Hängebuchen und Höhlenzeichnungen

Neuzugänge in der Bibliothek

Zugegeben – es findet sich nicht viel Lyrik in der Bibliothek des Tlönfahrers. Was aber vorhanden ist, liegt mir besonders am Herzen. Sei es aus einer bewundernden Abneigung wie bei Benn; aus Gründen, die mit der eigenen Geschichte zu tun haben wie bei Garcia-Lorca; weil die zu den Lieblingsautoren zählenden eben auch Gedichte geschrieben haben und diese nicht fehlen dürfen, wie bei Borges und Sebald; oder weil ich das Glück hatte, Menschen kennenzulernen, bei denen die Einzigartigkeit ihres Blickes auf die Welt und das Leben und wie sie diesen in eine ganz eigene Sprache bannen, Verbindung eingeht mit der persönlichen Wertschätzung, die ich empfinde, diese besonderen Autorinnen zu kennen. Das trifft auf Lorraine zu, deren Gedichtband „was ein netz kann“ schon vor einiger Zeit erschien und von dem auf dieser Seite zu einem anderen Zeitpunkt noch die Rede sein wird.

Neu in diesem illustren Kreis ist der Gedichtband von Jana Grolms mit dem Titel „der schlüssel liegt im Geranientopf“.

Auf dem Rücken des Heftes stehen die Zeilen:

Johannisperlchen schwingen aus / Gelassen mimt die Ruhe / ihr Zwischenspiel als wäre es / ein wieder Da

Schon ein erstes Überfliegen der Gedichte lässt ahnen, dem Dazwischen wird hier gebührender Raum gegeben. Nicht dem Dazwischen enger Lücken selbstverliebter Wortspielereien, sondern in dem, was man ganz nüchtern über das Leben zu erzählen weiß, ist man nicht erst gestern aus dem Ei geschlüpft. Unwillkürlich wird man an die Zeilen von Leonard Cohen erinnert: There is a crack in everything / that’s how the light gets in.


Die zweite Neuankunft ist von einem „alten Bekannten“, finden sich doch sämtliche von ihm auf Deutsch eschienen Bücher in meiner Bibliothek. „Der himmlische Jäger“ von Roberto Calasso. Calasso ist nebenberuflich Verleger, und das schon so lange, dass er bereits Anfang der siebziger Jahre Ingeborg Bachmanns Gedichte in Italien herausbrachte (und sie kurz vor ihrem Tod noch in Rom im Krankenhaus besuchte). Hauptberuflich aber ist er Leser. Aber zum Glück nicht nur das. Er ist der seltene Glücksfall eines Menschen, der das Gelesene umzusetzen weiß in eine Prosa, die sich einer genauen Kategorisierung entzieht, die oszilliert zwischen Essay, geschichtlicher und literaturhistorischer Betrachtung, die alles zu umgreifen sucht, von den indischen Veden, über griechische Mytholgie, den Werken Tiepolos und Baudelaires, dem diplomatischen Treiben eines Taillerand bis hin zu Kafka und einem explizit kritischen Blick auf die Moderne, die er das Unsagbare Heute nennt.

„Der himmlische Jäger“ nun nimmt den Übergang vom Tier zum Menschen in den Blick. Und auch den Übergang vom Gott zum Tier, denn es gab einmal eine Zeit, in der man nicht wusste, ob das, was einem über den Weg lief nun ein Tier oder doch ein Gott war.

Calasso ist einer, der es nicht duldet, dass der Mensch sich von seinen Wurzeln trennt, auch wenn diese ihn schon lange nicht mehr nähren und er blasiert allem Metaphysischen verächtlich den Rücken gekehrt hat. Zwar überspannt er dabei manchmal den Bogen, aber selbst dann ist er immer geistreich, ruft eine Unzahl von Zeugen auf und anstatt ihm zu widersprechen fragt man sich verblüfft, wie es möglich ist, dass jemand in einem einzigen Leben so viel gelesen haben kann.