würde sie jetzt was sagen, könnte man annehmen, sie hätte so etwas wie Interesse an mir. Ich hole mir Kaffee, setze mich an den Tisch, schlage die Beine übereinander und warte ab. Die Katze wäre nicht die Katze, würde sie nicht auf den Tisch springen und mich huldvoll anblicken – so lange, bis ich die Sache mit den Hosen zu Ende bringe.

„Ich kaufe mir nie Hosen“, erkläre ich, „weil ich mir stets sage, ich würde eh demnächst abnehmen und dann wäre es ja blöd, wenn die neue Hose direkt nicht mehr passt.“

„Wann hast du je abgenommen?“

„Eben“, sage ich. „Deswegen habe ich ja auch keine einzige anständige Hose.“

„Und jetzt wartest du darauf, dass Marie Kondo abnimmt oder wie?“

„Nein. Ich sage mir: wenn ich demnächst eh die Wohnung kondoe, brauch ich ja jetzt nicht groß rumrödeln. Lohnt ja nicht.“

„Wir werden alle sterben“, sagt die Katze und springt vom Tisch. „Erschlagen von Comicbüchern, Steuerunterlagen und halbleeren Gummibärchentüten.“

„Wenn man jemanden mit einer halbleeren Gummibärchentüten erschlagen könnte, dann hätte ich keine Katze“, rufe ich ihr hinterher und dann fällt mir ein, dass ich gar keine Katze habe, weil die Katze ja Fräulein Blau gehört.

Als ich ein Kind war, dachte ich, Unordnung sei ein Phänomen, das nur Kinder betrifft. Eine Kinderkrankheit, gegen die es keinen Impfschutz gibt. Erwachsene haben ordentliche Wohnungen.

Natürlich lag dies nur an der Blase, in der ich aufgewachsen bin und in der wirklich alle Erwachsenen ordentliche Wohnungen hatten – aber das war auch zu DDR-Zeiten, da gab es ja nichts, außer Putzzeug … oder was weiß ich, woran das lag. Jedenfalls wurde ich größer und das mit Ordnung wurde nicht besser. Und ich lebe dämlicherweise noch immer in einer Blase, in der überwiegend alle erwachsen sind und perfekt aufgeräumte (und geputzte) Wohnungen haben.

Freilich könnte ich mich abfinden. Mit der Hosengröße und der Unordnung – das ist eines der schönen Dinge an Marie Kondo: bei ihren Fallbeispielen ist immer alles viel, viel schlimmer als bei einem selbst. Da quillt es über, da häuft und hortet es sich, da kann man keinen Boden mehr sehen usw. Hach.

Aber, naja, ich finde dann doch, wenn man in die Wechseljahre kommt – ich meine, die nennen sich ja schon so: Wechsel!jahre – könnte man auch in eine Phase der Ordnung kommen. Der Struktur. Der Kontrolle über sein Leben. Hach.

Als ich mir das Buch gekauft habe, dachte ich, es enthält im wesentlichen Anleitungen zum Falten von Kleidungsstücken und einen Ablaufplan – und ich müsse jetzt nur den Chef dazu bringen, mir 6 Wochen frei zu geben, damit ich mich einmal komplett durchkondoen kann und dann …

… aber nix ist. Die olle Kondo sagt zwar ‚in einem Rutsch, in einem großen Aufräumfest‘, gibt dann aber einen Zeitraum von etwa einem halben Jahr vor. Wahrscheinlich kennt sie ihre Pappenheimer und ahnte schon, dass ich einfach dem Chef die Schuld geben und auf ewig in meinem altem Ich verharren würde.

Und dann kommt sie einem auch noch mit: Fragen Sie sich, was für ein Leben Sie führen wollen.

Und erst wenn man das beantwortet hat, eine feste Vision davon hat, darf man anfangen mit aufräumen. Und da sitze ich nun. Mit einer Katze, die nicht mir gehört, und einer Wohnung, in der zwar nix überquillt (naja, außer den Stiftsammelgläsern) und das Seuchenamt kam auch noch nicht vorbei – aber die mich ständig an den Blick meiner Mutter erinnert. Ihr wisst schon, dieser hintergründige Touch von Vorwurf mit einem Hauch ’so schwer kann das doch nicht sein‘.

Jedenfalls: was für ein Leben möchte ich führen.Eins mit Personal. Gutem Personal, welches mir den Kruscht und das Zeugs und Gedöns hinterherräumt, mir den Rücken freihält, damit ich meine Genialität entfalten kann, und mich tröstet, wenn ich traurig bin.

„Das nennt sich Mutter“, sagt die Katze und schlenzt elegant in die Küche, um einen Blick in die Näpfe zu werfen.

„Klappe“, sage ich zur Katze. Als ob das was helfen würde.

Nun. Ich glaube nicht, dass Marie Kondo, die ja eh so was von einem Feldwebel im Puppenkleid an sich hat, dies als Vision gelten lassen würde. Aber das Gute an der Sache ist: solange man keine Vision hat, braucht man auch nicht aufräumen.

Darauf eine halbe Tüte Gummibärchen.



strikt persönlich

Wenn Gluthitze über Berlin liegt, die Neuronen nur noch trübe brömmeln, jede noch so kleine Tätigkeit sich anfühlt wie Hexenwerk (heißt: lass das mal lieber eine Hexe machen – möglichst eine karibische, die ist an das Klima gewöhnt), nicht einmal die Nächte noch Erholung bringen und überhaupt – das Leben zäh und dunkel ist wie der Teer auf den Straßen meiner Kindheit – dann kannst du dir über eines sicher sein: das Universum setzt noch einen drauf.

