Zeitmaschinen

Vielleicht ist es gar keine Liebe. Nur fällt mir kein anderes Wort ein um das Gefühl zu beschreiben, wenn es einem so vorkommt, als hätte man schon das ganze Leben gemeinsam verbracht, obwohl man sich erst seit einigen Monaten kennt.

Der äußere Schein interessiert mich nicht. Das ist Maske, Make-up, Stoff. Den Menschen dahinter entdeckt man erst nach und nach. Und wenn er gut ist, spielt die Hülle keine Rolle. Stößt er einen ab, kann auch die schönste Verpackung nichts daran ändern. Außer man ist ein oberflächlicher Mensch, aber oberflächliche Menschen kommen gar nicht dahin, wo wir sind.

Das Alter ist ein Krebs, der dich von außen her verzehrt. Du fühlst dich gut, aber da sind diese Falten in den Augenwinkeln, der etwas schlaffe Mund, der Bauch, der eine halbherzige Schwangerschaft nachäfft, die vom Stauwasser angedickten Fußknöchel. Hinzu kommen Schmerzen, mit denen du Bekanntschaft machst wie früher mit anderen Müttern auf dem Spielplatz. Innen aber bist du stehengeblieben, hast aufgehört älter zu werden, irgendwann zwischen dem fünfunddreißigsten und vierzigsten Lebensjahr und fortan hatte alles, was mit deinem Körper passiert, nichts mehr mit dir zu tun. Deine faltigen Brüste sind dir so unbegreiflich wie die Tatsache, dass es jemanden noch Freude macht, sie zu berühren.

Ich glaube nicht, dass es einen Sinn hinter all dem gibt was uns zustößt. Es passiert einfach, greift in unser Leben und erst später wird dir klar, dass du nicht mehr der bist, der du vorher warst. Man hält sich an dem fest, was man kennt und denkt sich, wenn du das jetzt auch noch verlierst, musst du ganz von vorne anfangen. Aber dieses Vorne, ahnst du, ist mit jedem Tag ein Stück weiter weg.

Als ich Sonja erzählte, dass ich einen Mann kennengelernt habe, weiteten sich ihre Augen und sie strahlte über das ganze Gesicht. Sie hatte ihren Vater zwar geliebt, aber nach seinem Tod nicht wirklich vermisst. Manche Menschen sind besser eine Erinnerung als realer Teil deines Lebens. Wie er hieße, wollte sie wissen, was er mache, wie er aussehe. Nur die eine, die entscheidende Frage stellte sie nicht. Weil es ihr überhaupt nicht in den Sinn kam. Das kann ich ihr nicht verübeln, denn mir wäre es auch nicht in den Sinn gekommen. Hätte Sonja mir von einem neuen Liebhaber erzählt, es wären womöglich Stunden des Redens und Zuhörens vergangen, bis ich jene Frage gestellt hätte, welche in dem ganzen Zusammenhang die am wenigsten wichtige ist.

Vater starb als ich elf Jahre alt war. Sie hatten nahe Kleinweiler eine Grube ausgehoben und waren gerade dabei, die Kipplaster zu befüllen. Einer der Arbeiter verschloss die Heckklappe nicht richtig und als die Baggerschaufel eine gute Tonne Erde auf die Ladefläche warf, sprang sie auf und zerschlug Vater den Kopf. Meine Mutter heiratete bald wieder und ich lief, wie das alle in meinem Alter taten, irgendwelchen Träumen hinterher. Erreicht habe ich sie nie, aber ich gewöhnte mich an das Laufen.

Ich würde es nicht Verachtung nennen. Auch Entsetzen trifft es nicht. Verständnislosigkeit schon eher. Weil ihnen die Erfahrung darüber abgeht. Weil sie es gewohnt sind, dass sich Gleichaltrige zusammenfinden oder es eben alte Männer mit Geld sind, denen sich junge Frauen, aus welchen Gründen auch immer, an den Hals werfen. Wenn du als ältere Frau aber mit einem wesentlich jüngeren Mann ausgehst und dein Verhalten erkennen lässt, hier handelt es sich nicht um Mutter und Sohn, da springen allen die Fragezeichen aus den Gesichtern. Die stehen allerdings, vermute ich, nur hinter den Sätzen, die sich mit den Motiven des Mannes beschäftigen.

Wie lernt man sich kennen? So, wie alle anderen auch. Durch Zufall. Ich hatte etwas Geld gespart und war noch nie am Meer gewesen. Im Reisebüro empfahlen sie mir eine Pauschalreise. Das Hotel nur fünf Minuten vom Strand entfernt, im Landesinneren eine Menge Sehenswürdigkeiten. Es käme bestimmt keine Langweile auf, auch wenn ich alleine reiste. Und dann ist es doch irgendwie langweilig, trotz Meer und Unmengen alter Steine, die Geschichten erzählen. Mit dem Urlaub ist es wie mit dem Essen. Egal, wie gut es ist, alleine schmeckt es ein wenig schal. Auf der Tour zu einer der Ruinenstätten saßen wir nebeneinander im Bus. Wir unterhielten uns und so fing es an.

