Briefe an die Zukunft


Wer über die Vergangenheit schreibt, hat immer die Zukunft im Sinn. Das trifft besonders auf Historiker zu und unter diesen in noch stärkerem Maße auf diejenigen, deren Thema die deutsche Vergangenheit ist. Sich mit der deutschen Geschichte der letzten zweihundert Jahre zu beschäftigten (um genau zu sein seit 1815) ist eine Profession für Menschen, denen es nichts ausmacht sich beständig an den Kopf zu greifen. So viel ist da falsch gelaufen. Um so größer natürlich die Hoffnung, man möge doch bitte daraus lernen.

Einer, der die Mühe auf sich genommen hat das Vergangene aufzuzeichnen, zu analysieren, damit künftige Generationen nicht nur verstehen, sondern auch die richtigen Schlüsse zu ziehen vermögen, war Sebastian Haffner. Seine Bücher über Hitler, das Deutsche Reich, die Entwicklung von Bismarck bis zu Hitler, Preußen und andere, mit der deutschen Geschichte verbundenen Themen wurden zum Teil Besteller und hatten Millionenauflagen.

Nun war Haffner eigentlich kein Historiker, sondern in erster Linie Journalist und schrieb für englische und deutsche Zeitungen und Zeitschriften. So auch für die Konkret, in der er zwischen 1963 und 1971 Buchrezensionen verfasste. 1982 veröffentlichte er 36 dieser Artikel in überarbeiteter Form in dem kleinen Bändchen „Zur Zeitgeschichte“, das vom Rowohlt-Verlag in seiner Repertoire-Reihe 2017 wieder aufgelegt wurde. Zum Glück.

Schon auf der ersten Seite, in dem Essay „Über Geschichtsschreibung“ wird einem klar, es hier mit einem besonderen Büchlein, vor allem aber mit einem besonderen Autor zu tun zu haben, der um die Probleme seines Gegenstandes genau Bescheid weiß:

„Geschichtsschreibung ist in erster Linie Kunst: wie jede Kunst besteht sie hauptsächlich im Weglassen. Die meisten französischen und englischen Geschichtsschreiber wissen das instinktiv; deswegen sind sie so lesbar und so wirksam. Die meisten deutschen und amerikanischen Geschichtsschreiber wissen das nicht; fast alle ihre Werke sind überdokumentierte, unlesbare Wälzer (die Unlesbarkeit fängt schon damit an, dass man sie im Bett, wo die meisten Leute lesen, nicht in der Hand halten kann). Die meisten deutschen Historiker wollen dem Leser mit ihren Detailkenntnissen imponieren und ertränken ihn in Material. Der Historiker ist aber gerade dazu da, dem Leser die Materialverarbeitung abzunehmen und ihm Extrakte und Resultate zu liefern, und zwar in pointierter, griffiger Form. Das ist schwerer als einfach seine Zettelkästen über den Leser auszuschütten: aber man wird dafür belohnt: Man wird gelesen, und zwar mit Genuss und Dankbarkeit.“

Auch wenn Haffner hier den Historiker Arthur Rosenberg im Sinn hat (was die pointierte, lesbare Art der Geschichtsschreibung angeht), trifft das Gesagte doch auch voll und ganz auf ihn zu.

Was machen aber nun Buchbesprechungen aus den sechziger Jahren heute noch lesenswert? Zum einen natürlich die Bücher selbst, behandeln doch einige von ihnen Themen und Probleme, die uns heute noch auf den Nägeln brennen, viel mehr noch als damals. So zum Beispiel das Buch „Die Reichen und die Superreichen“ von Ferdinand Lundberg, in Deutschland erschienen 1969. Lundberg beschreibt hier die schon damals bestehende Klasse von Superreichen, die sich schon weit außerhalb der Spähre des reichen und erfolgreichen Unternehmers befanden, der aber immer noch in der Gefahr schwebte, seinen Reichtum wieder zu verlieren. Der Reichtum der Superreichen aber war ob seiner Größe schon damals systemrelevant, ihr Einfluss auf Politik und Gesellschaft so tiefgreifend wie undurchschaubar. Und das lange vor einem Warren Buffet, Jeff Bezos oder Bill Gates.

