Aldo saß immer breitbeinig

Aldo saß immer breitbeinig. Sein Großvater, erzählte er, sei in der Fremdenlegion gewesen. In den Ardennen hätten die Franzosen ihn aufgegriffen und da er eine Totenkopfuniform trug, vor die Wahl zwischen Kriegsgericht und besagter Legion gestellt. Lange vor den Amerikanern sei er so in Indochina gelandet. Einmal hatte Aldo ein Foto gesehen von einem Mann mit kantigem Gesicht, auf dem Kopf eine Mütze rund wie ein Nudeltopf und einer Frau, von der man ihm sagte, sie sei seine Großmutter, was ihm einen gehörigen Schrecken einjagte, denn diese Frau sah aus wie ein kleines Mädchen.

 

Aldo saß immer breitbeinig. Aber es wirkte nicht wie das übliche maskuline Raumgreifen, sondern eher, als wolle er etwas willkommen heißen, das ihm bisher nicht begegnet war. Der Großvater hatte sich in Metz niedergelassen, nach dem Anschluss des Saarlandes zogen er und das Mädchen nach Saar-Louis. Hier kamen Aldos Mutter und seine fünf Onkel zur Welt. Er kannte sie nur aus Geschichten, denn sie hatten sich, wie die Mutter berichtete, in alle Winde zerstreut, weshalb Aldo bei jedem Sturm immer damit rechnete, dass einer von ihnen vor ihre Tür geweht würde, denn so viele Winde, dachte Aldo, konnte es ja nicht geben.

 

Manchmal schrieb Aldo seine Träume auf und sortiert sie wie die Filmangebote auf Netflix. Neu hinzugefügt; mit dem Profil von Aldo weiterträumen; weil Sie von banjospielenden Fröschen geträumt haben; Träume für einen Traummarathon; dramatische Träume. Wenn der Schalk ihm in den Nacken griff schrieb er: Kunden, die von brennenden Weihnachtsbäumen träumten, träumten auch von Goldfischen, die ihr Abitur vergeigten. Seine Mutter hatte damals eine Stelle in einem Hotel in Frankfurt bekommen und dort einen amerikanischen Soldaten kennengelernt. Ein Foto von ihm besaß Aldo nicht, aber seine Mutter hatte ihm erzählt, er sei groß und so dunkel gewesen, wie Großmutters Schrank aus Mooreiche. Einmal hätten ihnen ein paar Halbstarke auf ihren Mopeds nachgestellt, aber der Schrank aus Mooreiche sei flink gewesen und gerannt wie man das jetzt im Fernsehen sieht, dass die Dunklen rennen, bei Olympiaden zum Beispiel.

 

Aldo saß immer breitbeinig. In der U-Bahn, im Bus und auf dem Sofa. Elena aber forderte ihren Platz ein, schob das eine Bein zur Seite und ließ sich neben ihn fallen. Schaute ihn dabei an und wartete auf eine Reaktion. Manchmal grinste er. Dann fuhr ihm Elena mit ihren schlanken Fingern durchs Haar und sagte: Mein Großer. Wenn er nicht grinste, sondern auf den Fernseher starrte, mit so ernster Miene als würde man ihm dort gleich sagen, an welchem Tag er zu sterben hätte, legte sie ihre kleine Hand mit den schlanken Fingern auf das eben abgedrängte Bein und bat mit dieser Berührung um Entschuldigung. Es kam vor, dass Aldo dann davon sprach, wie schön es wäre, eigene Kinder zu haben. Es kam aber auch vor, dass Elena ihre Hand zurückzog (und damit ihre Entschuldigung) und ihrerseits anfing davon zu sprechen, wie schön es wäre, eigene Kinder zu haben.