Natürlich schmeichelt es dir, auch wenn du es zunächst nicht ernst nimmst. Es ist so, als schaue man eine romantische Komödie, deren Mangel an Realismus man belächelt, sie aber trotzdem genießt. Dann allerdings passiert etwas, mit dem du nicht gerechnet hast. Du fühlst dich nicht mehr geschmeichelt, sondern herausgefordert. Du identifizierst dich mit dem, was du denkst, das der andere in dir sieht und dieser Blick auf dich selbst erinnert dich an früher und du wirst süchtig danach, so wie du früher süchtig danach warst. Verliebt sein, das ist weniger das Verlangen nach der anderen Person, sondern der Rausch in den du gerätst, wenn du den verklärten Blick des anderen auf dich selbst übernimmst.

Mein Freundeskreis ist überschaubar. Die meisten kenne ich seit der Schule. Man trifft sich am Wochenende oder zu den üblichen Feiern. Mit dem einen geht man zu einem Fußballspiel, mit dem anderen zum Kegeln. Einige heirateten früh, einige etwas später. Einer ist mittlerweile schon zwei Mal geschieden. Hat auf unsere Freundschaft aber keine Auswirkung, so wenig wie der Umstand, dass ich nie geheiratete habe. Und auch jetzt ist es so wie früher. Wenn wir mit den Familien zusammen sind, habe ich sie dabei und alle sind froh damit. Sie selbst, glaube ich, auch. Mache ich etwas mit den Freunden alleine, sprechen wir nicht darüber. Nicht über Kinder, nicht über Scheidungen, nicht über unsere Frauen. Vielleicht sind wir deswegen noch Freunde.

Wann fängt man an sich zu schämen? Scham, das kommt immer von außen. Sie gehört zu den Dingen, die man einem Menschen erst beibringen muss. So wie Religion und Hass. Oft sind es die Menschen, die dir am nächsten stehen. Und weil es Sonja war, kam noch die Demütigung dazu, mich wie ein Kind zu fühlen, das sich vor seinen Eltern rechtfertigen muss. Diese Umkehrung der Verhältnisse, wenn man vom eigenen Kind Moralpredigten gehalten bekommt. Von einem Mutterkomplex sprach sie bei ihm und ich wolle wohl auf Biegen und Brechen meine Jugend zurück, als würden wir uns gegenseitig als Zeitmaschinen benutzen. Ich weiß, dass sie es nicht so meinte und Angst davor hatte, jemand bräche mein altes Herz. Aber selbst unsere eigenen Kinder haben keine Ahnung davon, wie alt oder wie jung unser Herz wirklich ist.

Wie ich über das Altwerden denke? Wie denken Sie denn darüber? Wie denken Sie über Ihre Geburt? Das sind doch Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben. Natürlich wird sie vor mir sterben, wenn mir kein Unglück zustößt. Aber was hat das mit dem Hier und Jetzt zu tun? Mit dem Leben, das wir heute führen. Fragen Sie mich, wenn es soweit ist und dann sage ich Ihnen, was ich darüber denke.

Mit dem Feminismus stand ich immer ein klein wenig auf Kriegsfuß, weil mir die Tendenz nicht gefiel, aus dem berechtigten Wunsch nach Gleichberechtigung auch eine grundsätzliche Gleichheit abzuleiten. Männer und Frauen sind nun mal verschieden. Verstehen Sie mich nicht falsch, der Kampf der Frauen ist noch lange nicht vorbei. Aber er sollte an den richtigen Fronten gekämpft werden. Ich befinde mich im Moment in der Etappe und genieße das Gefühl, keiner Bedrohung ausgesetzt zu sein. Er beschützt mich. Nicht auf diese grobmännliche Art, als sei ich sein Eigentum. Ich habe einen Wert für ihn. Und dieser Wert rührt daher, dass ich eine Frau bin. Ich bin das, was er nie sein kann. Und was die Vermutung meiner Tochter angeht: in der männlichen Anhänglichkeit was uns Frauen betrifft, ob wir nun zwanzig oder sechzig sind, schwebt doch immer eine gewisse Muttersehnsucht, oder? Ihre Fixierung auf unsere Brüste, ihre Sucht nach unserem Schoß, die völlige Dreingabe ihrer Sinne wenn sie den Höhepunkt erreichen, das kommt doch nicht nur vom Testosteron.

Sie sagt mir, was sie erwartet und ich sage ihr, ob ich das kann. Das war bei den anderen Frauen, den jüngeren, nicht so. Da musste ich es erraten und lag meistens falsch. Oder dachte, ich läge falsch. Das ist der Grund, warum man ab einem gewissen Alter keine Freundschaften mehr schließen kann, weil einem die Zeit fehlt, jemanden so lesen zu lernen, dass das Miteinander selbstverständlich wird. Sie aber macht aus sich kein Geheimnis und was mich angeht, ich war schon immer leicht zu durchschauen. Sollte es also nicht funktionieren, werden wir das rechtzeitig kommen sehen.

In zwei Wochen feiern wir unser Einjähriges und fahren wieder ans Meer. Obwohl es ziemlich kitschig ist. Der Ort hatte mit all dem ja nichts zu tun. Nett ist es aber trotzdem und ich freu mich schon darauf, neben ihm im Bus zu sitzen und heimlich mitzulesen, wenn er in seinen Reiseführer vertieft ist. Irgendwann wird er es bemerken, mir das Büchlein hinhalten und sagen: Nehmen Sie ruhig, ich bin damit fast durch. Und ich werde antworten: Nein, lassen Sie sich bitte nicht stören. Nur halten Sie das Buch einfach ein bisschen zu mir herüber, dann können wir beide darin lesen.

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