Welches Geräusch machen Weltbilder, wenn sie zusammenbrechen?

XI

 

Man sieht nie nur sein eigenes Gesicht wenn man in den Spiegel schaut.

 

 

Amparo und die Arschlöcher

 

Woraus diese Erinnerung besteht:

Ein Ort am Rande des Dschungels, eine Frau, deren Intimität durch die Arena einer Gerichtsverhandlung getrieben wird, drei Richter, alle Anfang dreißig, alle weiß, alle verheiratet, alle kinderlos. Ich bin einer von ihnen und fühle mich, wie immer wenn ich für die Sache eintrete, im Recht.

Die Frau lebt in einem schäbigen Dorf an der Pazifikküste und gehört der Gemeinde von Esmeraldas an. Ihr Fehlverhalten kommt dem dortigen Ältesten zu Ohren, worauf er mich und einen anderen Hirten um Hilfe bittet, müssen bei Exkommunikationsverhandlungen doch mindestens drei Geistliche anwesend sein. Die Beschuldigte hat naturgemäß alleine und ohne jedweden Beistand zu erscheinen.

Das Gemeindehaus von Esmeraldas ist ein flacher Backsteinbau, umgeben von Bretterbuden, deren Einrichtung meistens nur aus Hängematten und billigen Gaskochern besteht. In dem Gebäude ist es angenehm kühl und wir suchen uns ein Plätzchen im hinteren Teil des Saales. Der Älteste von Esmeraldas ist ein kleiner sanfter Mann. Er heißt Juan, kommt ursprünglich aus Quito und es ist nicht zu übersehen, wie sehr ihm das Leben an der Küste zu schaffen macht. Ständig wischt er sich den Schweiß von der Stirn oder nestelt an seiner Krawatte, als empfände er sie als ständige Bedrohung.

Mit mir im Bus angereist ist Edvin Holmgren, ein symphytischer Schwede, der als Sekretär der Gemeinde von Ibarra dient. Er wohnt mit seiner Frau etwas außerhalb der Stadt und sein Haus ist jedes Wochenende Treffpunkt für uns europäische Missionare. Wir grillen, spielen Tennis oder Golf und schwimmen in dem riesigen Plastikpool, den sich Edvin extra aus Schweden hat schicken lassen. In seinem großen Garten wachsen Avocados, Strauchtomaten und Sternfrüchte. Seine drei Rottweiler laufen ständig an dem hohen Drahtzaun entlang, der sein Grundstück umgibt.

Wir beginnen die Verhandlung mit einem Gebet. Oh Herr, lass deinen Geist in unserer Mitte sein, damit wir unserer Schwester helfen können, einsichtig und demütig zu werden. Amen.

Juan schildert kurz den Sachverhalt. Schwester Amparo, verheiratet und Mutter von drei kleinen Kindern, lebe mit einem Mann zusammen, der nicht ihr Ehemann sei. Bei einem Gespräch unter vier Augen habe sie eingestanden, mit diesem Mann regelmäßig Geschlechtsverkehr zu haben.

Wo ist dein Ehemann, frage ich Amparo. Sie schaut das erste Mal, seit sie den Raum betreten hat auf. Ihre Augen sind so dunkel wie ihre Haut.

Verschwunden, sagt sie mit heiserer Stimme, seit drei Jahren nun schon. Er habe damals behauptet, eine Arbeit gefunden zu haben und deswegen für einige Zeit nach Kolumbien gehen zu müssen. Dann sei er weg und nie wiedergekommen.

Und der Mann, der jetzt bei dir lebt?

Ein Freund. Er kümmert sich um uns, kauft Essen und Kleider für die Kinder. Meine älteste Tochter kommt bald in die Schule und er hat angeboten, das Büchergeld zu bezahlen. Er ist Fischer.

Und dafür, dass er sich kümmert, Essen kauft und das Schuldgeld bezahlt, will er bei dir wohnen, stelle ich fest.

Amparo nickt.

Nicht nur bei dir wohnen, setzte ich hinzu, sondern auch, dass du mit ihm ins Bett gehst.

Amparo nickt abermals. Sie hätte sonst niemanden, der sich um sie und die Kindern sorge. Ein paar Sucres verdiene sie als Näherin, aber das sei nicht genug, um die Kinder zu ernähren, von der Schule ganz abgesehen.

Zwingt er dich dazu, Sex mit ihm zu haben, fragt Juan.

Ich verstehe nicht, sagt Amparo.

Zwingt er dich zum Sex oder machst du das freiwillig? Hast du Spaß daran, ihm gefällig zu sein?

Amparo schüttelt den Kopf und vergräbt das Gesicht in ihren Händen.

 

Wir haben genug gehört. Der Sachverhalt ist klar: Ehebruch und Hurerei.

Die nächste halbe Stunde lesen wir Bibelverse vor und fragen Amparo, was sie meine, wie Gott wohl über ihr Verhalten dächte. Sie vermutet, er sei ihretwegen sehr traurig.

Wir schicken die Frau vor die Tür und beraten uns kurz. Dann verkünden wir unser Urteil. Ausschluss aus der Gemeinschaft. Amparo nimmt es auf wie ein Mensch, der schlechte Nachrichten gewohnt ist.  Aber als wir sie ohne Gebet entlassen, fängt sie an zu weinen.

Auf dem Rückweg planen Edvin und ich den Abend. Zunächst einige Runde schwimmen im Pool und dann ein paar saftige Steaks auf den Grill werfen. Sie hätten aus Schweden neue DVDs geschickt bekommen, sagte Edvin, die könnten wir uns danach noch anschauen.

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