Fragezeichen, Ungewissheiten und Überzeugungen.

Der Impfstoff gegen Postfaktizismus und dem lobotomisierndem Verharren in einer Filterblase besteht nicht nur aus Bildung und der Konfrontation mit konträren Meinungen, sondern auch in der Bereitschaft und Fähigkeit, seinen eigenen Standpunkt zu hinterfragen.Woran es bei vielen mangelt, ist das kritische Selbstgespräch – nicht zu verwechseln mit dem ständigen Dahinplappern des Bewusstseins, das man euphemistisch „Denken“ nennt – die zielgerichtete Selbstbefragung, die nicht so nebenbei bewerkstelligt werden kann, weil sie Anstrengung erfordert und frustrierende Arbeit ist, wird sie nur gründlich genug ausgeführt. Frustrierend, da man nie an ein Ende gelangt und niemals alle Fragen restlos beantwortet werden können.

Analysiere ich mein derzeitiges Weltbild, so komme ich unweigerlich auf die obige Kategorisierung in Fragen, Ungewissheiten und Überzeugungen. Unter Fragen fallen Dinge, mit denen ich mich noch nicht gründlich genug beschäftigt habe, die aber eine enorme Wichtigkeit besitzen. Zum Beispiel:

 

  • Gibt es eine Alternative zum Kapitalismus bzw. ist der Sozialismus (Kommunismus) wirklich schon zu Ende gedacht?
  • Was wärest du bereit zu riskieren, um deine Meinungsfreiheit zu verteidigen?
  • Ist es überhaupt möglich, das System von innen heraus zu kritisieren, da man doch gleichzeitig sein Nutznießer ist und ohne die Zugeständnisse des Systems die Kritik überhaupt nicht hörbar wäre?
  • Die repräsentative Demokratie ist ein Auslaufmodell wie der Diesel-Motor. Was ist das politische Äquivalent zum Elektro-Auto?

 

Ungewissheiten sind Meinungen, die auf wackeligem Boden stehen, sich nach einem sicheren Fundament sehnen oder unter ihrer Diffusität leiden. Darunter wären:

 

  • Alle Religionen sind menschliche Konstrukte und Welterklärungsmodule. Das schlimmste von allen ist das Christentum. Noch schlimmer allerdings ist der Islam.
  • Will die Spezies Mensch sich auf Dauer behaupten, wird sie zu einem szientistisch-technokratischen Faschismus Zuflucht nehmen oder sich unter das Diktat künstlicher Intelligenzen stellen müssen, welche utilitaristischen Algorithmen folgen und Entscheidungen treffen, die von  dem einzelnen Individuum als ungerecht bis grausam empfunden werden können.
  • Individuelle Freiheit wird sich nie auf Dauer und universell durchsetzen können, weil individuell auch immer heißt, dass der Kompromissbereitschaft Grenzen gesetzt sind. Und die durch den Wünschewald geschlagene Schneise wird, weil sie nur gerade gezogen werden kann, zwangsläufig Gewinner und Verlierer hinterlassen.
  • Die Grenze der Toleranz verläuft auf einer schmalen Linie, die sich entweder kurz vor oder kurz hinter dem Schlagbaum ihres eigenen Selbstverständnisses befindet. Im öffentlichen Diskurs ist das der Unterschied zwischen radikal und liberal.

 

Bleiben noch die Überzeugungen:

 

  • Es gibt keinen Gott.
  • Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten, ein wunderbares, weltoffenes und liberales Land, das die Unterstützung der gesamten westlichen Welt verdient. Sollte ich einmal aus Deutschland fliehen müssen, ich würde versuchen, nach Israel zu kommen.
  • Wir brauchen in Deutschland nicht nur eine starke Sozialdemokratie, die sich endlich eindeutig gegen die Anbetung der schwarzen Null positioniert und, am besten flankiert von einer sich auf ihre Grundlagen rückbesinnende FDP, echte Oppositionsarbeit macht, sondern auch eine konservative Kraft, die auf Basis des Grundgesetztes denjenigen eine politische Heimat bietet, die ihren Weihnachtsmarkt genauso lieben, wie den sonntäglichen Kirchengang und das herbstliche Schützenfest. Nicht jeder, der sich vor Überfremdung fürchtet und dem beim Anblick sich küssender Männer oder Frauen flau im Magen wird, ist Rassist oder homophob. Er ist womöglich nur ein Mensch, der sich vor dem fürchtet, was er nicht kennt. Dem könnte man linke Projektarbeit entgegensetzen oder aber einfach eine konservative Auffangschale, wie es die CDU und CSU über Jahrzehnte waren, ohne dass es den Rechtsstaat auseinandergerissen hätte.
  • Der Fluch der deutschen Politik der letzten Jahre: Die große Koalition und die schwarze Null.
  • Geschichten zu schreiben ist immer noch cool.
  • Wenn Bob Dylan nur ein Fünkchen Ehre in seiner Seele hätte, würde er den Nobelpreis persönlich bei Philipp Roth vorbeibringen mit dem Hinweis, er wolle nicht Nutznießer der Inkompetenz und Lesebehinderung eines Komitees sein, das auch einer IKEA-Aufbauanleitung einen Preis verleihen würde, wäre diese in Usbekistan geschrieben oder auf den Lofoten gesungen worden.
  • Wir werden alle sterben.

2 comments for “Fragezeichen, Ungewissheiten und Überzeugungen.

  1. Gerda Jäger
    28. November 2016 at 18:28

    Daumen hoch! Ja, und danke für deine Gedanken, die bedacht werden müssen.

  2. fiffy
    28. November 2016 at 22:39

    Das erste Mal, dass ich das deutsche Wort fuer post-truth oder post-truthism gelesen habe.
    Postfaktizismus. Wow.

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