 

Frau Süßkind nannte Aldo ihren Sonnenschein. So gut könne er lesen, wenn man bedenke. Herr Munsch bedachte nichts. Bei der Mathematik gab es diese Art von Rücksichtnahme nicht. Sie war – hatte Jesus nicht etwas Ähnliches vom Weg zum ewigen Leben erzählt- eine schmale Pforte, die man nur unter großen Anstrengungen zu durchschreiten vermochte. Und große Anstrengungen hatte er von Aldo nie gesehen. Eher ein Dahindümpeln in den Gemeinplätzen des Einmaleins. Herr Grevenbroich war sich unschlüssig in der Beurteilung des Schülers. Natürlich müsse man bedenken. Anderseits schade zu viel Rücksichtnahme auch denen, die eifrig vorangingen. Und darunter gab es auch solche wie Aldo. Frau Silly warf in der Notenkonferenz eine Fünf in den Raum wie eine Endlösung. Sie lehrte Religion und kannte sich damit aus.

 

Aldo saß immer breitbeinig. Meist trug er kurze Khakihosen, die etwas zu eng waren und man sehen konnte, auf welcher Seite es sich Hodensack und Gemächt bequem gemacht hatten. Er hatte kleine, grüne Augen, die blitzartig braun werden konnten. Sein Großvater hatte an Gott geglaubt, niemand von all den Toten, die ihn jede Nacht besuchten, änderte daran etwas. Aldos Mutter verwahrte ein Talisman in ihrer Kittelschürze und einmal, als sie glaubte, ihn verloren zu haben, wollte sie sich in eine Jauchegrube stürzen. Lazlo hatte sie im letzten Augenblick geschnappt und dabei geküsst. Sie heirateten und Aldo wusste nicht mehr, ob er da schon auf der Welt war oder erst vor der Welt, denn er dachte, dass sich die Menschen, wie an einer Supermarktkasse am Wochenende, anstellen um auf ihre Geburt zu warten. Dass sie da noch keine Menschen sind, war ihm klar, aber er hatte nie die Zeit sich vorzustellen, was sie zu diesem Zeitpunkt sind. Seelen vielleicht, Eidotter oder Tätowierungen auf der Haut von Sträflingen.

 

Beerdigungen waren Aldo ein Gräuel. Es wurde zu viel geredet, zu viele Menschen waren da und all die Blumen und Gebinde und Kränze verursachten bei ihm allergische Reaktionen. Kreuze mochte er auch nicht. Vor allem diejenigen nicht, an denen dieses schüchterne Männlein hing. Er hätte sich niemals. Seine Mutter liebte den Delinquenten, sprach mit ihm und rief ihn bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit an. Aldo kam er vor wie all die Männer, die ihr bisher begegnet waren. Selbstmitleidig und auf zerstörerische Art passiv. Nachts schaute er auf ntv gerne Dokumentationen über den Zweiten Weltkrieg und hoffte in einem der Filme seinen Großvater zu entdecken.

 

Aldo saß immer breitbeinig. Er hatte keine Schwester, die ihn darauf aufmerksam machen konnte. Einmal gab es etwas, das eine Schwester hätte werden können. Oder ein Bruder. Es wurde Blut im Klo. Die Mutter heulte vier Wochen lang. Peter gelang es nicht sie zu trösten und zog aus.

 

Aldo saß immer breitbeinig. Auch auf seiner Hochzeit. Es sang ein Kinderchor und Aldo meinte in den dünnen Stimmen etwas zu vernehmen, das schön war und auf alle Menschen gleichsam verteilt werden sollte. Sein frisch angetrauter Schwager fuhr das Hochzeitsauto. Auf dem Heimweg bog er zu schnell in eine Kurve und Chloé riss es aus ihrem Hochzeitskleid. Aldo kam heil davon. Der Schwager nahm sich zwei Wochen nach der Beerdigung das Leben.

 

Er hatte Bilder von Chloé, die er sich abends anschaute und dabei Wein trank. Die Wohnung ächzte vor Leere. Er sah auf die Fotos und dachte an seine Mutter. Die hatte immer gesagt, man könne nichts verlieren. Manches käme einem abhanden, aber dann wäre es so gewollt. Von wem gewollt, hatte er einmal gefragt und seine Mutter rümpfte die Nase, wie sie es immer tat, wenn man ihr zu nahe rückte oder eine unangebrachte Frage stellte. Von wem gewollt, wiederholte er die Frage und die Mutter nahm einen Staubwedel in die Hand oder den Spüllappen, irgendetwas unverfängliches jedenfalls mit dem sie anfing herumzuhantieren bis ihr eine dumme Antwort einfiel.

