Vom Hören und vom Sagen

Über Jan Weidners Vom Hörensagen

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Keine Geschichte wird ohne Grund erzählt. Auch wenn wir uns in stillen Gedanken selbst Zeugnis ablegen, steckt immer eine Absicht dahinter. Diese ist untrennbar mit der Erzählung verbunden, mag sie sich auch noch so gut verstecken oder gar absichtlich verschleiert werden. Erzählen heißt immer manipulieren und wer einer Geschichte zuhört, ist an ihrem Ende nicht mehr der Mensch, der er an ihrem Anfang gewesen war. Wehren kann man sich dagegen nur, indem man eine andere Geschichte dagegensetzt, besser gesagt, eine andere Version der Geschichte, vielleicht sogar mehrere. Man steht dem Gehörten solange machtlos gegenüber, bis man selbst das Wort ergreift und die Welt aufs Neue erschafft.

Unter diesem Gesichtspunkt bekommt der Titel Vom Hörensagen eine doppelte Bedeutung. Zunächst die allgemein übliche, einen Umstand nicht aus eigener Anschauung, sondern nur durch die Erzählungen anderer zu kennen. Der Erzähler in Jan Weidners Geschichte hat viel gehört – Gerede von Nachbarn und anderen Dorfbewohnern – über die Frau, mit der er sich in einem Raum befindet, die er von Kindheit an kennt, von der aber dennoch nicht viel weiß und die ihm nun, während sie gemeinsam auf ein bestimmtes Ereignis warten, ein Geständnis ablegen will.

Man kann Vom Hörensagen aber auch so verstehen, dass auf das Hören das Sagen folgt, weil nur durch das eigene Sagen des Gehörten, durch das Neuerzählen, die Dinge für einen selbst an Klarheit gewinnen können, nur so ein Begreifen möglich ist. Denn alles ließe sich begreifen, so der Erzähler, und in einen Satz fassen, wenn er nur gut genug ist.

Wie aber sieht er aus, der Satz, der gut genug ist? Das Buch gibt die Antwort, indem es sie nicht gibt, sondern das Bemühen des Erzählers schildert, diesen zu finden. Es ist nicht nur die Geschichte zweier Menschen, deren Fremdartigkeit sie zwar verbindet, letztendlich aber keine wirkliche Berührung zulässt, eine Geschichte von Anziehung und Abstoßung, von Zurückweisung und Schuld, vom grausamen Schweigen und ebenso grausamen Reden, sondern auch eine über die schmerzhafte Suche nach Wahrhaftigkeit, die, soviel wird klar, nichts mit Wahrheit zu tun hat, sondern mit dem Erkennen der eigenen Rolle, die man spielt – sei es als Hörender oder Sagender.

 

Was aus dem Buch, neben seiner klugen Komposition, seiner eindringlichen Sprache und einer Geschichte, die Seite um Seite mehr gefangen nimmt und letztendlich in Mark und Bein fährt, etwas Besonders macht, ist das angehängte Begleitwort einer Leserin, in der Anja Goeft-Sozza der Geschichte und ihrem Erzähler mit sprachlichem Feingefühl und intellektueller Sensibilität nahe zu kommen sucht. Dieses Nachwort verstärkt das Gefühl, das man nach der Lektüre von „Vom Hörensagen“ ohnehin hatte, indem sie ein passendes Wort dafür findet: Erschütterung. Eine Erschütterung, die sich nicht nur dem tragischen Handlungsverlauf schuldet. Man ist außerdem Zeuge geworden, was es bedeutet um Worte zu ringen, damit sie dem gerecht werden, was erzählt werden soll, erzählt werden muss.

 

Jan Weidner, Vom Hörensagen, zuckerstudio waldbrunn, ISBN 978-3-7357-5891-0

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