Autobiografie

Ich lese selten Autobiografien und wenn, dann überspringe ich meistens die Jahre der Kindheit. Die Gründe dafür sind vielfältig und mir zum Teil wahrscheinlich selbst verborgen. Vordergründig würde ich sagen: Mich interessiert der fertige Mensch mehr als der werdende, seine bewussten Taten mehr, als das ohnmächtige Hineingeschobenwerden in ein bestimmtes Lebensumfeld. Hier genügen mir Eckdaten, die mir helfen die Person in einen bestimmten Kontext einzuordnen, wissend, dass dieser nur bedingt Einfluss auf sein weiteres Handeln hatte. Dies kann und muss bei manchen Lebenserzählungen natürlich zu kurz greifen und ein vollständiges Verstehen mag nur möglich sein, wenn die früheste Lebensphase nicht ausgeblendet wird.  

Man mag dies als eine bloße Eigenart in den Lesegewohnheiten abtun, sie bekommt aber Relevanz, wenn sich die Frage stellt, ob man seine eigene Lebensgeschichte aufschreiben soll. Gründe dafür gäbe es. Das Aufwachsen in einer christlich-fundamentalistischen Sekte, der schmerzhafte Abnabelungsprozess, die komplette Trennung von der Familie etc. Andererseits ist dies tausendfach erlebt und hundertfach erzählt worden, so dass man schnell zu der Erkenntnis gelangt, außer persönliche Befindlichkeiten nichts mehr Neues hinzufügen zu können. Vor allem, wenn die eigene Geschichte jener Dramatik entbehrt, die viele in solchen Berichten zu finden hoffen. Auf weiten Strecken wäre meine Erzählung eine von Harmonie, Frieden und Hoffnung geprägte Rückschau unter der die subtile Grausamkeit, die als Grundmelodie jeden Tag begleitete, verschüttet würde, versuchte man sie nicht durch Überzeichnungen und Übertreibungen ans Tageslicht zu befördern.  Das aber entspräche nicht den Tatsachen. Abgesehen davon müsste sich meine Autobiografie tatsächlich zum großen Teil auf die Kindheit und Jugend konzentrieren, jenen von mir als Leser gerne vernachlässigten Lebensphasen.  All dies ließ mich bisher zu dem Schluss kommen, eine Erzählung der eigenen Lebensgeschichte lohne sich nicht der Mühe des Schreibens und viel weniger noch der Mühe des Lesens.

Dennoch ist der Wunsch vorhanden von sich selbst zu erzählen. Aber wie? Der erste Schritt bestand in der totalen Verfremdung. Im Erzählband „Das Albgeräusch“ finden sich Geschichten wie „Das Brot“, die Textreihe „Wenn wir sterben…“, „Die Madonna von Coin“ und andere, die man als das Abarbeiten am Lebensthema bezeichnen kann, ohne dass sie wirklich Rückschlüsse auf das vom Autor Erlebtem zulassen. Des Weiteren findet sich auf dem Tlönfahrer-Blog die Reihe „Welches Geräusch machen Weltbilder, wenn sie zusammenbrechen?“. Diese autobiografischen Texte konzentrieren sich auf das Thema der Scham. Zum einen die einem Anhänger eines monotheistischen Weltbildes inhärente, muss er seine Handlungen doch stets dem ihm von einer übergeordneten Instanz auferlegtem und unerreichbaren Moralkodex abgleichen und sich dabei täglich seine Unzulänglichkeit eingestehen. Und dann die Scham, die einen überkommt, wenn man seinen Irrtum erkennt, sich aus dem Gedanken und Gefühlskorsett befreit und sich der eigenen, über Jahrzehnte hinweg praktizierten Torheit gewahr wird.

Nur – Scham ist kein eigenes Gefühl. Es existiert nur in Gegenwart eines anderen, eines Beobachters und dringt nicht wirklich durch zum Kern, zur eigenen Person. Es muss etwas geben, das jenseits davon liegt aber dennoch einen Erkenntnisgewinn verspricht.  

Wie so oft, wenn man nicht weiterweiß, hilft einem das Lesen. Ich lese hauptsächlich aus zwei Gründen: Um zu lernen und um mich anregen und auf neue Gedanken bringen zulassen. Und so haben die Lektüre von Pete Sloterdijks „Du muss dein Leben ändern“, eine anthropologische Untersuchung des Menschen als übendes Wesen und Didier Eribons „Gesellschaft als Urteil“, eine Nachschrift auf sein bekanntes Buch „Rückkehr nach Reims“ meine Gedanken oszillieren und mich hinsichtlich der eigenen Biografie zu einer Erkenntnis kommen lassen. Beschreibt Sloterdijk den an sich selbst arbeitenden Menschen als einen Extremisten, der bereit ist, sich aus seinem vertrauten Umfeld komplett zu lösen, um sich selbst zum Gegenstand eines Neuanfangs, einer Selbstformung zu machen, so ist Eribon als Soziologe der Auffassung,  dass der Weg zu sich selbst nur über eine Wiederaneignung des Umfeldes möglich ist, in dem man aufgewachsen ist (er erklärt mir sozusagen, dass ich Autobiografien völlig falsch lese, wenn ich die Kapitel über Kindheit oder Jugend überspringe und bewertet jegliche Autobiografie, die das Umfeld der kindlichen Sozialisierung außer Acht lässt, als unvollständig).

Im Energiefeld, das diese zwei Pole aufbauen ergibt sich für mich folgendes Bild:

Ich habe mein vertrautes Umfeld verlassen, nicht nur Familie, sondern auch Wertvorstellung, Weltanschauung und Erfahrungsschatz von vier Jahrzehnten, und bin ein im ursprünglichem Wortsinn Asket geworden, ein sich übender Mensch, wobei das Ziel der Übung darin besteht, der zu sein, der ich sein möchte, anstatt jemand, der den Ansprüchen anderer (Gott, Kirche, Familie) genügt. Auf der anderen Seite steht die kindliche Prägung durch das streng religiöse Umfeld, die nicht geleugnet werden kann, möchte ich mir selbst gegenüber aufrichtig sein. Das eine steht dem anderen Weg und eine Lösung zeichnet sich für mich nur darin ab, herauszufinden, ob es in mir etwas gab, das vor der Prägung existierte und nun dem entspricht, was ich sein möchte.

Da wäre der einzige Grund, eine Autobiografie zu schreiben. Sich auf die Suche zu machen nach den Bruchstücken des Ich, die in mir angelegt waren bevor ich meinen ersten Atemzug tat, die der alltäglichen Indoktrination standhielten und nun, befreit von jedem ideologischen Zwang, darauf warten, durch Übung ausgebildet und zur Entfaltung gebracht zu werden.

Ich glaube, es gibt diese Bruchstücke. Aber um sicher zu sein, muss ich mich auf die Suche begeben.

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