Diesmal: Läuse.
Ich bin die gesamten KiTa- und Grundschulzeiten (meine und die des Kindes) locker jedem Lausangriff (und derer gab es viele) entkommen. Aber jetzt und heute stehe ich triefend in der Apotheke und lasse mich über Tötungsarten von Parasiten aufklären. Zehn Minuten später erwäge ich mir das Frontline vom Hund reinzuziehen.

„Ihhh …Läuse“, sagt die Katze.
„Ihhh … ne Katze“, sage ich.

Dann starren wir uns feindselig an. Aber für ernsthafte Feindschaft ist es zu warm. Ich würde mir Eiswürfel holen, brächte ich so viel Ambition auf, mich zu bewegen. Stattdessen sehe ich meinem Gehirn zu, wie es der Frage nachhängt, ob wohl auch halluzinierte Katzen unter der Hitze leiden.

Meine leidet scheinbar an Langeweile.

„Literatur …“ beginnt sie und ich würge sie direkt mit einem „Lass mich mit dem Scheiß in Ruhe, ich schreibe nicht mehr“ ab.

„Aber andere. Und ich habe gesehen: du liest.“

Stimmt. Ich lese. Mehr oder weniger zufällig zwei Bücher hintereinander, die sich ähneln wie zwei ausgelatschte Flipflops, die man ganz unten im Schuhschrank findet. Feldmans „Unorthodox“ und Braschs „Ab jetzt ist Ruhe“ – zwei Autobiographien von Frauen mit interessanter Familie. Bei Feldmann die jüdische Gemeinde in New York, bei Brasch die Kunstelite der DDR (samt Partei-Vater-Sohn-Konflikten).

Jetzt fragt man sich, wo da bitte die Ähnlichkeit sein soll. USA vs. DDR. Die eine in der Enge einer religiösen Gemeinschaft (Sekte) aufgewachsen, die Sexualität tabuisiert und in das Leben in Regelwerk erstickt, in der die Rolle der Frau 100 % definiert ist. Die andere mehr oder weniger unbehelligt von Eltern und Geschwistern, die unter dem Deckmantel der politischen Angepasstheit treiben und lassen kann, was immer sie will – Trinken, Musik, Sex, Rauchen, Leben.

Hm.

Die Gemeinsamkeit ist: es ist alles strikt persönlich. Und beide haben diese ‚Ja, war nicht so ohne, was mir da passiert ist, hat mir aber nix gemacht, hey, ich bin stark und habe es geschafft‘-Attitüde. Ich, ich, ich. ‚Natürlich bin ich auch total klug und trotzdem bescheiden und rebelliert habe ich auch mehr so sanft und ohne jemanden weh zu tun  – weil ich ein guter Mensch bin, was ich aber aus Bescheidenheit jetzt nicht so raushängen lasse. Schon krass alles, aber mir geht’s gut.‘

Das mag ja alles sein. Und ich gönne es jedem ohne schwere Schäden seiner Familie zu entwachsen – aber beide erzählen Geschichten, die eben nicht privat sind. Weil sie die Frage aufwerfen: was macht es mit einem Menschen, in dieses Strukturen aufzuwachsen? Was bewirkt Dogmatismus, wie prägt und verändert er uns und damit unsere Welt? Beide Biographien erzählen über eine Gesellschaft – die mehr ist als eine Familie. Sie ist von gesellschaftlicher Relevanz.

Doch alles nur: Ich. Mir. Meins. Alles supi. Krass war’s, aber nu passt’s. Mir.

Joseph Roths Schreiben hat mich geprägt, weil es ihm gelang, das Persönliche, das Private zum Gesellschaftlichen zu machen. Seine Figuren sind Individuen und doch erzählen von sie von der Welt, von uns, von dem, was mit uns geschieht, wenn wir geprägt, dogmatisiert, ausgeliefert sind. Der Schmerz des Einzelnen ist der Schmerz aller und so entsteht Literatur und Relevanz.

Diese beiden Biographien gehen genau den anderen Weg: das Gesellschaftliche, das Politische, das Religiöse wird zum Privaten. Das mag auf seine Weise wiederum vieles über unsere Zeit erzählen – aber lesen braucht man es nicht. Da kann man Dorfklatsch hören, kommt auf das Selbe raus.

„Und worin“, fragt mich die Katze, „liegt jetzt die gesellschaftliche Relevanz von Läusen?“

„Läuse“, sage ich, „sind Parasiten. Und von Parasiten kann man ne Menge lernen.“

„Ein Glück, dass du nimmer schreibst“, sagt die Katze und trollt sich.

 

Aufschub

Neulich sagte mir jemand – nein, nicht die Katze, die Katze rennt ja nicht, die sitzt nur hier herum und trinkt mir die Milch weg – mir sagte jemand, er hätte es satt, dem Leben hinterherzurennen.

Das chronische Gefühl der Überforderung teilt sich wahrscheinlich meine gesamte Generation – ich zumindest kenne niemanden in meinem Alter, der seinen Kram auch nur halbwegs auf die Reihe bekommt. Mancher nimmt das gelassen, mancher weniger – aber die ToDo-Listen sind längst nicht mehr abarbeitbar.

Mit diesem jemand aber teile ich das immer mehr anwachsende Gefühl, alles hinzuwerfen und etwas ganz anderes zu tun. Ein echtes von vorn, ein echtes Abhaken und Ausbrechen.

