Anfang

Es wird in diesem Blog in der Folge hauptsächlich um zwei Dinge gehen: Geschichte und Erinnerung. Damit ist der Bogen von vornherein weit gespannt. Wo beginnt Geschichte, wo beginnt Erinnerung? Überhaupt Erinnerung: Mit diesem Wort ist ja nicht nur das abgedeckt, was wir aus dem Selbsterlebten gedanklich zu reproduzieren imstande sind, sondern was durch das Befassen mit  Geschichte Teil des eigenen Erfahrungshorizontes geworden ist, indem man sich ein Wissen um bestimmte Ereignisse, Personen, politische und gesellschaftliche Konstellationen etc. angeeignet hat, sodass man A nicht mehr ohne B (und/oder C, F,G usw.) denken kann. Der Reiz und der Wert eines solchen „historischen Bewusstseins“ liegen gerade darin – in der Vermeidung isolierter Interpretationen der Gegenwart und der Erkenntnis, immer Teil einer viel komplexeren und mehrschichtigen Entwicklung zu sein als es den Anschein haben mag oder als es Demagogen, Populisten und andere Blasenbewohner einem weismachen wollen.

Selbst wenn Geschichtsschreibung, auch bei bestem Willen der Autorinnen und Autoren, niemals ganz objektiv sein kann, bietet sich dem Interessierten durch ausreichend weit gefächerte Lektüre ein recht klares Bild darüber, wo die Ursprünge des Menschen liegen, wie erste Zivilisationsstrukturen entstanden, die ersten „Hochkulturen“ aufkamen und wohin die Reise für die verschiedenen Stämme, Völker, Nationen, Ideologien und Religionen in den letzten zehntausend Jahren ging. Wirklich verwirrend ist nur das Hier und Jetzt, weniger ob der Frage, warum dieses Hier und Jetzt ausgerechnet so ist, wie wir es erleben und empfinden, sondern wegen der Offenheit und Unvorhersagbarkeit dessen, was auf uns zukommt. Diese Unsicherheit kann uns niemand nehmen, aber man kann, ohne Vermessen zu sein, behaupten, dass ein umfassendes Wissen um die Vergangenheit, wäre es bei Herrschern sowie Beherrschten vorhanden, unsere Zukunftsaussichten erheblich verbessern würde.  

Das persönliche Erinnern nun ist von ganz anderer Natur. Je weiter das Erlebte zurückreicht oder je emotionaler ein bestimmtes Ereignis für uns war, desto unzuverlässiger ist die zerebrale Reproduktion. Das Gehirn ist nun mal kein Computer, kein Notizblock, kein Fotoapparat, sondern der autark arbeitende Organisator eines lebenden Organismus, der bei hochentwickelten Spezies wie dem Menschen einen Hilfsarbeiter namens „Bewusstsein“ angestellt hat, der hilft Entscheidungen zu treffen, die über die reine Lebenserhaltung hinausgehen. Muss oder will der Hilfsarbeiter auf zurückliegende Ereignisse zugreifen, stehen ihm keine Filmaufnahmen oder Dokumente zur Verfügung, sondern es schickt ihm sein Chef eine Theatergruppe, die unter dessen Regie dem Hilfsarbeiter die gewünschten Szenen erneut vorspielt. Dabei behält der Boss es sich vor, mehr oder weniger tiefgreifende Änderungen vorzunehmen, immer das Wohl des gesamten Organismus in Betracht ziehend (und wie jeder Chef, kann er sich dabei eklatant irren). Manchmal verbietet er die Aufführung überhaupt und das Bewusstsein muss sich mit einer Leerstelle zufriedengeben.

Wir sehen, unsere Erinnerung kann uns durchaus Fake-History bieten und es bedarf einer Menge Geistesarbeit Fact und Fiction in der persönlichen Rückschau auseinander zu halten. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Menschen, die in einer sogenannten Filterblase leben, eine solche auch in ihrem Kopf haben was ihre Erinnerungen angeht. Geschichtsbewusstsein, Einordnung aktueller Geschehnisse und das Vertrauen in die Authentizität persönlicher Erinnerungen gehen also Hand in Hand was Grund genug ist, sich darüber Gedanken zu machen und – wenn es unbedingt sein muss – darüber zu schreiben.

Zurück zu den eingangs gestellten Fragen: Wo beginnt Geschichte? Wo beginnt Erinnerung? Wünschenswert wäre, eine Antwort zu finden. Das nämlich hieße, die eigene Erinnerung in das eingebettet zu haben, was man die Menschheitsgeschichte nennt und unabhängig von Nationalität, ethnischer und religiöser Zugehörigkeit einen Ort gefunden zu haben, an dem für jeden Menschen, egal welcher Provenienz, Platz und Heimat ist. Während jeder welterklärende Mythos und jede welterklärende Religion oder Ideologie einen ausschließenden Charakter hat, ist die Tatsache, dass wir alle das Ergebnis einer fortschreitenden Evolution, Vettern und Basen von Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans und überhaupt nur Tiere mit besonderen Fähigkeiten sind und uns genetisch von vielen Tierarten kaum unterscheiden, ein alle Menschen vereinender Umstand und lässt Unterschiede in Hautfarbe, Körpergröße, Haarwuchs und Augenform marginal erscheinen. Gläubige wüssten, jeder Gott stirbt mit dem letzten Menschen, der ihn verehrt und Nationalisten sowie völkisch Gesinnte wären sich der Fluidität genetischer Akkumulationen bewusst. Männern blieb der Rückgriff auf dominante Götter (und deren Propheten) verwehrt um ihr Patriachart zu zementieren und die Natur würde nicht mehr als etwas betrachtet, das man sich unterwerfen muss, nicht als Mittel zum Zweck; überhaupt wäre das Leben auf der Erde nicht mehr nur Durchgangsstation sondern alles was es gibt und somit alles, was es gibt, bewahrenswert.