 

Die Thermoplastik AG war ein Zulieferer von Opel und Mercedes. Seit zwei Jahrzehnten bediente Aldo dort die Spritzgussmaschinen. Erst als Hilfsarbeiter, dann als Maschinenführer, am Ende als Schichtleiter. Er mochte den stetigen Wechsel zwischen Früh-, Mittags- und Spätschicht. Wenn er im Winter um halb elf Uhr abends aus der warmen Fabrikhalle trat, schien die kalte Luft zu ihm zu sprechen. Um sechs Uhr morgens war die Welt ein frisch gewischter Tisch, auf den Tag seine Dinge abstellte. Die Mittagsschicht erlaubte allerlei Erledigungen und für billiges Geld in drittklassigen Hotels zu frühstücken. Die erste Abmahnung bekam er wegen Alkoholkonsums während der Arbeit. Die zweite, weil er einen Kollegen geschlagen hatte. Als er dann, das erste Mal seit er bei der Thermoplastik AG arbeitete, zu spät kam, wurde er fristlos gekündigt.

 

Aldo saß immer breitbeinig. An seinem Schreibtisch in der Einzimmerwohnung. Er schrieb Listen:
Wünsche in schwachen Momenten; Wünsche in starken Momenten; Mutter; dreiblättrige Kleeblätter; vierblättrige Kleeblätter; Vater; Filme, die gut waren trotz Happy End; Filme die schlecht waren, obwohl kein Happy End; Gott.
Die Listen waren unterschiedlich lang und manchmal verschob er die Positionen innerhalb der Aufstellung. So stand ‚Schindlers Liste‘ eines Tages unter Gott und „No country for old man“ unter Mutter. Chloé aber stand immer unter den vierblättrigen Kleeblättern. Genauso wie das Mädchen neben dem Nudeltopfmann.

 

Nur einmal nach Chloé ging Aldo auf eine Hochzeit – er hatte sich vorher vergewissert, dass das Brautpaar mit einem Taxi die Feier verlassen würde – und inmitten der fraglos glücklichen oder zumindest zufriedenen Menschen kam er sich vor wie einer von diesen obskuren Zeitgenossen, die böse Kommentare unter harmlose, die Freuden des gelungenen oder zumindest halbwegs gelungenen Privatlebens zelebrierende Tweets schrieben. Obwohl er nichts sagte und außer mit einer entfernten Verwandten der Braut keinerlei Konversation pflegte. Er stand herum wie ein unnützes Möbelstück und trank sich in die gewohnte selbstherrliche Traurigkeit.

 

Aldo saß immer breitbeinig. Auf der Parkbank, die ihm während des Sommers als Bett diente. Auch wenn die Tauben und Spatzen ihn ärgerten, es war ein guter Platz. Ab und zu wurde er bestohlen und ab und zu bestahl er andere. Es war wie in der Fabrik, nur ohne Schicht. Der Lohn kam nicht von selbst. Chloé besuchte ihn in der Nacht, manchmal auch Elena. Wie das Leben wohl aussähe, gäbe es einen kleinen Aldo? Der wäre ja schon groß und was dächte er nun über seinen Vater? Egal, er dachte über seinen Vater was er wollte und niemand sollte ihm da hineinreden. Also durfte auch der kleine, nie dagewesene Aldo von seinem Vater halten, was er wolle. Überhaupt, dachte Aldo, sollte man jedem Menschen das Recht zugestehen, zu denken, wie er will. Das wäre ein Kreis, der in immer enger werdenden Spiralen zur Gerechtigkeit führe.

 

Der beißende Geruch weckte Aldo, aber da stand er schon in Flammen und hätte er sich dabei beobachten können, wie er gegen die ekligen Bisse der Hitze ankämpfte, hätte er sich wahrscheinlich gesagt: So ein Unsinn, dafür ist es doch längst zu spät. Er hätte in seine kochenden Augäpfel geschaut, an sein Leben gedacht und laut schreiend gefragt: Können wir das nicht nochmal von vorne beginnen?

Post navigation