Vor der Zerreißprobe

Die Ereignisse von Köln und die Reaktionen darauf offenbaren drei grundlegende Probleme, denen wir uns zu stellen haben.

 

1.

Das Projekt der Gleichstellung von Mann und Frau ist genauso ins Stocken geraten, wie der Säkularisierungsprozess. Zwar wurden auf beiden Gebieten große Fortschritte gemacht, aber die Bemühungen wurden nicht konsequent weiter geführt. Noch immer reden die Politiker von der „christlich-jüdischen Wertegemeinschaft“ statt von einer humanistischen Gesellschaft. Man beruft sich auf Traditionen, die in ihrem Kern frauenfeindlich sind und auf einer patriarchalischen Weltsicht beruhen. Gleichberechtigung kann es erst dann geben, wenn die Politik sich von dem Einfluss überkommener Ideologien freimacht und den Menschen, ungeachtet seines Geschlechts, in den Mittelpunkt stellt. Eine solche Politik würde mit allen gebotenen Rechtsmitteln gegen jede Form von sexualisierter Gewalt vorgehen. Und eine wirklich säkulare Gesellschaft ließe es nicht zu, dass steinzeitliche Rollenbilder weiterhin ihr Denken und Handeln beeinflussen.

 

2.

Der rechte Mob ist wieder da und hinterlässt überall seine braunen Spuren. Vergleiche mit der Weimarer Republik Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre sind deshalb angebracht, weil sie als Warnung dienen. Hört man sich die Reden von AFD- und Pegida-Wortführern an, so läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Wer sich nur annähernd mit der jüngeren deutschen Geschichte auskennt, dem wird diese Rhetorik bekannt vorkommen und die Art, wie Parolen in eine schäumende Menge gebrüllt werden.

 

3.

Die Zuwanderung aus Gesellschaften, in denen der oben erwähnte Säkularisierungsprozess noch in den Kinderschuhen steckt, bzw. überhaupt nicht begonnen hat. Niemand legt sein Weltbild ab, nur weil seine Heimat in Schutt und Asche gebombt wurde oder er sich anderswo ein besseres Leben verspricht. Es ist das einzige Gepäck, das ihm nicht verloren geht, egal wie beschwerlich die Reise auch sein mag.

 

Jedes Problem für sich ist schon schwer genug zu lösen, alle drei zusammen aber stellen unsere Gesellschaft vor eine – im wahrsten Sinne des Wortes – Zerreißprobe. Daher muss sie sich überlegen, was sie wirklich zusammenhalten kann. Ist es die Überzeugung, dass nur eine demokratische Grundordnung in der Lage ist, Freiheit und individuelle Entfaltung eines jeden Einzelnen zu ermöglichen, oder doch eher das Vertrauen auf eine starke Hand, die unter Berufung auf Traditionen und althergebrachte Wertvorstellung für Ordnung sorgt?

Will man ersteres, dann ist es unausweichlich den Weg der Aufklärung zu Ende zu gehen. Die zweite Wahl dagegen bedeutet das Ende der Aufklärung und den Rückfall in Zeiten, die wir heute zurecht als finster bezeichnen.

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