Ich würde nichts vermissen. Das überrascht mich selbst ein wenig, aber ich kenne mich gut genug, um mir da sicher zu sein. Woran ich zweifle ist, ob mir die Kraft reicht, ob noch genug Trotz und Sturheit, Energie und Wahnsinn da sind, von vorn zu beginnen. Sich all den Ernüchterungen noch einmal zu stellen – statt mit denen, an die man sich gewöhnt hat, alt zu werden.

Dabei wäre es für mich so einfach – ich müsste nicht auswandern, nicht den Job wechseln, nicht die Wohnung kündigen, nicht den Partner austauschen; müsste nicht mal die Haare färben oder die Katze rauswerfen.

Alles was ich tun muss, ist ein neues Buch zu schreiben. Und das Schreiben wieder neu zu denken und auszurichten. Hinter mir lassen, was ich einst gesucht und gedacht, mich trennen von dem, dem ich verbunden oder verpflichtet bin und ein neues Erzählen beginnen.

So einfach. Verabschieden, Loslassen, Neu Beginnen.

Und doch ist es die ToDo-Liste nach der ich greife und das Rennen beginnt von vorn.

 

Pessimismus ist für Anfänger

30 °C im Arbeitszimmer. Die Katze sitzt auf dem Schreibtisch spielt mit den Eiswürfeln in meinem Glas.

„Was tippst du?“, fragt sie mich.

Da ich letzte Woche beschlossen habe, mich nicht mehr verpflichtet zu fühlen meinen Halluzinationen zu antworten, tippe ich einfach weiter. Das ‚Pling‘ der von Katzenpfoten im Glas herumgeschupsten Eiswürfel stört mich ein wenig, aber irgendwas ist ja immer … 30 °C zum Beispiel, 30 °C ist wie Fegefeuer und Vorhölle in einem, 30 °C ist wie Steuererklärung und Fensterputzen gleichzeitig, 30 °C ist die Schmelztemperatur meiner Gehirnzellen, 30 °C ist …

„Du tippst ja gar nicht mehr“, sagt die Katze und leckt sich die nasse Pfote.

„Ich tipp ja gleich wieder.“

„Was denn?“

„Nichts über Katzen, Thunfisch, Steaks, Sahne oder Wollknäuls.“

Jetzt ist die Katze beleidigt. Ich kann es an den Schnurrhaaren sehen und ich weiß auch warum – sie mag es nicht, wenn ich so tue, als sei sie eine Allerweltsnormalokatze. Immerhin hält sie jetzt die Klappe und ich kann weitertippen.

*

In meinem Glas sind keine Eiswürfel mehr – dafür Katzenhaare. Halluzination oder nicht, ich hole mir ein neues und frage die Katze, ob sie denn auch was will.

„Milch bitte.“

„Natürlicher Fettgehalt?“

„Gern, aber dann nur halb voll.“

*

„Weißt du“, sage ich, als ich mich wieder an den Tisch setze – ein volles Glas Wasser samt Eiswürfel vor mir, ein halb volles mit Bio-Vollmich für die Katze gleich daneben – „ich habe noch nie gehört, dass jemand ein halb leeres Glas geordert hat. Offenbar gibt es nicht so viele Pessimisten, wie man immer behauptet.“

Die Katze sieh mich an. Sie nickt bestätigend – oder gar mit Wohlwollen? Als hätte ich ausnahmsweise mal was Interessantes von mir gegeben?

„Du als Pessimist“, schlägt sie vor, „könntest das ja einführen.“

„Pessimismus ist was für Anfänger“, sage ich. „Was spielt es für eine Rolle ob halb leer oder halb voll – der wirklich dunkel Sehende geht davon aus, dass das Wasser vergiftet ist.“

„Vergiftet?“

„Naja, zumindest abgestanden und mit ein paar Blaualgen drin …“

Die Katze sieht ihre Milch an und schiebt sie zur Seite.

„Und weiß du, was das Gute dran ist?“, frage ich die Katze – und erhebe gemessen an der Umgebungstemperatur recht dynamisch mein Glas. „Wenn dann wirklich nur Wasser drin ist, freust du dich wie ein Honigkuchenpferd auf Nutella. Das ist viel besser als jeder Optimismus.“

„Alter“, sagt die Katze, „du hast sie echt nicht mehr alle. Du gehst vom Schlimmsten aus, damit sich das bisschen weniger schlimme richtig gut anfühlt?“

„Jep.“

„Was stimmt mit dir nicht?“

„Wieso mit mir? Ich bin doch kein trotteliger Optimist, der sich über ein halb volles Glas Gift freut …“

„Sondern ein glücklicher Pessimist, der sich sagt: Immerhin ist das Glas nur schon halb leer, wahrscheinlich überlebe ich den Mist?“

„Jep.“

„Alter …“

 

befremdlich

Sprache drückt aus, was ist. Sagte mein Deutschlehrer, also der einzige, den ich je hatte, der den Titel zurecht trug. Und wenn wir uns selbst zuhören würden, (sage ich), könnten wir einiges (über uns) lernen.

Aber wer will das schon.

Befremdlich.

Ein schönes kleines Wort. All das ‚huäh‘ und ‚ähm‘ und ‚huch‘ was darin mitschwingt. Ein bisschen Angst, ein bisschen Sorge, die Armlänge Abstand. Dieses: man hat ja grundsätzlich nichts dagegen, aber …

Was fremd ist, gehört nicht dazu, und was nicht dazu gehört, kann eigentlich weg, aber da man ja kein Bayer äh Bauer ist, der, was er nicht kennt, nicht frisst, beäugt man es doch ein wenig, aber besser mit gebührendem Abstand und Sagrotan in der Hinterhand.

