IST 8 | Yaşa!

Lu. ist betrunken. Eigentlich sind wir das alle, die sich auf in die Stadt machen, mal mit Zigarette im Mundwinkel, mal mit Wegbier in der Hand. Aber Lu. ist es, der die Stimme erhebt. Der seine Faust in den dunstigen Himmel streckt und singt: „Yaşa, Mustafa Kemal Paşa, yaşa!“ – Lang lebe Atatürk. Er singt es mit einer Inbrunst, die zugleich ironisch und ernst klingt. Nicht übersteuert, wie aus den Lautsprechern der Hayır-Wägen. Nicht als Stimme eines Chors, wie in Youtube-Videos. Er brüllt es in die engen Gassen, als sei es das Wichtigste, was es momentan zu sagen gäbe. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite jauchzt eine Gruppe junger Frauen auf. Jubelt. Und während Lu. seinen Gesang unterbricht, um sich eine Zigarette anzuzünden, tragen sie ihn weiter, diesen Satz, fünf helle, alkoholinduzierte Echos, die sich am Rande des Hügels verlieren. Wohin sie gehen, weiß man nie. Vielleicht in einen Club. Vielleicht nach Hause. Oder in ein Wahllokal.


Wir zumindest gehen ins Gizli Bahçe, wie eigentlich immer. Weil der Türsteher uns kennt, weil es ein „schwulenfreundlicher Club“ ist, weil es keinen Eintritt kostet und das Bier billig ist. Wegen der Musik natürlich auch. Man geht die Nevizade herab, wo die Kneipen sich so eng aneinanderdrängen wie die Menschen darin. Man versucht, zielstrebig zu laufen, damit die Bouncer nicht nerven. Man wartet, bis Lu. oder Sa. den Türsteher vom Gizli begrüßt haben. Dann erst drückt man die Doppelschwingtür auf, läuft zwei Stockwerke hoch und bestellt sich ein Bier. Manchmal geht man auch direkt auf die Raucherterrasse. Nicht unbedingt, weil man rauchen will, sondern um Leute kennenzulernen. Vielleicht einen Gesprächspartner, vielleicht jemanden, an dem man sich festhalten kann, um nicht abzurutschen, um sich nicht zu verlieren in diesem Beat, der so viel bestimmender als der eigene Herzschlag erscheint. Und vielleicht erkennt man sogar einige bekannte Gesichter wieder. Bis es keine Worte mehr zu verlieren gibt, nur noch Schritte auf dem Dancefloor. Schritte zur Bar. Zur Toilette. Zum Raucherbereich. Und wieder von vorn, immer im Kreis, bis man sich umblickt und auf der mittlerweile versiegten Nevizade steht. Die Istiklal entlang zu dem Straßenmusiker, wo es Kaffee und Liedwünsche für jeweils 1TL gibt. Kum gibi – Wie Sand – singt er immer, während wir auf dem Boden sitzen, letzte Zigaretten rauchen und über alles reden, außer Politik; politische Themen duldet der Sänger nicht. Ob er weiß, dass es bereits politisch ist, ein kurdisches Lied auf offener Straße zu singen, einen Tag vor dem Referendum? Wären wir tatsächlich ins Gizli gegangen, hätte ich ihn das vielleicht gefragt. Sind wir aber nicht. Wir sitzen auf der Dachterrasse und gehen nicht raus. Und nicht mal das stimmt ganz, weil ich nur darüber berichte, längst wieder zurück in Deutschland.
Und in Deutschland ist es still. Angestellte, die mit Rollwägen durch ICEs schleichen und sanft „Käffchen jemand?“ murmeln. Taxis, die nicht hupen. Die Häuser haben Platz für einen Vorgarten oder einen Hinterhof. Und alles, was man sieht, ist erahnbar. Fast langweilig. Muster, die sich wiederholen, bis ins Unendliche fort. Dann: durch die Straßen der Heidelberger Weststadt laufen und vor einem Zigarettenautomaten, vom Regen gewellt, einen Zettel am Boden liegen sehen. Darauf steht: Hayır. Nicht jedes Echo verliert sich.

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