Neben dem historischen Bewusstsein und dem ganz persönlichen Erinnern (das sich, wie oben gezeigt, bestenfalls ausdehnt und das Wissen um die Geschichte des Menschen in sich aufnimmt und bei der Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ und „Warum bin ich der, der ich bin?“ berücksichtigt wird), gibt es noch das sogenannte kollektive Gedächtnis der Gesellschaft, in der man lebt und in einer mehr oder weniger ausgeprägten Erinnerungskultur ihren Niederschlag findet. Als Deutscher kommt man um den Begriff „Erinnerungskultur“ nicht herum, ist diese in unserem Land doch sehr ausgeprägt und wird durch Gedenktage und -stätten, in Begleitung unzähliger Veranstaltungen an den entsprechenden Jahrestagen, am Leben gehalten. Dabei konzentriert sie sich hierzulande auf die Verbrechen des NS-Regimes und der sozialistischen Diktatur in der DDR. Dieses, in der Welt wahrscheinlich einzigartige Abarbeiten an der eigenen Vergangenheit ist ständiger Kritik ausgesetzt und sieht sich augenblicklich dem Problem ausgesetzt, dass die Generation der Zeitzeugen ausstirbt und Wege gefunden werden müssen, wie man diese kollektive Erinnerung an die nächste Generation, die keinerlei persönlichen Bezugspunkt zu den Ereignissen hat, weitergeben kann, ohne dass diese zu reinem Wissen erstarrt und die Frage „Was habe ich damit zu tun?“ ohne Antwort bleibt.

Die deutsche Erinnerungskultur ist bei all ihrer Widersprüchlichkeit etwas, das es zu bewahren, zu pflegen und auch immer wieder an die Bedürfnisse der Gesellschaft anzupassen gilt. Vor allem der Tendenz, das kollektive Gedächtnis endlich von den Erinnerungen an die Verbrechen der NS-Zeit zu entlasten (wie z.B. von prominenten Mitgliedern der AfD gefordert) und die Leerstelle mit die Volksseele stärkenden Mythen aufzufüllen, muss unbedingt entgegengewirkt werden. Welcher Weg dabei einzuschlagen ist, darf nicht nur der Politik überlassen bleiben, sondern müsste Anliegen eines jeden sein, dem am Erhalt unserer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft gelegen ist. Ich bin der Meinung, der Raum des kollektiven Erinnerns sollte nicht verkleinert, sondern vergrößert werden. Und statt ihn nur mit Routinehandlungen, Gedenktagen und Gedenkstätten (die ihre Notwendigkeit haben und auch behalten sollten) vollzustellen, muss er mit Leben gefüllt werden, mit Geschichten, Bildern, Stimmen, Gesichtern.   

In der Schule war mir der Geschichtsunterricht immer ein Gräuel (entsprechend schlecht waren auch die Noten), bestand er doch hauptsächlich aus dem stupiden Auswendiglernen von Jahreszahlen. Eines Tages jedoch brachte mein Vater ein Buch über die Geschichte des Mittelalters mit nach Hause. In Ermangelung anderen Lesestoffes nahm ich das Buch irgendwann zur Hand. Ein Kapitel beschäftigte sich mit Ortsnamen und wie diese heute noch Rückschlüsse auf die Geschichte jener Dörfer und Städte zuließen. Dieser Brückenschlag von der Vergangenheit zum Heute war mein „Erweckungserlebnis“ was Geschichte betrifft. Hierin liegt meines Erachtens der Schlüssel, wenn es darum geht Geschichte zu etwas Relevanten werden zu lassen. Das beginnt mit der Entwicklung des Menschen als ganz besonderer Zweig des evolutionären Stammbaumes und endet in der Transformation Deutschlands von einer obrigkeitshörigen und einem Führer verfallenen Gesellschaft in eine funktionierende Demokratie. Aber es geht weit darüber hinaus. Was hat es mit Europa auf sich? Worin begründet sich die Besonderheit der Briten und warum betrachteten die Deutschen so lange Zeit hindurch Frankreich als ihren Erbfeind? Wie wurde aus einigen englischen Kolonien die heutigen Weltmacht USA? Was ist mit Russland, China, Japan – überhaupt Asien? Daneben Kolonisierung und Dekolonisierung in Afrika, Asien und Südamerika. Und da wären noch die Ideologien und Religionen: Judentum, Christentum und Islam, Kapitalismus, Liberalismus und Kommunismus (ganz zu schweigen von der Ideengeschichte: Sokrates, Plato, Spinoza, Rousseau, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, Kant, Hegel, Marx, Freud, Heidegger, Satre, Foucault usw.). Ach ja, wer waren nochmals die 68er und die RAF? Warum streiten sich eigentlich Israelis und Araber die ganze Zeit? Wenn man den Blick nach hinten wagt, dann tut sich ein Berg von Fragen auf und ein immenses Wissen wartet auf einen. Und an all diesen Themen hängen Fäden, die mit dem Hier und Heute verbunden sind. Sie aufzunehmen und ihnen zu folgen heißt sich selbst und die Gegenwart zu verstehen. Und hie und da erlauben sie, natürlich immer nur spekulativ und unter skeptischen Vorbehalt, einen Blick in die Zukunft.