Widerstand

Meine Vorstrafe habe ich der Tatsache zu verdanken, dass ich einen alten Mann geschlagen habe. Niedergeschlagen hieß es sogar in der Urteilsbegründung, obwohl es in Wahrheit nur eine Ohrfeige war. Aber jener Mann, beinahe neunzig Jahre alt, ging an Krücken. So hat ihn meine – im Grunde nur symbolisch gemeinte – Geste der Verachtung niedergestreckt und mir ein Jahr auf Bewährung eingebracht. Hätte ich das vorher gewusst, wäre es wirklich ein Schlag gewesen, nicht nur eine Backpfeife, die mir in diesem Moment wie ein handfestes Ausspucken vorkam, hatte der Alte doch auf jene Gedenktafel gespuckt, die sich zwischen dem Gasteig und dem GEMA-Gebäude befindet und an Georg Elser erinnert. Ein richtiger Schlag, das wäre eine passende Antwort gewesen. Eine Antwort, die voll und ganz meinen Empfindungen entsprochen und die sich für mich daraus erwachsenden Konsequenzen völlig außer Acht gelassen hätte. Doch in dieser Erwiderung meinerseits – mein Spucken mit der Handfläche auf sein tatsächliches Spucken – lag neben der Empörung auch die Angst um mich selbst. Man schlägt keine alten Menschen. Ich musste daran gedacht haben, denn das Erste was ich tat, nachdem der alte Mann zu Boden gefallen und seine Frau hysterisch zu schreien begann, war mich umzusehen. Zunächst aber schien der Platz leer, außer einer jungen Frau, die nur wenige Schritte von mir entfernt stand und sich die Hand vor den Mund hielt. Ich sah, wie sie den Kopf schüttelte und nahm an, sie habe alles beobachtete und ihr offensichtliches Unverständnis galt nicht meiner Tat, sondern der des Alten. Für einen Moment trafen sich unsere Blicke. Es war sowohl Einverständnis wie Schrecken in der Art, wie sie mich ansah. Im ersten Moment fühlte ich mich erleichtert, weil ich meinte einen Zeugen zu haben, jemanden, der die Richtigkeit meiner Handlungsweise bestätigen könnte. Doch sobald sich von über all her Menschen näherten, sich dem am Boden liegenden Alten annahmen und seine immer noch wimmernde Frau zu beruhigen suchten, drehte sich die junge Frau um und ging weg. Irgendjemand hielt mich dann fest und kurz darauf kam auch schon die Polizei.

Der Prozess dauerte nur einen Tag. Der alte Mann beteuerte, er habe lediglich niesen müssen. Und ich sei wüst schimpfend auf ihn zugekommen und hätte ihn ohne Vorwarnung geschlagen. Ich dagegen beharrte auf meiner Version, der Alte hätte mit voller Absicht auf die Gedenktafel, und damit auf Elser selbst gespuckt. Da es aber außer seiner Frau keine Zeugen gab, schenkte der Richter mir keinen Glauben und ich wurde verurteilt. Die junge Frau habe ich nicht erwähnt. Warum auch? Ich habe keine Ahnung, ob sie wirklich alles beobachtet und meine Reaktion wirklich verstanden hatte. Vielleicht fehlte ihr der Mut oder sie war nicht so dumm wie ich. Was hilft es, darüber nachzudenken? Ja, ich hoffe, sie war einfach nur feige. Dafür hätten ich, und vielleicht auch Elser, das meiste Verständnis.

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