Mal abgesehen davon, dass ich hier schreibe, weil ich mich vor der Arbeit drücke, wollte ich erzählen, wie ich bei einer meiner amerikanischen Kochdokuorgien gedanklich hängen blieb – und immer, wenn ich Herrn Seehofer sehe (was zur Zeit ja unvermeidlich ist) dahin zurückkehre.

Es ging um Flusskrebse. In Louisiana. Genauer: rund um New Orleans.

Ja, nein, das ist noch nicht das befremdliche, dass ich mir Flusskrebssendungen ansehe. Mensch. Geduld bitte.

Flusskrebse zu fangen, zu kochen und mit massig Butter zu vertilgen ist der Döner oder die Bratwurst von Louisiana. Oder für die letzten Ossis: die Soljanka.

Es gibt aber zwei ‚Strömungen‘ – die einen, die sich an die klassische Südstaatenzubereitung halten und diese beschwören, und dann die vietnamesisch beeinflusste Variante. Eine Mischung aus kreolischer und asiatischer Küche (die sich, mal ganz am Rande, arg köstlich anhört).

Ursprung der zweiten Variante ist, dass sich Flüchtlinge des Vietnamkrieges in großer Anzahl in der Gegend um New Orleans ansiedelten (aus klimatischen Gründen, hieß es) und Flusskrebse zu fangen und zu kochen eine der wenigen Möglichkeiten war, schnell in Arbeit kommen und damit der Familie ein Überleben zu sichern.

Wie gesagt, es ging ums Kochen, aber wie sehr oft, erzählen Menschen die Wahrheit nicht, wenn man sie fragt, sondern wenn sie von etwas anderem sprechen. Der Nebensatz, das Uneigentliche ist verräterisch. Auch das menschlich.

Die kochenden Vietnamesen erzählten, wie schwer es war in Amerika. Die Einheimischen behaupteten, den Flüchtlingen würden die Boote geschenkt und deswegen würden sie die einheimischen Flusskrebsfischer (eine Arbeit der einfachen Leute, in einer strukturschwachen, industriearmen Region) verdrängen. Sie waren Fremde und es dauerte Jahrzehnte, bis sie und ihre Küche fester Bestandteil von Louisiana wurden, wobei eben es noch immer die Flusskrebsdogmatiger gibt, die nur die kreolische Zubereitungsform usw.

Soweit so normal – eine Flüchtlingsgeschichte, wie alle Flüchtlingsgeschichten und letztlich eine von gelungener Integration, wenn auch dafür viele Flusskrebse ihr Leben lassen mussten. Aber wenigstens lecker gekocht wurden.

Obacht, ich komme jetzt auf den Punkt: befragt nach den Flüchtlingen, die aktuell in die USA einwandern (konkret wurde nach syrischen Flüchtlingen gefragt, die Doku dürfte ca. 2 Jahre alt sein), kam die Antwort: Ja, das sei etwas anderes, die hätten es viel leichter als sie damals, sie bekämen von der Regierung alles geschenkt …

Der Fremde sieht befremdet auf den Fremden.

Und nein, das ist jetzt kein ‚unmöglich‘ oder ‚wie kann er nur‘ – es ist m.E. zutiefst menschlich, das Fremde als befremdlich zu sehen. Ich nehme mich davon nicht aus. Was uns unbekannt ist, nicht vertraut, muss ja dem kritischen Blick unterworfen werden. Alles andere wäre überlebenstrategisch reichlich dämlich.

Und genauso wahr ist, dass das Fremde uns verändert. Und eine Veränderung ist nicht einfach gut oder schlecht – sie ist immer beides. Es kommt hinzu, es geht verloren. Veränderungen sind anstrengend, kosten Kraft und Zeit und manchmal sind sie schmerzhaft. Aber letztlich ist es der Wandel, der uns ausmacht. Eine Spezies, die sich stetig wandeln will.

Und den Drang in sich hat, das Menschliche zu überwinden. Wir wollen über uns hinauswachsen, und auch das ist nicht einfach gut oder schlecht. Aber ich sag es ja schon immer: die größte Stärke, die man hat, ist zugleich die größte Schwäche, die man hat.

Eine komische Spezies sind wir jedenfalls, aber eine, bei der in ‚befremdlich‘ (wenn auch leise) eine gewisse Neugier auf das Seltsame, das Andere mitschwingt. Und das gibt mir Hoffnung.

Nun denn, ich sollte arbeiten. Oder mir anschauen, wie Lena Meyer-Landrut sich feministisch schminkt – aber leider ist das Video nicht mehr erreichbar. Offenbar waren die Realtionen darauf zu befremdlich.

 

Angstfarbe: Grau

Bei einigen Gefühlen ist die Farbe eine relativ klare Sache, etwas, über das weitgehende Einigkeit besteht – zumindest innerhalb eines Kulturkreises. Wut ist rot, Neid gelb, Hoffnung ist grün, Traurigkeit blau usw.

Angst dagegen – also vielleicht liegt es an mir, aber Angst? Vielleicht eine Neonfarbe, die flackert? Wegen des Warneffekts?

Blinkpink.

Ja, naja, offenbar habe ich keinen Plan, vielleicht eine Bildungslücke … aber welche Farbe hat die Angst?

