Extremismus und Fieber

Slavoj Zizek schreibt in seinem Buch „Ärger im Paradies“ über terroristische Fundamentalisten, diese seien im Grunde keine wirklichen Fundamentalisten, da ihnen das fehle, was alle Fundamentalisten, gleich welcher Couleur, ausmache: die Abwesenheit von Verbitterung und Neid, die große Gleichgültigkeit gegenüber der Lebensweise der Ungläubigen.

Das kann ich bestätigen. In den vielen Jahren als aktiver Zeuge Jehovas habe ich keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, die Ungläubigen zu bestrafen. Das war Gott vorbehalten. Auch habe ich mich nie in meinen religiösen Gefühlen verletzt gefühlt- obwohl wir wegen unserer aggressiven Missionierung oftmals verbal und manchmal sogar tätlich angegriffen wurden- weil diese über alles, was die Ungläubigen von sich gaben, erhaben waren. Das Gefühl auf der richtigen Seite zu sein, bringt eine große Gelassenheit mit sich. Es sei denn, Neid mischt sich in den Blick auf den Andersdenkenden. Dann muss der Mangel im eigenen Weltbild kompensiert werden. Das ist, was den religiösen Terrorismus antreibt: Das Austreiben der Unzulänglichkeit der eigenen Ideologie durch das Mundtotmachen all derer, die ihr widersprechen. Der Pseudofundamentalismus hat eine tiefe Sehnsucht nach der Akzeptanz seiner Feinde. Er möchte im globalen Spiel „Alle mit Allen“ mitmachen, kann aber nicht damit leben, dass nicht nur er die Regeln bestimmt. Er operiert aus einer Position der Schwäche heraus, da ihm seine religiöse Überzeugung zum Dasein in der Welt nicht ausreicht, das Fehlende aber, eben wegen dieser Überzeugung, unerreichbar ist.

Während Religion im allgemeinen die Verankerung in einem schlüssigen Weltbild bedeutet und zur existenziellen Beruhigung beiträgt, ist der aktuelle Fundamentalismus die Umkehr dieser Ruhigstellung in eine maßlose Abwehrreaktion auf alles, was die eigene Position in Frage stellt. Der Grund hierfür liegt in der verdrängten Einsicht, wie unzeitgemäß der eigene Standpunkt ist. Hieraus erklärt sich vor allem die islamische Sensibilität, weil gerade in dieser Religion die Diskrepanz zwischen Glaubensinhalten und dem gesellschaftlichen Status Quo- zumindest in den westlichen Ländern- am deutlichsten hervortritt.

Das verletzte religiöse Gefühl ist das Kind, das man nicht mitspielen lässt, weil es nicht versteht, dass „zusammen spielen“ und „alle spielen nach meinen Regeln“ sich nicht miteinander vereinbaren lassen. Und der Terrorismus ist das wilde Aufbegehren des Zurückgewiesenen.

Aus diesem Grund bekämpft man den religiösen Terrorismus auch nicht dadurch, dass man einer Religion gewisse Zugeständnisse macht, Privilegien einräumt oder die Kritik an ihrer Ideologie mit einem Tabu belegt (Stichwort Islamophobie). Das wird die Extremisten nicht beruhigen. Im Gegenteil, denn jedes Zugeständnis – das schreibt auch Zizek – ist ein weiterer Beweis ihrer Schwäche.

Die Aussage, der islamische Extremismus und Terrorismus hätte mit dem Islam nichts zu tun, ist grundlegend falsch. Er ist die Immunreaktion dieser Ideologie auf eine Umwelt, in der sie in ihrer jetzigen Form nicht mehr auf Dauer existieren kann. Das Christentum hat sich mehrheitlich dieses Fieber kuriert, in dem es seinen Stoffwechsel an eine moderne, nach wissenschaftlichen Erkenntnissen orientierte Weltsicht weitestgehend angepasst hat. Dem Islam steht dies noch bevor.

 

  • Slavoj Zizek, Ärger im Paradies, Verlag S.Fischer, ISBN 978-3-10-002388-9

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