Auch der Essay über die Christliche Linke ließt sich erstaunlich aktuell – man braucht nur aus links rechts zu machen und käme zu ähnlichen Schlussfolgerungen.

Des Weiteren enthalten diese Essays wertvolle Literaturhinweise. So zum Beispiel auf C.V. Wedgwoods Buch über den dreißigjährigen Krieg. Ein echter Geheimtipp. Ich habe mir das Buch gekauft und es ist mit Abstand das Beste, was ich bisher zu dem Thema gelesen habe. Auf Wedgwood trifft zu hundert Prozent das zu, was Haffner über die englischen Geschichtsschreiber, in diesem Fall eine Geschichtsschreiberin, gesagt hat.

Es werden auch einige historischen Irrtümer berichtig, Irrtümer, die sich bin in unsere Zeit halten. Zum Beispiel was den Staat Preußen angeht, dessen Erbe die Alliierten unter anderem als Grund für die nationalistische und kriegerische Hysterie und Barbarei der Deutschen verantwortlich machten und deshalb versuchten, dieses mit Stumpf und Stiel auszureißen, so dass im öffentlichen Leben an Preußen heute nur noch die Namen mancher Fußballklubs erinnern. Dass Preußen aber der Gegenentwurf zum Nationalstaat war, ihm ein kleines Deutschland eher im Sinne lag und es Kaiser und Bürgertum waren, die das Deutsche Reich wünschten und dieses schnellst möglich zu einem Imperium machen wollten, ein Wunsch, dessen Scheitern schließlich zur Naziherrschaft führte –  in der Schulbuchgeschichtsschreibung kommt das nicht vor. Überhaupt Preußen, bei all dem Übel, dem Militarismus und der Gängelei seiner Untertanen, wer weiß was aus Deutschland geworden wäre, hätte es nur ein, zwar preußisches, Deutschland gegeben, aber kein Deutsches Reich. Aber auch das ist Geschichte, die Beschäftigung mit dem Konjunktiv der, was die Vergangenheit betrifft zwar fruchtlos ist, bei Überlegungen wie die Zukunft aussehen könnte aber durchaus den einen oder anderen erhellenden Gedanken bereithalten kann.

Nur in zwei Essays schießt Haffner über das Ziel hinaus, beziehungsweise zeigt er eine für ihn ungewöhnliche Naivität (um das Wort Dummheit zu vermeiden). Diese betreffen die Wissenschaft und da kommt der Konservative in ihm zum Vorschein, da ist er dann doch ganz Kind seiner Zeit. Wobei man auch über diese, für den heutigen Leser rückständige, Gedanken diskutieren kann, vielleicht sogar muss, erleben wir doch heute eine Regression, verliert die wissenschaftliche Erkenntnis gegenüber dem was geglaubt wird mehr und mehr an Zuspruch.

Explizit geht es um die Frage Wissenschaft als Religion und was Haffner nicht begreift ist, dass man diese beiden Dinge nicht vergleichen kann, dass sie nicht die gleiche Sprache sprechen und eine Gesellschaft, die der Religion entsagt und sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert, Wissenschaft nicht als Religionsersatz ansieht, besonders wenn es um die Frage geht, woraus man seine ethischen Leitsätze herleitet. Das Bild des kalten Wissenschaftlers, der sich nicht um Moral, sondern nur um Ergebnisse und Resultate schert, ist ein Bild aus Zeiten des kalten Krieges, als der Atomtod als gefühlte Bedrohung in den Herzen der Menschen saß. Zum Glück sind wir heute weiter.

Dessen ungeachtet sind Haffners Essays eine erhellende Lektüre trotz ihres Alters und wegen ihrer Aktualität und dem Wissensschatz den sie erhalten. Sie sind Briefe, vor fünfzig Jahren geschrieben auf der Suche nach Adressaten in der Zukunft, die heute ist.

Sebastian Haffner, Zur Zeitgeschichte, rowohlt repertoire, ISBN 978-3-688-10217-4

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