Wobei Angst nicht gleich Angst ist. Da gibt es die Sorge, dunkelblau und samtschwer wie die Nacht, die auf allem ruht und liegt. Die alles ein bisschen schwerer macht, vor allem das Herz, und die dich schauen lässt, ob das Kind auf dem Hof ist, dir den Schlaf raubt oder dich zwingt, den Herd zu kontrollieren. Die klein und niedlich sein kann und dann beinahe noch als Fürsorge durchgeht, oder sich zu etwas auswachsen, was dich glauben lässt, dir falle ja doch der Himmel auf den Kopf. Nicht gleich, aber irgendwann bestimmt.

Der Sorge kann man mit Vernunft begegnen, mit Routine und Galgenhumor. Oder mit Hektik. Wer viel zu tun hat, sorgt sich nicht. Schlicht keine Zeit dafür. Sorge ist dunkel, aber wenn man weiß, wie man sich Licht macht …

Dann ist da die Panik, horrorregenbogenfarben, die deinen Körper übernimmt, dein Herz rasen lässt, bis du glaubst, es kann gar nicht anderes als im nächsten Moment kaputt gehen. Was es nicht tut, doch ohne, dass sich Erleichterung darüber einstellen will. Panik hat auf Flammen auf dem Spoiler. Und reicht durch die gesamte Farbpalette eines LSD-Trips, nur nicht so heiter. Mehr Vernichtungsgrell dreingemischt.

Aber die Panik kann man reinlegen, denn die kann einem nix. Sie kommt, sie geht. Man muss sie aussitzen, und wenn man das mal raushaut, sieht das vielleicht bisschen seltsam aus in der S-Bahn, wenn man leichenblass vor sich hinschwitzt und mit starrem Blick seinen Puls misst – aber hey, das ist Berlin. Der Typ direkt neben dir sieht immer noch ne Ecke schlimmer aus.

Die einzige Farbe, die ich fürchte, ist das Grau. Graue Angst ist anders. Denn sie fühlt sich gar nicht an wie Angst. Plötzlich ist aller Welt die Farbe entzogen, alles wird starr und steif und es ist unmöglich, die 50 m zum Netto zu überwinden und Käsewürfel zu holen. Während die Sorge dich dazu antreibt etwas zu tun und die Panik etwas mit dir tut – ist die graue Angst eine plötzliche Katatonie, eine Lähmung und dadurch geprägt, dass du einfach nichts mehr tun kannst. Du denkst nicht drüber nach, du fürchtest dich nicht, dein Herz klopft sein normales rappelditock – alles was ist: du kannst nicht. Nicht aufstehen, nicht raus gehen, nicht reden, nicht arbeiten.

Hin und wieder glaube ich, es wird noch was mit mir. Wenn es läuft – Arbeit, Familie, Sport, Haushalt, irgendwie dröselt sich alles zusammen und an den richtigen Stellen wieder auf. Man wuppt so weg und was sich nicht wuppen lässt, bleibt halt liegen. Und das ist dann nicht schlimm sondern eben so, und beinahe fühlt sich alles ein bisschen normal an, so als wäre man ein richtiger Mensch, und dann ist sie da. Die graue Angst. Sie kommt, und verschlingt alle Farben. Das Wutrot, das Neidgelb, das Hoffnungsgrün usw.

Alles was ist, ist das kalte nackte Grausen. Das erstarrte Warten darauf, dass die Farben zurückkehren und das Wissen, dass es so enden wird: Irgendwann im Grau.

Von Affen und Katzen

„Das Problem mit euch Menschen ist, ihr seid keine Katzen“, sagt die Katze, die mitten auf dem Tisch hockt. ‚Hocken‘ trifft es natürlich nicht – sie thront, sie prangt, sie füllt den Raum. Sie ist ganz Katze, sie ist da – und haart meinen Tisch voll.

„Das Problem mit euch Katzen ist …“

„Ja?“

„… ihr habt keine Probleme.“

„Exakt.“

Mein Problem aktuell ist eher, dass ich arbeiten müsste und stattdessen auf den Hintern einer dicken Katze starre, von der ich nicht einmal weiß, wie sie hier reinkommt. Oder was sie hier will. Oder warum sie dauernd mit mir spricht.

Alles, was ich weiß, ist, dass Fräulein Blau mit von Endgültigkeit durchtränkter Stimme sagte: „Wir haben jetzt eine Katze.“ Und ich damals nicht ahnte, in dieses WIR eingeschlossen zu sein.

„Das Problem mit uns Menschen ist also, dass wir Menschen sind?“, frage ich, obwohl ich gar nicht mehr mit der Katze reden wollte.

„Affen.“

„Watt?“

„Affen. Ihr seid Affen mit iPhone.“

„Ich hab nen Samsung.“

„Das reißt es auch nicht raus.“

Die Katze streckt sich, gähnt und lässt die Zunge rollen. Dann beäugt sie mein Abendbrot, welches halb gegessen neben dem Rechner steht, scheint aber kein Gefallen dran zu finden. Wahrscheinlich ist das ein Hinweis. Ich soll gefälligst an den Kühlschrank gehen und nach etwas katzengerechterem als Gnocci Ausschau halten, was mit aber im Traum nicht einfällt, schließlich ist es nicht meine Katze.

*

„Ich bin also ein Affe mit Smartphone – und deswegen bin ich …“

„Einsam.“

„Hä?“

„Jawoll. Affen sind Herdentiere. Dauernd schneiden sie Grimassen, die von einem anderen Affen gespiegelt werden, sie streiten sich, sie prügeln sich, sie lausen und raufen, kuscheln & betüdeln einander und klauen sich die Bananen. Alles Dinge, die man nicht allein tun kann.“

Mir scheint, das Affenbild bzw. die Affenfachkenntnisse der Katze sind recht … überschaubar, aber da ich wissen will, wie die Geschichte weitergeht, belasse ich es bei hochgezogenen Augenbrauen.

