2018/43

„It’s either sadness or euphoria.”

Billy Joel –  Summer, Highland Falls

 

Lektüre:

Axel Honneth – Anerkennung (angefangen)

Honneths Buch beschreibt die Geschichte des Begriffes „Anerkennung“, wobei er sich auf die Denktraditionen in Frankreich, England und Deutschland konzentriert. Honneth ist ein Spross der Frankfurter Schule (das Buch ist seinem Doktorvater Habermas gewidmet) und damit eine Antipode zu Sloterdijk, mit dem er sich über das Thema der Besteuerung Vermögender vor einigen Jahren kräftig in die Haare geriet.

Schon auf den ersten Seiten (es geht um Rousseau) ein Erkenntnisgewinn: Man kann unterscheiden zwischen der amour de soi, der Liebe zum eigenen Sein, die ganz auf sich selbst und das Fortbestehen der eigenen Existenz konzentriert ist, und der amour propre, die einen Betrachter erfordert, in dessen Augen man vorteilhaft erscheinen möchte. Zweitere wird von dem französischen Philosophen negativ beurteilt, weil diese Selbstliebe einen dazu verführen kann, sich vor anderen zu verstellen, um deren Wohlwollen zu erlangen.

Ich denke, evolutionshistorisch sind beide Verhaltensweisen gut zu erklären. Zum einen die instinktive Verteidigung der eigenen Existenz, bei der man sich nicht darum schert, was Andere wohl darüber denken, spielen die Anderen doch keinerlei Rolle mehr, unterliegt man in diesem Kampf.  Auf der anderen Seite die Positionierung im sozialen Geflecht, in dem man sich befindet. Anerkennung sichert das Überleben innerhalb der Gruppe. Akzeptanz der anderen Gruppenmitglieder, vor allem der Gruppenführer (diejenigen, die über die Verteilung der Ressourcen entscheiden), bietet einen Überlebensvorteil gegenüber denjenigen, die am Rand stehen. Daher auch die Bereitschaft, mehr aus sich zu machen, als man eigentlich ist.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten der Frühmenschen stark mit dem sozialen Gefüge verbunden war, das sie ausbildeten. Die Fähigkeit über sich hinauszudenken und zu antizipieren was andere dachten, sicherte den eigenen Fortbestand.

Das erklärt auch den Erfolg von Religionen. Waren die Götter erst in das soziale Gefüge implementiert, mussten auch sie in die Überlegungen der amour propre einbezogen werden . Da Bedrohung und Belohnung irgendwann das überstieg, was andere Menschen anbieten oder androhen konnten, standen sie ( bzw. mit dem Aufkommen des Monotheismus der eine Gott) bei diesen Überlegungen an erster Stelle. Interessant daran ist, dass es dennoch kein Gott geschafft hat, dem Menschen die Schauspielerei ganz auszutreiben und selbst in Kreisen fundamentalistischer Glaubensauslegung und -ausübung, Heuchelei und Verstellung an der Tagesordnung sind.

 

 

Schreiben:

Auf einem Gymnasium in Duisburg schreiben Schüler im Leistungskurs Deutsch Klausuren über meinen Text „Die Frechheit“ ( was mich natürlich ungemein freut und auch stolz macht) und ich frage mich, warum ich immer wieder so dumm bin, meine Texte bei Wettbewerben einer mir völlig fremden Jury zu Beurteilung deren Qualität und eventuellen Weiterverwertung zu schicken. Natürlich ist nicht alles was man schreibt wirklich „gut“,  aber ich sollte doch mittlerweile selbstbewusst genug sein, mir die Bestätigung der gewiss vorhandenen schriftstellerischen Fähigkeit nicht aus Kreisen einer zuallererst sich selbst verpflichteten Aufmerksamkeitsmaschinerie holen zu wollen. Vor allem, weil thematische Vorgaben und Begrenzungen des Umfangs einen Text nie das werden lassen, was er werden will, sondern nur, was er werden soll. Und das ist immer nur das zweitbeste Ergebnis.

Wenn man gewinnt, sieht man das naturgemäß anders.

Schreiben, das sollte auch aus der amour de soi herausgeschehen, aus einem reinen Selbsterhaltungstrieb, ohne Rücksicht auf die Anderen. Lässt man sich von seiner amour propre leiten und versucht zu gefallen, so mag das hin und wieder die gewünschte Anerkennung einbringen und vielleicht sogar einen Platz im Dunstkreis der Nahrungsverteiler. Wird man allerdings von dort verjagt, so steht man alleine da und hat vielleicht verlernt zu überleben, wenn man ganz auf sich alleine gestellt ist.

 

 

Hessenwahl:

Die ersten Hochrechnungen sind da. Keine wirkliche Überraschung. CDU und SPD verlieren, Grüne und AfD gewinnen. Mit dieser Wahl aber ist die AfD jetzt bundesweit in den Landesparlamenten vertreten und kann nun in der gesamten Republik ihre Unfähigkeit in Bezug auf konstruktive Politikarbeit unter Beweis stellen. Was ihre Anhänger allerdings nicht stören wird, geht es ihnen ja nicht um Teilhabe am demokratischen Prozess, sondern lediglich um eine Projektionsfläche für ihre Wut , die sie selbst gar nicht begründen können (wirtschaftlich stehen die meisten ja recht gut da) und deswegen auf den Fremden, den Migranten, den Moslem, den Schwulen oder sonstwelche Randgruppenbewohner zurückgreifen müssen, damit ihre schlechte Laune etwas hat, auf dem sie dauerhaft Platz nehmen kann.

Die Prognose, dass die SPD, wenn sie es jetzt nicht kapiert, den Zug wohl endgültig hat davonfahren lassen, ist ziemlich ungewagt. Bei Vermutungen, wie lange Angela Merkel noch Kanzlerin sein wird, muss man sich da schon etwas weiter aus dem Fenster lehnen. Man wird aber, so denke ich, nicht hinausfallen, prognostiziert man das Ende ihre Kanzlerschaft im kommenden Jahr.

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