„Jedenfalls: ein Affe braucht immer den anderen Affen, damit er Affe sein kann“, referiert die Katze. Mit erhobener Pfote.

„Äh.“

„Eine Katze dagegen braucht niemanden. Sie hat gern Personal, das durchaus – aber sie braucht niemanden, um eine Katze zu sein.“

„Bekommt das Ganze jetzt noch irgendeine sinnvolle Wendung?“

„Bekomme ich ein wenig Schlagsahne?“

„Nein.“

„Dann nicht.“

Gut, in Ordnung, hole ich der Katze halt Schlagsahne. Offenbar habe ich ja eh nichts anderes zu tun.

*

„Also?“, frage ich, nachdem die Katze die dritte Portion inhaliert hat.

„Ein Mensch ist ein Affe – aber genau genommen ist er ein dämlicher Affe, denn ganz gegen seine Natur will er partout etwas besonderes sein. Er individualisiert sich, grenzt sich ab, will herausragen, einzigartig sein.“

„Und …“

„Und dann jammert er, weil er einsam ist.“

„…“

„Katzen sind nie einsam. Schlicht, weil sie niemanden brauchen, der ihre Grimassen spiegelt.“

„Aber der Mensch …“

„Macht so lange rum, bis seine Grimassen so einzigartig sind, dass sie keiner mehr spiegelt. Oder wenn, dann falsch. Und dann jammert er noch mehr.“

„Irgendwie kennst du komische Leute“, sage ich und dann fällt mir ein, dass ich nicht weiß, ob schon jemals jemand außer Fräulein Blau und mir die Katze gesehen hat. „Und am Ende willst du nur darauf hinaus, dass deiner Meinung nach Katzen die besseren Autoren wären; wenn sie denn tippen könnten.“

„So ziemlich alle Tiere wären bessere Autoren als nackige Affen. Schon ästhetisch – eine Katze sähe viel besser aus auf einer Lesebühne. Eleganter, edler. Und wenn sie jemand kritisiert, würde sie ihn einfach kratzen.“

„Das nächste Mal esse ich meine Schlagsahne alleine“, sage ich mürrisch, denke mir aber, dass ich, wenn ich den Oi-Zuki Jodan drauf hätte, meine Leser auch einfach umhauen könnte, wenn ich mich denn trauen würde – aber ein Affe braucht die Herde. Auch wenn es eine Herde aus Lesern ist.

„Behalt die Sahne“, sagt die Katze.  „Mir wäre ein Filet eh lieber.“

 

Der glykämische Index von Mäusen

Die Katze und ich liegen auf der Couch und sehen einem dünnen Mann aus (in?) den USA zu, wie er Donuts frittiert – indem er sie in einer Art Elefantenbabybadewanne aus Fett schwimmen lässt, die runden Teigwaren dann herausholt, nur um sie Sekunden später mit Litern und  Aberlitern weißen Zuckergusses zu überziehen.

„Ich befürchte, ich bekomme schon vom Zuschauen Diabetes“, sage ich zur Katze, bewege mich aber kein Stück von der Couch runter und schalte auch nicht um. US-amerikanische Kochsendungen (oder nennen wir sie besser: Nahrungsmittelthemensendungen) haben einen Schrecken an sich, eine Mischung aus Grauen und Faszination, da kommt kein Horrorfilm hin.

Jedenfalls starre ich den Fernseher, wo sie jetzt Himbeermarmelade einfüllen, in etwas, das aussieht wie ein platter Berliner (Pfannkuchen), nur eben dreimal so groß, und die Katze sagt etwas darüber, dass Katzen niemals Diabetes bekommen, weil sie viel zu irgendwas sind und dann noch was über den glykämischen Index von Mäusen. Währenddessen schiebt sich ein dicker Mann die Donuts, die der dünne Mann geschaffen hat, mit großen, schlingenden Bissen in den Mund.

„Hörst du mir überhaupt zu?“, fragt die Katze.

„Klar.“

„Was habe ich gesagt?“

„Dass Katzen keinen Diabetes bekommen, weil sie etwas Besseres sind.“

Für einen Moment ist Stille.

„Lasse ich gelten“, sagt die Katze dann und wir sehen wieder friedlich und gemeinsam dabei zu, wie man in den USA Nachtisch bereitet. Inzwischen geht es um Eis.

„Weißt du“, sage ich, „amerikanisches Essen ist, wenn du etwas wirklich abartig Leckeres so übertreibst, so von allem zu viel zusammenstopfst, dass es irgendwo zwischen absurd und ekelhaft landet – und du am Ende nicht weißt, ob du es verschlingen oder auskotzen sollst.“

Jetzt isst der dicke Mann einen Eimer (ja, einen Eimer) voller Eis und Karamell und Keksstreuseln, ich sehe ihm dabei zu und es ist heiß, viel zu heiß, und die Katze sagt: „Kommt jetzt noch irgendein Bezug zur Literatur? Irgendwas mit Bücher verschlingen oder Worte kotzen oder? Immerhin ist das ein literarischer Blog und das Publikum könnte erwarten, dass wir hier auch Literarisches … thematisieren.“

„Nicht bei dem Wetter. Und überhaupt … Bücher sollten Privatsache sein. Ich habe das Gefühl, dass zur Zeit sehr viele Menschen von mir enttäuscht sind.“

„Weil du so eine miese Hausfrau bist oder weil du den Kiba-Dachi immer noch nicht kannst?“

„Als Leser. Du Katze, du. Ich mecker zu viel rum, kann mir keine Namen merken, finde keinen Gefallen, erwarte immer zu viel. Ich bin das dunkle Orakel der Literaturbesprechung. Lass uns lieber noch eine Folge kucken – als nächstes kommt was mit Keksen.“

„Als Katze“, sagt die Katze, „legt man keinen Wert darauf, was jemand denkt oder nicht denkt – liest oder nicht liest. Hauptsache er weiß, wo der Thunfisch steht und öffnet rechtzeitig die Dose.“

„Im Zweifel fängt man sich eine Maus.“

„Bücher“, sagt die Katze und nickt mir wohlwollend zu, „sollten sein wie Mäuse – niedriger glykämischer Index, zu blöd zum Weglaufen, so übersichtlich wie unterhaltsam und nahrhaft, ohne zu sättigen.“

„Ich werde es mir merken.“

 

 

 

 

 

 

 

aus Gründen

Es gibt viele Gründe nicht zu schreiben. Der heutige: Ich liege wie eine Robbe im Tankini im quietschblauben Pool, der gerade so auf den Balkon gequetscht ist, und starre in den Mammutbaum und das Blau dahinter.

Es ist seit Wochen glühend heiß in Berlin, der letzte Stress-Arbeits-Gedöns-Overkill ist vorbei und wie so oft, wenn man Zeit zum Schreiben hat, tut man es nicht. Stattdessen ist da der Pool und der Mammutbaum und die Gedanken, die der Frage nachhängen, warum man einst geschrieben hat und warum man es nicht mehr tut.

Die Begründungen, die üblicherweise angeführt werden für das Schreiben, reichen von Berufswunsch bis ’nur für mich‘. Es gibt die, die der Veröffentlichung nachjagen (und letztlich lernen, zu schreiben, was veröffentlichbar ist – und die, die das noch nicht gelernt haben), es gibt jene, die sich selbst in ihren Texten suchen und finden, solche, denen es genügt der eigenen Stimme zu lauschen, und manche (das sind die raren), die einer literarischen Idee nachjagen. Die letzteren ordnen sich auch irgendwann ein – in jene, die lernen veröffentlichungswirksam zu schaffen und jene, die es konsequent nicht tun.

Ich habe nie nur für mich geschrieben. Wozu auch? Dann könnte ich auch einfach den Stimmen in meinem Kopf lauschen und mir das öde Getippe sparen. Aber es war auch nie der Wunsch nach Veröffentlichung, nach dem ‚eigenen Buch‘, die Vision eines Namen auf einem Pappdeckel oder das ‚Erwähltwerden‘ durch einen Verlag, das mich antrieb.

Man verstehe es nicht falsch: jeder Mensch möchte in dem, was er ist und was er tut, Anerkennung finden. Und wenn ich Texte zu Wettbewerben schicke, möchte ich diese gewinnen. Aber, und das ist die Krux, ich möchte aus den richtigen Gründen gewinnen. Nicht aus politischen, nicht aus zufälligen, nicht weil man berechnend-manipulativ Erwartungen erfüllt. Nicht weil die Jury mit Text/Autorennamen glänzen kann (oder rebellieren), nicht weil der Praktikant keine Lust mehr hatte, noch 500 Einsendungen zu sichten, und nicht, weil Onkel Heinz den Ausschreibenden kennt.

Allein: weil der Text gut genug war, deswegen soll er gewinnen. Weil er dieses Stück anders war und etwas zu erzählen hatte, was man nicht gleich wieder vergisst.

Und all das liegt darin begründet, dass der (vielleicht einzige) Grund meines Schreibens stets war, der Stille zu entkommen. Jenem Raum, in den ich hineingeboren wurde und in dem keines meiner Worte einen hörbaren Klang hatte. In dem, was ich sagte und aussprach, erzählte und laut dachte, herausschrie und in den Wind brüllte, ungehört an den Ohren zerschellte.

Ob es an mir lag, liegt, liegen wird – und meine Worte nicht von dem Erzählen, was für andere sichtbar ist, ob es willentlich und unabsichtlich, ob es Unaufmerksamkeit oder Befremdung oder nur Desinteresse ist – ob es daran liegt, dass was ich zu sagen habe, nicht wert ist, gehört zu werden … ich weiß es nicht. Es spielt auch keine Rolle.

Das Schreiben war das Verbuchen, das Festhalten, das Transformieren alle dessen, was ich meine sagen zu müssen, weil es doch irgendjemand sagen muss, weil es doch nicht verschwiegen werden darf, weil dieses Schweigen/Verschweigen der Grund für so vieles ist, was nicht gut ist und doch so viel besser sein könnte, weil das Aussprechen der erste Schritt zum Verstehen ist und das Verstehen der Schritt zum Wandel … und wenn ich das buche, aufschreibe, kann es Augen finden, Herzen, Gehirne, denen die Stille so unerträglich ist wie mir.

Und wenn ich nur gut genug bin, wenn es mir gelingt, eine Sprache für das Unsagbare zu finden, dann. Dann.

Es mag sein, es ist mir nie gelungen einen Text zu schreiben, der gut genug war. Der dieses Stück anders war und etwas zu erzählen hatte, was man nicht gleich wieder vergisst.

Weiß man nicht, niemand kann seine eigenen Texte lesen und bewerten. Aber am Ende scheint es mir wahrscheinlicher, dass der Raum der Stille ein undurchdringbarer ist – und mir und meinen Mitteln keine Augen und Ohren auffindbar sind, keine Herzen und Hirne, die sehen, was ich sehe und darüber sprechen wollen, worüber ich sprechen will und die verstehen wollen, was ich verstehen will.

»Es ist illusionär, Schreiben als etwas anderes zu sehen als den Versuch zur extremen Individualisierung.« (Karl Heinz Bohrer)

Aber ich habe nie geschrieben, um mich zu individualisieren. Ich habe geschrieben, um nicht mehr allein zu sein.

von wegen Bushido

„Nur Irre da draußen! Denkt dran! Nur Irre!“

Vor mir steht ein kleiner Mann im weißen Schlafanzug. Er steht in einer Halle und wiederholt in gebrüllter Litanei, es seien nur Irre da draußen, man müsse sich wehren können, sich verteidigen. Bereit sein, fit sein.

Ich schaue an mir herab – und auch ich trage einen weißen Schlafanzug. Es hat ungefähr 32°C, 90% Luftfeuchtigkeit, Schweiß tropft von meinem Kinn, als sei ich ein undichter Wasserhahn. Draußen ziehen dunkle Wolken auf und drinnen bewegen sich Menschen unter den Befehlen des kleinen Mannes in Weiß, immer gleich und in stetiger Wiederholung.

„Nur Irre!“

Nur Irre, denke ich. Aber eher hier drinnen als da draußen – denn das ist kein Alptraum, das ist Karate.

*

Wieso ich einen Sport betreibe, bei dem man sich permanent anbrüllt, weiß ich auch nicht so genau. Wobei das mit dem Anbrüllen noch begreifbarer ist als das mit dem Sport. Ich meine: Sport.

Wäh.

Es gibt nichts, was mich weniger interessiert. Ich mag mich nicht quälen, ich mag nicht schwitzen, ich mag nicht leiden, ich mag nicht auf Stangen klettern, auf dem Kopf stehen oder mich nach einem depperten Ball hechten. Habe keinerlei Zwang herumzurennen, zu springen und kein Bedürfnis zu wetteifern. Brauch ich alles nicht.

Akzeptabel ist nur, im Wasser herumzuplanschen – oder auf etwas zu schießen. Ob jetzt mit Darts, Bogen oder Nerf-Knarren ist mir egal. Das kann ich und dafür spring ich dann auch mal hinter irgendwas hervor.

Beim  Karate aber lauten die Gebote:

  • keinen  Spaß haben (wir sind schließlich nicht beim Fußball)
  • leidvolle Körperertüchtigung (das muss weh tun)
  • und sich gehorsam und devot zu zeigen.

Nein, ich weiß wirklich nicht, warum ich das mache.

„In Spanien machen’se auch Sport“, sagt der kleine, weiße Mann und schaut mir vorwurfsvoll beim Japsen und Schwitzen zu.

„In der Geschlossenen auch“, antworte ich und das war es schon wieder mit dem Gehorsam. Dass ich keine zwanzig Liegestütze für den Spruch machen muss, liegt nur daran, dass ich deren Webseite baue. Merke: der Sportler braucht auch den Nicht-Sportler, weil der Nicht-Sportler ausreichend Sauerstoff für Hirntätigkeit übrig hat.

Und der Nicht-Sportler (also ich) bewegt sich in dieser fremden Welt aus Schinderei, Geschrei und meditativer Aggression wie ein Alien. Staunend, lernend und mit Heimweh (nach der Couch.)

Es ist seltsam, wo Wohlfühlzonen verlaufen, aber nehmen wir das ‚Kiai‘ – der Kampfschrei, der zum Karate dazu gehört wie der Schlafanzug. Es ist gar nicht so einfach (und reichlich peinlich) in der Luft herumzufuchteln und ‚Ei‘ zu verlauten.

Ich habe fast 1 1/2 Jahre gebraucht, bis es nicht mehr so klang, wie man ‚Frühstück-Ei‘ sagt.

‚Ei‘

Ich bin schließlich ein Mädchen aus gutem Hause – und als meine Großmutter mir im Kindergarten riet, einem Mädchen, das mich permanent drangsalierte, doch einfach einen ordentlichen ‚Hürzers‘ zu verpassen, da war zu Hause aber was los. Meine Mutter verbot mir das ausdrücklich und auf Ewigkeit. Aggression ist nicht erlaubt, Kloppen ist nicht erlaubt. Nett sein muss man.

‚Ei‘

Nicht, dass ich jetzt hingehen könnte und jenem Mädchen einen Hürzers verpassen. Also rein technisch schon, soweit reicht es, aber mental … und allein das macht schon jeden Kampfsport bei und mit mir sinnlos, ich hätte ja eh nie die Chuzpe, jemanden umzuhauen.

Und darum geht es. Im Gegensatz zu Boxen oder Fechten, wo man rundenbasiert aufeinander einklopft bzw. einstochert, geht es beim Karate um genau einen Schlag. Oder zwei. Blog-Schlag-Puff-Umfallen. Der perfekte Hürzers, der Gegner k.o.

Da komme ich nie hin. Und wenn man bedenkt, welches Talent ich zum Schießen habe, könnte ich nicht nur mein Sportlerleben sondern auch meine Selbstverteidung weit bequemer, effektiver und unterhaltsamer gestalten.

Stattdessen werfe ich mir den Gi über (Gi sagt man, wenn der Sensei einem verboten hat, den weißen Anzug als hässlichen Schlafanzug und/oder Salamipelle zu bezeichnen) und tropfe mir den Weg zur Halle frei. Bei über 30 °C. Und das ganze mit Kiai.

‚Ei‘